Drei Jahre später – Die Flamme brennt
Drei Jahre später – Die Flamme brennt
Horst hat über die Jahre unzählige Texte für den Zauberspiegel geschrieben. Rezensionen, Artikel, Interviews, Kolumnen und Leit(d)artikel. Gerade in seinen Leit(d)artikeln wird viel von dem sichtbar, was ihn ausgemacht hat: seine Begeisterung für die unterschiedlichsten Spielarten der Unterhaltungskultur, seine Vorstellungen davon, was der Zauberspiegel sein sollte, sein manchmal durchaus ruppiger Humor – und seine Bereitschaft, sich einzumischen, wenn ihm etwas wichtig war.
Wenn man diese Texte heute wieder liest, entsteht dabei fast von selbst ein Bild des Menschen hinter dem Herausgeber. Und manchmal bekommt man dabei auch einen ziemlich deutlichen Eindruck davon, warum der Zauberspiegel so ist, wie er geworden ist.
2007 ging der Zauberspiegel nach einer längeren Pause wieder online. Der gedruckte Zauberspiegel war 1990 nach 24 Ausgaben als Fanzine zu Ende gegangen. Nun sollte es weitergehen – nicht mehr auf Papier, sondern im Internet.
Horst überschrieb seinen ersten Leit(d)artikel mit einer Frage: "Quo vadis, Zauberspiegel?" Es war gleichzeitig der erste Artikel, der online ging. Und wer diesen Text heute liest, findet darin bereits eine Menge von dem, was den Zauberspiegel in den folgenden Jahren geprägt hat.
Er hatte große Pläne. Dabei war ihm eines besonders wichtig: Der Zauberspiegel sollte kein Magazin für eine einzige Serie und kein Treffpunkt für Spezialisten eines einzelnen Teils des Fandom sein. Er wollte die "Allroundfans" erreichen. Menschen, die heute Perry Rhodan lesen, sich morgen mit Tolkien beschäftigen, Western schauen, ein Hörspiel oder Hörbuch hören, Superman nach Krypton begleiten und anschließend mit Indiana Jones auf Abenteuerreise gehen. Menschen, die offen sind für mehr als eine Serie und mehr als ein Genre.
Und es sollte auch ein Zauberspiegel für diejenigen sein, die nicht nur lesen, sondern selbst etwas beitragen wollten. Vielleicht ist dies einer der wichtigsten Sätze dieses ersten Leit(d)artikels: "Leser und Mitarbeiter sollten hier gleichermaßen willkommen sein." Der Zauberspiegel sollte eine Plattform sein. Und Horst selbst war Feuer und Flamme für diese neue alte Idee.
Er zitierte gerne die fiktive Band Strange Fruit aus dem Film "Still Crazy". Die Band hat es nie gegeben - aber ihr Lied „The Flame Still Burns“ hatte es ihm angetan.
Horst schrieb dazu:
Als ich dieser Tage, fast zwanzig Jahre später, diese Worte gelesen habe, haben sie eine Bedeutung bekommen, die Horst damals natürlich nicht kennen konnte. Die Flamme brennt tatsächlich noch. Es gibt den Zauberspiegel noch, nur ist Horst nicht mehr da, um sie zu sehen und sie am Brennen zu halten.
Was Horst 2007 formulierte, zieht sich durch viele seiner späteren Leit(d)artikel. Der Zauberspiegel wollte nicht einfach nur Inhalte liefern. Er sollte Menschen dazu bringen, sich mit ihrem Fandom auseinanderzusetzen, darüber zu schreiben, Wissen weiterzugeben und selbst etwas zu tun.
Das wird besonders deutlich in einem Leit(d)artikel von 2010: "Reden ist Silber – Tun ist Gold – Was der Fan tun kann?"
Horst beginnt dort mit einer Frage, die heute beinahe wie eine Beschreibung dessen wirkt, was mich heute oft bewegt, wenn ich an ihn und seine Arbeitam Zauberspiegel denke: Was bleibt? Was nicht?
Er beschäftigt sich mit der Tatsache, dass Autoren von Heftromanen irgendwann zu Namen, Pseudonymen und Titellisten werden können, wenn sie sich zurückziehen, als Autoren ausscheiden, irgendwann versterben. Dass hinter einem Autor irgendwann eine Legende stehen kann, während der tatsächliche Mensch verschwindet. Und dass damit ein Stück Kulturgeschichte verloren geht. Für Horst war das kein abstraktes Problem. Er sah es als Aufgabe an, das nicht einfach geschehen zu lassen.
Er argumentierte gegen die Geringschätzung von Heftromanen, Comics, Zeitschriften und vermeintlichem "Trash". Kultur, schrieb er sinngemäß, bestehe nicht nur aus den anerkannten großen Namen. Auch das, was der Unterhaltung dient, gehört zur kulturellen Geschichte einer Gesellschaft.
Und dann machte er aus der Betrachtung einen Aufruf:
Nicht nur reden, aktiv sein. Dies hieß: Informationen sammeln. Autoren recherchieren. Angehörige befragen. Fehler korrigieren. Texte schreiben. Wissen sichern.
Er forderte die Fans auf, sich selbst an dieser Arbeit zu beteiligen. Solche Projekte gibt es auf Fanseite inzwischen einige, nebendem Zauberspiegel selbst nicht zuletzt die mit uns befreundete Seite Pulverrauch. Wenn ich heute auf das Archiv des Zauberspiegels schaue, wird mir noch einmal deutlich, wie viel von dieser Idee darin steckt.
Horst wollte, dass dieses Wissen nicht verschwindet.
Ein anderer Schwerpunkt seiner Leit(d)artikel war mehrfach die Frage nach der Unabhängigkeit.
2011 fragte er: „Von Erfüllungsgehilfen, Medienhuren und Marionetten – oder sind wir noch unabhängig?“
Schon der Titel verrät, dass Horst nicht gerade dazu neigte, seine Meinung vorsichtig zu verpacken. Unabhängigkeit war für ihn keine rein dekorative Eigenschaft des Zauberspiegels. Sie war für ihn ein Grundprinzip. Der Zauberspiegel sollte nicht zum Sprachrohr eines Verlages werden oder davon abhängig sein, was jemand gerne lesen oder veröffentlicht sehen wollte. Es war ihm wichtig, auch nicht einfach nur die Meinung eines anderen zu transportieren.
Dazu passt ein Jahr später ein weiterer Leit(d)artikel: "Vielfalt, auch wenn's weh tut – Herausgeber ohne Meinungshoheit"
Allein dieser Titel beschreibt ziemlich genau die Haltung, die für ihn typisch war. Er sah sich als Herausgeber in der Verantwortung für das, was auf dem Zauberspiegel geschah, aber daraus folgte nicht, dass er auch die Meinungshoheit besitzen musste. Einer der Gründe, die er für diese Einstellung nannte, war letzten Endes die Tatsache: "Der Zauberspiegel lebt vom Prinzip: Freiwilligkeit …" Vielfalt bedeutet eben auch, dass unterschiedliche Stimmen nebeneinander stehen können. Dass man einen Artikel veröffentlichen kann, dessen Meinung nicht unbedingt der eigenen entspricht. Das ist nicht immer bequem, aber gerade darin liegt der Unterschied zwischen einem persönlichen Blog und einem offenen Magazin.
Dass Horst dabei durchaus streitlustig sein konnte, zeigt ein Leit(d)artikel von 2016: "Da werden wir mal ganz rüde – Debatten im Internet".
Das Internet war für ihn eben nicht nur die wunderbare neue Möglichkeit, Menschen und Informationen miteinander zu verbinden. Es war auch ein Ort, an dem diskutiert, gestritten, missverstanden und gelegentlich grob miteinander umgegangen wurde. Und vermutlich hatte Horst die Formulierung „ganz rüde“ nicht ohne Grund gewählt. Denn er konnte in Auseinandersetzungen tatsächlich deutlich werden - sehr deutlich sogar manchmal.
Aber auch das gehörte zu ihm und zu seiner Vorstellung vom Zauberspiegel: Man durfte diskutieren. Man durfte widersprechen und sich reiben - solange daraus nicht bloß Gleichgültigkeit wurde. Gleichgültigkeit war trotz klarer Grenzen, die er besaß, weniger sein Ding als eine Auseinandersetzung um die Sache.
2009 erschien der Leit(d)artikel "Die Gefahr der Nähe".
Auch dieser Titel passt erstaunlich gut zu dem, was Horst mit dem Zauberspiegel wollte. Denn als jemand, der sich über Jahrzehnte in einer Szene bewegte, kannte er die Menschen irgendwann persönlich. Aus Autoren wurden Bekannte, aus Kontakten Freunde. Diese vielen Kontakte, Verbindungen und sein großes Wissen waren eine Stärke von ihm. Dass dies aber auch eine Gefahr sein kann, wenn nämlich Nähe dazu führt, dass diese den Blick verändern kann, war Horst ebenso bewusst.
Die Beschäftigung mit dieser Frage zeigt eine weitere Seite seines Verständnisses von Herausgeberschaft: Man darf Nähe haben. Aber man muss sich ihrer bewusst sein. Vielleicht war das auch deshalb wichtig, weil der Zauberspiegel niemals nur ein anonymes Onlineportal war. Immerhin stehen Menschen dahinter, bei denen diese aus Begeisterung für ein Thema schreiben und sich für etwas engagieren, das ihnen wichtig ist.
Er schrieb:
2017 blickte Horst auf seine eigene Geschichte zurück: "Bin ich zu alt für das Verdauungsendprodukt – 40 Jahre im Fandom"
Der Titel war typisch Horst. Ein bisschen absurd, ein bisschen provokant, mit einem gehörigen Schuss Selbstironie. Aber hinter diesem Titel steckt etwas anderes: vier Jahrzehnte Leben als Fan im Fandom,in denen sich (nicht nur) die Medienlandschaft verändert hatte. Fanzines waren entstanden und verschwunden. Das Internet hatte die Kommunikation verändert. Aus kleinen Fanprojekten waren digitale Angebote geworden - und Horst war immer noch da.
Er kam zu dem Schluss:
"
Über die vielen Jahre war er neugierig geblieben. Und er war noch immer bereit, sich über Dinge aufzuregen, die ihm nicht gefielen, und sich für Dinge zu begeistern, die ihm wichtig waren.
Vielleicht ist das eine der Eigenschaften, die ich an ihm besonders mit dem Zauberspiegel verbinde: Er hörte nicht irgendwann auf, Fan zu sein. Auch als Herausgeber, Autor und Chronist blieb er unter dem allen der Fan. Damit prägte er den Zauberspiegel.
2018 beschäftigte sich Horst in "Verlegen in Zeiten der Möglichkeiten – keine einfachen Antworten im digitalen Zeitalter" mit einer Frage, die für den Zauberspiegel besonders interessant war. Mit dem Internet hatten sich ungeheure Möglichkeiten ergeben, nicht zuletzt ja eben auch die digitale Existenz des Zauberspiegels. Jeder konnte jetzt ohne großen Aufwand theoretisch Bücher veröffentlichen oder ein Magazin machen.
Aber die technische Möglichkeit zu veröffentlichen bedeutete noch lange nicht, dass damit alle Probleme gelöst waren. Im Gegenteil. Das digitale Zeitalter stellte neue Fragen: Wie veröffentlicht man? Was ist Qualität? Wie geht man mit Informationen um? Und nicht zuletzt die Frage, welche Verantwortung ein Herausgeber hat. Horst hatte darauf vermutlich nie eine endgültige Antwort. Aber genau das war auch etwas typisches für ihn und passte zu seinen teils dezidierten Meinungen - und dann auch doch wieder nicht. Er wollte nicht einfach Vorgaben machen, sondern Fragen stellen und Dinge diskutieren. Und er wollte ausprobieren.
2011 schrieb Horst außerdem über das bevorstehende Doppeljubiläum: "Die Festwochen rücken näher – das Doppeljubiläum kommt"
Damals lagen die Anfänge des Zauberspiegels bereits weit zurück. 1982 war das Fanzine gegründet worden, 2007 war der Online-Zauberspiegel gestartet. 2011 konnten wir bereits auf eine gemeinsame Geschichte mit vielen Menschen zurückblicken.
Er schrieb:
Heute wirkt dieser Rückblick ein bisschen wie ein Spiegelbild unserer Gegenwart, denn wieder steht ein Jubiläum bevor. 2027 wird der Zauberspiegel 45 Jahre alt – gerechnet vom ersten gedruckten Fanzine – und zugleich gibt es uns 20 Jahre online. Der Unterschied ist allerdings gewaltig: Damals konnte Horst gemeinsam mit anderen auf die Zukunft schauen. Heute schauen wir ohne ihn darauf.
Es gibt keinen Leit(d)artikel, der für mich so sehr viel wichtiger ist als die anderen. "Die Gefahr der Nähe", "Vielfalt, auch wenn's weh tut", "Reden ist Silber – Tun ist Gold", die Texte über Unabhängigkeit, über das Internet, über vierzig Jahre Fandom und schließlich über das Verlegen im digitalen Zeitalter – es sind sehr unterschiedliche Texte. Aber zusammen erzählen sie ein bisschen Horsts Geschichte und die seines Babys, dem Zauberspiegel. Sie erzählen von einem Menschen, der den Gegenstand ernst genommen hat, an dem sein Herz hing, auch wenn er dies nicht immer bierernst genommen hatte. Aber ernst genug, um zu sagen: Dieses Zeug ist es wert, bewahrt zu werden und diese Autoren sind es wert, dass man sich an sie erinnert. Es gibt Geschichten und jede Menge Erinnerungen, die es wert sind, dass man über sie spricht.
Fans können mehr tun, als nur konsumieren. Sie können schreiben, recherchieren und bewahren, und natürlich letzten Endes widersprechen und mitmachen.
Das ist vielleicht das eigentliche Vermächtnis von Horst im Zauberspiegel. Es ist nicht der eine bestimmte Artikel oder diese eine bestimmte Rubrik, die er mit Artikeln füllte. Vielleicht ist es nicht einmal die Website selbst, sondern seine Vorstellung, dass ein solches Projekt von Menschen getragen wird, die etwas zu erzählen haben und denen diese Welt wichtig ist.
Und trotzdem fehlt in dieser Auswahl noch etwas. Wenn ich gefragt werden würde, welcher Text mir persönlich der wichtigste ist, würde ich keinen Leit(d)artikel wählen, sondern einen Artikel aus "As Time Goes By", nämlich die Nummer 159 "Der Haushaltsvorstand".
Drei Jahre nach seinem Tod ist der Zauberspiegel noch da. Das Archiv wächst und neue Texte kommen hinzu. Gleichzeitig bleiben die alten Texte und stehen manchmal unscheinbar zwischen Hunderten anderen Artikeln. Nicht zuletzt sind es diese Leitartikel in denen Horst plötzlich wieder da ist. Natürlich nicht wirklich, aber seine Stimme ist wieder da mit seiner Begeisterung und seinen Ideen und ja, auch mit seiner manchmal deutlichen Meinung.
Velleicht ist das eine der besonderen Eigenschaften eines solchen Archivs: Menschen verschwinden nicht vollständig, solange etwas von dem, was sie gedacht, geschrieben und geschaffen haben, weiter zugänglich bleibt. Horst hat selbst immer wieder darauf hingewiesen, dass Wissen verloren gehen kann, wenn es nicht festgehalten wird. Da ist der Zauberspiegel eine Möglichkeit festzuhalten, letzten Endes auch (die Erinnerung an) ihn. Aber nicht als Denkmal, das fände er selbst mehr als nur verwunderlich und würde nicht zu ihm passen. Sondern als Teil dessen, was der Zauberspiegel geworden ist und dessen „unfinished goal“ noch weitergeht.
Denn der Satz, den Horst 2007 für den Neubeginn des Zauberspiegels auswählte, passt auch heute noch: "The flame still burns."



Vierzig Jahre Fandom