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Streitfrage „Happy End“

Jochen und der (phantastische) TellerrandStreitfrage „Happy End“

Heute möchte ich auf eine Sache zu sprechen kommen, die mir zwar schon häufig begegnet ist, die mich aber immer wieder verblüfft. Die Rede ist von der Unzufriedenheit mancher Fans mit dem Ende eines Romans oder einer Saga – weil es ihnen nicht negativ genug ist.

Ich werde es wohl nie verstehen, dieses Verlangen einiger Leser, dass das Ende einer Geschichte geradezu zwangsläufig mit Schmerz, Leid und Tränen verbunden sein muss. Mich persönlich würde ein solches Ende nicht im Geringsten zufriedenstellen. Ich meine: Da liest man ein viele hundert Seiten umfassendes Epos, nur um am Schluss zu erfahren, dass die meisten der Protagonisten sterben und das Böse nur für die nächsten dreieinhalb Wochen zurückgeschlagen wurde. In welcher Hinsicht soll mich so was bitteschön zufriedenstellen oder gar begeistern?


Um ein Beispiel aus der Praxis anzuführen: Tad Williams schreibt auf seiner Homepage über die Reaktionen, die er zum Ende seiner »Osten Ard«-Saga erhalten hat:
I've often been surprised when some readers talk about what they feel is too blithely happy an ending.
Das Ende der »Osten Ard«-Saga soll übertrieben fröhlich sein? Es stimmt, die Guten gewinnen und die Bösen bekommen ihr Fett weg, aber so ein richtiges Happy End hat die Geschichte nun wahrhaftig nicht. Bei all den Toten und den Zerstörungen, die von Ineluki und seinen Verbündeten angerichtet wurden ...

Williams selbst schreibt hierzu dann auch:
I can't comprehend seeing everything these characters go through, and tallying all the characters who don't make it, and thinking that things are all hunky-dory just because some survive.

Diesem Statement ist nichts hinzuzufügen; hier kann ich mich Williams voll und ganz anschließen.
Was ist es, dass ein trauriges oder böses Ende so viel erstrebenswerter erscheinen lässt als ein mehr oder weniger gutes Ende? Ich habe oft und lange über diese Frage nachgegrübelt. Zu einem vernünftigen Schluss bin ich allerdings nie gekommen.

Dass Ihr mich jetzt nicht falsch versteht. Ich selbst bin bestimmt kein Freund übertrieben fröhlicher Abschlüsse, bei denen alle Figuren die finale Schlacht weitestgehend unbeschadet überstehen (um mal im Bereich der Fantasy zu bleiben) und alle glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. Ein solcher Schluss wirkt, gelinde gesagt, dämlich und hilflos überzogen. Aber ein gewisses Maß an positivem Beigeschmack sollte das Ende doch haben. Nein, es müssen nicht alle überleben, und ja, die Geschichte darf auch in verschiedener Hinsicht offen enden. Letztendlich möchte ich die Erzählung aber mit dem Gefühl beenden, dass es sich auch gelohnt hat, sie zu lesen. Wenn am Ende eh alle tot sind, dann frustriert mich das allerhöchstens.

Und was ist mit Horror?, mag der ein oder andere jetzt fragen. Gut, hier gehört ein negativ besetztes  Ende irgendwie dazu. Aber auch hier gilt, wie ich finde, dass ein Horrorroman mir positiver in Erinnerung bleibt (in dem Sinne, dass ich gerne an die Lektüre zurückdenke), wenn die Story eben nicht in einem totalen Fiasko geendet hat. Dass alle Protagonisten samt und sonders spätestens im letzten Kapitel den Löffel abgegeben haben ... Ein gelungener Abschluss sieht IMHO anders aus.

Ein Happy End um jeden Preis? Mit Sicherheit nicht. Aber die ganzen Beschwerden drüber, dass diese oder jene Saga zu positiv beendet wurde, entziehen sich schlichtweg meinem Verständnis. Gerade bei Fantasyepen wie der »Saga vom Osten Ard«. Gott, was hätte ich mich über die verschwendeten Stunden geärgert, wenn ich am Schluss hätte feststellen müssen: Simon und Co sind alle hinüber.

Somit verbleibe ich in der Hoffnung, dass diejenigen, die ständig nach negativen Enden schreien, nur eine Minderheit sind, und dass Autoren (insbesondere all jene, die viele hundert Seiten starke Epen verfassen) ähnlich denken wie ich und ihren Geschichten Enden angedeihen lassen, die  zumindest in weiten Teilen positiv (oder eben mehr oder weniger offen) sind.

Nichts als Kummer, Leid und Verzweiflung zum Finale? Wie man sich so was wünschen kann, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

Kommentare  

#16 Harantor 2009-07-05 23:53
@Lobo: Ich wollte lediglich darauf verweisen, dass der Herr der Ringe kein ungebrochenes Happy End hat. Aber gerade er ist die tragische Gestalt. Er kann keinen Frieden finden und leidet an der Wunde von der Wetterspitze (die ja "niemlas heilt")...
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#17 Thomas 2011-08-07 19:35
Haltet mich meinetwegen für altmodisch, aber ich mag auch keine Horrorfilme sehen, die am Ende schlecht für die Protagonisten (= die "Guten") ausgehen.
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#18 Thomas Rippert 2011-08-07 22:56
Ich mag schon manchmal ein Baddy End, denn es können sich die Guten auch mal "opfern", damit sie die strahlenden Helden des Endes sind. Ich mochte den Protagonisten Hawkmoon nicht, weil er überleben durfte - da wo mein Favorit Corum sterben musste! :)
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#19 Jonas Hoffmann 2011-08-09 09:29
zitiere Gabriel Adams:
@ Pisanelli

Glaub es oder glaub es nicht, aber die Frage ist tatsächlich ernst gemeint.
[..]
Ich frage mich allerdings, wieso so häufig der Ruf nach einem möglichst schlechten Ende laut wird.


Vielleicht weil genau das etwas überraschendes wäre?

Oft ist es doch so, dass der Held die Tussi bekommt und alles friede, freude, Eierkuchen ist. Das ist auf dauer auch schlicht unbefriedigend.
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#20 Laurin 2011-08-09 14:42
In einem abgeschlossenen Buch fällt ein fröhliches Happy End auch noch nicht wirklich so stark ins Auge, obwohl ich auch hier nicht unbedingt immer nur Friede-Freude-Eierkuchen bevorzuge. Aber gerade im Heftbereich wirkt sich sowas auf die Dauer recht negativ aus, weil es ab einem gewissen Punkt unrealistisch wirkt. Natürlich darf da der Held/die Heldin und deren Personen im direkten Umfeld auch mal ohne größere Nackenschläge einen Sieg davon tragen, was man unter "Glück" verbuchen kann. Nur sollte immer klar sein, dass ein solches "Glück" einen in der Regel auch mal verläßt. Dann darf es durchaus auch mal eine liebgewonnene Nebenfigur treffen (auch wenn manche Fans dann erstmal am Rad drehen mögen), denn dieses wirkt realistischer und sorgt überdies für mehr Spannung weil eben nicht immer alles schön vorhersehbar bleibt.
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