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Teil 2: Indianer-Territory (aus: Winnetou unter Werwölfen)

LeseprobeTeil 2: Indianer-Territory
Inglorious Bastards -
oder: Ein Haufen versoffener Hunde
(aus: Winnetou unter Werwölfen)

Der Howlin’ Sam und ich machten uns also auf in den Wilden Westen. Doch noch bevor wir in St. Louis aufbrachen, versuchte Howlin einen echten Westmann aus mir zu machen, zumindest äußerlich.

„So könnt Ihr unmöglich in den Westen ziehen!“, erklärte er mir eines Morgens, als wir unsere Abreise besprechen und den Proviant überprüfen wollten. „Ihr würdet Euch nicht nur bei den Westmännern lächerlich machen, sondern die Rothäute derart erschrecken, dass sie Euch für ein ihnen unbekanntes wildes Tier halten, gleich Werwolfsgestalt annehmen und über Euch herfallen!“

 

Winnetou unter WerwölfenDass ausgerechnet dieser kleinwüchsige, krummbeinige Schrat behauptete, ich könnte die Roten an ein Tier gemahnen, erstaunte mich nun doch, und ich fragte verwundert: „Was ist an meinem Aufzug so ungewöhnlich?“

„So wollt Ihr doch nicht wirklich in den Westen ziehen?“

Ich wusste nicht, was er hatte. Ich trug wadenlange Lederhosen aus Hirschleder, der dazugehörige Hosenträger wurde von einem aus Holz geschnitzten Hirschgeweih geziert, mein Oberkörper steckte in einem blau-weiß karierten Baumwollhemd, und darüber trug ich einen Janker. Ein Hut mit Gamsbart vervollständigte mein mannhaft-deutsches Erscheinungsbild.

„Was den deutschen Manne im heimatlichen Walde ziert, schmückt ihn auch in der Fremde“, verteidigte ich meine Kluft. „Die Lederhose ist bequem und robust, das Hemd ebenso, der Janker zeitlos elegant!“

„Nichts da!“, bestimmte der Howlin’ Sam. „So etwas trägt man vielleicht in Eurer Heimat, wenn man zum Bierkrugstemmen ins Festzelt geht, nicht aber hier im Wilden Westen. Man wird Euch für eine Lusche halten, wenn Ihr in diesem Aufzug am Rio Pecos auftaucht.“ Und listig grinsend fügte er hinzu: „Und das wollt Ihr doch nicht, wenn ich mich nicht irre, hihihihi!“

Der Howlin’ Sam war ein wirklich seltsamer Kauz, doch hin und wieder schaffte er es, mich mit seinen Argumenten zu überzeugen, denn für eine Lusche wollte ich weiß Gott nicht gehalten werden. Auch das deutsche Mannsbild muss sich ab und zu den gegebenen Gepflogenheiten anpassen, um bei den unzivilisierteren Kulturen nicht allzu sehr aufzufallen, das hatte ich auf meinen Reisen gelernt.

Also zogen wir los, fanden bald einen Western Store, und dort staffierte mich Sam nach Art des Westmannes aus, mit Leggings aus Wildleder und mit Fransen, mit einem Hemd aus Wildleder und mit Fransen und mit einer Jacke aus Wildleder und mit Fransen. Zum Schluss verpasste er mir noch ein paar Stiefel aus Wildleder und mit Fransen und eine schmucke Satteltasche für mein Pferd – natürlich aus Wildleder und mit Fransen.

Einerseits ist die Art, wie sich der Westmann kleidet, eine sehr schlichte, andererseits musste ich zugeben, dass alles recht schön zusammenpasste und ein einheitliches Bild ergab. Wenn ich mich noch sechs Monate lang weder rasierte noch wusch, würde ich aussehen wie der Howlin’ Sam.

Ich kaufte auch noch einen Haut – diesmal ohne Fransen, was das Gesamtbild jedoch nicht störte, dafür aber mit einer sehr breiten Krempe, die ich vorne hochklappen musste, um überhaupt etwas sehen zu können - und einen Revolvergurt mit zwei Revolvertaschen und kleinen Schlaufen rundum, in die ich Patronen stecken konnte, um bei der nächsten Ballerei genügend Futter zum Nachladen zu haben.

Derart ausstaffiert zog ich also an der Seite von Sam Howlin in den Westen.

***

Unsere Reise verlief ohne größere Zwischenfälle. Einmal wurden wir Zeuge eines Postkutschenüberfalls, in den wir eingriffen; wir erschossen die Banditen und wurden von den beiden Damen in der Postkutsche ob unseres heldenhaften Handelns sehr gelobt, während der Kutscher und sein Shotgun uns mit ihrer Dankbarkeit überhäuften. Dann machten wir Halt in einer Town, die von einer Bande Revolverschwinger und einem korrupten Sheriff terrorisiert wurde. Wir erschossen auch diese Banditen, und bei einem Duell auf der Mainstreet spickte ich den Leib besagten Sheriffs mit Blei. Daraufhin wollten mich die braven Bürger zum neuen Ordnungshüter ihrer Stadt ernennen, doch ich lehnte ab; ich hatte an diesem Orte für Ruhe und Ordnung gesorgt, nun zog es mich weiter ins Abenteuer.

Wir retteten einen Treck weißer Siedler vor einen Überfall der Komantschen und vereitelten anschließend einen Überfall weißer Siedler auf das Dorf der Komantschen. Auf diese Weise hatten wir uns beide Seiten zum Feinde gemacht (was bewies, wie prächtige Mannesbilder wir waren) und mussten die Gegend schleunigst verlassen. In einer anderen Town rempelte mich ein Gent an, wohl unabsichtlich, aber dennoch packte ich als angehender Westmann die Gelegenheit natürlich am Schopfe, um eine wilde Saloonschlägerei vom Zaun zu brechen, wie sie an frühen Abenden in dieser Art von Etablissement üblich ist, und weil mir dabei auch der Bürgermeister vor die Fäuste geriet, mussten wir auch aus dieser Gegend schleunigst verschwinden.

Wir trafen auf eine Herde Longhorns, die gerade ihren Weidehirten durchgegangen war und als Stampede über die Prärie donnerte. Da die Cowboys es nicht schaffen, die Tiere zu beruhigen, übernahmen Sam und ich dies. Die Kerls waren so dankbar, dass sie uns zu einer Pfanne Bohnen und zu schwarzem Kaffee an ihrem Lager einluden.

Es geschah also nichts wirklich Aufregendes, nur das Übliche, was der Westmann auf seinen Reisen so erlebte. Doch in diesen wenigen Tagen wurde mir der Howlin’ Sam zum Freunde. Zwar rutschte ihm hin und wieder das üble Wort „Lusche“ über die Lippen, wenn er mit mir sprach und mich belehren wollte, doch ihm nahm ich dies nicht mehr krumm, denn ich hatte erkannt, dass er es nicht böse meinte, sondern mich vielmehr damit freundschaftlich aufziehen wollte. Überhaupt war Sam ein Kerl, den man nichts übel nehmen konnte. Er wurde mir von Tag zu Tag, mit jeder Kugel, die ich verschoss, mit jedem Banditen, den wir gemeinsam lynchten, mit jeder Town, die wir befriedeten, sympathischer und wuchs mir ans Männerherz.

Doch als wir dann das Lager der Eisenbahnbauer erreichten, war die schöne Zeit vorbei. Was ich dort erlebte, war für mich ein wahrer Schock, und dies, obwohl der Howlin’ Sam während unseres Ritts versucht hatte, mich darauf vorzubereiten.

John Bancrott konnte mich bei unserem Eintreffen nicht empfangen; er lag in seinem Zelt und schlief seinen Brandyrausch aus. Seine drei anderen Surveyors, die meine Kollegen werden sollten, lagen vor dem Zelte, ebenfalls völlig zugesoffen; sie hatten sich mit Bancrott die Kante gegeben. Wie ich später erfahren sollte, waren sie tatsächlich ebensolche Pfeifen, als die Sam sie mir beschriebne hatte: zu allem bereit, zu nichts zu gebrauchen!

Auch den Revolverhelden Ratten-Jim und seine Coltschwinger, die sich die „Glorreichen 13“ nannten, bekam ich vorerst nicht zu Gesicht. Sam zeigte mir ihre Schlafplätze: Es handelte sich um sieben Pferdewagen, mit geschlossenen Kästen über den Ladeflächen. Als ich einen der Wagen öffnete, sah ich dort zwei Särge stehen.

„Ist hier jemand gestorben?“, fragte ich verwundert. „Das sind Leichenwagen, richtig?“

„Gestoben ist noch keiner, wenn ich mich nicht irre“, antwortete mir Sam Howlin und kicherte. „Die Mesch’schurs sind ein bisschen … hm, eigenwillig. Will nicht sagen: komisch, merkwürdig, seltsam, wunderlich oder gar plemplem.“ Er ließ den Zeigefinger an der Schläfe kreisen. „Kommen aus einem Land irgendwo im Osten …“

„Georgia, Carolina, Maryland, Connecticut …?“ Den letzten Staat konnte ich nicht nur richtig aussprechen, sondern auch fehlerfrei schreiben, was ich bereits in Deutschland fleißig geübt hatte. Damit war ich so manchem Amerikaner weit voraus.

„Unterbrecht mich doch nicht ständig, Ihr Lusche!“, fuhr Sam mich an. „Ich wollte sagen: einem Land irgendwo im Osten Europas. Es heißt Rumania.“

„Ihr meint Rumänien.“

„Was hab ich denn anderes gesagt!“

„Und warum haben die Kerls dann Särge bei sich? Wollen sie wen beerdigen?“

„Höchstens sich selbst, hihihihi.“ Als ich ihn nach dieser Antwort erstaunt anblickte, fügte er erklärend hinzu: „Wie gesagt, die Gents sind etwas komisch, merkwürdig, seltsam …“

„… wunderlich und plemplem“, fiel ich ihm ins Wort. „Und?“

„Sie schlafen tagsüber“, fuhr Sam fort, „damit sie abends fit und ausgeruht sind, wie sie behaupten. Klar, wenn Trouble mit den Werwölfen zu erwarten ist, dann in der Nacht, denn dann sind die Rothäute in ihrer Wolfsgestalt am stärksten. Der Ratten-Jim und die übrigen ›Glorreichen 13‹ stellen sich darauf ein, deshalb schlafen sie tagsüber in den Särgen.“

Ich riss die Augen auf, dann wies ich auf einen der Särge: „Sie schlafen da drin?“

Sam zuckte mit den Schultern. „Sie meinen, dort wäre es sehr bequem.“

„Ich muss sagen, Sam, auch wenn der Westmann ein komischer Kauz ist und seine Eigenheiten pflegen mag, so erscheint mir dies doch recht komisch, ja, merkwürdig, seltsam, wunderlich, will nicht sagen plemplem. Wer schleppt denn ständig einen Sarg mit sich herum?“

Erneut hob Sam die Schultern an. „Ratten-Jim – sein richtiger Name lautet übrigens Ratanescu, wenn ich mich nicht irre – behauptet, in seinem Land Rumania sei dies so üblich. Wenn einem unversehens eine Kugel trifft oder man sonst wie ums Leben kommt, hat man immer seinen Sarg dabei, da braucht nur ein Wanderer, der zufällig des Weges kommt, die Leiche in die Kiste zu werfen und sie einzubuddeln. Das wäre hyänischer“ – er meinte wohl hygienischer – „als die Toten am Wegesrand liegen und verrotten zu lassen.“

Diese Argumentation erschien mir durchaus einleuchtend, trotzdem überkam mich ein mulmiges Gefühl.

„Ihr wisst, dass auch ich aus Europa stamme“, sagte ich, doch bevor ich weitersprechen konnte, fiel mir Sam ins Wort:

„Sagtet doch aus Germany!“

„Das liegt in Europa!“

„Dachte, Germany wär ein eigenständiges Land.“

„Hört zu, Sam“, bat ich, während ich den Wagen wieder schloss und mich meinem Freunde zuwandte. „Bei uns in den deutschen Landen haben wir sehr viel mit schwarzmagischen Pöbel zu tun. Unter anderem mit dem Vampire. Ihr wisst, was das ist?“

Er nickte. „So wie wir hier im Westen den Werwolf Wolfman nennen, nennen wir den Vampir Batman.“

Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich ein und dasselbe war. „Wir in Germany haben diese Kreatur jedenfalls im Großen und Ganzen bis weit in den Osten vertreiben können, wo sie sich vor allem in jenem Land tummeln, aus dem auch der Ratten-Jim kommt. Der Vampir ruht des Nachts in seinem Sarge, denn das Sonnenlicht tut ihm nicht gut.“

„Ihr meint also, die Glorreichen 13 sind in Wirklichkeit glorreiche Vampire?“, fragte Sam erschrocken.

„Oder dreizehn Vampire und dafür weniger glorreich“, sagte ich bestätigend.

Sam zog die Stirn kraus, kratzte sich am Kopf, wobei seine Perücke hin und her rutschte, dachte so angestrengt nach, dass ich glaubte, es in seinem Schädel klackern zu hören, dann hellte sich seine Miene wieder auf, und er zuckte abermals mit den Schultern. „Und wenn. Die Indsmen sind Indsmen, Ihr seid ein Dutchman, ich bin ein Westman – und Ratanescu und seine Gesellen sind Batmen.“ Erneutes Schulterzucken. „Wenn man in einem Land wie Amerika lebt, trifft man auf viele unterschiedliche Kulturen, und jeder hat seine Eigenheiten: Die einen schlafen tagsüber in Särgen, die anderen binden gern weiße Siedler an Marterpfähle, wieder andere tragen lächerliche wadenlange Lederhosen mit Trägern und Hirschgeweihschmuck. Soll jeder leben, wie er will, solange er dem anderen den Skalp lässt.“

„Genau das aber ist das Problem“, wandte ich ein.

„Was meint Ihr?“ Sam wirkte erschrocken. „Diese Vampire fressen Skalps?“

„Nein“, sagte ich, „aber sie trinken das Blut von Menschen.“

„Nein!“

„Doch!“

„Oh!“ Wieder zog er die Stirn kraus, wieder ruckelte seine Perücke hin und her, dann hatte er eine Lösung gefunden: „Was ist aber, wenn diese Vampir-Gents nicht das Blut von Menschen trinken.“

„Von irgendwas müssen sie sich aber ernähren.“

„Mein Gefährte Dick Stick und auch ich haben den Ratten-Jim – also Mr. Ratanescu – schon mal dabei erwischt, wie er kleine Nagetiere biss und an ihren Kadavern lutschte“, erklärte er. „Wahrscheinlich hat er daher seinen Kriegsnamen. Dick und ich haben uns nicht viel dabei gedacht, denn so mancher Westmann entwickelt in der Einsamkeit der Wildnis einen Spleen. Nun glaube ich aber, er trinkt deren Blut, also das von Ratten, nicht von Menschen. Immerhin sind er und seine Glorreichen 13 hier, um uns vor den Werwölfen zu beschützen, vergesst dies nicht.“

Sam hatte in diesem letzten Punkt recht. Konnte es ein, dass ich es hier mit zivilisierten Vampiren zu tun hatte, mit solchen, die sich der menschlichen Gesellschaft angepasst hatten?

Einiges sprach dafür, denn im Lager der Eisenbahner waren bisher keine ausgesaugten Leichen aufgefunden worden. Wären Ratanescu und seine zwölf Gefährten blutrünstige Bestien gewesen, wären sie doch längst über Bancrott und seine drei besoffenen Surveyors hergefallen. Oder?

Hatten es Ratanescu und seine Brut irgendwie geschafft, ihre Gier nach Menschenblut zu bezähmen? Hatte ich es bei ihnen mit einer anderen Art Vampir zu tun, so wie sich ja auch die Indianer-Werwölfe deutlich von den Bestien unterschieden, die ich aus der deutschen Heimat kannte?

Es waren sieben Pferdewagen mit hölzernen Aufsätzen auf den Ladeflächen, wie ich schon schrieb, und in diesem einen hatte ich zwei Särge gesehen. Ich schloss daraus, dass auch in weiteren fünf jeweils zwei Särge untergebracht waren und Ratanescu, der Ratten-Jim, den siebten für sich allein beanspruchte.

Die Glorreichen 13 – die Dreizehn war in vielen Kulturen eine Unglückszahl, auch das wollte mir nicht aus dem Kopf.

***

Sam und ich ließen die Wagen stehen und schlenderten zu einer Feuerstelle, an der zwei Gents saßen, schwarzen Kaffe aus Blechtassen schlürften und Kautabak zu Boden spuckten. Beide trugen Leggings auf Wildleder und mit Fransen, Hemden aus Wildleder und mit Fransen, Jacken aus Wildleder und mit Fransen, Stiefel aus Wildleder und mit Fransen und Hüte ohne Fransen, dafür aber mit sehr breiten Krempen, die sie vorn hochklappen mussten, um überhaupt etwas sehen zu können. (Wie dir sicherlich aufgefallen ist, lieber Leser, war ich der gängigen Mode des Westens entsprechend gekleidet.)

Sam stellte sie mir als seine Scout-Gefährten vor, Büffel-Bill und Dick Stick.

Beide begrüßten mich mit mannhaftem Handschlag, und Sam verkündete: „Das ist Mr. Mayer aus Germany, Mesch’schurs. Noch ist er eine Lusche, aber er hat sich ganz fest vorgenommen, ein echter Westmann zu werden!“

„Dann nehmt bei uns Platz, Lusche!“, sagte Büffel-Bill, und obwohl er das böse L-Wort benutzte, zeigte sein schelmisches Grinsen, dass er es freundlich meinte, und Sam und ich hockten uns hin.

Der Kaffee war stark, hätte einen Toten wieder zum Leben erweckt, ohne dass irgendwelche magischen Rituale vonnöten gewesen wären. Sam gab zum Besten, was wir auf der Reise hierher alles erlebt hatten. Dabei übertrieb er ungemein: Aus den acht  (im handschriftlichen Originalmanuskript gestrichen und abgeändert) dreißig Revolverschwingern in der Town, die wir vom Terror befreit hatten, machte er vierzig, aus den neun Komanchen  dem Komanchenstamm gleich drei Stämme. Dieser Aufschneider! Doch an den Gesichtern der beiden anderen Scouts war abzulesen, dass sie ihm nicht wirklich glaubten.

„Dann habt Ihr ja schon einige Erfahrungen machen können, wie es hier im Westen so zugeht!“, sagte Dick Stick zu mir. „Well, werden sehen, ob Ihr zum Westmanne taugt.“

„Als Westmann braucht er aber einen echten und griffigen Kriegsnamen“, meinte Büffel-Bill. „Den hat jeder Westmann!“

„Ja, was käme da infrage?“, überlegte Sam. Dann schnippte er mit den Fingern und sagte: „Wie wär’s mit Teutonen-Charly?“

„Oh, nein!“, winkte ich heftig ab. Ich wollte nicht, dass die Eingeborenen schon wieder meinen Namen verunstalteten. Das war mir schon bei meinen Reisen durch den Orient passiert, wo man mich Kara Ben Nimdich genannt hatt, eine Idee von Hatschi übrigens (ich erwähnte es schon), der damals mein treuer Begleiter gewesen war; er hatte mir diesen seltsamen Namen verpasst, da ich anfangs, wie ich zugeben muss, Schwierigkeiten hatte, mich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen, und seine Landleute hatten ihn aufgeschnappt und mich fortan so gerufen. „So ein Kriegsname kommt für mich nicht in Frage. Seit ich zurückdenken kann, nennt man mich den Mayer Karl, Mayer mit a y. So soll es bleiben.“

„Mayer Karl, Mayer mit a y“, wiederholte Dick Stick. „Pshaw! Das ist doch kein Kriegsname. Das sagt doch gar nichts!“

„Sam Howlin etwa wird Howlin’ Sam genannt, weil er so schön den Mond anheulen kann“, erklärte der Büffel-Bill. „Und mich nennt man den Büffel-Bill …“

„… weil Ihr ein Meister in der Büffeljagd seid“, vermutete ich.

„Mitnichten, Sir“, widersprach er. „So nannte man mich, weil mein holdes, untreues Eheweib wie ein Büffel aussah.“

Sam kicherte. „Ja, ich erinnere mich an sie. Bill hat ihr einst heimlich, während sie schlief, den Damenbart rasiert. Hat aber nichts genutzt, sah anschließen aus wie ein rasierter Büffel, wenn ich mich nicht irre.“

„So seid Ihr verheiratet?“, wunderte ich mich.

„Die Ehe scheiterte“, gestand Büffel-Bill mit trauriger Miene, „denn eines Tages, als ich etwas früher als gewöhnlich vom Spurenlesen heimkehrte, erwischte ich sie mit dem Kerl vom Ponyexpress im Bett. Der kam einmal im Jahr vorbei und brachte uns die Post.“ Er machte ein zerknirschtes Gesicht. „Möchte nicht wissen, wie lange das zwischen den beiden schon lief.“

Sam schlug ihn auf die Schulter. „Wein dem untreuen Miststück nicht nach. Sie sah wirklich aus wie ein Büffel, wenn ich mich nicht irre.“

„Aber die Bohnen mit Biberspeck, die sie machte“, schwärmte Bill in trauriger Erinnerung, „die hab ich immer gern gegessen.“

„Und woher habt Ihr Euren Namen, Sir?“, wandte ich mich an Dick Stick.

Zur Antwort bekam ich nur ein dämliches Gekichere aus drei Kehlen.

„Ja, jeder Westmann trägt einen Kriegsnamen“, bekräftigte Sam Howlin, der Howlin’ Sam, noch einmal, und sogleich fielen ihm weitere Beispiele ein. „Da ist etwa der berühmte Old Firehand …“

„Der bestimmt so heißt, weil er so vortrefflich schießen kann“, vermutete ich.

„Pshaw!“, widersprach Sam. „Weil er sich mal besoffenen Kopfes die Flossen am Lagerfeuer verbrannte.“ Dann setzte er seine Aufzählung fort: „Oder der recht promillente Old Surehand, der immer ganz bestimmt und zielsicher ins Fettnäpfchen greift und …“

„Ins Fettnäpfchen tritt“, musste ich ihn als sprachgewandter Weltenbürger berichtigen. „Man greift nicht ins Fettnäpfchen, sondern tritt hinein!“

„Nonsens!“, rief er da erbost. „Dann würde er ja Surefeet heißen! Tut er aber nicht, wenn ich mich nicht irre! Kennt Ihr Euch im Westen aus? Unterbrecht mich also nicht, Ihr Lusche!“ Dann fuhr er fort: „… der immer ganz bestimmt und zielsicher ins Fettnäpfchen greift – jawoll, greift! - und deswegen stets in Trouble und Schwulitäten steckt …“

„Oder“, übernahm Büffel-Bill für Sam, der auch ein paar Westmänner kannte, „der nahezu legendäre Old Tremblehand, der noch nie getroffen hat …“

„Ja“, rief Dick Stick, „oder der allseits beliebte Old Shakehands, der so ein ungemein höflicher Bursche ist, dass er sogar seinen Feinden die Hand schüttelt …“

„Oder der famose Old Onehand“, kannte Bill noch einen, „dem bei einem Grizzlybärenweitwurfwettbewerb eine Hand abgebissen wurde …“

„Oder der sehr bedauernswerte Old Nohand“, ergänzte Dick, „der am besagten Wettbewerb öfter teilgenommen hat …“

„That’s right!“ Sam nickte eifrig und geriet richtiggehend in Ekstase. „Oder der gute alte Old Hand, der schon so unglaublich lange im Westmann-Geschäft ist. Oder der fast schon sagenumwobene Lederstrumpf, der …“

„Nicht Old Lederstrumpf?“, fiel ich ihm erneut ins Wort. „Ist er denn nicht alt?“

„Pshaw!“, rief Sam. „Bis auf Old Hand ist keiner der genannten Gents wirklich alt. Ihr sollt mich doch nicht unterbrechen, Ihr Lusche!“

„Lederstrumpf …“, murmelte ich sinnierend. „Hört sich an wie ein indianisches Verhüterli!“

Sam seufzte ergeben. „Ich merk’s schon, Mister Mayer, Sir: Ihr seid eine Lusche und werdet’s bleiben. Gebens auf. Für heute zumindest. Werdet Euch schon noch einen geeigneten Kriegsnamen verdienen.“ Wieder kicherte er. „Obwohl Teutonen-Charly nicht schlecht wär, wenn ich mich nicht irre.“

***

Erst ein paar Stunden später erwachten Brancrott und seine drei bisherigen Surveyors aus ihrem Rausch. In der Zwischenzeit hatte ich mich anhand der Karten und der Aufzeichnungen selbst darüber ins Bilde gesetzt, wie weit ihre Vermessungen schon vorangekommen waren – oder eher nicht vorangekommen waren, denn in all der Zeit war hier nicht viel geleistet worden.

Bancrott empfing mich in seinem Zelt, in dem es stank, als hätte ein Skunk darin übernachtet. Die drei Surveyor lungerten draußen herum. John Bancrotts Händedruck war übertrieben heftig, so wie der einer Lusche, die vorgibt, ein Mann zu sein. Der Alkohol machte ihm noch immer die Zunge schwer, und aus seinem Gestammel war zunächst kaum etwas Vernünftiges herauszuhören. Offenbar hielt er mir eine Art Moralpredigt, dass er hart arbeitende Männer schätze und Faulenzer in den Allerwertesten zu treten pflege. Nun, da hätte er bei sich selbst anfangen müssen, denn mir war schnell klar, dass Bancrott ein Säufer, ein Trunkenbold, eine Schnapsdrossel und auch sonst am Ende war. Diese Eisenbahnlinie, die er plante, stellte wohl seine letzte Möglichkeit dar, seine finanzielle Lage irgendwie zu retten. Wenn diese Sache schiefging (und wenn er so weitermachte, würde sie das), war er pleite, dann war er als Unternehmer gescheitert und würde seinen Lebensunterhalt fortan mit ehrlicher Arbeit verdienen müssen, was Leuten wie ihm bekanntlich ein Gräuel ist.

Wie es um seine Lage bestellt war, sagte er mir natürlich nicht offen, doch zwischen den gelallten Worten hörte ich es gleichwohl heraus. Ein bisschen weniger Brandy hätte seine Lebenssituation sicherlich verbessert.

„Ich hörte, die hiesigen Indianerstämme hätten die Fähigkeit, sich nach Belieben in Wölfe zu verwandeln“, begann ich irgendwann, nur um etwas Vernünftiges zu erfahren.

Er nickte grimmig, hockte hinter seinem Klapptisch auf einem Klappstuhl und schlürfte schwarzen Kaffee, um wieder einigermaßen klar zu werden. „Ja, ja“, knurrte er. „Indianer-Hokuspokus. Heidnische Magie. Irgendein Zauber ihrer elenden Schamanen-Hexer.“

„Habt Ihr keine Angst, sie könnten über Euch herfallen, wenn Ihr Eure Eisenbahn durch ihre Gebiete zieht und Ihnen damit das Land abnehmt?“

„Zerbrecht Euch nicht meinen Kopf, Mayer!“, sagte er mürrisch. „Ihr seid hier, um den Verlauf der Schienen zu vermessen. Um die Rothäute kümmern sich Mr. Ratanescu und seine Männer.“

„Die draußen in ihren Särgen liegen“, sagte ich. „Das erscheint mir … hm, merkwürdig.“

„Was soll daran merkwürdig sein?“, knurrte er.

Na, was wohl?, dachte ich. War er schon so versoffen, dass ihm das gar nicht seltsam vorkam? Das konnte ich nicht glauben.

„Vampire schlafen tagsüber in ihren Särgen“, sagte ich.

Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, fixierte mich mit grimmiger Miene. „Was wisst Ihr denn von Vampiren?“

„Mit Verlaub, ich komme aus Germany, und dort, im Herzen des europäischen Kontinents, sind uns solche Spukgestalten durchaus nicht unbekannt. Im Gegenteil kennen wir uns in den deutschen Landen aus mit Vampiren, Hexen, Geistern und Dämonen. Kennt Ihr die Hausmärchen der Gebrüder Grimm?“

„Was, zum Teufel, sind Hausmärchen?“

„Märchen, die so unheimlich sind, dass man, wenn man sie gelesen hat, sich kaum noch aus dem Hause traut“, klärte ich ihn auf. „Deshalb Hausmärchen.“

„Hell and damnation!“, fluchte er. „Eure deutschen Märchen könnt Ihr Euch sonst wo hinschieben! Lasst Ratanescu in Ruhe! Legt Euch bloß nicht mit dem Ratten-Jim an! Und die Rothäute überlasst ihm und seinen Boys, die sind nicht Eurer Problem. Außerdem“, fuhr er dann doch fort, „habe ich mich mit einem der Stämme längst geeinigt. Ihr Häuptling Tuntua ist ein durchtriebener und geldgieriger Bursche, der alles zu tun bereit ist, um sich persönlich zu bereichern. In seinem Herzen ist er also weniger Rothaut als Unternehmer, ein Mann ganz nach meinem Geschmack. Er freut sich auf die Touristen und die Geschäfte, die er mit ihnen machen kann. Er hat schon jetzt eine Massenproduktion von allerlei original indianischem Krimskrams laufen und lässt seine Squaws im Akkord echt indianische Teppiche knüpfen, die er den Weißen, wenn meine Eisenbahn kommt, zu völlig überzogenen Preisen verscherbeln kann. Außerdem plant er, ein Spielkasino und ein Freudenhaus zu errichten.“

„Ein Freudenhaus?“, wiederholte ich fassungslos.

„Ja, ein Freudenhaus“, sagte Bancrott, „einen Puff, ein Bordell, ein Hurenhaus, einen Stall für nackte Hühner. Das ist ein Etablissement, wo Freier gegen Bezahlung …“

„Ich weiß, was ein Freudenhaus ist!“, unterbrach ich ihn erregt aufgebracht.

„Oh, dann seid Ihr offenbar doch ein Mann“, beleidigte mich Bancrott und grinste unverschämt. „Jedenfalls freut sich Häuptling Tuntua auf den Reibach, den er mit den weißen Touristen machen kann!“

„Mit Euch als Geschäftspartner, nehme ich an. Ich bin sicher, er wird Euch dafür gehörig Prozente abdrücken müssen!“

Da lachte Bancrott schallend. „Das wird er, aber das ahnt er noch nicht. Er hat seine drei Kreuzchen unter meinen Vertrag gesetzt, dabei ist keiner seiner bepelzten roten Brüder des Lesens mächtig, hahaha!“

Bancrott hatte noch immer eine Menge Alkohol im Blut, nur darum plauderte er mit gegenüber Dinge aus, die er im nüchternen Zustand sicherlich verschwiegen hätte, weil sie mich schlichtweg nichts angingen.

„Ich glaube kaum, dass Häuptling Tuntua wirklich so dumm ist, wie Ihr glaubt“, äußerte ich meine düstersten Befürchtungen. „Er und seine Kiowas sind Werwölfe; sie haben es auf möglichst viele wehrlose Opfer abgesehen. Ihr schafft diese ahnungslosen Touristen hierher, die nicht mehr wollen, als von Eurer Bahn aus auf grasende Büffel zu schießen und ein paar Bisonherden auszurotten, und werft sie diesen Bestien im wahrsten Sinne des Wortes zum Fraße vor. Die Kiowas freuen sich auf die hilflosen Weißen, die sie durch die Vollmondnacht hetzten und dann mit ihren Klauen zerfleischen können. Nur darum geht es Häuptling Tuntua und seinen rotschwarzmagischen Spießgesellen!“

„Genug jetzt!“ Erzürnt schlug Bancrott mit der Faust auf den Tisch. „Was Tuntua letztendlich vorhat, ist mir gleich. Ich bin Geschäftsmann, da kann ich mir moralische Anwandlungen nicht leisten. Wie heißt es doch so schön: Als Unternehmer sei gerissen und begrabe dein Gewissen!“ Er lachte dröhnend über diesen Slogan, den wohl irgendein Arbeitgeberverband des Wilden Westens ausgegeben hatte. „Ich habe mit den Kiowas einen Deal ausgehandelt, der für beide Seiten Profit abwirft, das allein zählt für mich. Nur die edlen Apachen könnten noch Schwierigkeiten machen, da ihr Häuptling Schuschuschuna zu senil ist, um überhaupt zu begreifen, was ich von ihm will und dass bei diesem Unternehmen auch für ihn eine Menge herumkommen könnte. Aber für alle Probleme, die sich in dieser Hinsicht ergeben, habe ich ja Ratanescu, damit er sie mir vom Hals schafft!“

„Mit ein paar Kugeln, nehme ich an!“

„So ist es!“

„Da vergesst Ihr aber, dass Werwölfen gegen Kugeln immun sind.“

„Ja, gegen welche aus Blei, da habt Ihr recht!“ Er grinste mich listig an. „Die Glorreichen 13 jedoch haben kistenweise Silberkugeln hergeschafft, mit denen man vortrefflich auf Werwolfsjagd gehen kann, wie Ihr wissen solltet.“ Später sollte ich erfahren, dass jene Silberkugeln Bancrotts letzte Ersparnisse aufgebraucht hatten, wobei ihm der Ratten-Jim noch kräftig übers Ohr gehauen hatte. John Bancrott war das Paradebeispiel eines Unternehmers. Hätte man auch ihm einen Kriegsnamen gegeben, hätte dieser sicherlich Wirtschaftskrisen-Johnny gelautet.

„Silberkugeln“, murmelte ich. „Ratten-Jim und seine Männer kennen sich, wie’s scheint, bestens mit der Bekämpfung magischer Kreaturen aus.“

„Allerdings“, bekräftige Bancrott, offenbar sehr zufrieden mit sich selbst und wie er alles eingefädelt und vorbereitet hatte.

„Müssen sie wohl als Vampire auch“, setzte ich noch hinzu.

Wieder wollte Bancrott aufbrausen, doch riss er sich zusammen, musterte mich nur aus stechenden, rot geränderten Augen und knurrte: „Ich brauche dringend noch einen Surveyor, Sir, weil Tickman, Trickman und Trackman mit der vielen Arbeit nicht nachkommen. Sonst, Sir, würde ich Euch hier und jetzt für Eure vorlauten Sprüche fristlos kündigen, wie es hier in Amerika gehandhabt wird, wenn einer seinem Boss gegenüber das Maul aufreißt. So aber gebe ich Euch noch eine Chance. Und jetzt geht an die Arbeit! Wir haben genug Zeit mit Schwätzerei vergeudet!“

Ich hatte das Zelt noch nicht ganz verlassen, da vergeudete Bancrott seine Zeit wieder damit, dass er zur Flasche griff.

***

Ein paar Minuten später hatte ich die zweifelhafte Ehre, meine neuen Kollegen kennenzulernen. Tickman, Trickman und Trackman waren alles andere als Pfadfinder, sondern versoffene Spießgesellen, die ebenso wenig Fachkönnen wie Fleiß an den Tag legten. Als ich mich ihnen vorstellte, nannten sie nicht mal ihre Namen, aber ich hätte sie ohnehin stets durcheinander geworfen, denn mit ihren knallroten Säufernasen glichen sie sich wie ein Entenei dem anderen.

Die Arbeit blieb an mir hängen. Noch immer vom Alkohol berauscht, schliefen die Kerls einer nach dem anderen in der Sonne ein. An diesem Nachmittag erledigte ich die Arbeit, die sie zu dritt in den letzten Wochen nicht zustande gebracht hatten. Am Abend besahen sie sich mein Tagewerk, mäkelten ohne jedes Fachwissen daran herum, gaben unqualifizierte Kommentare von sich, wussten alles besser und verzapften dabei einen Unsinn, dass sich selbst einem Laien die Haare gesträubt hätten, und als wir dann Bancrott begegneten, behaupteten sie ihm gegenüber, dies alles zu dritt geleistet zu haben, während ich ihnen nur ein Klotz am Bein gewesen wäre.

„Da müsst Ihr Euch mehr anstrengen, Herr Mayer!“, ermahnte mich Brancrott, mit erhobenem Zeigefinger und Brandyfahne. „Wenn Ihr dem Job nicht gewachsen seid, werde ich mich nach einem anderen Surveyor umschauen müssen. Nehmt Euch ein Beispiel an Tickman, Trickman und Trackman. Auf die drei kann ich mich immer verlassen!“

Ach, lieber Leser! Wenn du schon mal Dein Geld mit ehrlicher Arbeit verdient hast, wird dir das Verhalten meiner „Kollegen“ und meines neuen Chefs sicherlich nur allzu bekannt vorkommen.

Bisons, Mustangs und ein Zombie

Am dritten Tage – es war Nachmittag – suchte mich Sam Howlin bei der Arbeit auf. „Heda, Lusche!“, grüßte er mich. „Sattelt Euer Horse, wir machen einen Ausflug!“

„Kann nicht“, entgegnete ich. „Bin mitten in der Arbeit, wie Ihr seht.“

„Pshaw!“, gab er zurück. „Habt die letzten zwei Tage mehr gearbeitet als die drei Trunkenbolde an Eurer Seite in ihrem ganzen Leben. Und seid weit vorangekommen mit der Vermesserei. Da ist ein freier Nachmittag drin. Habe eine Bisonherde gesichtet, will uns einen guten Braten schießen, damit es heut Abend was anderes gibt als Bohnen, sonst verpesten wir mit der Rumfurzerei noch die ganze Prärie, dass die Werwölfe am Atemnot krepieren. Also rauf auf Euren Gaul, der alte Howlin’ Sam will Euch was beibringen, damit Ihr nicht für alle Zeiten eine elende Lusche bleibt!“

Mit seinen letzten Worten hatte er mich überzeugt, denn auch, wenn ich mich nicht als Lusche sah, sollte doch ein Westmann aus mir werden. Wir kehrten also zurück ins Lager, dort sattelte ich mein Pferd und steckte den Werwolftöter für alle Fälle in den Sattelschuh.

„Wo wollt Ihr hin?“, rief mich Bancrott an, der aus dem Zelt getaumelt kam und auf mich zuwankte. „Wollt Ihr heut nichts mehr tun?“ Er blies mir seinen Bandyatem entgegen, der schon auf eine Entfernung von einem Dutzend Schritten eine nahezu betäubende Wirkung entfaltete.

„Wir wollen einen Bison schießen“, erklärte Sam statt meiner. „Das gibt gutes Fleisch – und mit so einem Braten überm Feuer schmeckt Euch der Brandy heut Abend sicherlich noch mal so gut, wenn ich mich nicht irre!“

Der gewitzte Sam Howlin hatte stets das richtige Argument parat, um seine Mitmenschen zu überzeugen, so schien’s. Jedenfalls nickte Bancrott, wenn er auch weiterhin eine mürrische Miene zur Schau trug, wie man sie von einem Boss erwartete.

Sam und ich ritten also los, doch nach einiger Zeit bemerkte ich: „Sam, wir sind einen Umweg geritten, einen weiten Bogen.“

„Folgt nur immer dem braven Sohn meiner gestrengen Mutter, der bringt Euch sicher ans Ziel“, sagte er und kicherte. Dann wurde er ernst und sagte: „Dicht beim Lager gibt es eine Indianergrabstätte, die wir umritten haben. Dies ist heiliger Boden, und wir sollten ihn nicht betreten, wenn wir nicht den Zorn der Indsmen auf uns ziehen wollen, womit ich sowohl die noch lebenden als auch die verstorbenen meine. Nicht jeder von denen weilt nämlich in den Ewigen Jagdgründen, um dort die Geister weißer Siedler niederzumetzeln.“

Als wir eine Anhöhe erreichten, wies er in die entsprechende Richtung; dort sah ich mehrere primitive Gerüste, errichtet aus schmalen Baumstämmen und Geäst, auf welche die Rothäute ihre Verstorbenen gebettet hatten. „Dies ist die Art, wie die Indsmen ihre Toten bestatten“, klärte mich der Howlin’ Sam auf. „Auf diese Weise sind sie dem Himmel und ihren Ahnen näher, als würde man sie verscharren, wie man’s einst mit uns machen wird, wenn ich mich nicht irre.“

In der anderen Richtung sahen wir eine Herde Pferde. „Wildpferde“, erklärte Sam dazu. „Sie reiten durch die Prärie und fühlen sich in ihrer Freiheit pudelwohl. Ist so manch prächtiger Mustang darunter, für den ein Weißer ein Vermögen hinblättern würde.“

Schließlich erreichten wir ein Tal, wo eine Herde Bisons graste. Es waren mächtige, sehr eindrucksvolle Tiere, Kühe und Büffel und auch einige Jungtiere. „Sie stellen die Nahrungsgrundlage der Indsmen da“, sagte Sam. „Die Rothäute töten nur immer so viele, wie sie selbst zum Überleben brauchen. Wenn aber erst die Weißen mit der Eisenbahn hierher kommen, wird man sie wohl weitestgehend ausrotten.“

„Aber die Stämme, die hier leben, sind Werwölfe“, erinnerte ich ihn. „Fressen die auch Bisons?“

„Ich will Euch was verraten, Lusche“, gestand mir Sam. „Bruder Heinrich ist ein guter Freund von mir, trotzdem teile ich seine fanatischen Ansichten nicht. Die Kiowa-Werwölfe sind üble Spießgesellen, und dass Bancrott einen Vertrag mit ihnen geschlossen hat, will mir nicht gefallen. Die Apachen aber, und auch die Werwolf-Apachen, deren Häuptling Schuschuschuna heißt, machten auf mich stets einen edlen und friedliebenden Eindruck. Bruder Heinrich verdammt alle magischen Kreaturen, weil sie seiner Ansicht nach keine Geschöpfe Gottes sind. Die Apachen dieser Gegend aber haben nie das Kriegsbeil gegen die Weißen ausgegraben, und mir kaum bisher auch nicht zu Ohren, dass ein Werwolf-Apache einen Reisenden angriff. Stattdessen jagen sie die Bisons und ernähren sich von ihrem Fleisch, nicht von dem unschuldiger Menschen, die sich in ihr Gebiet verirren.“

„Dann wäre es aber vielleicht falsch, diese Eisenbahn durch ihr Gebiet zu bauen und damit Bancrott zu helfen, seine Pläne in die Tat umzusetzen.“

Sam nickte düster. „Dieser Gedanke kam mir in den letzten Wochen immer wieder. Aber wenn Dick, Bill und ich für ihn nicht den Scout machen, holt sich Bancrott eben drei andere Gents für diese Aufgabe. Und mit Euch verhält es sich ebenso, denn auch Ihr seid zu ersetzen.“ Dann aber zuckte er mit den Achseln. „Oder auch nicht, wenn man sich diese Luschen Tickman, Trickman und Trackman so anschaut!“

Er zog sein Gewehr aus dem Sattelschuh und sagte: „Genug davon. Ich werde uns einen schönen Braten schießen. Bleibt zurück, ich will nicht, dass Euch Lusche was zustößt. Schaut schön zu, aber aus sicherer Entfernung, dann könnt Ihr was lernen!“

Bevor ich noch ein Wort sagen konnte, stieß er seinem Pferd die Fersen in die Flanken und preschte los, auf die Herde zu.

Er hatte sich einen schönen Bullen ausgesucht, der etwas abseits der anderen Bisons graste und in diese Tätigkeit derart vertieft war, dass er Sam Howlin erst bemerkte, als dieser schon weit heran war und sein Gewehr krachen ließ.

Ja, Sam wollte mir offenbar beweisen, was für ein toller Westmann er war und dass er zugleich reiten und schießen konnte, und so drückte er ab, im Sattel sitzend, den Kolben an die Schulter gedrückt und die Zügel mit den Zähnen haltend.

Sein Schuss bewirkte, dass der Büffel unwillig den schweren Schädel hob, in Sams Richtung blickte, ein wildes Schnaufen ausstieß und dann auf Sam und sein Pferd losging.

Sam riss die Augen weit auf, ließ das abgeschossene Gewehr einfach fallen, nahm die Zügen in beide Hände und riss den Gaul herum. Dafür war es längst zu spät, und es war in dieser Situation auch das Falscheste, was er machen konnte, denn dadurch wandte der Gaul dem anstürmenden Büffel die Flanke zu, gerade als der es erreichte.

Ich hörte Sams entsetzten Schrei, das schrille Wiehern seines Gauls, dann stürzten Reiter und Pferd zu Boden.

Im Gegensatz zu seinem Reittier sprang Sam wieder auf und rannte wie ein Wiesel auf seinen krummen, kurzen Beinen davon. Etwas anderes blieb ihm auch nicht übrig, denn der Bulle setzte ihm nach, wollte sich für die Kugel, obwohl sie ihn meilenweit verfehlt hatte, auf seine Weise bedanken.

Fast hatte das wilde Ungetüm den kleinen Mann erreicht, da war ich heran, um Sam zu retten. Natürlich war ich nicht in sicherer Entfernung geblieben, sondern war Sam mit wenigem Abstand gefolgt, schließlich bin ich alles andere als eine Lusche. Vor allem aber hatte ich geahnt und befürchtet, dass Sam Howlin mir gegenüber den großen Westmann herauskehren wollte, dass er mir eine Schau hatte bieten wollen und dabei zu viel riskierte.

Und damit hatte ich leider richtig gelegen.

Doch hatte mich diese Voraussicht auch richtig handeln lassen, und bevor der Bulle dem armen Sam auf die Hörner nehmen konnte, drückte ich ab, gleichzeitig reitend und betend, dass Bruder Heinrichs Werwolftöter nicht nur Wolfsmenschen den Garaus machte, sondern auch so ein Bisonbüffel alle Hufe von sich streckte, wenn ihm ein aus der geheiligten Waffe abgefeuertes Geschoss durchs Hirn fuhr.

O ja, das tat es, wie ich im nächsten Augenblick erlebte.

Und wie!

Ich hatte auf das rechte Auge des Büffels gezielt, traf zwar das linke, dafür aber  punktgenau – und der riesige Schädel des Bisons explodierte!Der Donnerschlag, mit dem der Werwolftöter seine mörderische Landung ausspie, riss mich glatt aus dem Sattel. Hart schlug ich auf dem Allerwertesten.

Als ich mich aus dem Gras erhob, stand mein verschrecktes Pferd neben mir und rollte wild mit den Augen, Sam hockte schnaufend im Gras und versuchte zu Atem zu kommen, und der kopflose Bison lag im Gras, um ihn herum Fleischfetzen, Knochensplitter und ein schönes Paar Hörner.

Ich trat auf Sam zu, half ihm hoch, und gleich zeterte er los: „Hab ich Euch nicht gesagt, Ihr sollt in sicherer Entfernung bleiben, Ihr Lusche?“

Das also war sein Dank dafür, dass ich ihm das Leben gerettet hatte? Nun, offenbar wollte er sich keine Blöße geben, und so schimpfte er mit mir, obwohl er sich über sich selbst ärgerte. Darum antwortete ich lächelnd: „Ich wollte genau sehen, wie Ihr den Büffel erledigt, darum bin ich näher geritten, denn die Augen von uns Stadtmenschen sind bekanntlich nicht so gut wie die eines Westmanns.“

„Hättet dabei draufgehen können“, schimpfte Sam.

„Pshaw“, sagte ich, „hatte Euch doch in meiner Nähe, der mich sicherlich gerettet hätte.“

Da grinste er listig und sagte: „Da habt Ihr recht, Sir. Der gute Sam Howlin hätte auf Euch aufgepasst.“

„Ich habe mit Bewunderung zur Kenntnis genommen, wie schnell Ihr laufen könnt“, lobte ich ihn. „Geradezu geflitzt seid Ihr.“

„Da seht Ihr mal, was so ein Westmann alles draufhat.“ Sam blähte die Brust auf. „Kann reiten, schleichen und auch flitzen. Und treffe nie daneben, wenn ich’s will. Wollte den Büffel aber mit meinem Fehlschuss verwirren und hab ihn dann so in Position gelockt, dass selbst Ihr Lusche ihn zielsicher erwischen konntet.“

„Das war überaus klug von Euch.“

Er nickte. „Geradezu genital, wenn ich mich nicht irre.“ Sicherlich hielt er sich nicht für genital, sondern für äußerst genial.

Wir näherten uns Sams Pferd. Ich wollte ihm den Gnadenschuss geben, doch Sam meinte: „Lasst mich das machen. Bei Eurer Donnerbüchse fliegt uns der ganze Gaul um die Ohren, wenn ich mich nicht irre.“

Er hatte sein Gewehr inzwischen wieder aufgelesen und nachgeladen. Damit schoss der dem armen Tier in den Kopf, bemerkte dann, dass der Kopf in einiger Entfernung zum Rumpf lag, lief hinüber zum Rest des Körpers, lud sein Gewehr erneut und schoss ein weiteres Mal.

Er machte keine Bemerkung darüber, das tote Tier verspeisen zu wollen. Er als Westmann war offenbar ein wenig zivilisierter als der Rheinländer.

Stattdessen klagte er, nun keinen reitbaren Untersatz mehr zu haben. „Als Präriejäger ohne Pferd ist man doch angeschi… ich meine: aufgeschmissen“, jammerte er. „Bin doch kein Waldläufer, auch wenn ich so erstaunlich zu flitzen vermag, wie Ihr es nanntet! Was soll ich denn jetzt machen?“

„Beruhigt Euch, Sam“, sagte ich aufmunternd und schlug ihm auf die Schulter. „Haben doch die Herde Wildpferde gesehen. Werde dorthin zurückreiten und Euch einen prächtigen Mustang fangen.“

„Ja, seid Ihr denn dazu in der Lage und Manns genug?“, fragte er und starrte mich aus großen Augen an.

„Aber sicher“, versprach ich. „Werdet’s sehen, wenn ich in ein paar Minuten mit dem schönsten und edelsten Tier der ganzen Herde am Lasso zurückkomme.“

Ein paar Stunden später kam ich zurück, das von mir eingefangene Tier am Lasso.

Doch statt sich zu freuen, riss sich Sam die Perücke vom blanken Schädel, warf sie zu Boden und hüpfte wutentbrannt darauf herum.

„Was seid Ihr nur für eine Lusche!“, schrie er mich an. „Das ist kein edler wilder Mustang, sondern ein Maultier, hell and damnation!“

„Habt Euch nicht so. So ein Maultier ist viel robuster und ausdauernder als jedes Pferd“, fantasierte ich drauflos  (im handschriftlichen Originalmanuskript gestrichen und abgeändert) belehrte ich ihn. „Jeder, der Ahnung davon hat, reitet tausendmal lieber ein Maultier als so einen blöden Mustang, dem schon nach wenigen Meilen scharfen Ritts die Puste ausgeht. Außerdem scheint mir das Tier von Gestalt und Gemüt her gut zu Euch zu passen.“

„Oh, so einen Unsinn habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört!“, ereiferte sich Sam. „Wo habt Ihr diesen Quatsch bloß her? Wer immer Euch das aufgetischt hat, wollte Euch blöde Lusche nur auf den Arm nehmen und Euch anschmieren. Aber der Angeschmierte bin jetzt ich! O Herr, wie will ich mich denn mit so einem Viech unter Westmännern blicken lassen!“

„Oh, was für ein ausgezeichneter Westmann Ihr schon seid“, lobte mich Sam. „Ja, mit jedem Wort habt Ihr recht. Dass ich Blödkopf nicht selbst darauf gekommen bin und Euch nicht bat: Bringt mir bitte, bitte ein Maultier, auch wenn die besonders schwer zu fangen sind! Mein Schädel ist ebenso hohl wie kahl. Gut, dass Ihr so ein cleverer Bursche seid. Habt Dank für dieses wundervolle Reittier, mein bester Freund und liebster Gefährte!“

***

Wie ich bereits schrieb, habe ich einen sehr leichten Schlaf, sodass es nur sehr schwer ist, mich im Schlummer zu überraschen. Das zeigte sich auch in dieser Nacht, als plötzlich Schüsse krachten, ganz in der Nähe des Lagers.

Schon nach dem vierten Schuss öffnete ich das linke Auge, nach dem fünften oder sechsten das rechte, und nachdem es dann noch einige Male geknallt hatte, schlug ich die Decke beiseite und erhob mich.

Sam, Dick, Bill und ich hatten es uns am Lagerfeuer gemütlich gemacht, wie echte Westmänner eben, deren Bett die Natur ist und denen der Waldboden als Matratze reicht.

Ich blickte mich um. Es war Nacht, doch es war nicht stockfinster, denn der Mond stand am Himmel und würde in zwei, drei Nächten sein volles Rund erreichen, sodass er nun bereits genügend Licht spendete, um sich zu orientieren. Nebel kroch wadenhoch über dem Boden und schimmerte silbrig in seinem Schein.

Wär ich eine Lusche, würd ich schrieben: Es war eine unheimliche Nacht. Nun, ich bin keine Lusche, wie ich mehrmals unter Beweis gestellt hatte. Furchtlos blickte ich mich um, hörte wieder zwei Schüsse, dann lautes Knurren und einen Schrei, der selbst einem ganzen Kerl wie mich durch Mark und Bein fuhr. Da kreischte jemand, als würde er auf des Teufels glühender Herdplatte hocken, und das mit nacktem Hintern, dann folgten wieder ein lautes, grausames Knurren und weitere Schüsse.

Bill und Dick schlummerten reglos unter ihren Decken, Sam drehte sich auf die Seite und murrte: „Verflixte Ballerei! Sollen aufhören, will schlafen!“

Von ein paar Revolverschüssen in der Nacht lässt sich ein echter Westmann natürlich nicht beunruhigen, das war er gewohnt. Meine Neugier aber war geweckt, denn es waren tatsächlich Revolverschüsse, die ich hörte, und sogleich kamen mir Ratanescu und seine Glorreichen 13 in den Sinn. Da wollte ich natürlich wissen, was die Burschen in der Nacht trieben und worauf sie schossen.

Ich schlüpfte in meine Stiefel – die aus Wildleder, mit den Fransen – und huschte wie ein Puma in die Nacht, in jene Richtung, aus der die Schüsse erklangen.

Es waren nur wenige Meter, die ich zu gehen brauchte. Ich brach durch ein Dornengestrüpp – verdammt, riss mir die Haut an den Händen dabei auf! – und gelangte auf eine baumbestandene Lichtung.

Was ich sah, wirkte irgendwie lächerlich!

Ratanescu und seine zwölf Mannen hockten auf den Bäumen, zu dritt oder viert auf jeweils einen, und unter ihnen stand ein Kerl, wild knurrend und fauchend, der eindeutig Indianerkluft trug, Mokassins, Leggings und einen Jagdrock, natürlich alles aus Wildleder und mit Fransen. Zudem trug er allerhand indianischen Tand, eine Kette aus Bärenklauen und ähnliches Zeug, mit dem sich die Angehörigen wilder Völker nun mal gern behängen.

Der Ratten-Jim schoss seinen Revolver auf den Indsman ab, doch der Vampiranführer zitterte wie Espenlauf, und so ging der Schuss weit daneben.

Einer der Glorreichen 13 hatte es jedoch nicht ganz bis auf einem der Bäume geschafft. Er hing halb über einem Ast, seine Füße strampelten einen Meter über dem Boden in der Luft, und der Indsman schnappte sich eines der Beine mit beiden Händen – die mich eher an skelettierte Totenklauen erinnerten, doch das schrieb ich zunächst der Entfernung und den Lichtverhältnissen zu – und biss hinein!

Ja, er biss dem Revolverschwinger ins Bein, und nicht nur einfach so, sondern sehr kräftig, und während der Mann schrie, zerrte und riss der Indianer, bis er ein großes Stück Fleisch aus dem Schenkel lösen konnte, auf dass er sodann schatzend herumkaute.

Mir fiel auf, dass kein Blut aus der Wunde trat. Doch der Revolvermann rief gellend, so als hätte es nicht jeder sehen können: „Der Kerl beißt! Großer Satan, er beißt, der Mistkerl!“

War das die Art, wie die Indsmen ihr Territorium verteidigten? Sicher, wenn sie Werwölfe waren. Doch diese Rothaut hatte keine Wolfsgestalt angenommen!

Habe ich Rothaut geschrieben? Nun, diese Bezeichnung war irgendwie falsch, denn als ich auf die Lichtung trat und rief „Äh, Sir …!“, wandte sich der Indianer um, und sein Gesicht war eher bleich. Dies galt vor allem für den Totenschädel, der an einigen Stellen freilag, dort, wo die teigige Haut bereits abgefallen war.

Wie schon geschrieben, ich kenne mich mit übernatürlichen Wesen aus, und für mich bestand kein Zweifel, dass ich es mit einer wandelnden Leiche zu tun hatte. Sie war offenbar auf der Suche nach Frischfleisch, doch das blutleere Gewebe eines Vampirs ist nun mal alles andere als frisch, und so spie der wandelnde Tote den fauligen Brocken aus, den er dem Blutsauger zuvor aus dem Bein gerissen hatte, und stapfte nun auf mich zu, die Hände mit den krallenartigen Fingernägeln, die auch im Tode noch wachsen, nach mir ausgestreckt.

Der Leichnam fletschte dabei die gelblich verfärbten Zähne, knurrte gierig, starrte mich aus blicklosen Augen an, die aussahen wie Gelee. Ich ließ ihn kommen, denn ich wusste ja, wie man mit wandelnden Toten zu verfahren hat. Eine Kugel in den Kopf, dann war der Spuk vorbei.

Ratanescu und seine Spießgesellen verfügten sogar über Silberkugeln, da hätten sie den Untoten nicht mal in den Schädel treffen müssen, doch die Burschen waren lausige Schützen und zitterten zudem vor Angst, und so hatten sie ein kleines Vermögen ziellos in die Wildnis verballert.

Ich blieb die Ruhe in Person, ließ den Untoten kommen – dann griff ich zu meinen Revolvern!

Das heißt, ich wollte zu meinen Revolvern greifen! Aber – verdammt – ich trug nichts weiter als meine langen Unterhosen mit aufknöpfbarem Popdeckel und meine Stiefel! Klar, war ja auch mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden und hatte ganz vergessen, meine Waffen mitzunehmen.

Ehe ich’s mich versah, war der lebende Leichnam heran und packte mich mit seinen Klauenhänden am Hals. Er drückte mir die Kehle zu, und schlagartig blieb mir die Luft weg. Es war, als läge ein Schraubstock um meinen Hals. Gleichzeitig beugte sich der Tote vor, zog die dünnen Lippen zurück und präsentierte mir seine langen, gelben Zähne, die im fauligen Zahnfleisch hockten. Die dentale Versorgung der Rothäute war nicht die beste, wie ich anhand dieser Ruinen erkennen konnte, aber einige der schräg abgebrochenen Beißerchen erschienen mir dennoch unangenehm spitz.

Er riss das Maul weit, weit auf, und ein Gestank nach Fäulnis und Kloake schlug mir daraus entgegen. Nun, da er mir die Luft abdrehte, war’s gottlob nur halb so schlimm, sonst hätte ich wohl das Bewusstsein verloren und wäre ihm hilflos ausgeliefert gewesen.

Schon wollte er mir das Gesicht wegbeißen, ich aber packe mit beiden Händen seinen Kopf – igitt, in seinen fransigen Haaren wimmelte allerlei Getier – und riss seinen Schädel zur einen, dann ruckartig zur anderen Seite, und – knack! – schon brachen seine Wirbel, da die Nackenmuskulatur längst vergammelt war, und ich hielt seinen abgerissenen Kopf zwischen den Händen.

Seine Klauenfinger lösten sich von meiner Kehle, der Leichnam wankte zurück, dann brach er zusammen und fiel in den wadenhohen Nebel.

Ich sah auf den Schädel in meinen Händen, der mich vorwurfsvoll anstarrte und knurrte. Ich ließ ihn fallen, trat gleichzeitig zu und kickte ihn mit einem Vollspannstoß ins Gebüsch.

Doch ich war nicht ganz zufrieden mit meiner Leistung. Immerhin ist Fußball in meiner Heimat der Nationalsport schlechthin, und so ging es mir auch in diesem Falle um die Ehre.

Also holte ich mir den Kopf wieder und benutzte nun den linken Außenrist. Auf den Geschmack gekommen, zog ich den Kopf ein weiteres Mal an den verfilzten Haaren hervor und setzte ihn mit einem Dropkick ins Dickicht.

Daraufhin fand ich ihn nicht mehr wieder. Es war Nacht, es war neblig, und er hatte inzwischen aufgehört zu knurren und zu zetern und mich auf Indianisch zu beschimpfen.

Zudem sah ich mich, als ich wieder aufblickte, Ratanescu und seinen Leuten gegenüber. Nur einer von ihnen war nicht ganz so schnell und humpelte fluchend heran. (Dass sie sich auf der Flucht vor der wandelnden Leiche nicht einfach in Fledermäuse verwandelt hatten und davongeflattert waren, schrieb ich ihrer blinden Panik zu und nahm es als Beweis, mit was für einen Haufen Feiglinge und Drückeberger ich es bei ihnen zu tun hatte.)

„Was habt Ihr Narr getan?“, fuhr ich Ratanescu an, noch bevor er das Wort ergreifen konnte. „Wie konntet Ihr so dumm sein, diesen Toten zu erwecken?“

„Er war plötzlich da, als wir hier Wache hielten“, behauptete Ratanescu, „tauchte auf wie aus dem Nichts.“

Er log, ohne rot zu werden (was einem Vampir auch nur dann gelingt, wenn er vorher Blut getrunken hat).

Ich wies auf drei seiner Männer, in deren Gürteln indianischer Schmuck steckte und sogar aus den Hosentaschen heraushing. „Ihr wart bei der indianischen Begräbnisstätte und habt die Toten geplündert“, hielt ich ihm vor. „Dabei habt Ihr einen ihrer Manitus erzürnt, und der erweckte diesen toten Indsman, um Euch aufzuhalten!“

„Schwachsinn!“, grollte Ratanescu und gab seinen Männern Zeichen, den Indianerschmuck bitte etwas besser wegzustecken, damit ihn nicht jeder sah. „Das Zeug lag hier im Gebüsch, hat wohl jemand verloren!“

Inzwischen kamen auch Sam, Dick und Bill heran, gefolgt von Bancrott, der ihnen hinterherschwankte. Tickman, Trickman und Trackman ließen sich nicht blicken. Sie schliefen entweder noch ihren Rausch aus oder waren schlicht zu ängstlich, um unter den Stein hervorzukriechen, unter dem sie sich versteckt hielten.

„Was ist hier los?“, wollte Sam wissen. „Verflixt und zugenährt, warum lässt man uns nicht schlafen? Erst die Ballerei und jetzt dieses Geschrei!“

Ich wies auf den kopflosen Indsman und erklärte ihm, was vorgefallen war. Ratanescu widersprach darauf heftig und brachte seine Version der Geschehnisse dar: „Mr. Mayer ist offenbar schlafgewandelt und dabei über eine lebende Leiche gestolpert, die ihn fressen wollte. Nur meinen Leuten und mir hat er sein Leben zu verdanken, weil wir unseren Job ernst nehmen und unsere Posten in der Nacht nie verlassen. Wir kamen hinzu und pusteten dem Untoten mit unseren Silberkugeln den Schädel weg!“

„Was erzählt ihr da für Lügenmärchen?“, brauste ich auf. „Ihr habt zwar rumgeballert wie die Narren, doch ich war es, der Euch vor dem Leichnam rettete, indem ich ihm den Kopf abriss!“

Ratanescu lachte meckernd. „Diese Lusche! Will einem lebenden Toten mit bloßen Händen den Garaus gemacht haben! Was sagt Ihr als erfahrener Westmann dazu, Mr. Howlin?“

Sam fixierte ihn grimmig und gab zu: „Hab noch nie gehört, dass dies einer zustande brachte, da gebe ich Euch recht, Mr. Rattenpesto.“ Er kniete sich neben dem jetzt toten Toten nieder, besah sich die Leiche, über die die Nebelschwaden krochen, und richtete sich wieder auf. „Ja, habt recht, Rattenfressko. Ihr wart’s, der den Leichnam erledigt hat!“

„Sagte ich doch!“, triumphierte der Ratten-Jim.

Ich war erstaunt und – ich geb’s zu – auch erbost über Sams Worte, denn sie konnten ganz und gar nicht stimmen. Da aber fügte der listige Howlin’ Sam mit tückischem Grinsen hinzu: „Ihr und Eure Männer habt richtig gehandelt, dass Ihr wild in der Gegend rumgeballert und dutzendfach Silberkugeln in die Wildnis gejagt habt. Durch das Geknalle hat sich der Untote derart erschreckt, dass er glatt den Kopf verloren hat, wenn ich mich nicht irre, hihihihihi!“

Ratanescu funkelte mich zornig an: „Und ich sage, Ihr seit ein Lügner!“

Ich lasse mich ungern als Lusche bezeichnen, noch ungerner aber als Lügner. Ratanescu hatte das Wort gerade ausgesprochen, da streckte ihn auch schon mein Faustschlag nieder.

Satanescu, sein treuester Spießgeselle, wollte daraufhin zum Eisen greifen, doch er hatte es gerade aus dem Holster gerissen, da war ich mit zwei Schritten bei ihm, nahm es ihm mit der Linken einfach ab und versenkte meine Rechte in sein bleiches Angesicht.

Auch er ging zu Boden.

„Fürwahr“, hörte ich Sam hinter mir zu Bill und Dick sagen, „er ist wirklich eine alte Silberhand, unser Old Silverhand!“

Ratanescu war diesmal zumindest Manns genug, nicht gleich ohnmächtig zu werden. Auf dem Allerwertesten hockend, drohte er mir: „Dafür wirst du grausam büßen!“

Bancrott mischte sich ein, indem er mir vorhielt: „Wie konntet Ihr die beiden Gents nur niederschlagen, auf die wir so dringend angewiesen sind, Ihr Fool!“

Fool ist ein englisches Wort und bedeutet, übersetzt in meine Heimatsprache, so viel wie Blödheini, und Blödheini ist dort, wo ich herkomme, eine ebenso schlimme Beleidigung wie Lusche oder Lügner.

Also setzte sich auch Bancrott unbeabsichtigt auf den Hosenboden.

Bevor die Drei anfangen konnten, zu zetern und zu schreien, warnte Sam: „Achtung! Da kommt jemand! Ich glaube, es sind Wöl …“

Weiter kam er nicht.

In unserer Nähe hatte sich, von uns unbemerkt, eine Nebelwand aufgebaut, wie durch magische Kräfte erzeugt, und aus der sprang eine laut und drohend knurrende Gestalt hervor und jagte mit einem weiten Satz auf mich zu. Mächtige Pranken stießen gegen meine Schultern und rissen mich nieder, ich schlug im Nebel auf und sah über mir eine Wolfsfratze mit glühenden Augen und weit aufgerissenem Maul, dessen Fänge im nächsten Moment dicht vor meinem Gesicht krachend zusammenschlugen.

Kommentare  

#1 Wolfgang Trubshaw 2010-09-19 08:50
:-|

Herr Polzin möge ins verlagseigene Archiv gehen und dort Nummer 1766 der Serie Piper (Januar 1994) konsultieren, dann sähe er, wie Abenteuer-Verballhornung auch wirklich lustig statt blödelnd betrieben werden kann ...
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#2 BettinaM. 2010-09-19 14:08
Was für ein wundervolles Logo! Einfach genial!! Ein riesiges Lob an unseren Jwan. Thumbs up!!
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#3 Monsun 2010-09-20 09:01
O mein Gott! Man merkt wirklich, dass Peter Thannisch vom Heftroman kommt - und sich, statt den Buchmarkt zu beflügeln - offenbar kein Stück weiterentwickelt hat
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#4 Larandil 2010-09-20 09:32
Na ja. Mein Ding ist es nicht.
Aber da schon die Originale von Karl May mir die Augenbrauen hochziehen - warum sollte es bei einer Parodie viel anders sein?
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#5 Mikail_the_Bard 2010-09-21 09:47
Aua... nicht mein Fall. Ein Karl May in der heutige Sprache passt net.
Oder würde Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah nachdem er sich Kara Ben Nemsi vorgestellt hatte sage: "Eh Alder, kannst aber änhfach Halef sagen, der ganze Name passt eh net in de Pass!"
Also wenn Karl May, dann auch Sprache von damals oder wenigsten normales Deutsch! :-)
BTW, wie wäre es denn jetzt mit Kara Ben Nemsi und der Ghul von Kabul???
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