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Vom Vampyr zum Positronenhirn. Alte phantastische Literatur im Verbrauchertest: Teil 1: Oswald Lewett – Papilio Mariposa (1935)

Vom Vampyr zum Positronenhirn. Alte phantastische Literatur im VerbrauchertestTeil 1:
Oswald Lewett – Papilio Mariposa
(1935)

In einigen alten amerikanischen Filmmusicals sieht man einen coolen Meisterpianisten mit Zigarettenstummel im Mundwinkel Grooviges klimpern. Das ist der legendäre Oscar Levant. Er war wesentlich berühmter als der Verfasser dieses sonderbaren Romans. Oswald Levett – das könnte fast ein Pseudonym Levants sein. - Ist es aber nicht.


Oswald Lewett – Papilio Mariposa (1935)Über Oswald Levett (Schreibweise in der Literatur manchmal auch Lewett; eigentlich Oswald Loewitt) ist wenig bekannt. Der österreichisch-jüdische Autor wurde 1908 geboren und studierte Jura; bezeichnenderweise ist auch der Ich-Erzähler im hier besprochenen Roman Rechtsanwalt. Vermutlich war er mit Leo Perutz (1882-1957) befreundet, der, nebenbei bemerkt, auch einige sehr merkwürdige Romane hinterlassen hat, die sich nur schwer einem Genre zuordnen lassen, etwa den schizophren-psychodelischen „Sankt-Perti-Schnee" (1933). Mindestens ein Buch haben beide zusammen verfasst. Levett ist in die Literatur-Historie eingegangen mit zwei phantastischen Romanen, einer mehr dem SF- der andre eher dem Horror-Genre zugehörig - „Verirrt in den Zeiten“ und eben „Papilio Mariposa“. Letzterer geht einem noch länger nach, obwohl er sooo gruslig gar nicht ist. Aber manche Bilder sind wunderbar eindringlich geschildert.

Es beginnt schon mal furios mit einer Szene, wie sie jeder Hollywood-B-Movie-Drehbuchautor nicht besser verfaßt haben könnte. Touristen auf dem Markusplatz in Venedig bestaunen den geflügelten Löwen. Und da gegenüber – gleich noch so ein Vieh! Gabs schon immer zwei? Seltsam – der zweite geflügelte Löwe spreizt plötzlich die Flügel – und stürzt sich auf die Menge! Panik. Schnitt. Erst jetzt beginnt Levett die Geschichte gemütlich von vorne aufzurollen. Schöner moderner Teaser!

Der Roman mutet an wie eine Kreuzung aus Stevensons Jekyll & Hyde und Hugos Notre Dame. Ein Jude mit Buckel und starken Minderwertigkeitskomplexen, vom Ich-Erzähler einmal aus höchster Not im 1. Weltkrieg gerettet, verliebt sich in die Freundin des Ich-Erzählers, die natürlich blond, germanisch und wunderschön ist. Der Bucklige wird von ihr ausgelacht. Verletzt und von fanatischem Forscherdrang getrieben, baut sich Naftali Margaschenes in einem abgelegenen Landhaus ein Geheimlabor auf, um dort – man weiß zunächst nicht was – zu züchten. Irgendwann wird’s klar – er züchtet (neben andren Monstern) nicht nur gigantische Schmetterlinge, er metamorphosiert bald selbst zu einem. Der Titel dürfte ja schon für kundige Fremdsprachler ein Spoiler sein: Papilio heißt – Schmetterling (latein), und Mariposa heißt -Schmetterling (spanisch).

Nun glaubt der Ich-Erzähler zunächst nicht ganz zu Unrecht, ihm werde das Schmetterlingsmonster nichts tun, das irgendwann seine Freundin raubt - und tötet. Bald zeigt sich, spätestens beim Show-down, dass es nur noch aus animalischen Instinkten heraus handelt und sehr wohl auch dem Helden kreuzgefährlich werden kann. Beinahe muss auch der fiktive Autor dran glauben, bevor – King Kong läßt grüßen –  das Monster in einer wunderbaren finalen Flugzeug-Luftschlacht besiegt ins Meer trudelt.

In vielem folgt der Roman den trivialen Klischees der Epoche. Und doch liegt unter dem Text noch ein beklemmender Subtext, der das Buch heraushebt.

Man kann den Plot auch als verzweifeltes Resümee eines jüdischen Schriftstellers lesen, der auf die schrecklichen Erniedrigungen in Deutschland der frühen Dreißiger reagiert. (Bis zur Progromnacht 1938 dauerts noch drei Jahre). Der entstellte Ausgestoßene, der davon träumt, einst als schöner Riesenschmetterling wiederaufzuerstehen – um dann doch zu scheitern – wie viele (im wahrsten Sinne des Wortes) hochfliegende Wünsche, narzistische Kränkungen und Selbstzweifel schwingen da mit! Tragisches Schicksal – auch Levett entging den Vernichtungslagern nicht, der echte Horror überholte locker die Visionen des schriftstellernden Propheten. Am Ende stand kein heroischer Luftkampf.

Aber auch noch anderes macht den Roman lesenswert. Zum Beispiel könnte sich Levett als einer der ersten Autoren erweisen, die das Zombie-Motiv in die Literatur eingeführt haben. Interessanterweise verfügt der Monster-Schmetterling nämlich über die Fähigkeit, mittels abgestrahlter Pheromone Frauen in Zombies zu verwandeln, die ihm dann willenlos folgen – und ihn aus hunderten Kilometern Entfernung in seiner Brutstätte aufsuchen. Wunderbar eindringlich ist das geschildert:

Es waren lauter Frauen, etwa ein halbes Hundert. Sie gingen nicht in regelrechter Ordnung dahin, sondern gruppenweise, zerstreut; wie wenn sie gar nichts miteinander zu tun hätten. Und doch gehörten sie zusammen, man sah es auf den ersten Blick. Bald blieben sie stehen, wie wartend, blickten nach den Baumwipfeln, spähten nach den Bergen, bald lagerten sie; dann ging es gar ein ganzes Stück zurück. Planlos und doch von einem gebieterischen Wunsche vorwärts getrieben. Wenn man sie näher beobachtete, schien es, als ob eine von der anderen kaum Notiz nähme, sie neben sich nur widerwillig dulde. Und doch waren sie beisammen, strebten sichtlich alle nach demselben Ziel. Und wie buntscheckig dieser Zug zusammengesetzt war: von der drallen Bauerndirne mit dem Kopftuch und den plumpen Stiefeln bis zur feingliedrigen, eleganten Dame. Doch ob Dame oder Dirne, der Ausdruck ihrer Züge war der gleiche: lauschend in sich gekehrt, voll ekstatischer Erwartung. Noch nie im Leben sah ich solch eine sonderbare Versammlung. Es schien wie eine wandernde Irrenanstalt(...)

Klar, der Roman hat auch Elemente, die heute eher sperrig wirken. So schreibt Margaschenes einen langen Selbstreflexionstext über seine Liebe zur schönen Freundin des Ich-Erzählers, der ein bisschen wie ein Fremdkörper wirkt und sich in dem kleinen Roman allzusehr breitmacht. Dem heutigen Leser mögen manche Handlungsfäden auch zu rasch oder zu unbefriedigend zusammengeführt oder aufgelöst werden. Immer wieder wird man aber durch wirklich sprachschöne Grusel-Effekte belohnt. So schildert Levett das erste Auftauchen des Schmetterlings nachts am Fenster des Landhauses, während er die Verlobung mit seiner Freundin feiert:

Da, von einem Wipfel, hundert Schritt von uns, da löst sich etwas los. Erst scheint's wie eine weiße Flagge, die hochgezogen wird. Aber nein, jetzt tritt es aus dem Schatten in das volle Licht des Mondes, jetzt sehe ich es deutlich. Es fliegt, Schwingen hat es, mächtige Flügel, Schmetterlingsflügel. Ein riesenhafter Schmetterling, ein Schmetterling von der Größe eines Menschen und mit Schwingen von der Spannweite eines Kondors. Silberweiß sind sie und leuchten herrlich im Mondlicht. Wenn er sich im Fluge wendet, sieht man die untere Flügeldecke: wie Perlmutter schillert sie in allen Regenbogenfarben. Hoch, turmhoch schwingt er sich empor mit ein paar mächtigen Flügelschlägen und kreist ruhig in den Lüften, immer über dem Garten, als ob er hier nach etwas spähe. Jetzt läßt er sich im Gleitflug nieder; jetzt kann ich seinen Rumpf erkennen. Trügen mich meine Augen, trübt mir der Schreck den Blick? Nein; es mag ein Wunder sein, doch eine Sinnestäuschung ist es nicht: Zwischen den Schmetterlingsflügeln ruht der Körper eines Menschen, statuenhaft schön, wie aus Marmor gemeißelt und wie Marmor so weiß. Nur das Haupt ist in den sausenden Wendungen des Fluges nicht deutlich wahrzunehmen. Pfeilschnell schießt er nieder, gerade auf uns zu. Nun kann ich seine Augen sehen, wie sie im Dunkel flammend leuchten. Vogelaugen, Raubtieraugen, Zyklopenaugen. Nein, das ist mehr, als eines Menschen Blick ertragen kann...

Testergebnis:  Immer noch gut lesbar – wenn man einige sehr selbstreferenzielle Passagen querliest – aber selbst die könnten manchen Nostalgiker und historisch Interessierten auch heute noch fesseln.

In Buchform ist der Roman wohl 1989 im Verlag Das Neue Berlin zuletzt aufgelegt worden. Eine Online-Textfassung befindet sich in der Edition Gutenberg.

Nächste Folge: Rolf Gardener: Sternenpest (1958) (Leihbuch, Luro-Verlag)

Vom Vampyr zum Positronenhirn. Alte phantastische Literatur im VerbrauchertestDie  Artikel
Teil 01: Oswald Lewett – Papilio Mariposa (1935)
Teil 02: Rolf Gardener – Sternenpest (1958)
Teil 03: Arthur Conan Doyle – Geschichten am Kamin (1908)
Teil 04: F.G. Wilkins: Der grüne Regen (Leihbuch, 1959)
Teil 05: H. G. Wells Die Zeitmaschine (1895)
Teil 06: Friedrich Wilhelm Mader – Wunderwelten (1908)
Teil 07: Frank Belknap Long: Das Grauen in den Bergen (1931-35)
Teil 08: Hugh Walpole: Die Burg von Otranto (1764)
Teil 09: Georgi Martynow - Das Erbe der Phaetonen (1957/59)
Teil 10: diverse (unbekannte) Autoren - Der Luftpirat (ca. 1908 - 1910)
Teil 11: Jules Verne: 20000 Meilen unter den Meeren (1869-70)
Teil 12: Traute Mahn: Der Unheimliche vom Todesschloß (Gespenster-Krimi 2) (1973)
Teil 13:
Ray Bradbury – Der illustrierte Mann (1951)
Teil 14:
Curt Siodmak – Donovans Gehirn (1942)
Teil 15:
Joseph Sheridan Le Fanu: Carmilla (1873)
Teil 16:
Friedrich de la Motte Fouqué: Undine (1811)
Teil 17:
Clark Ashton Smith: Die phantastischen Erzählungen (1926-35)
Teil 18:
Carlo Goldoni: Die Welt auf dem Monde (1750)
Teil 19:
Henry Rider Haggard: Sie (1887)
Teil 20:
Robert J. Hogan: Die Fledermaus-Staffel (1933)
Teil 21:
Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf 1887 (1888)
Teil 22:
Camille Flammarion: Die Mehrheit bewohnter Welten (1862)
Teil 23: Giambattista Basile: Das Märchen aller Märchen (1634)
Teil 24: Rick Masters - Die Anfänge (1974)
Teil 25:
Karl May - Das Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde (1882-84)
Teil 26:
Pierre Boulle - Planet der Affen (1963)
Teil 27: William Wymark Jacobs: Die Affenpfote (1902)
Teil 28:
Stanislav Lem - Solaris (1961) (08. Februar)
Teil 29:
Arthur Conan Doyle: Der Hund von Baskerville (1902) (22. Februar)
Teil 30:
Friedrich Gotthelf Baumgärtner (Hg.) - Museum des Wundervollen (1803-12)
Teil 31: Ann Radcliffe - Die nächtliche Erscheinung im Schlosse Mazzini (1790)
Teil 32:
Robert Kraft - Loke Klingsor, der Mann mit den Teufelsaugen (1914-16)
Teil 33:
Larry Brents Ahnen - Geisterjäger-Serien vor Dan Shocker
Teil 34:
Abraham Merritt: Die Puppen der Madame Mandalipp (1932)
Teil 35:
Paul W. Fairman: Der Mann, der im Nichts steckenblieb (1951)
Teil 36: David H. Keller – Horror-Storys (1928-53)
Teil 37: Ethel Lina White – Eine Dame verschwindet (1936)
Teil 38: E. T. A. Hoffmann – Meister Floh (1822)
Teil 39: Edgar Rice Burroughs – Tarzan bei den Affen (1912)
Teil 40:
Roald Dahl - James und der Riesenpfirsich (1961)
Teil 41:
Isaac Asimov - Ich, der Roboter (1950)
Teil 42:
Meredith Nicolson - Das Haus der 1000 Kerzen (1906)
Teil 43:
Reginald Scott & Norvell Page The Spider - Wie alles begann. Hefte 1-4 (1933/34)
Teil 44:
Wiliam Hope Hodgeson - Carnacki, der Geisterfinder (1913)
Teil 45:
Jaques Offenbach - Ritter Blaubart (1866)
Teil 46:
Lewis Carroll: Alice im Wunderland (1865) (09. Januar)
Teil 47:
Winston Marks – Die Test-Kolonie (SF Stories von 1953 - 58) (23. Januar)
Teil 48:
Arthur B. Reeve: Die stumme Kugel (1910) (06. Februar)
Teil 49 
Herbert Benson: Raumpatrolie E6 kriegt ihren Mann (1938 (20. Februar)

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