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Sieben gegen die Hölle - Thorsten Fischer (Teil 5)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Thorsten Fischer (Teil 5)
Thorstæin warf einen schnellen Blick auf Odin.

Noch immer ruhte dessen Blick auf dem eingefrorenen Donnergott.

"Bring den Schild von hier fort, Thorstæin!" Odins Stimme war ein Flüstern. Dennoch verstand der Mann ohne Gedächtnis ihn, als wenn er direkt neben ihm stehen würde. "Ich werde mich um Loki und den Frostriesen kümmern. Alleine!"

***


Thorstæin hatte sich in Richtung des Eisblocks zurückgezogen, der ihm wohl nur kurzfristig genügend Deckung verschaffen würde. Denn wie er Loki einschätzte, würde dieser keine Rücksicht auf Verluste nehmen, wenn der Kampf begann.

Im Gegensatz zu Odin, der den auf Eis gelegten Thor auf jeden Fall schützen wollte.

Er musste weg von hier. Doch wohin sollte er fliehen? In dieser Eiswüste war er alleine rettungslos verloren.

"Brunnen!"

Das Amulett pulsierte wieder.

Wieso der Brunnen? Dort war er gänzlich ohne Deckung.

"Geh zum Brunnen!" Die Stimme des Amuletts wurde eindringlicher. "Nur dort wirst du Zuflucht finden!"

Thorstæin warf einen Blick um den Eisblock.

Der Kampf war schon in Gange. Zu seiner Verwunderung hatte Loki noch keinen Finger gerührt, sondern überließ dem Frostriesen die Drecksarbeit.

Unbehelligt erreicht er den zugefrorenen Brunnen Hvergelmir, der im Grunde nur ein von Steinen eingefasster Teich war.

Eine fast meterdicke Eisschicht bedeckte den Brunnen und Thorstæin konnte die unheimliche Kälte spüren, die von diesem Eis ausging. Es war fast, als würde der Frostriese mit dieser Eisschicht in Verbindung stehen.

Ein aufkommenden Windstoß riss ihn urplötzlich von den Beinen.

Thorstæin fiel auf den gefrorenen Teich zu. Verzweifelt streckte er seine Hände aus, um den Aufprall wenigstens etwas abzufangen.

***

Odin wusste, er stand auf verlorenem Posten. Den Frostriesen alleine hätte er noch besiegen können, doch Loki wirkte seinen dunklen Zauber, der dem Riesen unglaubliche Stärke und Ausdauer verlieh.

Nur sein Sohn Thor hätte hier noch helfen können, doch dieser war in dem mannshohen Eisblock gefangen, der durch die Macht des Frostriesen entstanden war. Nur dessen Tod würde den Donnergott befreien.

Aus den Augenwinkeln sah der Herr der Asen plötzlich, wie sein sterblicher Begleiter auf den zugefrorenen Teich zufiel. So als hätte ein unsichtbarer Gegner ihm ein Bein gestellt.

Verzweifelt versuchte Thorstæin, den Sturz mit seinen Händen abzufangen. Doch kaum hatten seine Hände die gefrorene Oberfläche berührt, glitt der Sterbliche durch das Eis, als wäre es gar nicht vorhanden.

Dann geschah das Unfassbare – das Eis begann zu schmelzen! Ein lautes Knirschen ließ den Frostriesen erstarren. Angst schien sich auf seinem Gesicht breit zu machen, und auch Loki schien nicht zu fassen, was gerade geschah.

Der mannshohe Eisblock begann zu bersten.

Ein grimmiges Lächeln stahl sich auf Odins Lippen, als er sich erneut dem Frostriesen zuwandte.

***

Thorstæin fiel. Es schien, als wäre das Eis nicht vorhanden, das den Teich bedeckte. Seine Hände glitten durch die gefrorene Oberfläche, dann seine Arme und letztendlich sein ganzer Körper.
Das Amulett auf seiner Brust strahlte eine unheimliche Wärme aus, die ihn wie ein schützender Kokon umgab.


"Halte den Schild fest! Du darfst ihn nicht verlieren!"

Dann verlor er das Bewusstsein.

***

Ein riesiger, schwarzer Wolf rannte durch den Wald am Fuß des Hohen Meissners.

Ein Wolf, der früher ein Mensch namens Thomas Meier gewesen war.

Ein Wolf, der nur eine Aufgabe hatte.

Finde den Auserwählten mit dem Schild und töte ihn!

Der Wolf ahnte nicht, dass ihn eine alte Frau aus dem Verborgenen beobachtete. Ihr langes, verworrenes, schneeweißes Haar, verdeckte ihr Gesicht, das eine lange Nase zierte, so dass nur ihre klaren blauen Augen im Dunklen leuchteten.

"Du bist also Lokis neues 'Spielzeug'!" Die Alte schüttelte den Kopf. "Bist du das Einzige, oder hat der Herr der Lüge noch andere auf die Sieben angesetzt?"

Ein seltsames Wabern umgab plötzlich die Alte, deren Aussehen Kinder das Gruseln gelehrt hätte, wäre sie ihnen nachts über den Weg gelaufen.

Eine etwa zwanzigjährige junge Frau mit hüftlangen flachsblonden Haar trat in die Dunkelheit heraus. Fast schien es, als würde ihre Füße den Boden nicht berühren.

"Die Zeit ist nahe!"

***

Finsternis umgab ihn.

Dennoch wusste er, dass er fiel.

Und mit dem Fall, der ewig zu dauern schien, kam die Erinnerung.

Er war Thorsten Fischer.

Olaf der Fischer, der Draugr.

Das Amulett des Untoten, das dieser von Odin selbst bekommen hatte.

Thorsten konnte nicht glauben, was geschehen war. Dennoch war es Wirklichkeit gewesen, denn noch immer hielt er den Schild Odins mit seiner linken Hand fest umklammert.

Eine unbekannte Trauer machte sich in dem Deutschen breit, denn obwohl er es nicht gesehen hatte wusste er, der Draugr war tot – für immer.

Plötzlich öffnete sich die Finsternis und die Oberfläche eines Meeres raste auf ihn zu.

Der Aufschlag raubte ihm fast den Atem.

Wie ein Stein sackte er in die Tiefe, und auch der Schild verhinderte nicht, das Thorsten immer tiefer in das Meer sank.

Verzweifelt wollte er auftauchen, doch es war als würde ihn ein unsichtbares Netz nach unten ziehen. Dem sicheren Tod entgegen.

Gerade als sein Bewusstsein zu schwinden begann, spürte er wie unzählige Hände sich in seinen Rücken drückten, und ihn nach oben trugen.

Doch es war zu spät.

Thorsten öffnet den Mund um begierig nach Luft zu schnappen. Er wusste, er würde ertrinken, aber der Reflex war stärker als sein Wille.

Doch er starb nicht. Es war als würden plötzlich unsichtbare Lippen, gleich einem Kuss der Geliebten, seine Lippen verschließen und ihm den lebenspendenden Atem einhauchen.

Dann schwand ihm endgültig das Bewusstsein.

***

"Was zum ..." Erik Gustavson schreckte aus seinem leichten Schlummer, der ihn immer beim Angeln erfasste, auf.

Ein lautes Geräusch hatte ihn gerade in dem Moment aus seinem Traum gerissen, als er einen kapitalen Dorsch in sein Boot ziehen wollte.

In der anbrechenden Morgenröte, die sich gerade über dem Meer der Fjorde Islands breitmachte, konnte er einen leblosen Körper sehen, der sich wie von unsichtbaren Händen getragen seinem kleinen Ruderboot näherte.

Gustavson traute seinen Augen nicht.

An seinem linken Arm trug der Mann einen runden Schild, der an die der alten Wikinger erinnerte.

Der alte Fischer ruderte dem Treibenden entgegen.

Vorsichtig hievte er den Mann an Bord seines Bootes, und es war ihm, als würden unsichtbare Hände aus dem Meer helfen.

Es war wirklich ein Wikingerrundschild, den der Fremde trug. Erik stockte der Atmen als er die uralten Runen erkannte, die diesen Schild zierten.

Nun war ihm klar, warum die Netze der Ran nicht nach diesem Mann ausgeworfen worden waren.

"Dank, ihr Töchter der Wogen!" Erik Gustavson nickte den schäumenden Wellen zu. "Dank euch,  Angeyja, Atla, Eistla, Eyrgjafa, Sjalp, Greip, Imd, Jarnaxaa und Ulfrun!"

Ein leises Husten ließ ihn seinen Blick auf den Geretteten werfen.

Langsam öffnete er seine Augen, starrte auf den Himmel, der sich langsam erhellte.

"Wo bin ich?" Seine Stimme klang heiser.

Der alte Fischer verstand den Fremden, da er während seiner Zeit als Kapitän auch sehr viel für deutsche Reedereien gefahren war.

"Ihr seid in Island!", antworte er in reinem Deutsch.

"Welches Jahr haben wir?"

Die Frage verwirrte Erik Gustavson. "2013."

"Das ist gut!" seufzte der Mann erleichtert und setzte sich langsam auf.

"Mein Name ist Erik Gustavson", stellte sich der alte Fischer vor. "Und wie ist Ihr Name?"

"Thorsten Fischer. Aber nennt mich einfach Thorstæin..."

Ende Teil 5/7

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