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Die Hugo Awards sind irrelevant

Zauberwort - The EditorialDie Hugo Awards sind irrelevant

to the OriginalVergesst jetzt mal alles, was ihr in den letzten zehn Jahren über die Hugo Awards gehört habt. Ich weiß, das ist schwer. Wahrscheinlich sogar unmöglich, aber versucht es trotzdem.

Gehen wir also einmal zurück zu den Zeiten des First Fandom – ins Jahr 1938, um genau zu sein. Vor 1938 gab es keine fannischen Aktivitäten. Na ja, die Futurians sind, technisch gesehen, älter als das First Fandom, aber sie zählen nicht, da die Mitglieder später alle Autoren wurden.


Und ja, die Futurians waren ein Ableger des Greater New York Science Fiction Clubs, doch da die einzigen Auflistungen im Netz, die diesen Club erwähnen, von den Futurians handeln, war damit offenbar sonst nicht viel los.

Effektiv läuft das darauf hinaus, dass Science Fiction vor 1938 nicht existierte. Zwar hatte Hugo Gernsback bereits 1926 Amazing Stories ins Leben gerufen, aber es kann kein Science-Fiction-Magazin gewesen sein, weil Science Fiction ohne die Fans nicht existiert haben kann ...

Ja, ich bin sarkastisch, aber mein Wahnsinn hat Methode. Oder umgekehrt.

Weil Science Fiction vor 1938 nicht existierte, kann Jules Verne keine Science Fiction geschrieben haben. Wobei anzumerken ist, dass seine Science Fiction, die keine ist, heute noch auf dem Markt ist.

Auch H. G. Wells kann demnach keine Science Fiction geschrieben haben. Seltsamerweise ist diese Science Fiction, die keine ist, heute noch auf dem Markt.

Auch Sir Arthur Conan Doyle kann keine Science Fiction geschrieben haben. Seltsamerweise ist diese Science Fiction, die keine ist, heute noch auf dem Markt.

Auch Edgar Rice Burroughs kann keine Science Fiction geschrieben haben. Seltsamerweise ist diese Science Fiction, die keine ist, heute noch auf dem Markt.

Auch H. P. Lovecraft kann keine Science Fiction geschrieben haben. Seltsamerweise ist diese Science Fiction, die keine ist, heute noch auf dem Markt. (wofür die Welt August Derleth zu Dank verpflichtet ist, der sie am Leben gehalten hat).

Wenn wir Fantasy mit berücksichtigen wollen, da die Hugo Awards heute auch für die besten Fantasy-Werke vergeben werden, müssen wir Autoren wie Clark Ashton Smith, William Hope Hodgson, Lord Dunsany oder Robert E. Howard hinzufügen. Im Allgemeinen werden Science Fiction und Fantasy unter dem Begriff Speculative Fiction zusammengefasst.  Dieser Begriff schließt auch Horror mit Science-Fiction- oder Fantasy-Elementen mit ein.

Dann gibt es da noch periphere Werke wie zum Beispiel Doc Savage. Doc Savage war technikorientiert, und einige der Gadgets waren mit der Technologie der Zeit nicht möglich oder wären zumindest unerschwinglich gewesen. Es ist grenzwertig – vielleicht Science Fiction, vielleicht auch nicht, fast wie ein eigenes Sub-Genre, das The Shadow, Batman, James Bond (Roman und Film), Matt Helm (Roman und Film), Solo für U.n.c.l.e. (Fernsehserie) und vieles andere umfasst, das sich alles unter Speculative Fiction subsumieren ließe.

Was ich damit sagen will, ist, dass es in der Vergangenheit eine Vielzahl von Werken gegeben hat, die zur Zeit ihrer Veröffentlichung/Ausstrahlung nicht als Speculative Fiction klassifiziert wurden, welche die Werke, die als Speculative Fiction bezeichnet werden (ich werde diesen Begriff im Folgenden häufiger gebrauchen, da die Hugo Awards sowohl Science Fiction als auch Fantasy umfassen), an Gesamtumfang weit übertreffen.

Es gibt eine gewaltige Zahl von Werken, die heutzutage vergessen sind (in einigen Fällen aus gutem Grund). Wer kennt denn noch Speculative-Fiction-Serien vor Raumschiff Enterprise (Star Trek, 1966)? Um nur einige zu nennen: Tom Corbett, Space Cadet (1950), Verschollen zwischen fremden Welten (Lost in Space, 1965), Nummer 6 (The Prisoner, 1967), Thunderbirds (1965), Doctor Who (1963), Unternehmen Feuergürtel (Voyage to the Bottom of the Sea; Film 1961, TV-Serie 1964), Time Tunnel (The Time Tunnel, 1966), My Mother the Car (1965), Topper (1953), Mister Ed (1961), Bezaubernde Jeannie (I Dream of Jeannie, 1967), und Verliebt in eine Hexe (Bewitched, 1954). Ich empfehle, sich dazu einmal die Listen 1950s Science Fiction Shows und 1960s Science Fiction Shows bei IMDb und Fantasy Television auf Wikipedia anzusehen. Die bestehenden Listen führen dabei leider Werke in anderen Sprachen als Englisch häufig gar nicht auf.

Was hat das alles mit den Hugo Awards zu tun? Die Hugo Awards werden von der sogenannten World Science Fiction Convention verliehen, eine unglaublich traurige Fehlbezeichnung (wie kann es eine Welt-Convention sein, wenn der Großteil der Welt gar nicht weiß, dass es sie gibt?).

Angeblich werden die Hugo Awards für die besten Werke der Science Fiction und Fantasy verliehen. Angeblich. Der Großteil der Welt weiß gleichfalls nicht, dass es die Hugo Awards gibt.

Und das ist der Grund, weshalb die Hugo Awards irrelevant sind. Der Großteil der Fans von Speculative Fiction weiß nicht, dass es diesen Preis gibt. Ernsthaft. In einer Diskussion auf Facebook wurde mit dem Begriff ‚Fan’ nur so um sich geworfen. Meine ursprüngliche Ansicht war, dass ein Fan jemand ist, der Cons besucht, weil das der Teil des Fandoms ist, mit dem ich vertraut bin. Jemand anders meinte, ein Fan sei jeder, der an fannischen Aktivitäten teilnimmt. Aber wie definiert man fannische Aktivitäten? Und warum muss man einen Con besuchen, um als Fan zu gelten?

Natürlich könnte man jeden, der Spekulative Fiction mag, als Fan bezeichnen. Die Idee würde eine Menge der TrueFen (ein Begriff für diejenigen, die sich als echte Fans verstehen, im Vergleich zu den Hoi Polloi) entsetzen. Aber sollten wir wirklich auf die Befindlichkeiten von ein paar Tausend Leuten Rücksicht nehmen und die Gefühle von ein paar Millionen ignorieren, die Speculative Fiction genauso sehr mögen, wenn nicht mehr?

Deshalb bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Hugo Awards irrelevant sind. Sie sprechen nicht zur großen Mehrzahl von Speculative-Fiction-Fans. Kein Star-Trek- oder Star-Wars-Roman wurde je mit dem Hugo Award ausgezeichnet, und einigen Verkaufszahlen nach zu urteilen, die ich gesehen habe, werden jedes Jahr mehr Star-Trek- und Star-Wars-Romane verkauft als von dem ganzen Rest der Speculative Fiction zusammengenommen.

Also, vergesst die TrueFen. Vergesst die Sad Puppies. Sie zanken sich um einen verwesenden Leichnam (he, verklagt mich doch. Ich schreibe Horror).

Was sie glauben, spielt keine Rolle, weil der Preis, um den sie sich zanken, vollkommen irrelevant ist.

Grüße
Wayne Borean

PS: Was die Zahl der Worldcon-Besucher betrifft, so empfehle ich einen Blick auf The Long List of World Science Fiction Conventions. Für die meisten Jahre gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele sich an der Abstimmung zum Hugo Award beteiligt haben. In den Jahren, für die Zahlen vorliegen, scheint es so, dass weniger als 25 Prozent der Worldcon-Besucher beim Hugo Award abstimmen. Für das Jahr mit der höchsten Teilnehmerzahl (2014) wären das bei 10.000 Teilnehmern (von denen etwa 7.000 tatsächlich anwesend waren) etwa 2.500 Stimmabgaben. Die durchschnittliche Verkaufszahl eines Taschenbuchs aus dem Segment der Speculative Fiction lag einmal (vor 20 Jahren) bei 70.000 Exemplaren, und ein Verlag, Baen Books, veröffentlicht im Schnitt sechs Romane pro Monat (einschließlich Hardcover, Taschenbuch und Taschenbuch-Übernahmen aus dem Hardcover). Hinzu kommen die ganzen anderen Verlage, außerdem noch Comics (ja, die Superhelden-Titel sind Speculative Fiction), Fernsehen (Lost Girl, Orphan Black, Doctor Who, Thunderbirds are Go), Film, Videospiele, Rollenspiele und wer weiß was sonst noch.

Die Zahlen sind gigantisch. Der Comic Con hatte in den letzten Jahren Teilnehmerzahlen von 130.000, und das sind nur die Leute, die es nach San Diego schaffen. Wie viele wären es wohl in, sagen wir, Saskatoon?

Übersetzung: Dr. Helmut W. Pesch

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