Zum 65sten Jubiläum der PERRY RHODAN-Serie, Erstauflage
Zum 65sten Jubiläum der PERRY RHODAN-Serie, ErstauflageFür diese hier ist wichtig: War man erst mal von der "Gravitation" der Titelbilder (von Johnny Bruck) und Romane dieser Serie erfasst worden, konnte - wie in meinem Fall - durchaus DAS passieren:
Bämm-Azoiing und wir sind in den 1960er/1970er-Jahren, die in meinen Erinnerungen bleiern und witzig zugleich sind, weil der Unterschied zwischen Mädchen und Jungs entdeckt, aber auch herausgefunden wurde, dass zumindest ein ganz bestimmtes Mädchen eine verdammt ernst zu nehmende Gegnerin im Federballmatch und auch sonst einfach wunderbar toll unvergleichlich ist.
Der damals schon erwachsene weibliche Teil der frei nach Rio Reisers motivierendem Liedgut "Zukunft wird gemacht!" in den flott Im Aufbau befindlichen Städten paradierte mit 3-Wetter-Taft- Betonhelmfrisuren und gut bestückten Kinderwagen frohgemut plaudernd umher.
Die Familie des hier Berichtenden war diesbezüglich schon weiter: Insgesamt drei Wonneproppen befanden sich bereits in der Aufzucht und der erstgeborene war grundsätzlich für alle und alles verantwortlich.
Großmutter Emma und Tante Helene, ältere Schwester der Wonneproppen-Mutter Elisabeth - zwei trotz großen Altersunterschieds hübsche, durchsetzungsfreudige Angehörige des sogenannten Weibsvolks - wachten (zumindest meiner damaligen Meinung nach) mit Argusaugen und -ohren darüber, dass "der Älteste" selbst auch einigermaßen in der Spur blieb.
Nichts entging ihnen.
Dachten sie.
Tat es aber doch, zumindest an manchen Tagen, während sie das Lärmen der beiden Jüngeren mit Verniedlichungen und quikenden Ausrufen des Enzückens bedachten: "Guuuuck dir nur diese knuffigen Wurst-Beinchen und die süüüüße Babyhaut vom Kleinsten an! Die kommt von meinem Karottensaft, den ich täglich frisch für ihn mache! Mit Karotten diii-rekt aus dem Garten."
"Najaaaa, Mama! - Vergiss mal nicht, dass ich diese leckeren Hipp- und Alete-Gläschen mitbringe. Und den Winzling immer schön spazieren fahre... Diesen Schnuckiputzifratz!!!"
"Trotzdem! Merke, Tochter: Ohne meine Karotten keine sanfte Bräunung, sondern Sonnenstich!"
So (in etwa) ging das stundenlang...
Der Großvater, groß und knorrig wie eine Eiche, hatte sich längst schon samt Dackel und Kater in den Garten verzogen, nachdem er dem Erstgeborenen noch verschwörerisch zugezwinkert hatte.
Und der Erstgeborene? Der später in Fan-Dimensionen als "Zeitmaschinist" bekannt wurde (und damals natürlich noch keine solche sein eigen nannte)?
Der machte sich unbemerkt davon.
Eines Tages fand er so den Weg in eine verwunschene, wenig bis überhaupt gar kein Vertrauen einflößende Örtlichkeit.
***
Dieses Gebäude erhob sich direkt an der Durchgangsstraße von Eislingen-Süd, der berüchtigten Ulmer Straße.
TREFF verkündete ein vor Dreck kaum mehr lesbares Schild. Das Haus war klein, windschief und wirkte dennoch trutzig. (Es steht, nach x Besitzerwechseln, noch heute!) Die schwarz lackierten hölzernen Fensterläden waren geschlossen, alle. Von mehr als Dreck aller Art und Auspuffabgasen schien dieses ... von irgendwo hierher versetzte Etwas nicht zusammen gehalten zu werden. Aber mit letzter Kraft und gerade noch mit knapper Not hielt es sich aufrecht.
Zum Eingang und ziemlich wilder Musik dahinter führten drei ausgetretene Steinstufen empor. Die ich neugierig-frohgemut hoch ging, verwegen abenteuerlustig wie ich damals noch war.
Zigarettenrauchschwaden vernebelten mir die Sicht, kaum, dass ich die Tür aufdrückte.
"Tür zu! Hier drin sitzen Sauerstoffallergiker!" wurde gebrüllt. Aber die Musik kickte und zerrte mich voran. Davon belebt (und weil mir erstmal nichts Cooleres in den Sinn kam), krallte ich mich an der aktuellen Ausgabe der SANKT PAULI NACHRICHTEN fest, die pfiffig im Zeitschriftenaufhänger direkt gegenüber des Eingangs in Augenhöhe platziert war.
Ich traute meinen Augen kaum.
"JUNGFRAUENGEBURT!" stand da zu lesen, flankiert von schwarz-weißen, künstlerisch wertvollen Fotos äußerst nackter Frauen. "Katholischer Priester bekommt Drillinge und bedroht Mitarbeiterinnen des Jugendamts mit Blasrohr! Bericht und Interview S.3!"
Darunter klemmte ein einzelnes Romanheftchen mit hellblau-rot-schwarzem Logo halb in der Mitte geknickt erbärmlich schief und verhinderte, dass man wissbegierig bis S. 3 weiterblättern konnte: PERRY RHODAN - ERBE DES UNIVERSUMS. Die große Weltraumserie von K.H. Scheer und Clark Darlton. Das Titelbild zeigte: ein schattenhaft vor rötlich-weiß-violettem Weltraumwirbel erkennbares Raumschiffwrack.
Alter!!!
Mit Opas Taschengeld und möglichst erwachsenem Gestus erstand ich mir die St. Pauli Nachrichten, als hätte ich nie etwas anderes praktiziert. Da ich relativ groß war für mein Alter, war ich damit bereits an der Kinokasse bei den wertvollen "Oswalt Kolle"- Aufklärungsfilmen problemlos durchgekommen, sodass ich schon in jungen Jahren den lieben Eltern den Schwindel mit dem Storch und dem Zuckerwürfel auf dem Fensterbrett erklären konnte und dafür unerklärlicherweise mit vier Tagen Hausarrest bedacht wurde.
"Lass dich damit mal besser nicht erwischen, draußen", riet mir ein langhaariges männliches Wesen und kratzte sich vielsagend am Oberlippen-Walrossbart. Ein weibliches Wesen mit beinahe identischem Oberlippenbart lachte träge mit Bariton-Stimme: "Harr-harr-harr."
"Du versaust die Jugend, Bertie!" , rief eine im Qualm nur schemenhaft erkennbare dritte Gestalt zur mit Zeitschriften überladenen Theke herüber.
"Müssen ja nicht alle so perfekt ihren Dornkaat zu ihren Pommes reinkippen können wie du."
Ich, der spätere Zeitmaschinist, eierte mit letzter Kraft ins Freie und inhalierte dort, mich verkrampft an den zusammengerollten St Pauli Nachrichten aufrecht haltend, tief die giftigen Auspuffabgase des vorbeitosenden Verkehrs.
***
Auf der Brücke über die tief unten brausende Fils, die neben der Eisenbahnlinie Stuttgart/Ulm Eislingen-Süd und Eislingen-Nord trennte - bis diese beiden Stadthälften im Lauf der von vorwiegend braun denkenden Herrschaften in den allzu hoffnungsfroh "Tausendjähriges Reich" genannten zwölf Schreckensjahren zu Eislingen an der Fils "aufgewertet" wurden, geschah es!
Genau dort kamen mir Zweifel an der Wertigkeit meines Einkaufs.
Das Titelbild dieses bemitleidenswert eingeklemmt zurückgebliebenen Heftchens ging mir nämlich um's Verrecken nicht mehr aus dem Sinn.
Und dann, dieser Titel! DIE BESTIE ERWACHT.
Und der Untertitel erst! Ein Massenmörder - seit 521 Jahren tot - schlägt wieder zu!
Nichts gegen wohlgeformte weibliche Oberkörper und die mysteriöse Jungfrauengeburt des katholischen Priesters mit dem Blasrohr.
Aber - Alter!!! Ein Massenmörder, der nach 521 Jahren in solch einem Raumschiffswrack erwachte ...
DAS kitzelte meine jugendliche Wissbegier doch ein klitzekleines bisschen mehr.
Am Straßenverkaufsfenster vom Sorg leistete ich mir noch eine Portion Pommes-Majo und lauschte dem Schäumen des breiten Flusses unter mir und der Brücke.
Dann wetzte ich zurück zum TREFF und tauschte - zugegeben überhaupt nicht mehr so lässig wie vorhin - das eine Druckerzeugnis gegen das geknickte PERRY RHODAN-Erzeugnis um.
"Pfff! Das ist ein Ladenhüter, hängt hier schon seit Jahren! Diese Dinger kommen ja wöchentlich heraus!"
Das stattdessen angebotene LANDSER-Heftchen aus demselben Verlag lehnte ich dankend aber energisch ab.
Und fand mich abermals giftige Abgasdämpfe inhalierend draußen wieder, bevor mir zu viele Fragen gestellt werden konnten.
Die wichtigste stellte ich mir ohnedies selbst, mit strenger Schulmeisterstimme: "Wo, um alles, willst du dieses verrückte Massenmörder-Heftchen in RUHE lesen ... und genießen?!"
***
Tatsächlich erwartete mich zuhause schon vielstimmiges Gezeter. Die beiden jüngeren Wonneproppen hatten sich vor dem großelterlichen Haus in brüderlichem Wettkampf, wer der bessere Haarbüschelausrupfer war beziehungsweise die Schneidezähne effektiver als mörderische Waffe einzusetzen vermochte, ineinander verhakt. Oma Emma schrie nach Kindsmutter Elisabeth, und Tochter Helene rauchte und lachte. Die Angestellten der Firma "Duro Dont", später 'Manhattan Cosmetics' hingen an den Fenstern und feuerten den Jüngsten an.
Zweihundert Meter entfernt bog ich auf quietschenden Turnschuhsohlen Richtung Hindenburgstraße ab, schlug mich von dort geduckt durch mehrere Gärten, vorbei an wunderlich duftenden Hasenställen und Hühnerpferchen und - schon viel aufrechteren Ganges - schließlich durch den meines Großvaters, der sowieso unverbrüchlich zu seinem allerersten Enkelsohn hielt, also keine Gefahr darstellte.
Großmutter, Wonneproppen-Brüder, Mama Elisabeth und Tante Helene sorgten weiterhin vor dem Haus für Aufsehen und Stimmung. Ich pirschte drinnen im Haus, im Erdgeschoß, der großelterlichen Hutablage entgegen, lieh mir kurz entschlossen Omas Hutnadel und hörte Sekundenticken und Titelmusik der in jenen Tagen populären Vorabend-Serie "Kobra! Übernehmen sie!" Denn natürlich stand mittlerweile die Heimkehr meines Vaters bevor.
Dessen eingedenk spähte ich hektisch die steile Treppe in den ersten Stock hoch, ob die Luft tatsächlich rein war.
War sie.
Draußen siegte der mittlere Wonneproppen über den jetzt lauthals plärrenden jüngsten mit der schöneren, aber nun wohl durch Biss- und Kratzspuren lädierten Karottenhaut.
Zwischen all dem Geheul und Schimpfen hörte ich die ruhige Bassstimme meines Vaters: "Euch hört man ja bis zur Bushaltestelle!"
Meine Großmutter erstattete Bericht und vergaß nicht, zu erwähnen, dass ein gewisser Erstgeborener wie vom Erdboden verschluckt und ergo einfach WEG sei.
Tante Helene bot allen Zigaretten an. "Das sind HB - ihr wisst schon? Wer wird denn gleich in die Luft geh'n?!"
Sie lachte immer noch.
Ich stocherte mit Omas Hutnadel im Schloss ihrer Wohnungstür herum. Tatsächlich klickte es genau in dem Moment, in dem die Haustür aufflog und Wonneproppen-Brüder, Mutter, Vater, Großmutter in einem Tohuwabohu aus Weinen, Stimmen, Geräuschen und Bewegungen aller Art herein sprudelten.
Behutsam drückte ich Tantes Wohnzimmertür hinter mir zu und atmete durch.
Kurz.
Denn eigentlich müsste SIE ja nun gleich in ihre Wohnung kommen ...
Kam sie aber nicht.
Der spätere Zeitmaschinist verzog sich auf Zehenspitzen in ihr Schlafzimmer und öffnete dort das Fenster, um nötigenfalls auf den an die Rückseite des Hauses angebauten Kohlen- und Fahrradschuppen und darüber hinweg ins Freie von Opas paradiesischem Garten entfleuchen zu können.
Aber noch immer betrat niemand die Wohnung.
Das Lärmen verlagerte sich polternd die Treppe hinauf in die elterliche Wohnung.
Ich sank auf Tantes Bett. Das so gut nach ihr roch. Lang ausgestreckt auf dem Rücken liegend spähte ich staunend, fassungslos - mein allererstes selbst gekauftes RHODAN-Heftchen an die pumpende Brust gedrückt - kilometerlange, prall gefüllte Bücherregale ringsum entlang.
Irgendwann musste ich, noch pommessatt und dank des Adrenalin-Overkills sowieso stehend k.o., eingeschlafen sein.
Irgendwann musste ich wieder aufgewacht sein.
Irgendwann hatte ich mein allererstes Rhodan-Heftchen ausgelesen. Und einen neuen Lieblingsautor: Willi Voltz. Und das neue gigantische Problem: Wie komme ich an all die inzwischen Woche für Woche erschienenen Fortsetzungen?!
Und dann! Woche für Woche mit dem jeweils neuen Heft wieder in Tantes Wohnung?!
Aber ich wusste nun immerhin, wo ich die alle in Ruhe lesen würde. Ich war nämlich noch immer allein und nicht als Einbrecher ertappt in Tante Helenes herrlich nach Büchern duftender Wohnung. Und ich hatte auch Omas Hutnadel noch.
Meiner Zukunft als Serien-Einbrecher stand also zumindest diesbezüglich nichts im Weg.
***
Den Zettel entdeckte ich erst, als ich auf dem Fenstersims balancierte - einen Fuß schon draußen auf der Teerpappe des Kohlenkellers.
"Ich wusste genau, dass du eines Tages eine Lese-Zuflucht brauchst", stand in der energischen Handschrift Tante Helenes auf diesem Zettel. Und: "Im Kühlschrank findest du Zitroneneis. Und fass' mir bloß mit klebrigen Fingern nicht Kurd Lasswitz' zweibändige Erstausgabe von AUF ZWEI PLANETEN aus dem Weimarer Felber Verlag an!"
Copyright (c) 8. September 2026: Martin Eisele
In Liebe und Dankbarkeit meiner Tante Helene Haug gewidmet, und meinen Großeltern Emma und August Haug, meinen Eltern Elisabeth und Hermann sowie meinen Wonneproppen-Brüdern Stefan und Tom (mit der bis heute schönen Karottenhaut und den Biss- und Kratzspuren in ebendieser.)




Kommentare
Was war das?
Was will uns Martin Eisele damit sagen?
Was hat dieser Bericht mit PERRY RHODAN zu tun?
Ist etwa Bright Angel mit Martin Eisele identisch?
Könnte sein!