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Derrick und seine Fälle: Folge 263 - Der Verteidiger

Derrick und seine FälleFolge 263
Der Verteidiger

Die Klavierlehrerin Irmgard Trenk beobachtet, wie der "Immobilienhai" Rohm einen Mann erschießt. Rohm bestreitet den Mord. Derrick verfolgt jetzt die Aktivitäten von Rohms Anwalt Steinhoff. Schließlich weiß der genau, welche Bedeutung die Zeugenaussage hat.  (1)

Eine Folge, welche die Derrick-Gemeinde mal wieder spaltet.


Die einen sagen, eine super Folge, vor allem im Vergleich mit den übrigen 90er Jahre-Folgen.

Andere Stimmen sehen es weniger positiv. Ich zähle mich da mal zu den letzteren. Denn man muss diese Folge nicht im Kontext zu den 90er-Jahre-Folgen sehen, sondern im Zusammenhang mit der gesamten Serie.

Dabei fällt auf, dass die Geschichte quasi von hinten aufgezäumt wurde.

Immobilienhai Rohm hat viele Feinde, zwei Mordanschläge werden auf ihn verübt (diese sieht man nur in Rückblenden). Klavierlehrerin Trenk beobachtet ihn beim Mord. Doch es kommt nicht zur Anklage, da er einen guten Anwalt hat. Am Ende erkennt der Anwalt seinen Fehler. Doch es ist zu spät. Klavierlehrerin Trenk war dem Druck nicht gewachsen und beging Selbstmord. Der Anwalt dreht es so, das Rohm nun für den Selbstmord als Mörder büßen muss.

In den 70er und 80er Jahren hätte man die Geschichte wahrscheinlich so erzählt: Immobilienhai Trenk hat viele Feinde. Nach einem Mordanschlag ermittelt Derrick. Doch er kommt nicht recht weiter. Dann geschieht ein zweiter Anschlag. Später wird ein Kontrahent von Rohm ermordet. Derrick vermutet eine Verwechslung. Dann meldet sich eine Zeugin, Frau Trenk. Da auch sie zu den Geschädigten gehört, glaubt Derrick ihr nicht, dass Rohm seinen Kontrahenten erschossen hat. Sie gerät unter psychischen Druck, der vor allem von Rohms Anwalt ausgeht. Später begeht sie Selbstmord. Der Anwalt ist nun auch nicht mehr von Rohms Unschuld und bekommt Gewissensbisse.

So herum wäre es deutlich spannender geworden, weil geheimnisvoller. Im vorliegenden Fall weiß der Zuschauer einfach zuviel. Und am Ende steht Derrick wenigstens zum Teil vor einem ungelösten Fall.

Abschied vom Derrick: Walter Renneisen geht nach 6 Einsätzen (erstmals dabei in der Folge "Judith" (1990); Udo Vioff geht nach 7 Einsätzen (erstmals dabei in Folge "Schubachs Rückkehr" (1979), gleichzeitig ist dieser Derrick seine letzte TV-Arbeit; Willy Schultes geht nach 9 Einsätzen (zum ersten Mal 1979 in "Das dritte Opfer" dabei); Gaby Dohm geht nach fünf Auftritten (erstmals dabei 1975 in "Zeichen der Gewalt").

Jürgen Hentsch (Der Totmacher) liefert als Immobilienhai Rohm ein einmaliges Derrick-Gastspiel ab.

Darsteller: Horst Tappert, Fritz Wepper, Willy Schäfer, Philipp Moog, Gaby Dohm, Jürgen Hentsch, Walter Renneisen, Dirk Galuba, Willi Schultes, Udo Vioff und andere
Stab: Musik: Eberhard Schoener Titelmusik: Les Humphries, Regie: Peter Deutsch Produzent: Helmut Ringelmann. Eine Produktion der Telenova Film- und Fernsehproduktion im Auftrag von ZDF, ORF, SRG. Erstsendung: 06.09.1996

(1) ZDF

Kommentare  

#1 R. Krzykalla 2018-07-18 20:08
Also ich gehöre zu der anderen Franktion. Für mich ist diese Folge sogar ein Geniestreich von Herbert Reinecker gewesen. Ich habe bislang noch in keiner Folge so intensiv mitgefiebert und war so gespannt, wie es am Ende ausgehen wird. So kurzweilig wie diese Folge war gefühlt für mich auch noch kein anderer Derrick. Und so angeekelt, wie hier bei der Figur des total rücksichtlosen und karrieregeilen Anwalts, der sprichwörtlich sogar über Leichen geht, war ich auch nur selten.

Der Clou ist, dass die Stärke dieser Folge beileibe nicht darin liegt, dass es hier nur um die profane Auflösung eines Mordfalls ging, bei dem der Zuschauer, wie so oft, im Unklaren gelassen wird, damit er bis zum Ende bei der Auflösung mitraten kann. Das spielt in dieser Folge nur peripher eine Rolle und das ist auch gut so! Obwohl es durchaus erst zum Ende hin eindeutig wird, dass Rohm der Mörder war, war mir dieser Fakt schon längst völlig egal.

Der Schwerpunkt in dieser Folge ist für mich die geniale Charakterzeichnung der beiden Hauptfiguren. Etwas, was sich Reinecker in seinen Sternstunden scheinbar sehr leicht aus den Ärmel schütteln konnte. Vor allem die Figur des Anwalts, total genial und überzeugend gespielt von Philip Moog, stand hier eindeutig im Mittelpunkt. Ein junger Mann, der unbedingt Karriere machen will, oder dies indirekt von seiner Familie her tun muss, bekommt quasi auf dem Silbertablett serviert einen Aufsehen erregenden Fall, der seine Chance darstellt. Ihm gegenüber steht die einzige Zeugin des Mordfalls, die das genaue Gegenteil darstellt: eine Frau, die sich nur mit Mühe durch ihr Leben hangelt, die aufgrund ihrer Vergangenheit sehr labil und tendenziell schon längst depressiv ist. Die Konfrontation dieser beiden gegensätzlichen Charaktere, und die Wandlung des Anwalts am Ende, waren für mich so nicht voraussehbar. Und so unwichtig wie in dieser Folge war die bloße Aufklärung eines Mordfalles für mich auch noch nie.

Die Konzentration auf diese beiden Figuren, und der psychologische Druck, der dieser Begegnung von Anfang an inne wohnte, das hat sogar den Derrick zu einer bloßen Zuschauerrolle degradiert, die mehr oder weniger sogar fast bedeutungslos war.

Wie der Anwalt es am Ende noch hingedreht hat, dass der Rohm doch noch als Mörder angeklagt werden konnte, obwohl die einzige Zeugin nicht mehr gelebt hat, das war schon wirklich genial. Es war sogar schlüssig, dass der Fall nicht aufgeklärt werden durfte. :)

Das einzige, was ich bemängeln könnte, wäre, dass die Wandlung des Anwalts ein wenig zu schnell und zu plötzlich vor sich ging. Aber darüber kann ich noch hinweg sehen. Schon weil es sehr schwierig ist, eine derart tiefe Charakterzeichnung in einem Krimi, der nur eine knappen Stunde dauern darf, unterbringen zu können. Der guten Idee hätte es gut getan, wenn sie mehr Zeit zur Entfaltung hätte bekommen können, beispielsweise in einer Folge mit Spielfilmlänge.

Für mich waren es Folgen wie diese, die den Erfolg und die Einzigartigkeit der Derrickserie ausgemacht haben. Reineckers Einfälle waren natürlich beileibe längst nicht immer so genial wie hier. Aber er hat etwas geschaffen in seinen vielen Jahren als Autor, was es in der heutigen Zeit leider nicht mehr gibt.
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