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Zehn Jahre zu spät

Das Grauen wird 40Zehn Jahre zu spät...

Rolf MichaelSo, vierzig Jahre wirst du in diesem Monat alt, Horror-Heftroman?

Warum nicht Fünfzig? Warum bist du nicht zehn Jahre älter? Denn dann hätte es dich schon gegeben, als ich dich brauchte. Denn du, Horror-Heft, warst genau der Lesestoff, den damals in der Zeit, als ich zwischen Zehn und Zwanzig war, gesucht habe. Da habe ich verzweifelt nach Büchern Ausschau gehalten, in denen es Gespenster, Vampire, Werwölfe und Dämonen gab. Und natürlich Helden, die sie besiegten – und in deren Rolle ich mich dann selbst hinein träumen konnte.

Aber dich, Horror-Heft-Roman – dich gab es in jener Zeit zwischen meiner erwachsenden Kindheit und dem Ende der Teenagerzeit, also zwischen 1958 und 1968  noch nicht.

 

Jedenfalls gab es keinen Lesestoff mit unheimlichen Inhalt in der Form, dass ich ihn mir von meinem damals mehr als magerem Geldbeutel hätte leisten können. Das, was du, liebes Horror-Heft, zum Inhalt hast, war damals nur in dicken Büchern zu bekommen.

Und dafür war kein Geld da – und auch nicht zu bekommen. Taschengeld gab es nicht – das Geld reichte gerade so, um die Familie durchzubringen und ein Eis für zehn Pfennige zu bekommen, bedurfte schon großer Überredungskunst. Dass am Sonntag die 50 Pfennige für die Kindervorstellung im Kino immer da waren, hatte andere Gründe, die ich erst viel später begriffen habe. Wir hatten nur zwei Zimmer – und da war es für das Gemeinschaftsleben meiner Eltern eben recht förderlich, wenn der Junior mal für zwei Stunden außer Haus war. Und so bin ich damals mit den B-Movies in strahlendem Schwarz-Weiß aufgewachsen. Und es waren auch einige Filme mit recht gruseligem Inhalt darunter, die eigentlich gar nichts ins Kinderprogramm passten. „Der Schrecken vom Amazonas“ oder „Phantom-Reiter“ beispielsweise – oder die Klamotte „Abott und Costelle treffen Frankenstein“, was für mich die erste Berührung mit den allbekannten klassischen Gruselfiguren Vampir, Werwolf und Frankenstein-Monster war.

Aber Bücher mit Geschichten über Gespenster und die Welt des Unheimlichen? Dafür hatten wir kein Geld – und meine Eltern natürlich auch kein Verständnis. Damals konnte man ja auch noch nicht ahnen, dass ich einige Jahrzehnte später mal solche Geschichten selbst schreiben würde. 

Also – zehn Jahre vertane Zeit – weil es dich, Horror-Heft, noch nicht gab und mir so die Chance genommen wurde, von dieser Art Lesefutter zu kosten. Zwar wäre auch selbst für ein Heft kein Geld da gewesen und mein Vater bekam seine heißgeliebten Western-Hefte immer geschenkt – aber meine Schulkameraden lasen ja auch „Jerry Cotton“ und von denen konnte man so was ausleihen und unter der Bettdecke lesen.

Und so musste ich eben mit Western und Krimis vorlieb nehmen, wenn ich was außer meinen heiß geliebten Büchern aus der römischen und mittelalterlichen Geschichte lesen wollte. In den ersten sechs Jahren dieser Zeit, in der es noch keine Horror-Hefte gab, hieß es: „Kümmere dich um deine Schule“ und danach wollte ich nur noch ein guter und überall bekannter Schlagzeuger werden und brauchte jeden Pfennig für irgendwelche Schlagzeugteile, aus denen ich mir dann meine erste „Schießbude“ zimmerte. Also waren bei mir auch die Prioritäten anders gesetzt, als mich in der Welt des Unheimlichen weiter zu bilden.

Ja, und als dann so was wie „Geister-Krimi“, „Occu“ oder „Doktor Morton“ zwischen den Western und Cotton-Romanen lagen, die ich so konsumierte, da war das Interesse an der Welt des Unheimlichen erst mal erloschen.  Und dieses Interesse erwachte erst wieder, als sich mir muskelbepackt und mit gezogenem Breitschwert Conan von Cimmeria in den Weg stellte und mir den Weg zur Fantasy-Literatur wies.

Ja, als Kind und als Jugendlicher habe ich nach einer Lektüre, die der Horror-Heftroman bietet, förmlich gehungert – doch es gab nichts in dieser Art.  Dabei hat mich eben diese Welt des Unheimlichen schon als Kind im Vorschulalter immer wieder in ihren Bann gezogen.

Als Kind unter sechs Jahren habe ich sehr lange Zeit bei meinen Großeltern in Hettstedt zugebracht.  Das liegt im südöstlichen Harz im Mansfelder Land und überall im Land scheint die Welt des Übersinnlichen wie eine Twilight-Zone neben unserer Welt zu liegen. Mein Großvater erzählte immer wieder Geschichten über alte Burgen, verfluchte Höhlen oder verlassene Friedhöfe, in denen es spukt. Und nicht nur das, er erzählte auch immer wieder, dass er besonders im ersten Weltkrieg in alten französischen Klöstern „Begegnungen“ gehabt hätte.

Großvaters Erzählungen waren so faszinierend und gingen so unter die Haut, dass ich mich kaum traute, nach Einbruch der Nacht durch das Haus zu gehen, dass von seiner Einrichtung her schon einem Spukhaus glich. Nur  in der Wohnküche, wo Großmutter die Petroleumfunzel anhatte, war es etwas erträglich. Aber natürlich durfte ich nicht zur Decke starren, weil sich da oben die Schattenfinger irgendwelcher Geister bewegten.

Also, wenn es um Geister, Gespenster und so was ging, dann war ich als Kind, es sei hier mal gestanden, ein echter Angsthase. Und wenn ich in Hettstedt Besorgungen machen musste und mich dazu der Weg über den Friedhof nebenan  führte, dann bin ich trotz des hellen Tages in voller Karriere drüber gerannt. Es hätte ja doch einer der Toten….nein, lieber nicht dran denken. Und auf einem Grabstein eines Schreiners war der Tod dargestellt, der dem Schreiner erscheint, während er gerade seinen eigenen Sarg zimmert. Wie auch immer – ich musste an diesem Grabstein vorbei – und natürlich auf das Gerippe mit Sense und Stundenglas sehen. Bis in die Träume hat mich das verfolgt und meine Urgroßmutter, eine weise Kräuterfrau, lehrte mich einen Bannspruch gegen böse Geister. Wenn ich den sagt, dann verschwand der Spuk. Alles Illusion. Ganz sicher. So sagt mir mein aufgeklärter Geist heute. Aber für alle Schätze der Welt wäre ich als Kind nicht zur Nacht über einen Gottesacker gegangen.

Diese unwirkliche Angst hat auch bis zu meinem 18 Lebensjahr angehalten. Ich wusste die Sache natürlich vor aller Welt zu verheimlichen – man muss ja immer vor sich und der Welt den Helden spielen…eben ganz cool sein… 

Und dann waren wir mit den Pfadfindern auf einer Wanderfahrt, heute nennt man das „Trecking“, in der Fränkischen Schweiz. Es hatte tagelang geregnet und wir hatten keinen trockenen Faden mehr am Leib. Im Wald aus Planen die Zelte aufbauen ging nicht, der Förster hatte uns beim Aufbau des Lagers erwischt und vertrieben. Das war der Beginn der Zeit, als man nicht mehr frei im Wald zelten durfte, sondern nur noch auf Campingplätzen. Also raus aus dem Wald und in Richtung bewohntes Gebiet.

So eine Stunde vor Mitternacht kamen wir in einem Dorf an, dessen Name ich vergessen habe. Da konnten wir natürlich keinen Bauern mehr wecken und um ein Nachtlager in der Scheune bitten. Aber die Friedhofskapelle – die war offen. Wir also ganz diskret rein und den Sarg, der drin stand, einfach ignoriert. Wir waren ja gut katholische Georgspfadfinder und wer würde mit 18 Jahren schon Angst zeigen. Ganz im Gegenteil, wie haben uns noch die Grabsteine angesehen und dazu Zigaretten geraucht. And als wir uns am nächsten Morgen in aller Frühe verdrückten, hatten wir die Nacht im Trockenen verbracht und nichts hinterlassen, was auf unsere Anwesenheit gedeutet hätte. Und den Toten im Sarg haben wir sicher auch nicht gestört.

Ja, und seit diesem Erlebnis kann mich da nichts mehr erschüttern. Dass ich später mit einem Freund, einem bekannten Kasseler Bestattungsunternehmer, gelegentlich Leichen zum Friedhof gefahren habe und oft genug um Mitternacht bei Wind- und Sturmgebraus mit Käuzchenruf den Wagen mit dem Sarg über den Kasseler Hauptfriedhof geschoben habe, ist eine ganz andere Sache. Dass ich später selbst mal das, was man Horror-Romane nennt, schreiben würde, ahnte ich bei dieser Tätigkeit nicht. Aber sie wurde damals recht gut bezahlt – zwanzig Mark pro Leiche – in der Nacht zehn schlappe Mäuse mehr. Das war damals für mich viel Geld.

Ja, was Gruselgeschichten anging – unser Feldmeister bei den Pfadfindern hatte das so genannte „Gespensterbuch“. Da waren Geschichten für Kinder und Jugendliche drin, in denen sich der Spuk am Ende jedoch immer als Illusion oder Betruge heraus stellte. Aber wenn diese Stories am nächtlichen Lagerfeuer mit dumpfer Stimme und gelegentlich scharfer Betonung vorgelesen wurden, dann konnte das doch ganz unheimlich werden. Ich durfte dieses Buch mal lesen und habe mir im Gedächtnis verschiedene Geschichten auf die Art umgebaut, dass ich sie eben so erzählt habe, dass  sie echten Spuk zum Inhalt hatten. Und so war ich über Jahre an allen Feuern als Erzähler unheimlicher Geschichten gern gesehen. Nur, dass ich so was mal schreiben würde – halt, doch, habe ich. Einige Sachen habe ich mit uns, also meinen Pfadfinderfreunden als Akteuren und mir natürlich als Heldenfigur, aufgeschrieben. Aber diese Geschichten hat mein Vater, als er sie gefunden hat, in den Ofen geworfen – kümmere dich lieber um deine Schule – hat aber auch nichts genützt… mit meinem Abschluss war wirklich kein Prahlen…

Ja, die ersten Tage des Horror-Heft-Romans habe ich tatsächlich „verschlafen“. Aber ich machte damals nach meiner Zeit als Möbelkaufmann meine zweite Ausbildung bei der Stadt und im Verwaltungsseminar. Und da musste ich was ganz anders lesen – auch, wenn das überhaupt nicht spannend geschrieben war – nur, bei manchen Gesetzen und Verordnungen kann einem als normal und vernünftig denkender Mensch schon das Gruseln kommen.

Der eigentliche Mittelpunkt meines Lebens war aber meine „Karriere“ als Schlagzeuger  in verschiedenen experimentellen Rock-Bands („Black Skill“ später „Ceterum Censeo“) und später als Tanzmusiker teilweise bei den „Scairs“, später bei „Les Copains“ und für eine Agentur, die Kapellen speziell für Veranstaltungen zusammen stellte. Als Drummer kann man ja überall mitspielen – aber manchmal war es wirklich echter Horror, was da auf der Bühne ablief. Die Kirmes-Combo, die ich in meinem ersten Zamorra-Roman „Der Kraken-Götze“ beschrieben habe war keinesfalls erfunden, sondern eine Erinnerung an die damalige Zeit. Asche drüber – es war `ne geile Zeit. Und in jenen Tagen bin ich hinter jeder Mark her gegeiert, die es so zu verdienen gab.

Ja, und dann kam, wie schon erwähnt, Conan und die Fantasy. Hans Klipp und ich gründeten mit einigen Freunden den „Science Fiction und Fantasy-Club Kassel“, der mit uns beiden heute noch besteht. Ja und da brachte einer unserer Freunde ein ganz tolles Buch von H.P. Lovecraft über eine versunkene Leichenstadt, den großen Ctulhu und das verfluchte Buch Necronomicon. Ein Buch, das jeder, der es las, in den Wahnsinn trieb.

Haaaa!!!! Genau das war es, was ich immer lesen wollte. Und nicht nur das. Ich wollte wissen, was davon Dichtung und Wahrheit ist. Denn das Necronomicon uns solche Sachen hielten wir seinerzeit tatsächlich für real existierend. Nun, das stimmt auch – ich habe es heute in meiner Bibliothek – aber es war nur der Preis, der einen wahnsinnig machen konnte…ansonsten ist es neben zwei Kapitel im lovecraft’schen Stil mit dem Titel „Das Zeugnis des wahnsinnigen Arabers“ so etwas wie die altbabylonische Götter und Dämonenlehre. Für Leute, die den „Exorzist“ gelesen oder den Film gesehen haben – es ist auch einiges vom Dämon Pazuzu in diesem Buch zu finden….

Als wir damals den Club gründeten, vor ungefähr 35 Jahren, fing ich an, mich ernsthaft mit der Magie und der Welt des Übersinnlichen zu beschäftigen. Heute bekommt man nicht nur in esoterischen Buchhandlungen sondern überall die passende Lektüre und Fachbücher – damals sind mir nur ganz wenige Bücher dieser Art in die Hände gefallen. Es genügte jedoch, um sich ein Bild zu machen, wie Astrologie, Handlesekunst, Karten legen und andere Grenzwissenschaften funktionieren.

Ich wollte aber mehr wissen. Und ich kam zu der Ansicht, dass die Leute, die dieses Grusel-Romane in Heft-Format schrieben, sich doch sicher vorzüglich mit solchen Sachen auskennen mussten. Versteckt im Text dieser Romane war gewiss  reiches Fachwissen vorhanden, dass die Autoren als Hintergrund in ihre Romane einfließen ließen – und genau dieses „Fachwissen“ wollte ich mir aus dem Text rausfiltern. Also nachsehen, was es in dieser Art so zu Lesen gibt.

Am Seriösesten erschien mir da eine Serie namens „Professor Zamorra“ mit dem Untertitel „Der Meister des Übersinnlichen“. Im Ständer von Supermarkt standen zwei dieser Romane, ich habe aber nur den einen Titel behalten, den ich auch zuerst gelesen habe. Er hieß „Im Totenreich des Ghouls“ und war, was ich damals nicht wusste und was mich auch wenig interessiert hätte, von Fritz Tenkrat geschrieben.

Erst mal wollte ich Unbedarfter natürlich wissen, was überhaupt ein Ghoul ist. Vampire und Werwölfe kannte ich – aber danach war nicht mehr viel Wissen vorhanden.

Ja, nach der Lektüre dieses Romans wusste ich, dass es sich um Leichenfresser handelte. Und ich gebe zu, dass mich der Roman so fasziniert hat, dass ich ihn ohne abzusetzen ausgelesen habe. Beim Zweiten ging das schon nicht mehr so schnell – zumal ich schmerzlich das so verzweifelt gesuchte Hintergrundwissen über die Welt des „Übersinnlichen“ vermisste.

Aber das gab es ja noch einen gewissen „Dan Shocker“. Auch da wurden einige Romane gekauft. Aber, oh Schreck – das waren ja halbe Krimis und James-Bond-Abenteuer in der Welt des Unheimlichen. Wieder nichts, um was zu lernen.

Und damit war der Horror-Heft-Roman für mich erledigt – zumal ich dann auf irgendwelchen Wühltischen in Buchhandlungen einige „echte Fachbücher“ fand – und auch das „Sechste und Siebte Buch Mosis“.  Es dauerte dann eine ganze Zeit bis ich begriff, dass es sich bei den Büchern teilweise um pseudo-psychologische und religiöse Werke handelte – zum anderen um reine Scharlatanerie. Die Beschwörung des Teufels im sechsten Buch Mosis ist heute von der Sache her kaum noch durchzuführen – dazu kommt, dass einige Namen der Beschwörungen nur in Anfangsbuchstaben stehen. Es gibt natürlich den Hinweis, dass den „wahren Meistern“ diese Namen bekannt sind – aber das nützt dir herzlich wenig, wenn du dich bemühst, dem Satan durch eine machtvolle Beschwörung und einen gewaltigen Höllenzwang eine Scheffel Gold abzuluchsen…

Ja, und so habe ich dann zwar gelegentlich mal ein solches Horror-Heft gekauft, aber nicht so, dass ich mich einen echten „Leser“ hätte nennen können. Meist war es übrigens ein „Professor Zamorra“. Eine Serie mit einem feststehenden Helden und den dazugehörigen „Wasserträgern“ Nicole Duval (die damals immer nicht glauben wollte, dass es Dämonen gab, obwohl es ihr alle zwei Wochen aufs Neue bewiesen wurde) und Bill Fleming. Dass ich später selbst mal an dieser Serie mitschreiben würde, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht angenommen. Ich machte gerade meine ersten schriftstellerischen Erfahrungen in unserem Fanzine ANTARES – und so trat ein gewisser Werner Kurt Giesa in mein Leben.

Über Werner hier zu schreiben, heisst Eulen nach Athen tragen. In seinem eigenen Verlag „Terra-Press“ schrieb er neben SF und Fantasy auch Horror-Stories und vertrieb sie als dünne Hefte im Spiritus-Umdruck mit seinen bekannten Zeichnungen.

Als Zeichner wurde Werner für uns interessant – Hans und ich waren nur Schreiberlinge und die Bilder von ANTARES 1, die ich gemacht habe, waren nur ein Notbehelf und erinnern an Kinderzeichnungen. Ich kann´s eben nicht besser.

Nun, mit Werner bekamen wir für die graphische Gestaltung unseres Zines einen Spitzenmann und  aus den ersten Kontakten erwuchs bald eine echtre Freundschaft. Werner kam sehr oft an den Wochenenden von Lippstadt nach Kassel Und in der dritten Nummer von ANTARES brachte er eine echte Horror-Story mit den passenden Bildern, die das ganze Zine in Anspruch nahm. Eigentlich wollte Werner ja in die Science Fiction, möglichst den „Ren Dhark“ seines großen Vorbildes Kurt Brand weiterführen oder bei Perry Rhodan mitschreiben. Er war damals Student für Kunst und Pädagogik an der Uni Paderborn mit dem Ziel, Lehrer zu werden. Aber sein echter Herzenswunsch war es, als Schriftsteller sein Geld zu verdienen und der Menschheit Geschichten zu erzählen.  

Das Schicksal erfüllte ihm tatsächlich diesen Wunsch seines Lebens und brachte ihn mit Dan Shocker, bürgerlich Jürgen Grasmück genannt, zusammen. So konnte Werner seine Leidenschaft zum Beruf machen – sonst wäre er an irgendeiner Penne „Pauker“ geworden wie ich eben beamteter Bürohengst bin.

Nun, mein großer Traum war immer der Circus – speziell die Tiger. Als im letzten Herbst mein Freund Dominik Fischer vom Circus R. & P. Althoff drei kleine Tigerkater hatte, hätte ich die am liebsten genommen. Ja, wenn ich dreißig Jahre jünger gewesen wäre – dann hätte ich vielleicht meinen Traum gelebt, mit den drei Tigern eine Nummer aufgebaut. Aber jetzt mit 60 – da ist das vorbei – sich den Traum seines Lebens zu erfüllen. Und so lebe ich eben mit meinen Bonsai-Tigern und werde beim Circus „Lieberum“ zum Kasseler-Familien-Weihnachtscircus eben mal die Kamele vorführen. Natürlich ohne Gage – denn meinem Lebensunterhalt friste ich mit dem, was mir die Stadt so bezahlt. Der Rock des Beamten ist zwar kurz – aber er wärmt. 

Und weil es einfach närrisch wäre, einen unkündbaren Job hinzuwerfen (die Beurlaubung für ein Jahr Anno 1986 hat mir völlig ausgereicht, um nicht weiter mit meinem Schicksal, dass mich hier an den Schreibtisch im Amt kettet, zu hadern) -  deshalb habe ich die Musik wie die Schriftstellerei für mich zwar nicht zum Hauptberuf – aber zur schönsten Nebensache gemacht. Zumal bei diesen Nebensachen auch einiges Geld verdient wurde.

Dass von der Kohle nichts übrig geblieben ist – das steht in einem anderen Kapitel. Wie sagte Ludwig Erhard seinerzeit? „Das Geld gehört in die Wirtschaft!“ Ja, und da ist es damals auch größtenteils hin gewandert – allerdings nicht nur für Bier und so was – hauptsächlich für gutes Essen. Denn wenn du niemanden im Haus hast, der dir die Brötchen schmiert – dann musst du eben sehn, ob  du außerhalb was zu Nagen findest.  Ja, und so bin ich dann durch die gute Küche der vielseitigen Kasseler Gastronomie zu den Jahresringen meines Äquators gekommen….

Aber Werner, für den das Studium nur ein Mittel zum Zweck war und der in seiner Arbeit für „Terra Press“ und seine eigenen Geschichten aufging, bekam vom Schicksal die Chance, beruflich das zu tun, zu was ihn sein Herz drängte.

„Andere schreiben gut – ich schreibe besser!“ war sein damaliger Slogan bei den Verlagen. Und damit hatte er Erfolg und war außer dem „Professor Zamorra“ noch in sehr vielen anderen Serien präsent. Und deshalb konnte W.K. Giesa viele Jahre später, als er voll im Geschäft war, das Studium an den Nagel hängen.

Allerdings war die Welt des Grusel- und Geister-Romans nicht gerade das Genre, das Werner eigentlich anstrebte. Aber in Sachen Science Fiction gab es nur noch Perry Rhodan – und um da rein zu kommen, musste man schon mal Erfolge vorweisen. Werner hat zwar niemals Chance bei den Rhodan - Heften bekommen, jedoch einige Taschenbücher veröffentlicht. Und – für Insider – sein erstes PR-TB „Lenkzentrale Condos Vasac“ hat er in seiner Teenager-Zeit geschrieben als noch keine Rede davon war, dass er mal mit Schreiben seine Brötchen verdienen würde. 

Also, mit Weltraum-Abenteuern wurde es nichts – in welche literarische Branche wird man schon hinein gepresst, wenn man einen Dan Shocker, den man damals auch den deutschen „Grusel-Papst“ nannte, als Agenten hat?

Richtig – der erste Roman, den Werner damals schreib, war für Bastei einen Gespenster-Krimi. Der Titel war „Die Burg des Unheils“ und stellt den ersten „Ted Ewigk“-Roman dar. Mit dem „Geister-Reporter“ wollte Werner ein Gegenstück zum „Weltraum-Reporter“ seines großen Vorbildes Kurt Brand geben. Und er plante, genau wie Kurt mit dieser Figur zehn Romane spielen zu lassen. Wenn ich das recht in Erinnerung habe, ist Werner das auch gelungen – und dann hat er die Figur Ted Ewigk in seine Haupt-Serie hinüber gezogen.

Die „Burg des Unheils“ war angekauft und Werner hörten den Satz, der ihm die Aufgabe seines Lebens zuwies. „Sie kennen doch die Serie Professor Zamorra. Schreiben Sie dazu doch mal einen Roman!“

Klar kannte Werner den Zamorra. Und er ist da gar nicht so gerne rangegangen. Am Wochenende, bevor er den Roman anfing, war er bei mir in Kassel und wir sinnierten zusammen, wie man diesen an sich primitiven Grundrahmen, der vorgegeben war, etwas aufpeppen und verbessern konnte. Fragt mich aber nicht, was da alles geredet wurde – da sind nicht nur die Zeitnebel dazwischen – sondern auch die damaligen Alkoholnebel.

Werner war zwar nicht begeistert, an diesem damals sehr dürftigen Serienkonzept mitarbeiten zu können, zwang sich aber dazu. Eine Ablehnung – und er wäre wieder draußen gewesen. Ja, und so schrieb er seine ersten PZ- Romane, von denen der als PZ 111 (man bedenke die Schnapszahl) mit dem Titel „Lockruf aus dem Jenseits“ erschien. Und der erschien noch vor der „Burg des Unheils“ im Gespenster-Krimi.

Aber der „Lockruf“ war nicht der erste PZ, den Werner geschrieben hat. Vorher hatte er das „Dämonen-Raumschiff“ verfasst. Doch das wurde wegen seines damals für einen „Grusel-Roman“ mehr als ungewöhnlichen Titel und einer noch ungewöhnlicheren Handlung erst mal zurück gestellt. Ein „Dämonen-Raumschiff“ – dass hätte die PZ-Redaktion bei Bastei nicht so einfach akzeptiert.

Also musste erst ein Roman im „klassischen Stil“ her – aber auch in dem zeigte Werner schon, dass er völlig neue Ideen in das Schema des Grusel-Romanes brachte. Als er mir dann den „Lockruf“ und das „Dämonenraumschiff“ vorlegte und ich es gelesen hatte, kam der bekannte Dialog: „Das kann ich auch“ – „Dann mach mal!“. Und dieser Dialog sollte dann irgendwann meine Musiker-Karriere beenden und mich ganz hinüber zur schreibenden Zunft bringen. Aber das ist eine andere Geschichte und schon an anderer Stelle erzählt worden.

Denn es soll ja hier etwas über mein persönliches Verhältnis zum Horror-Heft-Roman erzählt werden. Und das wurde jetzt, nachdem Werner im Geschäft war, intensiver.  Denn selbstredend bekam ich seine Romane zu lesen – und für den Glücklichen, der diese alten Zamorra-Romane hat, ist es interessant zu beobachten, wie Werner die Serie immer mehr an sich zog und auf seine Art ausbaute. Der Zyklus um Merlin die Entstehung des Amuletts war der Anfang der „Machtübernahme“. Danach stiegen immer mehr Autoren aus, weil es genügend Serien gab und sie mit Werners immer größer werdendem Hintergrund nicht mehr zu Recht kamen.

„Ich plane einen Roman mit dem Titel „Zamorras Todestanz“ bei dem gleich am Anfang das Amulett in tausend Scherben zerfällt.“ erinnere ich mich an seine Worte, als er an seinen dritten PZ-Band gehen wollte. „Das Amulett ist zu stark – und damit das Ende immer absehbar. Da muss was anderes her.“ Ja, schon damals zeigte Werner großes Interesse, die Serie total umzubauen.  Zu einem großen Teil ist es ihm auch gelungen – man denke nur an den Zyklus um Damon und Byanca in der Straße der Götter – später als PZ-Taschenbuch „Der Kristall der Macht“ zusammengefasst. Und so gelang es Werner, noch bevor ich dazu kam, im „Professor Zamorra“ Grusel-Horror, Science-Fiction und Fantasy in einer einzigartigen Synthese zu vereinen.

Ich habe mit der Verbindung zu R.E.Howards Conan-Welt mit der Zamorra-Serie gleich vom ersten Roman versucht, die Brücke zwischen Horror und Fantasy zu schlagen. Wolfgang Hohlbein, der mit seinem Roman „Der Mann der das Grauen erbte“ einen Band vorher beim Zamorra als Schriftsteller startete, hatte als Hintergrund die unheimliche Welt H.P. Lovecrafts und schuf damit den Einstieg in eine Gedankenwelt, die er später im „Hexer“ ausbauen sollte.

Ich hatte vom damaligen Organisten unserer Band (der berüchtigte Harry Harper, seines Zeichens unser „Hausvampir“ der mit ANTARES 6 für einen Skandal sorgte, weil er in unserem Zine literarischen „Splatter-Trash“ machte, obwohl das noch gar nicht erfunden war) die ersten hundert Bände der Zamorra-Serie bekommen, die er nicht mehr wollte – und habe mich auf diese Art in all die „Welt des Übersinnlichen“, wie sie im Heftroman geschildert wurde, eingelesen.

Und bei jedem Band kamen mir schon Gedanken, wie man es hätte besser machen oder weiter entwickeln können. Die langen Gespräche, die Werner und ich damals an den Wochenenden über diese Thematiken führten waren die Sandkastenspiele für die spätere konkrete Planung der Zamorra-Serie, als ich voll mit drin war. 

Diese Synthese zwischen SF, Fantasy und Horror innerhalb des Grusel-Heftromans, die erst Werner alleine durchsetzte und die wir zusammen mit Manni Weinland dann ausbauten, haben später viele Leute versucht nachzumachen. In gewisser Weise sogar unser damalige Redakteur, bekannt unter dem Namen Jason Dark. Der predigte uns allerdings immer wieder: „Der Professor – Zamorra ist eine Grusel-Serie“ und aufgrund seiner Order mussten wir nach dem Dynastie-Zyklus ab Band 309 wieder auf alten Kurs gehen und zum Ärger der damaligen Leserschaft dafür sorgen, dass sich der Professor wieder mit Vampiren, Werwölfen und anderen klassischen Horror-Gestalten rumprügelte.  Aber es gab damals keine Leserkontaktseite und die meiste Post bekamen Werner und ich an die Privatadresse, so dass die Leserwünsche nach mehr Fantasy etc. beim Verlag nicht bekannt waren.

Dann kam die Mitte des Jahres 1986 und was danach hat Werner den Zamorra allein weiter geschrieben. Dass ich unter den Pseudos Linda Morrison und Melanie Maine in den Serien Melissa, Mitternachtsroman und Irrlicht eine ganze Reihe Grusel-Romane für die Frau von heute geschrieben habe, sei hier nur am Rande erwähnt. Immerhin sind das aber auch Romane aus der Welt des Unheimlichen – und ich muss gesehen, dass ich diese Geschichten sehr gern geschrieben habe. Leider waren meine Heldinnen immer etwas zu selbständig und haben sich immer selbst gerettet, bevor der große Held zur Rettung nahte. Das lag nicht im Schema eines solchen Romans und da ich nun mal zu den Leuten gehöre, die sich in Sachen Schriftstellerei ungern Vorschriften machen lassen und lieber auf einen Auftrag verzichten, als etwas zu schreiben, was nicht von Innen heraus kommt, habe ich das irgendwann gelassen.

Es gibt genug andere Leute, die kein „monatlich feststehendes bürgerliches Gehalt“ beziehen und deswegen gezwungen sind, verlagskonform zu schreiben. Und das soll nicht sagen, dass die das nicht könnten. Ganz im Gegenteil. Da sind sehr gute Leute dabei. Und – auch beim Zamorra schreiben jetzt sehr gute Autoren mit. Und ich bin sicher, dass die Werners Erbe gut verwalten. Was bedeuten soll – ich habe absolut kein Interesse mehr, beim Zamorra wieder einzusteigen. 

Und dem Kahlschlag des Jahres 1986, dem Serien wie Larry Brent, Dämonenkiller, Mythor und Macabros zum Opfer fielen  gibt es, von geheimnisvollen Spuk- und Gruselromane für Frauen wie den Mitternachtsroman oder Irrlicht nur noch John Sinclair, die literarische Antwort auf die Musik von „Status Quo“ und eben den Zamorra. Maddrax ist für mich eher der Science Fiction zuzuordnen. Versuche mit Serien wie „Dämonenland“, Vampire oder Mark Hellmann das Grusel-Genre wieder zu beleben, sind leider aus verschiedenen Gründen gescheitert.

Dafür gibt es jede Menge TV-Serien mit einer Handlung, die früher der Inhalt eines Heftromans gewesen wäre. Ob das visuelle Angebot besser ist, kann ich nicht sagen. Schlechte Romane habe ich früher in die Ecke gefeuert – und bei ebensolchen „TV-Events“ drücke ich die Abschalt-Taste. Und es kommt selten vor, dass ich so was länger als dreißig Minuten ertrage. Zumal ich mir mit einer recht umfangreichen Video- und DVD- Sammlung mein eigenes Kino-Programm machen kann.

Aber da es noch genug Leute gibt, die das nicht können und das Programm also weiter laufen lassen, wird fröhlich weiter produziert. Und es ist für den Zuschauer ja auch viel einfacher, sich so berieseln zu lassen, als beim Lesen die eigene Phantasie und Vorstellungskraft anzustrengen. Dazu kommen die Computer-Spiele, wo jeder sich seinen eigenen Heft-Roman erspielen kann. Bin mal gespannt, wann das erste Zamorra-Computerspiel kommt.

Vierzig Jahre wirst du also, Horror-Heftroman.

Dann mal herzlichen Glückwunsch und ein langes Leben ! ! !

Ob du noch mal zehn Jahre schaffst?

Crom mag’s wissen….und die kaufmännischen Abteilungen der Verlage…. 

Kommentare  

#1 benfi 2008-07-24 22:09
Sehr ausführlicher Rückblick! Ja, Giesa war schon eine Marke für sich! Bin gespannt, ob sich Zamorra ohne ihn lange am Markt hält...wünschen würde ich es ihm!
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