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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit Ezra Meeker?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit Ezra Meeker?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Der Mann war schon zu Lebzeiten eine Legende, dabei hatte er weder Eisenbahnen gebaut, noch mit dem Revolver in der Faust wilde Minenstädte gezähmt. Er war einfach ein Planwagenpionier gewesen, einer der vielen Millionen, die für ihre Familien eine Neue Welt bauen wollten. Ihn zeichneten Vision, Entschlossenheit und unermüdliche Energie aus, und damit stand er für Generationen von Menschen, die in den amerikanischen Westen zogen.

Am 3. Dezember 1928 starb EZRA MEEKER. Dank ihm kann man heute noch großen Teilen der alten Planwagenroute folgen, dem OREGON TRAIL, auf dem über 100.000 Prärieschoner mit mehr als 500.000 Menschen, nach Westen zogen, in das „gelobte Land“.

Ezra M. Meeker, wurde am 29. Dezember 1830 – vor 190 Jahren – in Ohio geboren. Er wuchs auf der Farm seiner Eltern auf und heiratete 1851 seine Frau Eliza. Zusammen mit ihr, ihrem neugeborenen Sohn und seinem Bruder brach er 1852 in einem Planwagen auf nach Oregon, wo gutes und freies Land angeboten wurde. 6 Monate waren sie quer durch den Kontinent unterwegs, erreichten Portland und ließen sich in der Region am Puget Sound nieder. 1862 gehörten die Meekers zu den Gründern der Gemeinde Puyallup, wo sie nach mehrfachem Scheitern mit anderen Farmprojekten, eine Hopfenpflanzung anlegten. Zeitweise war er der reichste Mann in Oregon, der „Hopfenkönig“ Amerikas. In den 1880er Jahren waren die Meekers wohlhabend. Ihr „amerikanischer Traum“ war in Erfüllung gegangen. Er gehörte dem Parlament von Oregon an und wurde 1890 Bürgermeister von Puyallup. In den 1890er Jahren zerstörte ein Befall mit Hopfenläusen seine Ernte. Er verlor einen Großteil seines Vermögens. Versuche, im Goldrausch von Alaska wieder zu Reichtum zu kommen, scheiterten.

Er eröffnete einen Generalstore. Er schrieb Zeitungsartikel und Bücher. Sein Name war bekannt an der Westküste. Eines seiner Bücher schuf ihm viele Feinde: Meeker beschrieb den Tod von Chief Leschi, dem Häuptling der Nisqually-Indianer, und beschuldigte den früheren Gouverneur, Isaac Stevens, nicht nur ein Alkoholiker gewesen zu sein, sondern auch schuldig des Mordes an Leschi. Meeker hatte Recht, aber das wollte in jener Zeit niemand hören. Meeker war ein Mann, der die Wahrheit aussprach. Er ließ sich nicht einschüchtern. Er trat offensiv für die Gleichstellung und das Wahlrecht von Frauen ein – auch ein kontroverses Thema in jener Zeit.

In diesen Jahren beobachtete Meeker mit einer gewissen Sorge die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft, die sich zunehmend dem heraufkommenden 20. Jahrhundert zuwandte und die Pionierleistungen des 19. Jahrhunderts vergaß. Für ihn konnte die Zukunft nur gewonnen werden, wenn die neue Generationen ihre Geschichte kannte.

Nur wer weiß, woher er kommt, kann erkennen, wohin er zu gehen hat. In seinem Fall war es der große Zug nach Westen, der die Leistung seiner Generation symbolisierte. Es war der Oregon Trail, die Planwagenroute. Die großen Trecks schienen in Vergessenheit zu geraten. 1906 fasste er den Entschluss, in den letzten Jahren seines Lebens die große Erfahrung der Wanderung nach Westen nicht verlorengehen zu lassen. Er wollte den Oregon Trail zurück ins nationale Gedenken holen. Er baute sich einen Planwagen, beschaffte sich zwei Zugochsen und begann 1906, die alte Planwagenroute nach Osten zurückzuziehen. Man erklärte ihn für verrückt. Ein alter Mann, 76 Jahre, der sich zu einer Zeit, als die ersten Autos fuhren, mit einem Ochsenwagen in die Wildnis wagte. Denn der Oregon Trail war größtenteils noch immer so, wie Meeker ihn als junger Mann 1852 angetroffen hatte. Er ließ sich nicht aufhalten. Einziges modernes Utensil, dass er mit sich führte, war eine kleine Kodak-Kamera, mit der er unterwegs Fotos machte. Er ließ diese Bilder drucken, sammelte Geld, machte Station in den wenigen kleinen Siedlungen, die am Trail entstanden waren, bat um Spenden, und errichtete an den markanten Rastplätzen der Route Gedenksteine.

Die Zeitungen schrieben über ihn. Als er nach Monaten in St. Louis ankam, war er eine Berühmtheit geworden. Er fuhr mit seinem Planwagen weiter bis nach Washington und über den Rasen des Weißen Hauses. Hier wurde er von Präsident Theodore Roosevelt empfangen, der ein großes Herz für die alten Pioniere hatte und Meekers Mission unterstützte.

In den folgenden 20 Jahren reiste Meeker mit seinem Planwagen den Oregon Trail mehrfach, 1910, 1912, 1916, und gründete die „Old Oregon Trail Association“, die schließlich sogar eine Gedenkmünze prägen durfte. Mit den Verkäufen wurden weitere Denkmäler errichtet und Museen gegründet. Der Oregon Trail wurde zum Denkmal für die Pionierbewegung des 19. Jahrhunderts.

Meeker schrieb mehrere Bücher, darunter "The Ox Team on the Old Oregon Trail” – es verkaufte sich über 10.000 Mal. Meeker flog 1924 in einem zweisitzigen Armeeflugzeug mit offenem Cockpit bis nach Dayton (Ohio) über den Oregon Trail und trat bei einer Flugshow mit Orville Wright auf. Dann flog er weiter bis in die Hauptstadt und traf sich mit Präsident Calvin Coolidge. Hier forderte er in einer Rede den Bau eines nationalen Highways, der Ost und West miteinander verbinden sollte. 1912 entstand mit dem „Lincoln Highway“ die erste nationale Ost-West-Verbindung. Später wurde die „Route 66“ angelegt. Heute folgt US Highway 30 weiten Teilen des Oregon Trails.

Meeker wurde von 3 Präsidenten empfangen. Die Automobil-Firma Ford baute für ihn das spezielle T-Modell „Pathfinder“ mit einer Plane. Damit sollte Meeker 1928 den Oregon Trail befahren. Es wäre eine grandiose Werbekampagne geworden. Aber als Meeker sich in seinem Haus im Bundesstaat Washington darauf vorbereitete, wurde er plötzlich krank und starb am 3. Dezember 1928, er war 97 Jahre alt.

Auch wenn ihm das letzte Abenteuer versagt blieb - Meeker hatte seinen Traum vollständig erfüllt. Gut 400 Meilen des alten Oregon Trails – ca. 20% der 2000 Meilen langen Strecke – sind bis heute vollständig erhalten, und an den markanten Punkten stehen große Museen. Auch viele der einfachen Gedenksteine, die Meeker selbst finanziert hatte, sind noch vorhanden. Meeker war zum Vertreter des amerikanischen Pioniers geworden. (Copyright © by Dietmar Kuegler)

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Alle hier veröffentlichten Original-Fotopostkarten von Ezra Meeker befinden sich in meiner privaten Sammlung. Ich habe über die Jahre um die 50 seiner Fotos zusammengetragen, sowie sein erfolgreichstes Buch mit persönlicher Signatur.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2020Die kommende Ausgabe

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