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Vom Vampyr zum Positronenhirn. Alte phantastische Literatur im Verbrauchertest: Teil 45: Jaques Offenbach - Ritter Blaubart (1866)

Vom Vampyr zum Positronenhirn. Alte phantastische Literatur im VerbrauchertestTeil 45:
Jaques Offenbach - Ritter Blaubart
(1866)

Die mittelalterliche Legende vom blutrünstigen Frauenmörder mit dem farbigen Bart wurde mehrmals für die Opernbühne bearbeitet. Auch von echten Genies wie Gretry und Bartok.

Doch die schönste gesungene Bühnenversion des Schauerstoffs stammt wohl von Jacques Offenbach, dem Erfinder der Operette


Jaques OffenbachI
Phantastische Stoffe boomten auf der Opernbühne nach 1820. Von den großen Opernländern waren es vor allem Frankreich und Deutschland, die sich der Welt des Unheimlichen und des Grotesken annahmen. Das hatte unterschiedliche Gründe. In Deutschland war es vor allem der Triumph von Webers Freischütz, dessen Stoff direkt aus Apel und Launs Horror-Anthologie „Das Gespensterbuch“ entnommen war. Die musikalische Romantik setzte nun im Fahrwasser von Webers Sensationserfolg voll auf Düsteres – und es entstand eine regelrechte Schaueropern-Mode, die 1828 einen Höhepunkt mit Heinrich Marschners Oper „Der Vampyr“ erreichte.

In Frankreich war man weniger romantisch gestimmt, im modernen Paris verfügte man aber über eine so perfekte Bühnentechnik, dass die Versuchung groß war, Phantastisches zu produzieren. Etwa die wohl erste echte Sfi-Fi-Oper, Aubers „Bronzepferd“ von 1836. („Bronzepferd“ heißt ein Raumschiff, das zur Venus fliegt).   

Doch kaum ein anderer Komponist hat so erstaunliche und vielschichtige Phantastik-Opern geschrieben wie Jacques Offenbach, eigentlich ein Kölner, der aber als Teeenager nach Paris kam und dort sehr langsam aber unaufhaltsam zum komponierenden Medienstar aufstieg.

Offenbachs Reihe wunderschöner Phantastik-Operetten und -Opern beginnt 1858 mit „Die in eine Frau verwandelte Katze“. Bald folgen Werke mit Märchenmotiven, Die Rheinnixen“ etwa oder Genoveva. Zweimal vertont er Stoffe von E.T.A. Hoffmann (König Mohrrübe, Hoffmanns Erzählungen), zweimal Romane von Jules Verne (Die Reise zum Mond, Doktor Ox).

Diese musikalischen Bühnenfassungen waren alles andre als düster oder ernsthaft. Meist waren es parodistische, absurde, völlig überdrehte Werke. Aber das bedeute nicht, dass Offenbach hier keine Abgründe aufriß. Oft spürt man in der sich abspulenden Hast seiner Stücke ein hysterisches Überspielen einer getriebenen Angst. Durch die Noten klingt ein Unbehagen, das ihn lebenslang begleitete. Am Ende seines Lebens, in „Hoffmanns Erzählungen“, nimmt es überhand und verdrängt die Fröhlichkeit fast vollständig, oder vielmehr: läßt die Fröhlichkeit zur Karikatur werden.

Doch ein ebenso zentrales Werk – ein Werk, das sich intensiv mit dem Tod und der Angst auseinandersetzt, ist sein „Ritter Blaubart“ (original: Barbe bleue, Premiere 12. April 1866, Pariser Theatre des Variétés).

Ritter BlaubartII
Ritter Blaubart – das ist die Urlegende, das Urmuster jenes in Horror- und Thrillerliteratur so beliebten Serienmord-Motivs. Als Charles Perrault 1697 das Märchen vom Adligen, der seine Frauen nacheinander umbringt, aufschrieb, war die Legende schon lange bekannt, sie stammt aus den französischen Mittelalter. Die Grimms übernahmen sie zunächst in ihre Märchensammlung, strichen sie dann später aber wieder in einem seltsamen Anfall von Nationalismus als zu französisch gefärbt. Ein wichtiges Motiv im Blaubart- Märchen ist die verschlossene Tür. Blaubart sagt seiner letzten Frau, sie dürfe das ganze Schloss besichtigen, ausgenommen ein Zimmer, das immer verschlossen bleiben muß. In diesem Zimmer liegen die Kadaver der früheren Frauen. Natürlich siegt die Neugier, und da Blaubarts Frau beim Betreten des Zimmers nun von den Verbrechen ihres Mannes weiß, muß auch sie sterben...

Die Grimms waren nicht die einzigen deutschen Romantiker, die der Stoff fasznierte. Auch Ludwig Tieck bearbeitete ihn. Gleich zweimal. Sein Kurzroman „Die sieben Weiber des Blaubart“ (1797) gilt heute als erster Serienkiller-Roman der deutschen Literatur. Außerdem gibt’s ein sehr lustiges Drama von Tieck zum Blaubart Stoff.

Wer weiß, vielleicht kannte Offenbach aus Kindertagen diese Versionen. Die Spekulation ist müßig, weil er die Texte seiner Werke nicht selbst schrieb, wenn er auch großen Einfluß auf das Endergebnis hatte. Zu seiner Blaubart-Oper verfassten seine Lieblings-Star-Librettisten Meilhac & Halevy das Textbuch. Es gehört zu ihren besten.

Und das will etwas heißen – denn die beiden waren auch sonst sehr gut! Sie gehören zu den genialsten Operntextern aller Zeiten. Ihre bekannteste Arbeit ist der Text zu Bizets Carmen.

Offenbachs Blaubart-Parodie greift wenig von den Späßen auf, die frühere Dramatisierungen zu bieten hatten. Tieck etwa thematisiert den Bart selbst – seine ungewöhnlich blaue Färbung ist dem Ritter peinlich, und niemand darf mit ihm darüber sprechen.

Bei Offenbach wird der Bart als gegeben hingenommen – sein Blaubart hat keinerlei Minderwertigkeitskomplexe. Im Gegenteil.

Ritter BlaubartAuch das Türmotiv spielt bei ihm keine Rolle.

Das Blaubart-Herzogtum grenzt an ein düsteres Phantasie-Land, in dem der Tyrann Boubeche herrscht. Eigentlich sind beide Herrscher geistig sehr verwandt – Blaubart läßt seine Frauen regelmäßig von seinem schmierigen Hofastrologen Popolani töten und im Schloßkeller vergraben. Boubeche läßt in rasender Eifersucht ständig Höflinge hinrichten, weil er glaubt, sie schliefen mit der Königin.

Doch die nachbarschaftlichen Beziehungen sind bestenfalls labil. Eigentlich möchte Boubeche den durchgeknallten Ritter ebenfalls hinrichten lassen und dessen Reich einkassieren, doch Blaubart hat die größere Armee. Deswegen herrscht angespannter Waffenstillstand, und Blaubart präsentiert am Hofe dem König seine neue Eroberung – das Dorfmädchen Boulotte, das er grade geheiratet hat. Doch auf dem Fest des Königs erblickt Blaubart die wunderschöne Prinzessin Fleurette – und beschließt sofort, sich seiner frisch angetrauten Ehehälfte zu entledigen und statt dessen Fleurette zu heiraten.

Zurück auf dem Schloß verkündet er Boulotte, dass sie sterben muß. Sie fleht um ihr Leben, doch Blaubart kennt keine Gnade. Er bringt sie in den Keller zu Popolani und befiehlt ihm, sie umzubringen.

Doch hier stellt sich heraus, dass der Schwerenöter Popolani keine der früheren Frauen umgebracht hat! Er hat sie mit einem Narkotikum betäubt, und später mit einer komplizierten elektrischen Apparatur (Damals wohl der letzte Schrei, was SF-Innovationen betraf) wiederbelebt. Auch Boulotte macht diese Prozedur durch. Alle sechs Frauen beschließen, an Blaubart Rache zu nehmen.

Der ist inzwischen zurück am Köngishof und bahnt sein Verhältnis mit Prinzessin Fleurette an. Zunächst erstmal dadurch, indem er ihren Verlobten zum Duell fordert und ersticht.

Die ankommendenden Frauen Blaubarts treffen in einem Versteck auf ebenfalls verborgene Herren: auch der Minister der Königs hat es nicht fertiggebracht, die befohlenen Morde an den Höflingen durchzuführen und hat sie bei Freunden untergebracht. Gemeinsam stürmen sie das Schloß und verhindern im letzten Moment die Heirat zwischen Blaubart und Prinzessin Fleurette. Die Strafe für ihn ist nicht der Tod, sondern – dass er nun mit der angetrauten 5. Frau, Boulotte zusammenbleiben muß – es ist absehbar, dass das forsche Bauernmädchen ihn vermutlich bald in den Wahnsinn treiben wird. Als sich herausstellt, dass Fleurettes Verlobter nur leicht verwundet wurde und bloß ohnmächtig war, sind alle außer dem König und Blaubart ziemlich glücklich.

Ritter BlaubartIII
Ein amüsanter Stoff, den Offenbach mit unzähligen grandiosen musikalischen Einfällen versieht.

Blaubarts erster Auftritt etwa zeigt ihn umgeben von einer Entourage seiner ebenso schurkischen Leibwache. In einem herben, an Verdi erinnernden A-Moll-Rezitativ beklagt er nicht etwa seine verstorbenen Frauen, sondern sich selbst als leidenden Witwer. Und plötzlich springt das düstere a-moll in strahlendes A-Dur um, und Blaubart singt blendend gelaunt zu einer zündenden Operettenmelodie:

Meine Erste ist entschlafen,
der Teufel soll mich strafen,
wenn ich je gewußt warum!

Die Leibgarde sekundiert dumpf: Wenn er je gewußt warum.

Blaubart fährt fort:

Als den Tod der zweiten, dritten
Und der vierten ich erlitten,
bracht' der Schmerz

Leibgarde: …bracht' der Schmerz...

Blaubart: Bracht' der Schmerz mich beinah um!

Ritter BlaubartEine Szene von fast Monty-Pythonhafter Komik – und  doch grollt im Refrain etwas Tödliches, Bedrohliches, Gefährliches...

Natürlich könnte man dies alles für eine krude Parodie auf die üblichen Schauerstoffe der Opernbühne halten. Und warum auch nicht? Hatte Offenbach doch bereits  die Griechen-Mode und den Antik-Wahn in „Orpheus in der Unterwelt“ und der „Schönen Helena“ verulkt.

Und ja -  der ganze Mord-Wahn wird dadurch entwertet, dass am Ende in seinem Werk alle, aber alle wieder lebendig sind. Aber ist nicht grade das ein echter Fehdehandschuh, der den üblichen Horror-Plots hingeworfen wird?

Diese Versöhnlichkeit ist ohnehin nur oberflächlich – der groteske Spaß wirkt wie ein Fiebertraum, der von zuweilen sehr beunruhigenden Schrecknissen des Unbewußten aufgerührt wird.

Die zentrale Szene für mich ist das große Duett zwischen Boulotte und Blaubart. Hier, in dem Moment, als Blaubart Poulotte sagt, dass sie sterben muß, ereignet sich etwas Bedeutendes -es ist einer der großen neuralgischen Punkte im Musikdrama des 19. Jahrhunderts, oft übersehen im Wagner-Wahn und Verdi-Taumel. Baubart wird zum Tod selbst, zum Schnitter. Beängstigend, wie die Musik zunächst noch versucht, diese Bedrohung zu kaschieren. Boulotte antwortet dem Tod mutig mit einer kleinen gesungenen Polka franciase, doch hauch die versandet, und es bleibt in der Musik nur das nackte Grauen, während sich draußen ein Gewittersturm entlädt. Das Sonderbare an dieser fahlen Szene ist, dass das melodische Material auch eine flotte Oprettenszene hergäbe, aber so gewendet wird, dass alles alptraumhaft verzerrt klingt. Boulotte fleht in seltsam humpelnden Rhythmen um ihr Leben, Blaubart antwortet mit  einem angeschimmelten, nach Verwesung duftenden Walzerthema.  Ein furioser Moment, in dem man als Zuhörer sich wirklich fürchtet. Grade weil Offenbach diese Momente so sparsam einsetzt in seinem Gesamtwerk, wirken sie umso frappierender.

Ritter BlaubartIV
Obwohl Offenbachs „Barbe bleue“ ein Riesenerfolg bei der Premiere in Paris war, hat sich das makabre Werk nie langfristig im internationalen Repertoire durchgesetzt. Die These des Offenbach-Experten Otto Schneidereid, dass diese Oper für den Massengeschmack einfach zu morbid war, dürfte zutreffen. (Es präsentiert Blaubarts Hang zum sexuellen Sadismus und Popolanis latente Nekrophilie  ja auch wirklich ziemlich dreist und sinnenfreudig).

Die Zuschauer der 1860er Jahre waren durchaus bereit, sich auf das Spiel mit den Tabus einzulassen.  Bis in die späten 1870er Jahre hinein war Ritter Blaubart ein internationaler Kassenschlager – man spielte das Werk nicht nur in Paris, Berlin und Wien, sondern auch in New York, Rußland und in Skandinavien. Mit den einsetzenden restriktiveren Moralvorstellungen der viktorianischen Ära verschwand es nach und nach wieder.    

Im 20. Jahrhundert war es vor allem die Berliner Bearbeitung von Walter Felsenstein, die dem Werk  zu neuen Ruhm verhalf. Etwa 400 Vorstellungen waren in den 60er bis 90er Jahren an der Komischen Oper zu erleben. Diese Produktion kam auch auf die CD und ging international auf Tour. Sie war sogar in Tokio zu sehen.

Ritter BlaubartJetzt bekommt das Werk anscheinend neuen Auftrieb. 2013 gabs eine viel beachtete Aufführung in Graz (Dirigent: Nicolaus Harnoncourt), und in diesem Jahr kam die deutsche Fassung gleich in zwei Städten heraus: In Plauen und in Cottbus. Hoffentlich bleibt das Interesse wach - denn diese Oper gehört zu den ganz großen Offenbach-Meisterwerken.

PS: Dank an dieser Stelle für die Erlaubnis des Staatstheaters Cottbus, die Szenenbilder von Marlies Kross verwenden zu dürfen.

Wer eine ausführlichere Kritik dieser Aufführung von mir lesen will, findet sie hier.
 
Ich habe hier bewußt auch die Etikettierung „Operette“ verzichtet. Offenbach hat seine Werke nie so bezeichnet. Blaubart ist laut Libretto eine „Opéra bouffe“, ein von Offenbach speziell erfundener Gattungsname für seine Werke.

Nächste Folge:
Lewis Carroll: Alice im Wunderland (1865) (09. Januar 2017)
Winston Marks – Die Test-Kolonie. SF-Stories (1953-58) (23. Januar 2017)
Arthur B. Reeve: Die stumme Kugel (1910) (06. Februar 2017)

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Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-12-12 09:39
Interessant. Ich dachte immer , dass für den "Blaubart" Englands Tudorkönig Heinrich Pate gestanden hätte, weil der zwei seiner fünf Frauen hinrichten ließ. So eine Art Volksgeschichte.
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#2 AARN MUNRO 2016-12-12 10:01
...dachte ich auch...der berüchtigte Henry VIII...soll es gewesen sein...
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#3 Toni 2016-12-13 17:04
Ein sehr schöner und interessanter Artikel.
Als alter "Erkennen sie die Melodie" Fan kann ich mich noch an den Namen Jaques Offenbach erinnern. Danke für die Auffrischung.
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