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Die weiße Göttin vom Amazonas (Roberta Lee 9)

LeseprobeDie weiße Göttin vom Amazonas
(aus: Roberta Lee 9)

Einer sprang hinter dem Baum hervor und richtete sein Blasrohr auf mich. Das war Ernst. Ich mochte mich nicht ergeben und warf das Messer, das ich an mich gebracht hatte. Es fuhr ihm bis zum Heft in die Schulter, und er blies seinen Pfeil ins Leere.

Mir blieb keine Zeit, das Messer wiederzuholen. Andere Sucuarana umringten mich. Jetzt wollten sie mich töten, da war ich gewiss. Eine Massenvergewaltigung würde mir jedenfalls erspart bleiben.

 

Noch einmal entwischte ich ihnen, glitt zwischen ihnen hindurch wie ein Aal. Einer packte meinen schweißnassen Arm und rutschte ab. Meine Haare klebten schweißnass, der Schweiß rann mir in Bächen herunter.

Sie jagten mich, ich gewann noch einmal einen Vorsprung, sprang über einen gestürzten Baum, rannte durch ein Gebüsch – und geriet genau in ein Sumpfloch. Ich schlitterte hinein, dass der Schlamm spritzte, und war drei Meter vom Ufer weg. In der ersten Panik versuchte ich, mich herauszuarbeiten.

Doch das war nicht möglich. Schmatzend zog mich der Schlamm tiefer ein. In ein scheußliches Grab wollte es mich ziehen. Das Sumpfloch war tückisch. Dünnes Gras wuchs darüber, Laub lag darauf. Vom festen Boden konnte man es nur bei genaustem Hinsehen unterscheiden. Ich war flugs hineingelaufen, mit vollem Karacho.

Äste ragten über das Sumpfloch, doch viel zu hoch, dass ich hätte einen ergreifen können. Am Rand lang ein umgestürzter kleinerer Baum. Bei diesem tauchten die ersten Sucuarana auf. Dann standen sie alle um das Sumpfloch und schauten mit ernsten Mienen zu, wie ich allmählich im Schlick versank.

Ich hatte die Arme ausgebreitet und rührte mich nicht, was mich viel Selbstüberwindung kostete. Alles andere hätte das Ende nur beschleunigt.

»Holt mich raus!«, flehte ich. »Bitte, rettet mich aus dem Sumpf. Lasst mich nicht elend untergehen.«

Die Antwort war Schweigen. Die Sucuarana schauten mich mit starren Mienen an. Vielleicht hatte ich den totgeschlagen, der mich vom Baum ansprang. Ihr Anführer mit dem Jaguarfell um die Schultern war mit erschienen. Auch er sagte kein Wort. Der von mir mit dem Messerwurf Verletzte presste sich Blätter auf die blutende Schulter.

»Holt mich raus! Bitte!«

Schweigen.

»Sheeba! Wo ist Sheeba? SHEEBA!«

Die Göttin ließ sich nicht blicken. Gierig zog mich der stinkende Schlamm tiefer ein. Noch einmal loderte der Zorn in mir auf.

»Was glotzt ihr denn so?«, fauchte ich die Sucuarana an. »Wollt ihr euch an meinem Tod weiden? – Haut ab, verschwindet! Wenn ihr mich schon nicht retten wollt, dann lasst mich wenigstens allein sterben, ohne eure glotzenden Mienen. – Fort mich euch, weg!«

Ich gestikulierte mit der Rechten, obwohl ich davon schneller sank. Bis unter die Brust steckte ich schon in den Schlamm. Die Geste war eindeutig. Der Anführer sagte etwas, und die Sucuarana verschwanden. Entkommen konnte ich nicht.

Entweder sie respektierten meinen letzten Wunsch, oder sie legten keinen Wert darauf, mir beim Sterben zuzusehen. Jedenfalls gingen sie fort. Ich sank tiefer. Der Schlamm sog mich ein. Was für ein unrühmliches Ende. Tränen strömten mir übers Gesicht. Verzweiflung wollte mich überwältigen. Mein Vater und meine Freunde würden niemals erfahren, wie ich geendet hatte, noch würde meine Leiche geborgen werden.

War das das Ende? Es war es, ich sah keinen Hoffnungsschimmer. Ich hätte die Arme emporstrecken können, um schneller unterzugehen, oder mit den Beinen strampeln. Aber ich tat es nicht. Ich hielt eine Rückschau über mein Leben und versuchte, meine Gedanken zu klären, um bald vor meinen Schöpfer hintreten zu können. Da würde ich Rechenschaft ablegen müssen über alles, was ich getan und auch was ich unterlassen hatte.

So hatte man es mich gelehrt.

Aber die Ruhe wollte nicht einkehren. Mein Herz hämmerte, mein Puls raste. Ich war bis unter die Achseln eingesunken. Gott, lass es schnell vorbei sein, dachte ich. Aber ich wusste, es würde nicht schnell sein.

Da hörte ich ein Fauchen. Auf dem gestürzten Baumstamm hockte ein Puma und funkelte mich mit seinen schrägen grünen Lichtern im Halbdämmer an. Ich wäre für ihn ein Leckerbissen gewesen, aber ich steckte im Sumpfloch – Pech für ihn.

So konnte er nicht an mich heran. Noch einen Besuch hatte ich. Am dicksten Ast über dem Sumpfloch wand sich eine meterlange, große Anakonda. Auch sie hatte mein Todeskampf angelockt. Sie pendelte mit dem Kopf hin und her und schaute auf mich nieder.

Dann sah ich am anderen Ende des Sumpflochs die Schlange – anderthalb Meter lang, grün. Das musste eine hochgiftige Buschmeister sein. Leicht, wie sie war, konnte sie über die Sumpfoberfläche gleiten, und das tat sie nun.

Die Giftschlange kam auf mich zu.

Ich stieß ein Zischen aus. Die Schlange stutzte.

Dann näherte sie sich mir noch mehr. Sie wollte beobachten, was da war. Mir kam eine Idee. Ohne weiteres und von sich aus würde die Schlange mich nicht beißen wollen. Ich musste sie bluffen. Vorsichtig bewegte ich meine Arme.

Die Idee war aberwitzig – vierfache Todesgefahr. Da war der Sumpf, der mich einsog. Bis zum Hals reichte mir der Schlamm schon. Selbst wenn ich herausgekommen wäre, hätte mich der Jaguar gefressen. Die Anakonda lauerte ebenfalls, sie war groß genug, um einen Menschen zuerst mit ihren Ringen zu zerquetschen, dann hinunterzuschlingen – Ober- und Unterkiefer wurde dazu ausgerenkt – und zu verdauen.

Zum Schluss noch die Giftschlange, einerseits eine tödliche Gefahr, andererseits eine Möglichkeit. Ich ließ die rechte Hand unter der Sumpfoberfläche und streckte die Linke zur Hälfte heraus, bewegte die Finger. Nicht zu schnell. Die Buschmeisterschlange sollte meine linke Hand für ein Beutetier halten, dass diese zu mir gehörte, wusste sie nicht.

Die Schlange fiel darauf herein. Sie gedachte, sich die Beute in der Größe von einer kleinen Ratte einzuverleiben. Doch als sie nahe genug heran war, ehe sie zubiss und ihren Giftbiss anbrachte, schnappte ich sie mit der Rechten wie mit einer Stahlklammer unterhalb des Kopfes.

Sie konnte nicht beißen. Ich würgte die Schlange, die wild hin und her zuckte, mit beiden Händen, bis sie erschlaffte. Schwächer wurde. Dann warf ich sie nach dem Puma. Die Schlange flog auf ihn zu. Die Pranke des Pumas zuckte vor, traf, doch die Schlange krümmte sich, landete trotzdem auf ihm und biss zu.

Der Puma brüllte. Mit einem Biss tötete er die Giftschlange. Dann bäumte er sich auf, das tödliche Gift in den Adern. Er zuckte unkontrolliert, und mit torkelnden Bewegungen lief er ein Stück davon. Zweifellos würde er nach einer Weile zusammenbrechen und sterben.

Das waren zwei Gegner weniger, doch noch steckte ich in dem Sumpf. Der Kopf der Anakonda baumelte über mir. Ich zog meine Bluse aus, hob sie und schwenkte sie.

Die Anakonda biss zu. Sie packte die schlammige Bluse. Eine Anakonda verbiss sich in ihr Opfer, umschlang es, zerquetschte es und verschlang es dann. In dem Fall nicht. Ich packte das Reptil und klammerte mich an ihm fest, ja, ich krallte mich mit den Nägeln in seine Schuppenhaut, biss sogar zu.

Es schmeckte scheußlich, doch um den Geschmack ging es nicht. Die Anakonda bewegte sich. Wenn sie mich abschüttelte, war alles verloren. In Todesangst krallte ich mich fest, mit dem Mut der Verzweiflung. Es war ein schwieriger Akt.

Die sechs Meter lange Anakonda hatte sich um den Ast geringelt und verfügte über eine gewaltige Kraft. Sie konnte ein Pferd zerquetschen. Mich umschlangen ihre Ringe nicht. Ich hielt sie, und sie wollte mich befreien. Ins Sumpfloch wollte sie sich nicht plumpsen lassen.

Der Sumpf hielt mich wie mit tausend gierigen Armen. Doch Zoll um Zoll zog mich die Anakonda mit pendelnden Bewegungen empor. Ich sah ihre Augen mit den Spaltpupillen und grub meine Zähne tiefer in ihren Schuppenpanzer hinein, umarmte sie förmlich.

Mit Händen und Füßen, Armen und Beinen klammerte ich mich an der Anakonda fest, als sie mich aus dem Sumpf hievte, verkrallte und verbiss mich in sie. Ich sah aus wie ein Schlammteufel, über und über beschmiert.

Die Anakonda hievte mich hoch. Am Ast oben konnte sie mich nicht mit ihren Ringen umklammern. Sie zischte, riss ihren Rachen auf. Beißen konnte sie mich nicht, ich hing an ihr wie eine Klette. Dann setzte ich alles auf eine Karte, ließ die Anakonda los, klammerte mich an einem dünneren Ast fest wie an einer Reckstange und gab mir kräftig Schwung.

Ich ließ los, flog durch die Luft und landete, erst einmal außerhalb der Reichweite der Anakonda, am Rand des Sumpflochs. Dort lag ich und japste. Ich fasste es kaum, dass ich noch am Leben war, vierfacher Todesgefahr entkommen.

Der Puma lag ein paar Schritte weiter und war am Verenden. Die Buschmeisterschlange hatte er totgebissen. Dem Sumpf war ich entronnen. Die Anakonda jedoch kroch vom Ast und wollte auf mich los.

Ich wartete nicht, bis sie mich erreichte. Sie sollte sich einen Tapir zum Fressen suchen. Ich lief torkelnd davon. Dass Anakondas ihre Beute kriechend verfolgten, war ein Ammenmärchen. Die große Würgeschlange gab es bald auf. Sie widmete sich vielmehr dem Puma, umschlang ihn, die Knochen krachten, und dann wurde ich Zeuge, wie sie ihre Kiefer ausrenkte und begann, ihn sich einzuverleiben.

Das konnte ein paar Stunden dauern, bis der Puma hinuntergeschlungen war. Dann würde die Anakonda eine dicke Beule in der Leibesmitte haben – mit Muskelringen würgte sie die Beute hinunter – und sich ein ruhiges Plätzchen zum Verdauen suchen.

Das konnte ein paar Monate dauern. Dann ging sie wieder auf die Jagd, vielmehr legte sich auf die Lauer. Völlig erschöpft setzte ich mich nieder. Ich fasste es kaum, dass ich gerettet war.

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