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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit St. Louis?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit St. Louis?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 14. oder 15. Februar 1764 wurde eine der Metropolen Amerikas gegründet, die sich noch heute als „Tor zum Westen“ bezeichnet und in der Tat im 19. Jahrhundert für Jahrzehnte eine der einflußreichsten Städte der Neuen Welt war: St. Louis.

Weniger bekannt ist ihr Gründer, Pierre Lacléde Liguest, in der Regel von der Geschichtsschreibung nur als PIERRE LACLÉDE erwähnt (1729-1778)

Er war ein französischer Pelzhändler – und das ist nicht erstaunlich. Der Pelzhandel war das erste Multimilliardendollar-Geschäft in Nordamerika. Das „braune Gold“ war seit dem 17. Jahrhundert der begehrteste Schatz des Kontinents, um den die Weltmächte Europas Kriege führten. Der Pelzhandel war der „Türöffner“ in den amerikanischen Westen. In der frühen Periode dieses Handels waren französische Einwanderer dominierend im Pelzgeschäft.

Die Region am Missouri befand sich im 18. Jh. in spanischem Besitz, aber es waren überwiegend Franzosen, die als Händler und Trapper hier unterwegs waren. Die Gegend wurde in jenen Tagen auf den Landkarten als „Oberes Louisiana“ bezeichnet.

Lacléde stammte aus Bedous in Frankreich. Sein Vater war Jurist. Seine Familie bestand aus Wissenschaftlern und Schriftstellern.

Im Alter von 26 Jahren ging Lacléde in New Orleans an Land. Warum er nach Nordamerika auswanderte, ist bis heute nicht geklärt. Einige Historiker sprechen von Abenteuerlust, andere halten wirtschaftliche Gründe für ausschlaggebend; er war einer der jüngeren Söhne, der kaum Aussicht auf ein großes Erbe hatte. In Frankreich hatte er in der Armee gedient.

Binnen weniger Jahre wurde Lacléde ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, was vermutich auch damit zusammenhing, dass er nicht wie andere Franzosen an den Lebensgewohnheiten der alten Welt festhielt, sondern sich als sehr anpassungsfähig erwies. Er entwickelte Menschenkenntnis und einen sicheren Instinkt für Geschäfte.

Lacléde verstand es, sowohl gute Verbindungen zur spanischen Verwaltung der Kolonie als auch zu den Indianervölkern der Region zu knüpfen. In New Orleans traf er auf die attraktive Madame Marie-Therese Bourgeois Chouteau. Es begann eine jahrelange Affäre, aus der vier Kinder hervorgingen: Jean Pierre (1758), Marie Pélagie (1760), Marie Louise (1762) und Victoire (1764). Sie alle trugen den Nachnamen „Chouteau“, denn die Mutter war in jener Zeit mit René Auguste Chouteau verheiratet. Ihr Ehemann war zehn Jahre älter als sie und hatte in New Orleans eine Taverne geführt. Nach der Geburt seines ersten Sohnes, Auguste Chouteau, hatte er seine Frau verlassen und war nach Frankreich zurückgekehrt.

In jener Zeit wurden Scheidungen von der katholischen Kirche strikt untersagt, so dass Madame Chouteau und Pierre Lacléde unverheiratet zusammenleben mußten.

Diese für die damalige Zeit als „unmoralisch“ geltenden Famlienverhältnisse waren vermutlich der Grund, das Lacléde 1763 entschied, New Orleans zu verlassen und den Mississippi aufwärts zu ziehen. Unterhalb der Mündung des Missouri in den Mississippi errichtete er einen neuen Trading Post. Kurz darauf folgte ihm Madame Chouteau mit den Kindern. Für die Familie war es eine Art Neuanfang. Eine Heirat war noch immer nicht möglich, aber Lacléde baute ein Haus für Madame Chouteau, die in der kleinen Siedlung rings um den Handelsposten sehr beliebt war. Sie trug später den Spitznamen „Königin von St. Louis“.

Dann tauchte René Chouteau plötzlich wieder in New Orleans auf und verlangte ultimativ, dass seine Frau wieder mit ihm lebte. Inzwischen war Lacléde geschäftlich einflußreich genug, um dafür zu sorgen, dass sowohl die Kirche als auch die Behörden das Ersuchen Chouteaus verschleppten – und bevor es zu behördlichen Maßnahmen kommen konnte, starb Chouteau eines Nachts im Vollrausch.

Pierre Lacléde war für die Gründung seines Handelspostens eine geschäftliche Verbindung mit dem reichen Geschäftsmann Gilbert Antoine de Saint-Maxent in New Orleans eingegangen. Beide Männer versuchten, den Pelzhandel der Region vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Mit Maxents Geld konnte Lacléde den Ausbau seines Trading Posts vorantreiben.

Da er sich die Indianervölker weiter im Norden als Handelspartner sichern wollte, bereitete Lecléde im August 1763 eine Expedition vor, um flußaufwärts weitere Außenposten zu errichten. Begleitet wurde er von dem 14jährigen René Auguste Chouteau, den er inzwischen adoptiert und dem er die Grundlagen des Pelzhandels beigebracht hatte. Im Dezember erreichten sie den Zusammenfluß von Missouri und Missippi. Etwa 18 Meilen unterhalb der Mündung ließ Lacléde das Areal für eine Siedlung vermessen und errichtete eine neue Handelsniederlassung – das war die Keimzelle von St. Louis. Im Februar 1764 wurde die offizielle Gründung der Stadt vollzogen. Lacléde sicherte sich die wichtigsten Parzellen entlang des Missouri River, wo der große Flußhafen entstehen sollte. Bis heute trägt der Regierungsbezirk seinen Namen, und seine Kinder, sowie sein Stiefsohn, sollten die Entwicklung der Stadt dominieren. Während Laclédes Name nach seinem Tod verblaßte, wurde die Familie Chouteau beherrschend im Pelzhandel und in der Dampfschifffahrt auf dem Missouri. Die Chouteaus bauten St. Louis zum Handelszentrum aus. Hier liefen alle Verkehrsverbindungen für den Indianerhandel im Fernen Westen zusammen. Die Chouteaus übernahmen schließlich die große „American Fur Company“ von Johann Jacob Astor.

St. Louis wurde zum Dreh- und Angelpunkt für die Wanderung nach Westen. Von hier aus brachen Tausende Planwagentrecks auf, nachdem der Pelzhandel um 1840 einen dramatischen Rückgang erlebte.

In den Jahrzehnten davor hatte die Stadt eine wechselvolle Geschichte gehabt. Sie war aus dem Besitz Spaniens 1800 in den Besitz Frankreichs übergegangen. 1803 wurde sie nach dem Kauf von Louisiana durch die USA schließlich amerikanisch.

Die verwirrenden politischen Verhältnisse führten dazu, das Lacléde und die Chouteaus lange Zeit wie kleine Fürsten herrschen konnten, weil es keine gesicherten Verwaltungsstrukturen gab. Lacléde regierte den Ort faktisch wie seinen Privatbesitz. Er teilte neuen Siedlern die Grundstücke in der Stadt und der Umgebung zu und genehmigte die Niederlassung von Geschäften. Die ersten Bewohner nannten diese Zeit die „goldenen Jahre von St. Louis“.

Unter amerikanischer Herrschaft wurde St. Louis dann endgültig zum Eingangstor zum Westen. Von hier aus brach die „Lewis & Clark Expedition“ auf. Von hier aus drangen die bedeutenden Pelzhändler Manuel Lisa und William Ashley in die westlichen Weiten vor, um Kontakt mit den Indianervölkern zu suchen. Hier amtierte William Clark als Indianeragent für sämtliche westlichen Stämme. Europäische Reisende wie Paul von Württemberg oder Maximilian zu Wied begannen ihre bahnbrechenden Expeditionen in dieser Stadt.

Die Schiffsroute den Mississippi hinunter nach New Orleans öffnete nicht nur den Pelzhändlern, sondern auch den Siedlern im Umfeld von St. Louis den Weg zu den europäischen Märkten. Noch heute bilden Mississippi und Missouri eines der größten Wasserstraßensysteme der Welt. Die fruchtbaren Farmgebiete der Staaten Missouri und Illinois grenzen an die östlichen Ausläufer der Great Plains, so dass St. Louis als wirtschaftliches Zentrum bis fast zum Ende des 19. Jahrhunderts überlebte.

Die Boomzeiten liegen inzwischen lange zurück, aber St. Louis ist noch heute die zweitgrößte Stadt des Staates Missouri – nach Kansas City – und mit einer Gesamtbevölkerung im weiteren Umkreis von über 2,8 Millionen Menschen eine der größten Metropolen der USA.

Trotz aller Veränderungen seit der Stadtgründung, weist der Altstadtbereich noch immer einige Anklänge an die große Geschichte auf, für die diese Stadt steht, auch wenn die Zeit der dickbauchigen Schaufelraddampfer, der Trapper und Mountain Men und der Planwagenkarawanen lange vergangen ist. Immerhin: Es gibt noch immer das 1919 errichtete, unter Denkmalschutz stehende Gebäude der INTERNATIONAL FUR EXCHANGE, das Geschäftshaus der „Fouke Fur Company“, die man als Nachfolger der alten St. Louis-Pelzhandelsuntenehmen der Ashleys, Lisas, Astors und Chouteaus ansehen kann. Sie war zeitweise die größte Handels- und Veredelungsfirma für Pelze in der Welt und führte rd. 40 Jahre lang noch Pelzauktionen in St. Louis durch. 1963 ist sie nach Greenville in North Carolina umgezogen.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die aktuelle Ausgabe

 

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