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Sankt Petri-Schnee - Im Drogenrausch

Sankt Petri-Schnee

Im Drogenrausch

 

Der insbesondere mit der exzentrischen Kriminalfigur Kottan bekannt gewordene österreichische Filmemacher Peter Patzak hat 1990 einen Roman von Leo Perutz verfilmt, der als ein Schlüsselwerk der Rätselromane gilt. Der in Koproduktion des österreichischen, deutschen und Schweizer Fernsehens entstandene „Sankt Petri-Schnee“ ist bei Pidax ab 5. Februar erstmals auf DVD erhältlich.

Die von 1976 bis 1983 von Peter Patzak inszenierten neunzehn Folgen der schrägen Krimiserie „Kottan ermittelt“ mit wechselnden Hauptdarstellern (zunächst Peter Vogel, später Franz Buchrieser und Lukas Resetarits) sind längst eine der großen österreichischen Kultserien, ihren ungewöhnlichen und grotesken Humor muss man allerdings mögen, um damit zurechtzukommen. Ähnlich verhält es sich auch mit Patzaks Leo-Perutz-Verfilmung „Sankt Petri-Schnee“, die zwar fast vollkommen humorlos daherkommt, in ihrer seltsamen und lange Zeit kaum durchschaubaren Handlung aber ebenfalls ein aufgeschlossenes Publikum benötigt. Für die Hauptrolle hatte Patzak auf den damaligen deutschsprachigen Superstar Werner Stocker (1955-1993) zurückgegriffen, der nach seinem Durchbruch in Michael Verhoevens historischem Drama „Die weiße Rose“ schnell in bedeutenden Hauptrollen besetzt wurde und gerne als bodenständiger Mann der Tat auf der Leinwand zu sehen war. Insbesondere in den volkstümlichen Joseph-Vilsmair-Filmen „Herbstmilch“ und „Rama dama“ konnte Stocker Akzente setzen und schließlich auch international Aufmerksamkeit erregen. Mit Peter Patzak hatte Stocker bereits 1990 am Kinofilm „Lex Minister“ zusammengearbeitet (in weiteren Rollen traten auch hier schon Iris Berben und William Berger auf), bevor sie kurz darauf „Sankt Petri-Schnee“ realisierten. Stocker wirkte daraufhin noch in einigen internationalen Produktionen mit (u.a. auch in fünf Episoden der Fernsehserie „Highlander“ mit Adrian Paul), bevor er am 27. Mai 1993 mit gerade einmal 38 Jahren an einem Gehirntumor verstarb.

Dr. Amberg (Werner Stock) ist selbst in ein Krankenhaus eingeliefert worden, wo er von Dr. Friebe (Christian Brückner) gründlich untersucht wird. Er soll von einem Auto angefahren worden sein, aber Amberg selbst erinnert sich an andere Dinge. In diesen Erinnerungen war er als Arzt auf das Landgut von Baron Malchin (Günter Mack) bestellt worden, der gemeinsam mit der Bakteriologin Bibiche (Iris Berben) Experimente an Getreide durchführen lässt. Der Baron ist ein Anhänger des Legitimismus und sehnt sich die von Gottesgnaden verliehene Monarchie zurück. Auch seinen eigenen unehelichen Sohn Federico (Lorenzo Flaherty) sieht er als künftigen Herrscher einer wiedererstarkten deutschen Monarchie. Um bei den gemeinen Menschen wieder die „ekstatischen Erschütterungen des Gottesglaubens“ auszulösen, möchte er sich die halluzinogenen Eigenschaften eines Getreideparasiten zunutze machen, der weltweit unter den verschiedensten Namen bekannt ist, u.a. auch als „Sankt Petri-Schnee“. Von Bibiche und seinem neuen Leibarzt Dr. Amberg erwartet der Baron, dass sie diese Droge an der Bevölkerung seines Landgutes testen. Sind dies alles reale Erinnerungen des Arztes oder handelt es sich dabei lediglich um die Fieberträume eines Schwerkranken?

Die rätselhafte Struktur von Leo Perutz‘ erstmals 1933 erschienenem Roman wurde von Peter Patzak sehr treffend in bewegte Bilde transferiert. Schon in den ersten Sequenzen verströmt sein Fernsehfilm eine kafkaeske, bedrohliche Stimmung, deren Wahrheitsgehalt nie hundertprozentig geklärt werden kann. Zu der seltsamen Atmosphäre tragen auch Peter Pongers Filmmusik und die minimalistische, mitunter theatral wirkende Ausstattung (obwohl viel im Freien und an ungewöhnlichen Orten gedreht wurde) bei. Auf die undurchsichtige Geschichte muss man sich freilich einlassen können, zumal der Film sehr dialoglastig ist und überaus komplexe Themen diskutiert werden. Dank exzellenter Darstellerleistungen (grandios ist vor allen Dingen Günter Mack) kommen Liebhaber dieser Art von Unterhaltung aber zweifellos auf ihre Kosten. Die DVD-Erstveröffentlichung präsentiert den Film in einem eher mäßigen, ziemlich grobkörnigen Bild (im Vollbildformat 1,33:1) und mit einem etwas dumpfen, mitunter auch etwas schwer verständlichen deutschen Originalton, der direkt am Set eingefangen wurde (in Dolby Digital 2.0). Bonusmaterial ist keines mit aufgespielt.

Kommentare  

#1 Larandil 2026-02-06 10:50
Es gibt noch einen weiteren Perutz-Roman, der 1989 für den ORF in Bilder umgesetzt wurde.
"Der Meister des Jüngsten Tages" präsentiert eine Geschichte um Künstler und solche, die es gerne wären und um den Peis der Inspiration - oder vielleicht auch nur ein phantastisches Konstrukt, mit dem sich ein Offizier vom Verdacht reinwaschen will, den Ehemann einer einst geliebten Frau in den Selbstmord getrieben zu haben?
www.youtube.com/watch?v=aKVBJItcWLw

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