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Vom Vampyr zum Positronenhirn. Alte phantastische Literatur im Verbrauchertest: Teil 42: Meredith Nicolson - Das Haus der 1000 Kerzen (1906)

Vom Vampyr zum Positronenhirn. Alte phantastische Literatur im VerbrauchertestTeil 42:
Meredith Nicholson - Das Haus der 1000 Kerzen
(1906)

Bestsellerlisten von Anno dunnemals sind ebenso faszinierend wie verwirrend. Das meiste ist längst vergessen. Und auch wenn die Titel spannend klingen – müssen wir das aufregend finden, was unsere Vorfahren millionenweise kauften? Meine Stichprobe jedenfalls war ein Volltreffer: „The House of a 1000 Candles“ (1906, Platz 4) erweist sich auch heute noch als ein Kracher.


Das Haus der 1000 KerzenI.
An dieser Stelle ein ebenso entschuldigendes wie erklärendes Wort sowie eine Frage an die fünf Leser der Kolumne. Ich habe es an anderer Stelle schon angedeutet, und mein letzter Text über englische Übersetzungshilfen untermauert es noch – ich gleite, mich staunend durchs englischsprachige Netz fräsend, in letzter Zeit doch immer mehr in die alte englisch-amerikanische Literatur ab; zum Teil entdecke ich da wunderbare bis exzentrische Werke, die gar nicht oder vor langer Zeit ins Deutsche übersetzt wurden. Eine Hauptquelle für mein Entzücken ist die bei Freunden des gehobenen trivialen Schmökerns hochbeliebte Sammlung des Australiers Roy Glashan, Freeread.com.au, der dort als ebook viele phantastische Texte (im doppelten Sinne) gesammelt hat, aber auch zahllose alte Krimis und Kurzgeschichtensammlungen. Und viele Serien!

Und natürlich ist da auch noch die immense digitale Bibliothek Gutenberg.org , das Flagschiff aller Gratis-ebook -Seiten mit über 50.000 Büchern. (Nicht verwandt oder verschwägert mit der einst umtriebigen, in letzter Zeit aber sehr verschnarchten deutschen Gutenberg-Seite, die auch selbst keine ebooks anbietet, sondern die freien Texte an amazon weiterverschachert, inzwischen skandalöserweise auch, wie im Falle von Hans Dominik, sogar für Geld!)

Und von hier, der amerikanischen Gutenberg-Seite, stammt auch die Entdeckung der heutigen Kolumne. Irgendwann wird diese Entdeckerlust sicher wieder etwas abflauen, dann wird es wieder etwas gemixter zugehen und das eine oder andre deutsche, russische oder franzöische Buch dabeisein. Da ich den kleinen, aber feinen Leserkreis aber nicht verprellen will – wen es massiv ärgert, hier gehäuft englische Werke vorgestellt zu bekommen, die es nicht oder nur antiquarisch auf deutsch gibt, der melde sich zornig! Dann werde ich mich etwas zügeln.

Das Haus der 1000 KerzenII.
Bei den Textmassen, die bei Gutenberg.org eingegangen sind (und täglich dazukommen) gab es von den Betreibern der Seite verschiedene originelle Ideen, das Material zu ordnen und zu klassifizieren. Dennoch fehlt es hier noch an sinnvollen Führern durch das Chaos der Bücher. Was ich immer als besonders schmerzhaft empfinde, ist das Fehlen der guten alten Waschzettel, die wir vom haptischen Buch her kennen, also das, was in zehn, fünfzehn Zeilen hintendrauf oder auf der ersten Seite innen steht. Mal abgesehen von dem üblichen Superlativ-Schmus, der fast jedes Buch lächerlicherweise inzwischen ziert („Ein Meisterwerk, das Sie nie vergessen werden!“), erfährt man da doch recht schnell, was einen ungefähr erwartet.

„The House of a thousand candles“ hat solch einen Waschzettel nicht. Der Titel suggieriert erst mal einen Gruselroman, es könnte aber auch ein Sachbuch über ein Schloß in Frankreich sein oder eine Reportage über eine Kerzenfabrik. Doch wer soll sich die Mühe machen, all die schönen alten Thriller und Erzählungen mit solchen kurzen Inhaltstexten zu versehen? Das wäre eine Lebensaufgabe, denn dafür müsste man eine Menge Zeug auf Verdacht hin lesen.
Aber es gibt etwas andres Hübsches bei Gutenberg - eine Liste der amerikanischen Bestseller 1895-1923.

Bis 1923 deswegen, weil nach amerikanischem Recht bis dahin alle(!) Werke lizenzfrei sind. Anders als bei uns spielt es bei Werken vor 1923 keine Rolle, wie lange die Autoren gelebt haben. So kommt es, dass nach deutschem Recht sich etwa Thomas Manns Buddenbrooks sich nicht in der Public domain befinden, in den USA schon.

Die Wahrscheinlichkeit, bald alle Bestseller der angegebenen Ära dort lesen zu können, ist also groß. Die meisten sind sowieso schon online, etwa 90 Prozent.

Das Haus der 1000 KerzenDie Lektüre der Liste ist äußerst faszinierend und eine unterhaltsame Studie in Soziologie. Was turnte die Amis in diesen fast 30 Jahren – literarisch extrem spannenden Jahren – an? Manches erkennen wir sofort wieder, es handelt sich um Longseller. Quo vadis stürmte 1897 die Charts,   der urbritische Hund von Baskerville landete 1902 auf Platz 7 der US-Bestsellerliste. Erstaunlich ist die Ähnlichkeit des Geschmacks um 1900 mit unserem heutigem – dominiert wird das Feld von Fantasy-und Historien-Schinken. 1895 etwa hält „Der Gefangene von Zenda“ die Leser in Atem, diese Mischung von Fantasy und Dumas' Mantel-und Degen-Roman sollte bald zur großen Erfolgsformel werden; man verlege die Intrigen der Dumas-Romane einfach in ein obskures Fantasy-Reich und fertig ist eine neue Modeströmung. Imitatoren des Werks folgten auf der Liste: Graustark (1901, Platz 9) und, unvermeidlich gestern wie heute, die beliebten Fantasy-Fortsetzungen: (Beverly of Graustark, 1904, Platz 6).

Mit vielen Büchern kann aber auch der versierteste Leser heute nichts mehr anfangen. Da zeigt es sich wieder, wie wichtig einladende Titel fürs Überleben oder die Wiederentdeckung sind. „The Broad Highway“ von Jeffrey Famol (Top-Nr.1 Bestseller 1911) spricht mich jedenfalls nicht so an wie „The sky pilot in No-Mans-Land“ von Ralph Connor (Platz 5, 1919). Natürlich, möglich ist, dass es sich beim breiten Highway im einen superspannenden Western handelt und beim Niemandsland-Piloten um ein stinklangweiliges Buch. Ich wurde jedenfalls von Fortuna geküsst, um es mal mit Metaphern jener Zeit auszudrücken, als ich mich für Meredith Nicholsons „The House of a 1000 Candles (1906, Platz 4) entschied. Ein Volltreffer.

Das Haus der 1000 KerzenIII.    
Der Ich-Erzähler ist eine reizvolle Mischung aus Mays Old Shatterhand und Whodehouses Berty Whooster, also: ein Abenteurer, der schwierige lebensgefährliche Situationen in den Dschungeln der Welt gemeistert hat, sich aber kaum um das schert, was zuhause passiert und ziemlich naiv und leichtlebig in häuslichen Dingen ist. Er hat sein ganzes Vermögen auf seinen Reisen aufgezehrt – als ihn der Tod seines geliebten exzentrischen Onkels zurück nach Amerika ruft. In seinem Testament hat ihm der Onkel seinen Landbesitz hinterlassen – unter der seltsamen Bedingung, dass der Neffe dort ein Jahr lang auf dem abgeschiedenen Gut haust, ohne es zu verlassen.

Kontrollieren soll das Ganze ein Widerling von Anwalt, wie ihn fieser ein David E. Kelley in seinen Fernsehserien nicht hätte schildern können.  Arthur Pickering verbirgt etwas vor Glenham. Will er ihm eine Falle stellen? Hat er sich die komische Klausel vielleicht selbst ausgedacht? Es passt gar nicht zum Onkel, ihm, dem Globetrotter solch merkwürdige Bedingungen zu stellen.

Da Glenham völlig abgebrannt ist, lässt er sich auf den Deal ein. Die Ankunft auf dem Gut in Indiana ist alles andere als ermunternd. Das Haus nur halbfertig – der Onkel starb mitten beim Bau.
Als Nachbarn gibts nur einen Geistlichen und eine Mädchenschule. Na toll. Und einen mürrischen, undurchsichtigen Butler, der andauernd von seinem alten Herrn schwärmt. Und kein Gas oder Strom – der alte Besitzer war ein Kerzenfan und beleuchtete sein Haus mit tausenden Kerzen.
Immerhin scheint es eine gutgefüllte Bibliothek zu geben. Doch wie sich herausstellt, beinhalten all die tausende Bände nur ein Thema: Architektur. Der Onkel war ein Nerd, der sich nur für dies eine Spezialthema interessierte!

Doch Langeweile will nicht aufkommen. Kaum angelangt, durchschlägt ein schweres Flintengeschoss die Scheibe und verfehlt Glenham nur um Haaresbreite. Merkwürdige nächtliche Klopfgeräusche lassen den neuen Besitzer nicht schlafen. Mehrmals ertappt er Einbrecher auf frischer Tat, mit denen er sich heftige Schußwechsel liefert. Bald fühlt sich Glenham genauso gefährdet wie auf seinen Dschungelreisen. Die Rätsel häufen sich. Weshalb taucht in seinen Parks immer wieder eine Schülerin aus dem naheglegen Pensionat auf mit fadenscheinigen Entschuldigungen, wie sie auf sein Grundstück gekommen ist? Warum hat sein Onkel das Anwesen von griechischen Arbeitern bauen lassen und keinen Einheimischen je auf sein Gut gelassen? Weshalb besucht Anwalt Pickering das Nachbardorf, ohne ihm einen Höflichkeitsbesuch zu machen?

Das Haus der 1000 KerzenEines Tages beim gelangweilten Durchstöbern der alten Architekturbücher macht Glenham eine erstaunliche Entdeckung. Aus dem Folianten fallen Skizzen, bei denen es sich nur um Entwürfe zum Grundstück handeln kann. Sie enthalten viel mehr eingezeichnete Türen und Gänge, als wirklich zu sehen sind. Eine dunkle Ahnung überkommt Glenham. Hat sein Onkel, der Architekturfreak, das Haus komplett mit Geheimgängen und Tunneln durchsetzt? Wo führen die hin? Sind die Einbrecher vielleicht auf etwas scharf, das sich in diesen geheimen Gängen und Räumen befindet?

IV
Der Roman, so alt er auch sein mag, zieht den Leser sofort in den Bann, nicht zuletzt wegen der witzigen und persönlichen Schreibweise aus der Ich-Perspektive. Natürlich greift er Traditionen und Klischees auf, die auch 1906 schon wohlbekannt waren; die Thematik der Geheimgänge reicht ja zurück bis in die Zeit der Gothic-Romane von Ann Radcliffe & co.  Doch Meredith mixt den alten Schauerroman mit sehr hübschen neuen Elementen und würzt das Ganze mit witzigen Twists. Vor allem dürfte er beide Geschlechter erreicht haben durch das Einflechten einer wirklich schön und unkitschig erzählten Liebesgeschichte. Genial, wie jene geheimnisvolle junge Frau (die Glenham zunächst für die Schülerin hält, für die sie sich ausgibt) immer wieder aus neuer Perspektive erscheint. Das ganze erinnert ein wenig an den Filmklassiker Charade, nur, dass hier nicht Cary Grant, sondern Audrey Hepburn geheimnisumwittert ist (beide könnte man sich auch gut als Hauptfiguren dieses temporeichen Romans vorstellen.). Mal erscheint die Dame als unschuldiger Fratz, mal als ränkeschmiedendes Ungeheuer, dann wieder als Verbündete mit eigenen Zielen, dann als verliebt flirtende Agentin.

Meredith NicolsonIch war erstaunt, in den Annalen der alten Bestseller so ein gut konserviertes Werk zu finden. Wer war dieser Meredith Nicholson?

Hier die dürftigen Informationen der englischen Wikipedia: 1866 geboren, betätigte er sich vor allem als lokaler Journalist in Indiana. Dort gehörte er bald zu den wichtigsten Schriftstellern des Bundesstaates im 20. Jahrhundert. Später engagierte er sich auch als Politiker in der demokratischen Partei. Er starb 1947, ein interessantes Datum, denn es bedeutet, dass sein Werk 2018 in Deutschland zur Public domain gehört und dann problemlos von einem Verlag, der ihn für uns entdecken möchte, übersetzt werden kann.

Ob die existierenden alten deutschen Übesetzungen dann schon gemeinfrei sind, ist  vermutlich schwer zu klären. Gesichert ist, dass das Buch unter dem Titel „Das Haus der tausend Lichter“ um 1910 als Lieferungsroman in 11 Heften erschien und dann noch einmal in Buchform 1915 und 1925. Die 1925er Ausgabe, wenn sie denn auftaucht, ist meist erschwinglich und kostet zwischen 10 und 20 Euro. Zur Qualität der Übersetzungen kann ich nichts sagen.

Nicholson hat noch zwei weitere Bestseller geschrieben: The port of missing men (Das Hafen der Vermissten, Listenrang 3, 1907), und A hoosier chronicle (Eine Geschichte aus Indiana) Nr. 5, 1912.) Beide befinden sich in der Gutenberg-Bibliothek. Auch der digitalisierte Roman „The siege of the seven suitors“ (Die Belagerung der sieben Freier, 1910) klingt witzig und scheint ebenfalls, urteilt man nach den Kapitelüberschriften, einen unheimlich/phantastischen Anstrich zu haben.

Ein wirklich guter Autor jedenfalls, wenn man es an der Stichprobe des hier besprochenen Romans misst. Was bei mir ein wirklich unbehagliches Gefühl aufkommen läßt. Wieviel schöne Sachen mögen – für uns unentdeckt – wohl noch in den digitalen Abgründen schlummern? (Von den nicht digitalisierten ganz zu schweigen...) Ich werde, durch diesen schönen Schmöker ermutigt, jedenfalls bald wieder auf Tauchstation gehen.   

Link zum Roman.
           
Nächste Folgen:
Regnald Scott & Norvell Page - The Spider - Wie alles begann. Hefte 1-4 (31. Oktober)

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Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-10-31 10:04
Also ich würde den Fantasy-Begriff dann doch nicht so weit fassen. Wenn "Zenda" Fantasy ist, dann ist es auch "Die Marxbrothers im Krieg". ;-)

Das klingt nett. Der Titel ist schon vielversprechend. Ruhig mehr davon.

Jeder halbwegs kompetente Autor, der sich bei Woodhouse orientiert, sollte eigentlich was Lesbares zustande kriegen. Die amerikanische "Bestsellerszene" der Zeit ist ein unbekanntes Land. Heute fällt schon die Vorstellung schwer, dass jemand wie Robert Chambers, der mit dem König in Gelb, ein Erfolgsautor war. Wobei man das natürlich relativieren muss. Damalige Erfolgszahlen dürften nur ein Bruchteil der heutigen gewesen sein.
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#2 AARN MUNRO 2016-11-01 09:33
@Matthias Käther: ich folge hier sehr gern deinen Ausführungen. Bitte ruhig mehr davon. Unentdeckte, auch alte, gute Bücher sind immer lesenswert...
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#3 Toni 2016-11-01 11:10
Da ich auch zum dem erlesenen Kreis deiner "5 Leser" gehöre, möchte ich mich mal wieder erwähnen, dass du super interessante und informative Artikel schreibst. Laut Auffassung meines Anhangs (Fam.) habe ich sogar nur 3 Stammleser :D .

Wie schon mal erwähnt, erinnern mich deine Beiträge an schöne Streifzüge durch die Stadtbücherei. Was ich da alles rausgeschleppt habe. Ich hoffe, dass du weiterhin bei der Schatzsuche erfolgreich bist
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