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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit Red Cloud?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit Red Cloud?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 10. Dezember 1909 starb einer der bedeutendsten indianischen Führer der Geschichte: RED CLOUD.

Neben seinen überragenden Leistungen als Kriegsführer und Diplomat, war Red Cloud auch nie völlig unumstritten, aber sein persönliches Charisma muss überwältigend gewesen sein. Bis ins hohe Alter zeigte er hohe politische Begabung, mit der er seinen weißen Widersachern nicht nur äußerst geschickt Paroli bieten konnte, sondern ihnen häufig überlegen war. Im Gegensatz zu anderen indianischen Führern durchschaute Red Cloud – zumindest teilweise – die angelsächsische Kultur. Daher war er imstande, die eigene Kultur seines Volkes lange zu behaupten. Er verstand die Mentalität seiner Feinde und wusste sie immer wieder, zu seinem Vorteil zu nutzen. Auch in der internen Politik der Lakota-Gruppen behielt er souverän seinen Führungsanspruch.

Geboren wurde er im September 1822 – vor 199 Jahren – in einem Gebiet, das heute im nördlichen Nebraska liegt. Das Dorf seiner Eltern – Lone Man (ein Brulé)) und Walks-As-She-Thinks (eine Oglala-Frau) – lag am North Platte River. Sein Lakota-Name lautete Machpiya-luta. Er entstammte keiner hervorragenden Lakota-Familie, erarbeitete sich aber durch Klugheit und Mut hohes soziales Ansehen und wurde zum Anführer der angesehenen Kriegergesellschaft der „Bad Faces“.

Als er 5 Jahre alt war, starb sein Vater. Die männliche Leitfigur seines Lebens wurde ein Onkel seiner Mutter, ein Oglala-Krieger namens Smoke. Schon als sehr junger Mensch, nach Visionssuche und Pubertät, nahm Red Cloud an Kriegszügen teil und zeichnete sich aus. Es waren überwiegend Kämpfe mit benachbarten, rivalisierenden Stämmen wie den Pawnee und den Crow. Über seinen Namen kursieren mehrere Legenden. Eine davon war, dass in der Nacht seiner Geburt ein Meteor über die Ebenen zog und hinter ihm ein Schleier roter Wolken schwebte.

Als junger Mann war Red Cloud ein sehr militanter Anführer, ein gefürchteter Krieger, der entschlossen und hartnäckig Widerstand gegen die weiße Besiedelung leistete. National bekannt und als Sprecher seines Volkes auch in der Hauptstadt Washington wahrgenommen wurde er durch die erbitterte Auseinandersetzung im Norden Wyomings, die als „Red Clouds Krieg“ in die Geschichte einging. Zwischen 1866 und 1868 fügte Red Cloud – damals unterstützt durch so fähige Führer wie Crazy Horse – der amerikanischen Armee eine schmachvolle Niederlage zu. Eines der schlimmsten Ereignisse war das sogenannte „Fettermann-Massaker“ am 21. Dezember 1866 – vor 155 Jahren –, als Captain William Judd Fettermann mit 80 Soldaten vollständig vernichtet wurde.

Red Cloud erzwang den Abzug der Militärposten aus seinem Land und handelte dann den zweiten Vertrag von Fort Laramie aus, in dem den Lakota die „Große Sioux Reservation“ zugestanden wurde. Die Regierung garantierte das Land den Sioux ohne Wenn und Aber. Dass dieser Vertrag nur wenige Jahre später wieder gebrochen wurde, lag an der Vermessung der Eisenbahnlinie durch die nördlichen Plains und die Entdeckung von unermesslichen Goldvorkommen in den Black Hills. Es begann ein weiterer Krieg, dessen Höhepunkt die Schlacht am Little Bighorn wurde.

Zu dieser Zeit war Red Cloud schon zu der Überzeugung gelangt, dass die Plainsvölker sich militärisch langfristig kaum gegen die weißen Invasoren würden behaupten können. Er schwenkte von seiner ursprünglich kriegerischen Haltung, die ihm so viel Ruhm eingebracht hatte, zur Diplomatie um. 1870 war er im Osten gewesen und hatte die gewaltige, ständig wachsende Zahl der weißen Bevölkerung gesehen. Er war sicher, dass die Behauptung der indianischen Kulturen nur noch auf politischem Wege erfolgen konnte. Er gehörte damit zu den ersten indianischen Führern, die visionär sahen, dass die Zeit der Plainskriege endgültig vorbei war und man retten musste, was noch zu retten war.

Es kam aufgrunddessen auch zu einer Spaltung zwischen ihm und Crazy Horse, der sich unversöhnlich zeigte, der sich Sitting Bull anschloss und den Erfolg am Little Bighorn herbeiführte. Aber die Folge war letztlich nur die endgültige Unterwerfung der roten Völker.

Red Cloud reiste mehrfach nach Washington und führte eine zähe Auseinandersetzung mit den jeweiligen Reservationsagenten, um die Lebensbedingungen für sein Volk zu verbessern. In den 1880er Jahren überließ er die Führung des Stammes jüngeren Männern. 1884 ließ er sich katholisch taufen und empfahl seinen Lakota, die Lebensweisen des weißen Mannes zu übernehmen. 1897 reiste er zum letztenmal in die Hauptstadt zum „großen Weißen Vater“. So gut wie blind, taub und krank starb er am 10. Dezember 1909 auf der Pine Ridge Reservation. Er war 87 Jahre alt. Einer seiner Söhne war Jack Red Cloud, der eine maßgebliche Rolle in seinem Volk einnahm. Bis heute sind Red Clouds Nachkommen auf der Reservation ein einflussreicher, bedeutender Faktor geblieben. Mit 128 bekannten Fotos dürfte er der meistfotografierte Indianer des 19. Jahrhunderts gewesen sein.

Red Cloud liegt auf dem Friedhof der Holy Rosary Mission begraben.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2020Die kommende Ausgabe

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