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DER CLUB DER UNSTERBLICHEN

Das Grauen wird 40DER CLUB DER UNSTERBLICHEN

Michael 'MadMike' SchönenbröcherEs war schon spät, als er von seinem Kreuzzug zurückkehrte.

Nicht von einer Schlacht gegen die Moslimen im fernen Orient; diese Zeiten waren längst vorbei. Doch auch sein Kreuzzug nahm sich der "Ungläubigen" an. Und er führte ihn nicht minder erbarmungslos wie einst die Heerscharen von König Löwenherz.

"Verdammte Ignoranten!", knurrte Marcel, immer noch ärgerlich ob des Widerstandes, der ihm bei der Talkshow zum Thema "40 Jahre Horrorhefte in Deutschland" im Studio eines öffentlich-rechtlichen Senders entgegengeschlagen war und den er in alt gewohnter Weise zurückgeschmettert hatte. Diese irregeleiteten Leser und billigen Autoren glaubten doch wirklich, ihm gewachsen zu sein! Nun, das Publikum hatte er schnell auf seine Seite gezogen. Kein Wunder; die Vorurteile saßen tief und waren so leicht zu schüren...

Er ließ sich auf die Ledercouch fallen, lehnte sich zurück und fuhr sich mit beiden Händen über die müden Augen, während die Standuhr mit zwölf hohlen Schlägen Mitternacht verkündete. Durch die gläserne Balkontür zum Garten fiel helles Mondlicht in den Raum und malte die Streifen der Jalousien auf den hochflorigen Teppich.

Jetzt noch einen guten Cognac, um die Nerven zu beruhigen, und dann...

"Guten Abend", sagte eine Stimme.

Der Schrecken durchzuckte Marcel wie ein Blitzschlag. Unwillkürlich schrie er auf, fuhr aus dem Sessel hoch und blickte wild um sich. Es dauerte einige Sekunden, bis er in den Schatten neben dem Fenster den Umriss einer dunklen Gestalt ausmachte.

"Wer... sind Sie?", rann es über seine Lippen.

"Wir haben Sie bereits erwartet, Marcel." Die Antwort auf seine Frage kam aus einer ganz anderen Richtung, sodass er abermals herumwirbelte.

Eine hoch gewachsene Gestalt, offenbar in eine Mönchskutte gekleidet, trat in den Mondenschein. Die Lichtstreifen der Jalousie ließen sein Gewand wie das eines Sträflings aussehen und weckten in Marcel ebensolche Assoziationen. Doch nachdem der erste Schreck verflogen war, gewann auch sein starkes Selbstbewusstsein wieder Oberhand, und er trat der Gestalt fast drohend entgegen.

"Was wollen Sie? Mein Geld? Wertsachen?"

Das Kopfschütteln seines Gegenübers war in der Dunkelheit nur zu erahnen. "Nein. Nur Ihre Aufmerksamkeit. Und Ihre Objektivität."

Noch bevor Marcel seiner Verblüffung Herr werden konnte, wurde es finster vor seinen Augen. Er spürte, wie sich von hinten Stoff über seinen Kopf stülpte. Eine Kapuze!

Er wollte protestieren, schreien, sich wehren – und tat es doch nicht. Von der dunklen, mit einem französischen Akzent gefärbten Stimme des Fremden vor ihm ging ein seltsamer Zauber aus, der ihm die Lippen verschloss:

"Sie werden mit uns kommen, Marcel. Und wenn wir die Kapuze wieder entfernen – vielleicht können wir Ihnen die Augen dann wirklich öffnen..."

***

Der alte Friedhof lag im Osten der Stadt. Schon vor Jahren war er aufgegeben worden, und nun verrotteten die alten Grabkreuze, schob sich Moos über die Marmorplatten, holte die Natur sich zurück, was der Mensch ihr einst genommen hatte. Auch dies war Vergänglichkeit, wie sie in den Inschriften der Gräber hundertfach dokumentiert wurde.

Die kleine Prozession, die kurz nach Mitternacht den Gottesacker betrat und sich zielstrebig auf dessen Zentrum zu bewegte, kam nicht, um einen weiteren Toten zur ewigen Ruhe zu betten. Die in lange Kutten gehüllten Gestalten fürchteten den bleichen Gevatter nicht. Sie hatten ihn längst bezwungen. Nur der Mann, den sie mit sich führten, war sterblich.

Unbemerkt erreichten sie die Krypta, die sich auf einem kleinen Hügel inmitten des Friedhofs erhob. Auch an ihr war die Zeit nicht spurlos vorübergegangen; der Stein war verwittert, das gusseiserne Tor hing Rost zerfressen und schief in den Angeln.

Nacheinander betraten die Gestalten die Gruft. Die Luft roch nach Moder und Verfall. Hier erst nahmen sie dem Mann in ihrer Mitte die Kapuze ab, die bislang dessen Haupt verhüllt hatte.

"Wohin habt ihr mich...?" polterte Marcels Stimme, kaum dass er wieder sehen konnte. Der dumpfe Nachhall seiner Worte ließ ihn verstummen, noch bevor er den Satz beendet hatte. Verwirrt und erschrocken sah er sich um. Eine Gänsehaut kroch über seinen Rücken. "Was ist das hier? Ein Grab?" Seine Stimme bebte leicht.

Die Vermummten antworteten nicht. Stattdessen trat einer von ihnen zu dem Sarkophag, der in der Mitte des Raumes stand, und verschob dessen Deckel; so mühelos, als besäße er das Gewicht einer Feder.

Licht fiel aus der Öffnung! Trübe Helligkeit, in der Marcel unschwer Stufen erkennen konnte, die nach unten führten.

Sie stiegen hinab, und Marcel blieb keine Wahl, als sich zu fügen. Staunend nahm er wahr, dass sich die Szenerie veränderte, je tiefer sie den steinernen Stufen in die Unterwelt folgten. Die Wände, erst rau und moderig und von Flechten überzogen, wurden zu sauber verputzten Mauern. Der Schutt, der anfangs noch den Weg bedeckt hatte, wich Marmorfliesen und schließlich edlem Teppichboden. Und auch die Luft wurde mit jedem Schritt besser.

Trotzdem blieb Marcel vor Staunen der Mund offen stehen, als sie schließlich das Ziel ihrer Reise erreichten.

Ein Zimmer, das er in solcher Pracht und mit all diesen Schätzen niemals erwartet hätte. Das Plätschern eines kleinen Springbrunnens erfüllte den weitläufigen Raum. Kostbare Lüster tauchten antike, aber gepflegte Ledersessel, die sich zu einer Sitzecke gruppierten, in sanftes Licht. Gobelins mit prachtvollen Motiven an den Wänden täuschten darüber hinweg, dass es hier unten keine Fenster gab. Am beeindruckendsten aber waren die deckenhohen Bücherregale mit den alten Folianten darin. Marcel fühlte sich wie magisch davon angezogen.

Sein Blick schweifte über die Rücken der Bücher: "Moby Dick" von Herman Melville; Dantes "Göttliche Komödie"; "Die Schatzinsel" und "Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde" von Robert Louis Stevenson; Jack Londons "Der Seewolf" und "Lockruf des Goldes"; "Von der Erde zum Mond" und "Der Kurier des Zaren" von Jules Verne; "Die menschliche Komödie" von Honoré de Balzac; Guy de Maupassants "Bel ami"...

"Gefällt Ihnen, was Sie sehen?", riss ihn die Stimme mit dem französischen Akzent aus seinen Gedanken. Er fuhr herum.

Das Gesicht des Unheimlichen lag unter der vorgezogenen Kapuze noch immer im Dunkel. Und Marcel war sich nicht sicher, ob er es überhaupt erkennen wollte. Musste sich nicht ein bleicher Totenschädel darunter verbergen? Wer waren diese Gestalten, die tief unter einer Gruft hausten und ihn zu mitternächtlicher Stunde verschleppt hatten?

"Nun", beantwortete er etwas verspätet die Frage seines Gegenübers, "es sind allesamt Klassiker, verfasst von großen Autoren. Ich selbst war als Jugendlicher ein großer Bewunderer von Jules Vernes unsterblichen Werken."

"Das freut mich zu hören", ließ sich einer Vermummten, die sich im Halbkreis hinter ihrem Wortführer aufgestellt hatten, vernehmen. Er griff an den Rand seiner Kapuze – und zog sie mit einem Ruck nach hinten. Seine Gefährten folgten dem Beispiel.

Innerlich atmete Marcel auf. Es waren – entgegen aller Befürchtungen, die er gehegt hatte – keine knöchernen Totenfratzen. Die Sieben, allesamt Männer im besten Alter, sahen völlig normal aus, wenngleich auch auf seltsame Weise... altertümlich. Und bis auf den Mann mit dem mächtigen Vollbart, der sich eben zu Wort gemeldet hatte, waren sie Marcel vollkommen fremd. Den Bärtigen glaubte er schon einmal gesehen zu haben – ohne sich aber daran zu erinnern, wo und in welchem Zusammenhang.

"Wer sind Sie?", fragte er noch einmal.

Sein Gegenüber zeigte mit einer ausholenden Geste in die Runde.

"Aber Sie kennen uns alle", meinte er. Lag nicht ein Hauch von Amüsement in seiner Stimme? Marcel war irritiert.

"Ich kenne Sie nicht!", sagte er bestimmt. Noch einmal taxierte er den Vollbärtigen, doch das letztliche Erkennen blieb aus. "Da bin ich mir ganz sicher", fügte er hinzu.

"Gerade haben Sie noch wohlwollend unsere Werke betrachtet", entgegnete der Wortführer, ein Mann mit struppigem Schnauzbart und gewelltem Haar.

Es dauerte einen Moment, bis Marcel begriff. Und es im selben Moment leugnete. "Aber... nein, das kann nicht sein. Das ist..."

"Unmöglich?", fragte sein Gegenüber. Er runzelte die Stirn. "Nun, das ist es in der Tat – wenn man nicht genügend Phantasie besitzt, auch das Unmögliche zu erwägen. Nichtsdestotrotz sind wir leibhaftig hier." Er verbeugte sich leicht. "Mein Name ist Guy de Maupassant." Er wies erneut in die Runde. "Mister Stevenson, Signore Dante Alighieri, Mister John Griffith, den Sie als 'Jack London' kennen, Monsieur de Balzac, Mister Melville und Monsieur Verne. Es ist uns eine Freude, Sie im 'Club der Unsterblichen' willkommen zu heißen."

***

Marcel hatte den Whiskey, den Stevenson ihm angeboten hatte, wohl etwas zu schnell hinuntergekippt; nun schien seine Speiseröhre in hellen Flammen zu stehen. Dafür wich allmählich das flaue Gefühl aus seiner Magengegend.

Er setzte sich im Sessel auf, in den er gesunken war, als ihm bewusst wurde, woher er das bärtige Gesicht tatsächlich kannte: aus den Büchern seiner Jugend. Es war Jules Verne, kein Zweifel! Und nun, da er die Gesichter der anderen noch einmal in Ruhe Revue passieren ließ, verdichtete sich die anfängliche Skepsis immer mehr zu Erkennen. Dies waren in der Tat jene weltberühmten Literaten, für die sie sich ausgaben – obwohl sie doch schon vor langer Zeit gestorben waren. Aber wie war das möglich...?

Jack London, ein jugendlich wirkender Mann mit tief liegenden Augen, schien ihm die Zweifel von der Stirn abzulesen. Er trat näher und ließ sich im Sessel rechts neben ihm nieder.

"Ich war ähnlich erstaunt darüber, dass ich nicht tot und begraben bin, das können Sie mir glauben", sagte er leichthin.

"Aber wie...", wollte Marcel seine Gedanken in Worte fassen – und scheiterte auch daran.

"Das weiß keiner von uns genau", antwortete ihm Honoré de Balzac, ein stämmiger Mann mit einem Schnauzbart, der ihm bis zum Kinn reichte, in gebrochenem Idiom. "Wir waren tot, und plötzlich – voilá – lebten wir wieder. Ein Wunder!"

"Hervorgerufen durch Unrecht", präzisierte Stevenson und nahm links neben Marcel Platz. "Ich glaube zu wissen, warum gerade wir – und gerade zur heutigen Zeit – zurückkehren durften. Und Sie, mein lieber Marcel, sind die Verkörperung dieses Unrechts."

"Aber was soll ich verbrochen haben?", empörte sich Marcel. "Ich bin ein unbescholtener Bürger mit einem ehrbaren Beruf und lauteren Absichten!"

"Eben daran wage ich zu zweifeln", erhob nun auch Herman Melville seine Stimme. Wie Jules Verne, zierte auch ihn ein eindrucksvoller Vollbart. "Nennt man Sie nicht den 'Kritiker des Trivialen'? Den 'Verfechter hoher Literatur'?"

"Ja... und?"

"Verstehen Sie noch immer nicht?", wandte sich Stevenson an ihn. "Sie verkörpern die Vorurteile, deretwegen man unsere Erben verdammt und in den Schmutz stößt."

Marcel blinzelte verwirrt. "Ihre... Erben?"

"Die Autoren der Unterhaltungsliteratur", machte Verne deutlich. "Die Männer und Frauen, die in jenem Geist schreiben, wie wir es einst taten, mit demselben Enthusiasmus und der gleichen Phantasie."

"Diese billigen Schreiberlinge?", fuhr Marcel empört auf. "Wie können Sie die allen Ernstes als Ihre Erben titulieren?"

"Sind sie es denn nicht?", fragte Balzac. "Ich selbst schrieb über achtzig Einzelromane, bis meine 'Menschliche Komödie' vollendet war."

"Ich brachte es immerhin auf über zweihundertsechzig Novellen und sechs Romane", führte Maupassant an.

"Und wenn Sie ein Leser meiner Abenteuergeschichten waren", ergänzte Jules Verne, "wissen Sie wohl um deren Vielzahl. Etliche wurden sogar umgesetzt in... wie nennt man noch gleich diese Weiterentwicklung der laterna magica?"

"Film", half Jack London ihm aus.

"Richtig, Film."

"Aber das hat doch nichts mit diesem Schund zu tun, der heutzutage die Zeitschriftenläden überflutet und die intellektuelle Entwicklung junger Leute verhindert!", glaubte sich Marcel verteidigen zu müssen. "Dieses niveaulose Futter für die untersten Klassen..."

"Unterste Klassen?", unterbrach ihn Stevenson, ein hoch aufgeschossener, hagerer Mann mit gepflegtem Schnauzbart. "Was wissen Sie denn über die so genannten 'unteren Klassen'?" Seine Stimme bekam einen wehmütigen Klang. "Ich schrieb damals für eben diese Schichten, die sich gebundene Folianten nicht leisten konnten. Sie nahmen meine Romane dankbar an und machten mich erst zu dem, als der ich heute gelte. Schon damals gab es Zeitgenossen, die das Triviale verteufelten, die den hehren Grundsatz 'Lesen bildet' nicht auf das einfache Volk beziehen wollten – vielleicht aus Angst, vielleicht aus purer Ignoranz."

"Es ist so leicht, die Träumer und Illusionäre zu verdammen", fuhr Balzac fort. "Die Wohlhabenden kauften sich das materielle Glück; für die anderen blieben Armut und Verzweiflung. Ich bin dankbar, dass ich für eben diese schreiben durfte; über Leidenschaften, Intrigen, das Streben nach Macht und die Begierde. Zutaten, die auch heute noch in fast jedem Roman zu finden sind."

"Und in diesen flimmernden Kästen", fügte Verne hinzu, "die sich der drahtlosen Bildübertragung bedienen."

"Im Fernsehen?" fragte Marcel.

"Richtig, Fernsehen", nickte Verne. "Eine phänomenale Erfindung, in der Tat. Doch verstehe ich nicht, warum die Menschen einerseits die triviale Literatur verdammen und andererseits das Fernsehen vergöttern. Zumal mir dessen Inhalte doch um einiges simpler erscheinen als die der Romane. Würden Sie nicht sagen, dass das Lesen Phantasie und Bildung bedeutend mehr unterstützt als optische Reize allein?"

"Nun, ja..." Marcel suchte nach Worten, wollte, seinem Ethos gemäß, widersprechen – und fand doch keinen Ansatzpunkt.

"Sollte man nicht im Gegenteil froh sein über jede Zeile, die ein junger Mensch liest?", fragte Honoré de Balzac. "Es ist immerhin erwiesen, dass sich Stil und Sprache aus dem geschriebenen Wort heraus viel besser entwickeln, als bunte Bilder dies vermögen."

"Schluss!" Marcel sprang auf. Er fühlte sich in die Enge getrieben – mehr geistig denn körperlich –, und das wollte ihm nicht gefallen. "Versuchen Sie nicht, mit solch billigen Argumenten meine Meinung zu ändern. Natürlich kann eine TV-Serie nicht bieten, was ein Roman zu vermitteln vermag; schließlich bleibt dem Gehirn kaum Zeit, die Reizüberflutung zu verarbeiten. Es stimmt wohl: Lesen fördert die Phantasie. Aber es kommt doch darauf an, was man liest! Vergleichen Sie doch lieber Jerry Cotton mit Günther Grass oder Berthold Brecht!"

"Große Autoren, in der Tat." Stevenson lehnte sich lächelnd im Sessel zurück. "Werke, die ein Mann wie Sie gewiss dem Trivialen vorzieht. Aber...", er legte eine wohl bemessene Pause ein, "... glauben Sie nicht, dass jungen Menschen durch derart schwere Literatur das Lesen eher verleidet wird? So wie sie auch in der Schule mit langweiligen Analysen, Charakeristiken und Interpretationen gemartert werden, anstatt die Freude des Lesens zu erfahren? Unser Metier war nicht umsonst der Schicksals- und Abenteuerroman, die leichte Muse. Wir haben Generationen von Lesern das Lesen erst schmackhaft gemacht."

"Erwarten Sie denn von einem Sportler, dass er seine Karriere gleich bei den Olympischen Spielen beginnt?", erkundigte sich Herman Melville. "Steht davor nicht erst das Training, der Eintritt in einen kleinen Sportverein, die langsame Steigerung seiner Leistung, vielleicht gar bis hin zur olympischen Reife? Warum gestehen Sie den Lesern nicht auch dieses Recht zu? Das Lesen, die Neugierde auf andere Stoffe müssen trainiert werden! Mit Romanheften fängt es an, es folgen Belletristik und Sachbuch, bis man schließlich auch große Literatur konsumieren möchte. Wir – und unsere Erben – standen und stehen an den Anfängen dieser Entwicklung, begleiten sie gleichsam. Nicht wenige große Autoren, auch etliche, die sich heute nicht mehr daran erinnern mögen, sind aus der leichten Muse hervorgegangen. Isaac Asimov, Stephen King, Wolfgang Hohlbein, Marion Zimmer Bradley, Thomas R. P. Mielke... die Liste ist lang."

***

Marcel hatte die letzte Minute damit verbracht, ruhelos im Zimmer auf und ab zu gehen und gelegentlich zu nicken. Dabei hörte er kaum, was die untoten Klassiker ihm zu vermitteln suchten. Sein ganzes Sinnen war darauf ausgerichtet, langsam aber beständig der einzigen Tür des Raums näher zu kommen.

Nun hatte er sein Ziel fast erreicht; es fehlten nur fünf, sechs Schritte – die er mit einem Spurt zu überwinden hoffte.

Er sprang vor, und während die Autoren hinter ihm überrumpelt aus ihren Sesseln hochfuhren, riss er bereits die schwere Bohlentür auf und schlüpfte hindurch.

Marcel hetzte den Gang entlang und die Stufen hinauf. Er spürte allzu deutlich, dass er alles andere als in Form war. Bereits nach wenigen Metern pulsierte Seitenstechen über seiner rechten Hüfte. Aber er gönnte sich kein Verschnaufen, zumal er hören konnte, wie hinter ihm Schritte aufklangen.

Sie folgten ihm!

Er versuchte an etwas anderes zu denken, den Schmerz und die Angst zu vergessen, während das Mauerwerk an ihm vorbei flog.

Was wollten diese "Unsterblichen" eigentlich von ihm? Dass er sein ganzes bisheriges Lebenswerk leugnete? Sollte er etwa einsehen, dass der Autor eines Heftromans oder Taschenheftes mehr war als ein billiger Lohnschreiber, der seine Zeilen zwischen Frühstück und Fernsehprogramm auf das Papier rotzte? Dass er sich womöglich sogar noch Gedanken machte über das, was er da schrieb? Pah!

Aber ist es denn nicht so?, schien es ihm aus den Tiefen des Ganges entgegenzuhallen. Warum sollten jene Autoren, die vielleicht am Anfang einer großen Karriere stehen, sich denn nicht bemühen? Sind sie nicht gar kreativer als ein anerkannter Literat, der alle zwei Jahre ein großes Werk verfasst, das dann von zwei Prozent der Bevölkerung gekauft, von einem Prozent gelesen und von weniger als einem halben Prozent auch wirklich verstanden wird?

"Unsinn!", keuchte Marcel. "Es stimmt schon, was die Leute sagen: Heftromane sind Schund. Und wer sie liest, outet sich als intellektuell minderwertig."

Aber die Stimme in seinem Kopf blieb hartnäckig. Wer hat ihnen solche Urteile denn in den Kopf gesetzt?, flüsterte sie. Menschen wie du! Menschen, die nicht begreifen können, dass nicht nur hochgeistige Literatur Freude bereitet, sondern eben auch kleine Geschichten in der Sprache des Volkes, welche die Phantasie beflügeln, die Spannung und Entspannung bringen...

"Humbug!", spie Marcel aus, doch seine Stimme klang längst nicht mehr so selbstsicher wie noch am frühen Abend bei der Talkshow (war das wirklich erst wenige Stunden her?), als er seine Kritiker niedergemacht hatte – auf sprachlich so hoher Ebene, dass man ihm gar nicht hatte folgen können.

Wer bist du eigentlich, dass du dir anmaßt, über das Interesse anderer zu entscheiden?, fragte die Stimme. Hat nicht jeder das Recht, sich selbst seine Meinung zu bilden? Warum ermunterst du die Leute nicht, zu einem Romanheft zu greifen? Denn nur aus Erfahrung erwächst eigene Urteilskraft!

Marcels Schritte gerieten ins Stocken, als jahrelange, verhärtete Standpunkte zu bröckeln begannen. Als die Saat aufging, die der "Club der Unsterblichen" in sein Herz gestreut hatte.

Gleichzeitig erreichte er den Ausgang zur Gruft: die Marmorplatte über dem Sarkophag. Beinahe schon zögerlich stemmte er sich dagegen und schob sie zur Seite. Hinter ihm hallten noch immer die Schritte der Verfolger.

Sollte er nicht lieber umkehren und sich ihnen stellen? Die Diskussion mit den Wegbereitern des modernen Heftromans schien ihm plötzlich um vieles interessanter und gewinnträchtiger als die Flucht in alte Prinzipien.

Er fuhr zusammen, als sich ihm ein Arm entgegenstreckte. Nicht aus den Tiefen des Ganges – sondern von oben her, aus der Krypta!

"Los, kommen Sie!" drängte eine Stimme, und mehr im Reflex denn bewusst folgte Marcel der Aufforderung.

Der Griff des anderen war fest, und er zog ihn fast mühelos aus dem dämmrigen Gang nach oben. Immer noch verwirrt, betrachtete Marcel den Mann. Er war groß, blond, mit leicht krausem Haar und stahlblauen Augen. In der Linken hielt er ein silbernes Kreuz, das er nun dem Sarkophag entgegenreckte – wo sich in diesem Augenblick die Häupter von Jack London und Herman Melville über die Kante erhoben.

"Terra pestem teneto – salus hic maneto!" Die Stimme des blonden Hünen erfüllte die Gruft. Doch irgendetwas schien ihn gleichzeitig zu irritieren.

Als Marcels Blick zurück zu dem Sarkophag glitt, sah auch er es: Die Unsterblichen krümmten sich nicht etwa in Agonie ob des Bannspruchs, wie der Fremde es wohl erwartet hatte – sie waren lediglich stehen geblieben und sahen Marcel entgegen.

Auch Stevenson war bei ihnen aufgetaucht. In seinem Blick hielten sich Melancholie und Beharrlichkeit die Waage.

"Denke über unsere Argumente nach", sagte der große schottische Autor an Marcel gewandt, und seine Worte schienen gleichsam zu verwehen, während die Silhouetten der Unsterblichen an Substanz verloren.

Jules Verne schob sich nach vorn. "Erinnere dich an die Lektüre deiner Kindheit. Es ehrt mich, dass dein Herz mir und meinen Abenteuern gehörte. Und vergiss nicht, dass auch neue Generationen nach solcher Lektüre verlangen..."

Seine Stimme verging – und mit ihr die Gestalten aus der Gruft. Waren sie zurückgekehrt in die Unsterblichkeit?

Marcel atmete tief durch, indes der Schmerz in seiner Seite allmählich nachließ. Er wandte sich an den Hünen, der sein Silberkreuz nun sinken ließ. Eine steile Falte erschien auf Marcels Stirn.

"Ich... kenne Sie", sagte er und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Das Erscheinungsbild, das Kreuz, der lateinische Spruch – kein Zweifel! "Sie sind... dieser Geisterjäger aus den Romanheften, nicht wahr?"

Sein Gegenüber lächelte. "Nicht wirklich."

"Nicht... wirklich?"

"Ich bin – wie würden Sie es formulieren? – eine Projektion Ihrer Phantasie. Offenbar haben Sie noch immer genügend davon, um sich selbst aus Ihren Vorurteilen zu retten."

"Ich verstehe nicht."

Der Mann lächelte abermals. "Ich bin ein Bruder Kapitän Nemos. Ein Verwandter Winnetous. Ein Gefährte von Robin Hood. Ich bin ein Traum in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen – und mancher Erwachsener, die sich ihre Jugend bewahrt haben. Wie also hätte ich dich retten können? Du selbst hast es getan!" Er wandte sich zum Gehen, und gleichzeitig verblasste auch seine Gestalt. "Dies war der erste Schritt auf deinem Weg..."

***

Als die aufgehende Sonne über den Horizont lugte, beschien sie eine Szenerie, die jedem Eingeweihten höchst seltsam vorgekommen wäre.

Ein Mann, der gestern noch als der "Kritiker des Trivialen" gegolten hatte, wartete ungeduldig vor einem Zeitungskiosk, und als dieser seine Läden öffnete, erstand er eine Vielzahl jener bunten Heftchen, über die er bislang gnadenlos gewettert hatte.

Doch er tat es nicht etwa, weil ihn die vergangene Nacht vom Saulus zum Paulus geläutert hätte. Marcel hatte lediglich über seine Kritik nachzudenken begonnen. Ob sie nicht vielleicht doch aus Unwissenheit und Ignoranz geboren war.

Schließlich sollte man kennen, was man verurteilte.

Gut bestückt und gewillt, von nun an Objektivität zum Leitsatz zu erheben, kehrte Marcel nach Hause zurück.

Die nächsten Tage würden erweisen, ob der Besuch im "Club der Unsterblichen" Früchte getragen hatte...

ENDE?

Kommentare  

#1 Holzi 2008-07-23 11:47
Sehr schön! :-)
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#2 Captain Elch 2008-07-23 14:41
Jepp!
Mit keinem Kommentar, keinem Leitartikel, keiner Kolumne hätte man das besser darstellen können, als mit dieser kleinen Geschichte.
Klasse!
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#3 benfi 2008-07-23 23:40
Tolle 'Novelle', oder wie die Intellektuellen diese Geschichte nennen würden! :D
Ist nur blöd, dass ich bei den Groschenromanen hängen geblieben bin, was? :sigh:
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