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Drei Blickwinkel (3): Tote leben anders - Die Reinkarnation des Heftromans

Horst von AllwördenHorst von Allwörden meint:
Tote leben anders
- Die Reinkarnation des Heftromans –

Drei Blickwinkel zum 3.: Tote leben anders - Die Reinkarnation des HeftromansDer Heftroman ist tot. Er weiß es nur noch nicht. Er taumelt dahin wie einer von Romeros Zombies. Wann er umfällt, ist nur eine Frage der Zeit. Ob in einem Jahr, in fünf oder erst zehn ist völlig unwichtig.

Das Ergebnis ist und bleibt: Der Heftroman (wie wir ihn kennen) ist am Ende. Was in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren begann und in den Sechzigern und Siebzigern den Höhepunkt erlebte, hat sich nun überlebt.

Das Format ist durch. Es wird umweht vom Flair der Adenauerjahre. Ein Relikt des Wirtschaftswunders, das man zu Grabe tragen sollte. Es ist ein Dinosaurier aus der Zeit, da das Fernsehen nur drei Stunden sendete und der DVD-Player, die Daddelkonsolen und der PC noch reine Science Fiction waren.

Das Format ist tot...

...aber es lebt die Idee... !!!!

Wat ist dann die Idee des Heftromans?

Da brauchen wir uns gar nicht dumm zu stellen: Die Idee des Heftromans ist triviale (das ist keineswegs abwertend gemeint, sondern vielmehr im Wortsinne), schnell zu konsumierende Unterhaltung.

Diese Idee lebt!

Jede Daily Soap, jede Telenovela, Hollywood und Bollywood, Animees, DVD, PC-Spiele und noch einige elektronische Medien und deren Produkte beweisen diese These jeden Tag aufs Neue. Aber auch Bücher, Taschenbücher, Comics/Mangas und die Taschenhefte und „Billig“-Taschenbücher aus dem Cora Verlag sind ein deutlicher Beleg für diese Annahme.

Und doch – vielleicht mit Ausnahme der unsterblichen Abenteuer des Auflagenkrösus Perry Rhodan – darbt der Heftromanseit fast einem Vierteljahrhundert oder gar noch länger. Dabei war der Heftroman einst Sinnbild – im Guten wie im Schlechten - schneller Unterhaltung. Serien und Reihen werden eingestellt und fast komplette Genres (wie der Krimi, von dem nur noch Urgestein G-man Jerry Cotton übrig ist) verschwinden vom Markt. Im Falle der den phantastischen Genre zuzurechnenden Produkte werden sie in den Nischen der Kleinverlage aufgefangen (führen da allerdings ein Mauerblümchendasein mit Auflagen unter 1000 Exemplaren) und sind Lesefutter einer alternden Fan- und Sammlergeneration aus den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern.

Was lässt sich also aus diesen Erkenntnissen ableiten?

Das Format trägt eine Mitschuld am Niedergang des Heftromans. Das ist die erste Erkenntnis, die sich aufdrängt, wenn man sieht, dass die schnelle Unterhaltung abseits des Heftes boomt. Aber da stimmt noch so manch Anderes nicht, denn sonst hätte Bastei in den Neunzigern mit seinem Versuch, den Heftroman ins Taschenheft zu übertragen, Erfolg haben müssen. Wir würden erneut zu kurz greifen, wenn man sich auf die ach so beliebte (und ebenso falsche) These von Sex und Gewalt zurückzöge (denn das ist keine Universalantwort und immer nur ein Zusatzangebot). Viele erfolgreiche Serienformate im TV sind ohne übermäßigen Sex und auch detailliert gezeigte Gewalt ausgekommen. Kopulierende Paare und sich in übermäßiger Detailfreude niedermetzelnde Menschen, sind nicht zwangsläufig ein Garant für massentaugliche Erfolge.

Wer nun auf den (atemberaubenden) Gedanken käme, dem Ganzen fehle nur ein Schuss politische und gesellschaftliche Wirklichkeit, dem möchte ich entgegenhalten, er habe kaum Daily Soaps und andere TV-Serien und dergleichen Angebote gesehen, am PC gedaddelt oder sich mit sonstigen Unterhaltungsangeboten befasst. Realität kommt da nur in extrem frisierter bzw. stilisierter Form bis überhaupt nicht vor. Die stört die schöne, heile oder unheile Unterhaltungswelt.

Unterhaltung ist per se eskapistisch. Das ist (von meiner Seite her) keineswegs als Vorwurf zu verstehen. Ich bin im Gegenteil der felsenfesten Überzeugung: Für ein paar Stunden dem Alltag entfliehen ist gesund. Das ist wie Urlaub. Man kann in den Phantasiewelten der Unterhaltungsmacher abschalten, um sich erneut der realen Welt stellen zu können. Ich kann nicht 24 Stunden am Tag die Last der ganzen Welt auf meinen Schultern tragen (und ich vermute, das gilt für 99 % der Menschheit).

Realität ist also ein Irrweg, ebenso wie in den alten Eimer Heftroman nur einfach mehr Sex und Gewalt zu pumpen. Denn der Eimer ist defekt, hat – wie in dem alten Schlager – ein (mittlerweile gewaltiges) Loch. Vom Format und der grundsätzlichen Konzeption her, bedarf der Heftroman einer mehr als gründlichen Überholung und Neuausrichtung. – Kurz: Einer Reform! Besser noch eine Reinkarnation, eben ein neues Leben.  - Es ist an der Zeit mit grobem Werkzeug die alten Gemäuer einzureißen oder niederzubrennen, um das Nachfolgeformat des Heftromans zu bauen beziehungsweise wie Phönix aus der Asche entstehen zu lassen. Dazu gilt es alte Zöpfe abzuschneiden und alles (inhaltlich wie äußerlich) bis auf die Idee des (im Wortsinne) trivialen Unterhaltungsromans zur Disposition zu stellen.

Das Alte (sprich: der Heftroman in seiner klassischen Form) ist mit zuviel Ballast (in Form von Vorurteilen und - wie sich noch in diesem Artikel zeigen wird - mit alten, nicht mehr gültigen Rezepten) behaftet. Davon muss man sich trennen. Gründlich, nachhaltig und ohne Sentimentalität. Optisch wie inhaltlich. Ein Neubau ist unvermeidlich, weil das alte Gemäuer (genannt Heftroman) völlig marode ist.

Ergo: Was weg muss, ist das althergebrachte Format von 15 x 22 cm, geheftet und mit buntem Papiercover. Davon gilt es wirklich Abschied zu nehmen. Es ist weder Zeitschrift noch Buch, unhandlich, lässt sich nicht gut ins Regal stellen oder so bequem wie ein (dünnes) Taschenbuch in der Innentasche verstauen. Sechzig Jahre sind genug... Es gibt andere Darreichungsformen von Unterhaltung, die verschwunden sind: Das Leihbuch, der Stummfilm, die Schellackplatte mit Grammophon... Das Format der Zukunft ist ganz klar: Taschenheft oder dünnes Taschenbuch. Das ganze für drei bis vier Euro... Da gibt es kein Vertun. Eine Diskussion darüber erübrigt sich. – Um es mit Alt-Bundeskanzler Schröder zu sagen: Basta! Bestenfalls gilt es Zusatzangebote für Hörbuch oder –spiel bzw. e-Books zu machen.

Was aber kann man inhaltlich tun?

Cora und seine überwiegend US-amerikanischen Autoren weisen den Weg. Waren Western und Krimis (auch jene des Film Noir) Vorbilder für die Heftromane, so muss der Blick heute in andere Richtungen gehen, um erfolgreiche Muster zu adaptieren. Wer waren denn die Helden der Krimis (auch die der deutschen Krimis, wie etwa in der Edgar-Wallace-Reihe), Western, SF- und Horrorfilme? Bis in die siebziger Jahre waren das die Männer ab 30, gestandene Typen. Ganze Kerle mit Trenchcoat und Hut, die mit stahlhartem Blick, ebensolchen Fäusten, einer Feuerwaffe und einer Zigarette im Mundwinkel für Recht und Ordnung sorgten. Wahlweise trugen sie auch Weste und Coybowhut, drehten ihre Zigaretten selbst und ritten über die Prärie. Auch die Raumfahrer waren in diesem Alter. Sie hatten meist ne Strahlenpistole, aber keine Zigarette.

Die fanden sich dann auch so (zumeist mit blonden Haaren) im Heftroman wieder (je nach Mode wurde auf Trenchcoat und/oder Hut verzichtet). Man lese die Beschreibungen und Altersangaben der Heftromanheroen wie etwa Jerry Cotton, Perry Rhodan, Larry Brent, Björn Hellmark, Dorian Hunter, Lassiter, Kommissar X Jo Walker, Ronco, Ren Dhark, Jeff Conter, Glenn Collins, Tony Ballard und all der anderen mehr oder weniger bekannten Figuren aus den Arsenalen deutscher (oder deutschsprachiger) Heftromanautoren.

Das sind Abziehbilder der amerikanischen Film- und Fernsehhelden, die in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren auf bundesdeutsche Leinwänden und Mattscheiben ihr Wesen trieben (wobei zu bedenken ist, dass da sogar noch die Filme die Vierziger reinspielen, weil die ja erst nach dem Krieg nach Deutschland in die Kinos kamen). Da weht der Mief des Wirtschaftswunders durch die Romane, Erinnerungen an die Stunde Null und Zigarre rauchende Wirtschaftsminister werden ebenso beschworen, wie überkommene Bilder der Gesellschaft. In den Kinos werden diese Helden eigentlich nur noch parodiert (siehe der Wixxer oder die gerade in Produktion befindliche Jerry-Cotton-Parodie).

Heute sind die Schauspieler, die diese Heldengeneration darstellten, (leider) tot oder einfach nur uralt.  Die Bilder, die sie verkörperten, sind für heutige Generationen verbraucht, überholt, ausgelutscht und - vielleicht  gar - unfreiwillig komisch. Es scheint fast (blickt man auf die Helden des Heftromans), als wäre da die Zeit irgendwo zwischen Adenauer und Brandt stehen geblieben, als habe der Golf niemals den Käfer abgelöst, als gäbe es immer noch Fernsehansagerinnen und das Programm würde noch in Schwarz-Weiß ausgestrahlt.

Überall hat sich das Bild der Helden in den letzten vier Jahrzehnten gewandelt – nur im Heftroman nicht. Da hält man das noch für ein Qualitätssiegel. Da toben munter die Abziehbilder der Helden des mittleren Drittels des letzten Jahrhunderts herum... 

Richten wir unseren Blick aufs Fernsehen... Und siehe da, es sendet nicht nur in Farbe, sondern da ist noch Dolby-Surround-Sound und das 16:9-Format. Und wir sehen Serien wie Buffy, Angel, Charmed, Supernatural, aber auch CSI, Bones, Without a Trace, Ghost Whisperer, Medium, Dark Angel. Welche Heldenbilder werden uns da vermittelt. Passen dazu jene des Kinos und des Fernsehens von vor dreißig bis fünfzig Jahren? Vergleicht die Taylors, Newmanns, Garners, Reynolds, Caans, Fuchsbergers, Draches und die anderen markigen Typen mit den Milanos, Padaleckis, Gellars, Coombs, Petersons, Carusos, Albas, Hewitts und den weiteren Heldinnen und Helden unserer Tage.

Was kommt dabei heraus? Das Heldenbild hat sich kolossal gewandelt. Die sehen ganz anders aus (nicht wenige sind statt mit unter dem Trenchcoat verborgenen Muskeln gar mit - durch enge Kleider und Shirts betontem - Busen ausgestattet), haben ganz andere Hintergründe als die Typen aus den Heften. Aber genau da gibt es sie noch die Cowboys, Polizisten, Privatdetektive, Reporter, Agenten oder finanziell unabhängigen Millionäre. Die Helden(bilder) einer alternden Generation. Eben die meiner Generation und der Generation davor. Die des Wirtschaftswunders und des Babybooms.

Die Demontage dieses Images des Heroen (eben des klasssischen Helden) verdanken wir den 68igern, die da unterhaltungsfeinddlich waren - bei all ihren Leistungen und Verdiensten). Da war der Held eine suspekte Figur, die uns nur dem Faschismus entgegenführt, eine Art Abbild des Übermenschen (welch gigantische Überinterpretation). Aber auch ohne die 'Kulturbolschewisten' (der kühne Gegenentwurf zum Faschismus-Helden) wären die Helden nicht mehr dieselben. Bilder wandeln sich, gehen mit der Zeit. Das ist nur natürlich und Teil von Evolution (langfristig) und Mode (kurzfristig). Dem Heftromanhelden wohnt immer noch das Ideal des Ritters aus dem Mittelalter inne (wie es Hollywood in den Fünfzigern verstand).

Aber auch die Amerikaner (stete Vorbilder) wandelten sich in ihren Heldenbildern. Nicht nur die Zigaretten verschwanden aus den Mundwinkeln. Der Umbruch des Heldenbildes begann in den Achtzigern. Man vergleiche zwei TV-Privatdetektive, die das verdeutlichen: Mannix (lief in USA von 1967 – 1975) und Magnum (lief in den USA von 1980 – 88). Mannix war der stahlharte Typ im Anzug und Trenchcoat. Magnum war der Sonnyboy im Hawaiihemd. Weitere Beispiele ließen sich spielend finden, aber das überlasse ich (quasi als Hausaufgabe zum Mitdenken) mal jedem selbst.

Dieser Trend setzt sich seither unbemerkt vom deutschen Romanheft (bzw. deren Verlagen) fort und führte zu den Buffys, Angels & Co., die von Typen wie John Sinclair oder Jerry Cotton so weit entfernt sind, wie die Milchstraße vom Andromeda-Nebel. Wobei dann im Laufe der Zeit der Leser auch mit seinen Helden altern könnte. Die drei aus Charmed sind hierfür ein ebenso gutes Beispiel wie die Daily Soaps.

Auch ein Blick auf Coras Mystery ist hilfreich. Welche Heldenbilder werden da vermittelt? Wer die Rezensionen (Mystery 274, 275, Mystery Thriller 148, 150) und den Artikel zur Reihe von Jessica Freund zu Mystery im Zauberspiegel gelesen hat, der wird hoffentlich merken, dass diese Teenager sind, die auch die Sorgen und Nöte der angepeilten Leser teilen. Die Autoren mühen sich mehr oder minder erfolgreich, die Sprache der Teenies nachzuahmen, ihre Sorgen und Nöte zu bringen. Der klassische Heftromanheld macht sich – überspitzt formuliert – Sorgen, ob er es schafft während eines Romans zu essen. Wie charakterisierte W.K. Giesa 1981 Professor Zamorra. „Mit der Zeit gewöhnt man sich sogar an einen Geister jagenden Parapsychologen, der immer genug Kleingeld in der Tasche hat und nie aufs Klo muss.“ – Das mag noch in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern funktioniert haben – heute (so) nicht mehr.

Der Heftroman, insbesondere der Spannungsroman, kommt in dieser Hinsicht komplett altbacken daher und verliert seine jugendliche Zielgruppe, die ihn einstmals las. Die gewinntt er in seiner bisheerigen Form auch nicht zurück.

Bastei hat versucht, auf Coras Spielwiese zu spielen, als der Verlag aus dem Bergischen Taschenhefte brachte. Das war in den Neunzigern. Bastei scheiterte mit diesem Versuch mehr oder weniger kläglich. Gut, was richtig war: Die Verpackung. Aber das allein bringts nicht. Denn der Inhalt passte nicht dazu: Geisterjäger John Sinclair ist das klassisch altbackene Muster (Thema verfehlt). Die UFO-Akten war einen guter Gedanke, aber die Hauptfiguren zu typischen dem Heftroman verpflichtet. Aber ein erster Ansatz, doch nicht konsequent in der Umsetzung der X-Files. Aber auch Vampira, der hoffnungsvollste der drei Projekte Basteis scheiterte, denn auch hier entstammten die Muster letztlich dem klassischen Heft.

Was also nun, wenn jemand bei Bastei auf die Idee käme: Machen wir noch mal in Taschenheft! Man sich also im Bergischen Gedanken machte, das klassische Heftprogramm austrudeln zu lassen, aber den Markt der gedruckten trivialen Billigunterhaltung nicht Cora allein zu überlassen. Was wäre dann zu tun?

Klar, die Verpackung muss wieder stimmen: Taschenheft oder besser noch Taschenbücher. Bastei kann damit nicht nur den Bahnhofsbuch- und Zeitschriftenhandel sowie Supermärkte und Kioske beliefern, sondern möglicherweise auch im Buchhandel landen. Das brächte vielleicht sogar einen Vorteil gegenüber Cora.  Moderne Buchhandelsketten sind nicht wie einst der kleine Buchhändler die Gralshüter abendländischer Kultur wider der Schund-und-Schmutzliteratur.  Genau diese Haltung erschwerte es dem Bergischen Verlagshaus in den Sechzigern und Siebzigern, sich im Buchhandel zu etablieren. Den Bastei-Taschenbüchern und Lübbe-Hardcovern haftete ja der Stallgeruch des Schundheftchens an. Vereinzelt trifft man noch darauf. So ging es mir 1998, als ich einen Fantasyroman (den von Helmut Pesch und mir) in einer kleinen Buchhandlung erstehen wollte. "Bastei? Die machen doch Heftchen. Führen wir nicht". Aber Thalia & Co. wollen Bücher verkaufen, nicht das Abendland oder dessen Kultur retten. Das ändert manches... und eröffnet Chancen.

Wovon nach dem Heftformat Abschied zu nehmen ist, wäre bei der Konzeption künftiger Romane der klassische Leitsatz des namenlosen Zauberkreis-Lektors, der da lautet: „Wir schreiben für die Dummen“, dem man doch allzu oft nacheiferte. Rolf Michael und andere Autoren können ein Klagelied zu diesem Thema singen. Trivial muss nicht zwangsläufig dumm sein (obwohl Jason Dark seit 20 Jahren – fast – jede Woche das Gegenteil eindrucksvoll unter Beweis stellt). Rolf Michael hat da eine andere Weisheit entwickelt, die quasi der künftige Leitsatz sein sollte: „Die Dummen gucken mittlerweile Fernsehen

Wie wahr!!

Die Sender schenkten Ihnen, den Dummen unseres Landes, viele Sendungen: TV-Richter wie Barbara Salesch, Talkshows (wo man viel darüber erfahren hat, was mehr oder weniger Erwachsene in ihren Schlafzimmern tun), Reality Shows (wo man Leuten in einem Container zuschauen, Frauen tauschen oder wildfremde Leute, die dann auch noch in der Wohnung herumstöbern, zum Abendessen einladen kann), die Suche nach Eintagsfliegen-Superstars, Modells und Musicaldarstellern und einen ganzen Sender, der da 9Live heißt. Wenn das kein reichhaltiges Angebot für die Deppen der Nation ist! Die Dummen lesen nicht mehr, sondern ziehen sich das ausgewählt Dümmste deutscher TV-Unterhaltung rein. Und: Das Angebot wird immer reichhaltiger.

Also, darf's beim Nachfolgemodell des Heftromans in Zukunft ruhig ein bisschen komplexer sein...

Der Nachfolger des Heftromans muss wieder das werden, was das Heft einst war: Der Spiegel erfolgreicher Formate und Charaktere von Leinwand und Bildschirm. Das war das Heft zuletzt überhaupt nicht mehr, weil es eben den Bildern der Fünfziger, Sechziger und Siebziger verhaftet war. Statt eben immer wieder erfolgreiche Formen der Unterhaltungskultur zu adaptieren (und so den Wunsch nach mehr zu befriedigen), verkrusteten die Strukturen im Heft (und dessen Verlagen) zunehmend und man hielt an alten Erfolgsformaten fest und wunderte sich, als die nicht mehr liefen. Die Heftromanverlage verloren ihre Kompetenz für Erfolgsmuster der Unterhaltung, lebten aber in dem Irrglauben, sie zu haben. Und die Serien, Reihen und Verlage starben – Perry Rhodan war da dynamischer und ist nicht umsonst der Marktführer. Der Erbe des Universums und seine Macher passten ihre Reihen der sich wandelnden Zeit an, ohne ihre Serie zu verraten. Eine echte Gratwanderung. - Gerade auch in dieser Hinsicht wird Perry Rhoda Action zu einer Art Nagelprobe werden. Wie ist es den Machern gelungen den guten Perry zeitgemäß anzubieten. Auch unter diessem Aspekt wird es spannend sein, Jochen Adams Kolumne "Perry, Action und ich" zu lesen.

Die Hauptfiguren bzw. Heldenbilder müssen auch angepasst und überarbeitet werden. Der dreißigjährige Mann sitzt auf der Ersatzbank, bzw. spielt eine Neben- oder Vaterrolle, während Helden und Heldinnen junge Menschen sind, wobei die Heldin fast den Vorzug bekommen müsste, denn es lesen mehr Mädchen als Jungen.

Das muss auch in einer ‚trendigen’ und angemessenen Gestaltung der Hefte zum Ausdruck gebracht werden. Dabei darf ruhig nach Hamburg zur Springer-Tochter geschielt werden. Zudem sollten Autoren Programme wie Daily Soaps, Charmed und Supernatural sehen.

Auch die Autoren (und natürlich die Redakteure) müssen nach den Anforderungen gewählt werden. Sie dürfen nicht so klingen, als hätten sie noch Kaiser Wilhelm II. zugejubelt, Adenauer gewählt, fasziniert beim Mauerbau zugesehen oder hiellten ihren Schwarz-Weiß-Ferseher für die Krone der technischen Entwicklung.

Sujets - zum Beispiel - des Horrorromans müssen gewandelt werden. Weg von alten Schlössern, einsamen Dörfern (mit dem Flair des 19. Jahrhunderts) und Burgen, hin zur normalen Umgebung der jungen Zielgruppe. Das Übernatürliche muss greifbarer werden, sich dem (geschönten) Alltag nähern. Die Teufel müssen zeitgemäß in hippen Klamotten oder Armani daherkommen, statt im Cape mit Hörnern, Pferdefuß und Schwefeldunst. Das Böse muss in die Vorstädte, Jugendzentren, Discos, Urlaubsressorts und Oberstufen einziehen.

Im Krimi darf man keine Paten mehr jagen, die aussehen wie Marlon Brando. Sondern auch hier muss der Gangster aus der Villa ins Viertel der Teenies kommen. Aber vorsichtig: Wir reden wieder nicht vom realen Alltag, sondern von den Bildern, die Daily Soaps in uns wecken, wo sich junge Azubis vier Zimmer-Wohnungen mit Designermöbeln leisten können. Aber es sind der Zielgruppe vertraute Bilder.

Ob der Western zu retten ist, weiß man nicht. Als das Westernheft seine Blüte hatte, liefen im TV mehrere Westernserien und fast jede Woche starteten gleich mehrere Filme im Kino, wo die Helden und Bösewichter Cowboyhüte trugen und auf Pferden in die Stadt ritten. Heute sind Western im Kino rar, die Klassiker laufen im Nachmittagsprogramm der Feiertage oder bei Randgruppensendern am Abend. Dazu kommt die Theorie, dass der Western nach dem Krieg deshalb so erfolgreich war, weil er zugleich Spiegel der Zeit (die Helden waren zumeist Südstaatler nach dem verlorenen Bürgerkrieg – wie auch seine Leser einen verlorenen Krieg erlebt hatten) und zugleich Fluchtpunkt (weil die Abenteuer eben nicht in Ruinen oder zerbombten Städten Deutschlands spielten, sondern in den weiten Prärien von Texas bzw. des amerikanischen Westens). Das ist für Leute von heute nicht mehr nachvollziehbar und weit weg.

Was aber passiert mit der älteren Zielgruppe? Zum einen: Natürlich die austrudelnden Heftromane anbieten. Die hat das (alternde) Publikum gekauft und wird das auf zunehmend niedrigerem Niveau weiter tun. Bestes Beispiel G. F. Unger (dessen Romane sich auch in der 10. oder 20. Auflage verkaufen). Zeitgleich – und da hilft auch ein Blick auf das Programm Coras für die reifere Frau- aber auch Alternativen entwickeln (und im neuen Format anbieten). Arztserien müssen sein wie House MD, ER oder Greys Anatomy und nicht wie die Schwarzwaldklinik. Ein schönes Beispiel – wie man es nicht macht, ist hier der Totalflop der RTL TV-Adaption der Bastei Heftserie OP ruft Dr. Bruckner, die vom Setdesign so aussah wie die amerikanischen Serien (Chicago Hope und ER), aber deren Ärzteteam problemlos die Schwarzwaldklinik hätte bevölkern können. Wie Basteis Taschenhefte: Moderne Verpackung, altbackener Inhalt und überkommene Hauptfiguren.

Genauso lassen sich auch für den Spannungsroman Konzepte entwickeln, die zeitgemäßen Anforderungen gerecht werden. Doch dazu muss man sich moderner Heldenbilder aus Film und Fernsehen bedienen. In der Tat schweben mir – fast aus dem Stegreif – gut ein Dutzend Konzepte aus dem breiten Spektrum der Unterhaltungskultur vor, die man umsetzen könnte. Welche? - Das sage ich nur auf Anfrage von VerlagenLaughingTongue out. Doch Cora setzt auf den Einzelroman, weniger auf die Serie. Da könnte man Lücken finden und (erfolgreich) besetzen. Immerhin ist die Serie das erfolgreichste Format im TV und auch im Kino.

Dennoch: Wenn die Verlagsgruppe Lübbe, Kelter oder VPM sich überlegen, hier anzugreifen, dann könnte es gelingen, sich neben Cora zu etablieren. Aber das kostet erstmal Geld. Und da enden meine Spekulationen in gewisser Weise, denn wer weiß, ob man dazu bereit ist. Aber letztlich dürfte es billiger sein, ein solches „Vollprogramm“ zu starten, als eine Tageszeitung auf den Mark zu bringen. G&J nahm einst für die Dresdner Morgenpost etwa eine viertel Milliarde Mark in die Hand. Soviel dürfte nicht von Nöten sein.

Zudem sollte man zeitgleich versuchen auch multimediale Auswertungen anzugehen. Das reicht von e-Books, Hörspielen und –büchern bis hin zu Versuchen, TV-Produktionsfirmen für diese frischen Ideen zu gewinnen. Immerhin könnte man auf diese Weise neue Einnahmequellen erschließen, statt für Lizenzen, die dem Fernsehen abgerungen werden, teuer zu bezahlen (so scheiterten die Heftumsetzungen von „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ und „Marienhof“ nicht zuletzt daran).

Und für dieses Nachfolgeprodukt kennt man auch die Zielgruppen bzw. weiß, wen man anzusprechen wünscht. Daher kann auch wieder zielgerichtet Werbung gemacht werden. Der gemeine Heftromanleser war immer ziemlich indifferent und zuletzt auch zu klein. – Aber nun ergeben sich Möglichkeiten, die unbedingt zu nutzen sind.

Ansonsten gehen irgendwann die klassischen Heftverlage baden und Cora gehört das Feld ganz allein. Das kann der nach Abwechslung lechzende Freund billiger, fetziger und im besten Sinne trivialer Unterhaltungsliteratur nicht wollen.

Ich will es jedenfalls nicht... Also: Bastei, VPM und Kelter an die Front. Ran an den Speck und Alternativen entwickeln. Denn: Es gibt einen Weg, den Heftroman zu reinkarnieren und wieder für ein paar Jahrzehnte überlebensfähig zu machen. Eben, ihm ein neues - von Altlasten befreites - Leben schenken. Ein erfolgreiches  Leben.

Man muss es nur wollen. Oder wie ließ ESSO ausrichten: „Es gibt viel zu tun – Packen wir’s an“.

Horst Hermann von Allwörden
Kassel, Ende März 2008

 

 

 

 

 

Kommentare  

#1 angpe 2008-04-01 14:34
Erst mal Gratulation zu der Idee drei "Leit(d)artikel" zu einem Thema. Solche sind mithin die Gründe dafür, dass ich den "Zauberspiegel" so gern ansteuere! Weiter so!!!

Kurz zum Thema:

Der elchige Captain hat in seinem Artikel einen wunderbaren Satz geschrieben "Es gibt auch nicht DEN Grund, warum der Heftroman ausstirbt, ebenso wenig wie DIE Idee, wie man ihn wieder flott bekäme."

Kann ich unterschreiben. Klar, ich wünsche mir auch den "modernen Heftroman". Ich wünsche mir Entscheidungsträger, die nicht dem Muff alter Tage nachhängen (gerade bei Bastei habe ich das Gefühl, dass mehr und mehr in Richtung der Zeiten zurück gerudert wird, als noch der alte Lübbe das Sagen hatte). Warum immer nur Frauengruselromane, die an altbekannten und mehr und mehr abgenutzten Handlungsorte spielen?! Wenn schon auf jung getrimmte Serien, warum solche Heuler wie "Hellmann" oder "Vampire"?!

Was allerdings auch nicht viel bringt, ist das andauernde Schielen auf diverse TV-Serien. Gerade durch die Visualität haben die ganz andere Möglichkeiten. Außerdem arbeiten die zumeist mit teenagerkompatiblen Darstellern, bei denen Aussehen vor Talent gestellt wird. Hauptsache die Zielgruppe hat was zu geifern, der Rest ist dann nicht sooo wichtig.

Niemand kann mir erzählen, dass beispielsweise "Supernatural" _das_ bahnbrechende Konzept schlechthin hat. Stories, die schon zu "Akte X" - Zeiten durchgenudelt wurden. Charaktere nach Schema F. Farblos durch und durch. Ein minimaler roter Faden.

Und wenn man doch in Richtung TV schielt, sollte man nicht vergessen, dass auf jede "Perle" ungezählte Mengen an Schrott produziert wird, welche es nicht mal in die Serie, bzw. den Pilotfilm-, geschweige denn über die erste Staffel bringen. Und selbst manche "Perlen" überleben nicht die magische Anzahl von fünf Seasons.

In diesem Zusammenhang bin ich sowieso der Meinung, dass sich Fans, Kundschaft und auch die Verlage von den Gedanken lösen sollten, dass gerde Heftromanserien endlos laufen müssen.

Beispiel "Vampire"/"Das Volk der Nacht" (in meinen Augen eine der bemerkenswertesten Serien überhaupt!): Die Serie brachte es insgesamt auf 110 Hefte - hätte es sich um ein TV-Produkt gehandelt, hätten alle anerkennend genickt und gesagt: "Toller Erfolg, brachte es immerhin auf (in diesem Fall umgerechnet) fünf Staffeln." Dreht sich die Diskussion aber um Heftromane, wird solch ein Beispiel gerne negativ dargestellt: "Pah, wurde _ja schon_ nach 100 Ausgaben eingestellt."

LG,
Angpe
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#2 Harantor 2008-04-01 14:45
TV-Serien und Kino sind ideale Vorlagengeber für eine Adaption im Unterhaltungsroman. Der Trivialroman nimmt sich dieser Erfolgsmuster auf seine Art und Weise an. Denn dann habe ich eine Chance auf Interesse zu stoßen. Darüber hinaus verdeutlichen diese TV-Serien u. a. das gewandelte Helddenbild.

Vampira war es schon fast. Manfred Weinland und Co-Autoren waren das beste was seit seit den Achtzigern im Bergischen probiert wurde. Viel fehlt nicht an einem wirklichen Vorbild für das Nachfolgemodell des Hefts. Die Serie war Klasse. Vielleicht werden Literaturhistoriker die Serie in hundert Jahren das "Missing Link" zwischen Heft und seinem Nachfolgemodell bezeichnen. Nee, im Ernsst Vampira hatte einiges, aber noch nicht alles
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#3 G. Walt 2008-04-01 15:21
Was in den siebziger Jahren und achtziger Jahren visuell nicht möglich war, in TV-Serien zu zeigen, ist heute mit neuer Technik sehr wohl möglich.
Deshalb bringt man vielleicht auch alte Sachen nocheinmal neu verpackt heraus.

Beim Heftroman hingegen mus man heute mit anderen Sachen punkten, als mit Effekten und Bumm-Bumm. Die reine Freude am geschriebenen Wort muss dabei im Vordergrund stehen. Das Thema muss stimmen und auch der Autor. Der Rest kommt von alleine.

Ich höre hier oft, dass sich das Heldenbild gewandelt hat. Auch in anderen Foren sagt man so was. Oft lese ich auch, das die Guten die Seiten wechseln, und zu Bösen und Gegenern werden, innerhalb vieler Serien.
Ich kenne wenig amerikanische Serien der neueren Zeit. Mir sind diese meist zu hektisch. Aber auch bei deutschen Serien merkt man das sich dieses Phänomen langsam einschleicht.
Ist es das, was mit dem gewandelten Heldenbild gemeint?
Dann müsste man dagegen reden. Denn bei Sinclair z.B. haben die Helden schon früher auch immer mal die Seiten gewechselt(Jane Collins).
Aber das kann nicht der Ganze Grund sein, warum man von gewandelten Heldenbild spricht, oder?
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#4 Captain Elch 2008-04-02 09:49
Wenn die "Guten" oder die "Bösen" die Seite wechseln ist eigentlich nichts gewonnen. Das Schwarz-Weiß-Schema wurde hier nicht durchbrochen, sondern nur die Seiten verkehrt. Wir bräuchten mehr Grau. Als Beispiel (Beispiel!!) nenne ich mal die Serie LOST. Hier kann man doch nie sicher sein, wer wohin gehört. Die vermeintlich "Guten" haben samt und sonders ihre dunklen Seiten. Und die bis jetzt "Bösen" behaupten, sie wären die Guten. Haben John Sinclair oder Perry Rhodan eine dunkle Seite, ein dunkles Geheimnis, irgendwas, was sie zu interessanten Charakteren machen würde? Nicht die Namensgeber dieser beiden Serien (auch nur Beispiele!!) sind interessant, sondern die Nebenfiguren, vor allem natürlich bei PR.
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#5 Dämonengeist 2008-04-03 14:14
Zu den 'dunklen Geheimnissen': Wenn ich mich richtig erinnere, hat mal John Sinclair einen Menschen ohne Notwehr erschossen, was außer ihm aber wohl niemand weiß und später auch keine Rolle mehr gespielt hat. Ansonsten gibt es bei JS aber wirklich nicht viel 'Graues' - vielleicht noch den Spuk in den neueren Romanen, oder der Umwelt-Dämon Mandragoro, zu denen John kein richtig feindschaftliches Verhältnis hat ... oder auch der Engel Raniel ('Der Gerechte'). Aber gut, dass führt jetzt zu tief in die Serienhistorie.
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#6 Advok 2008-11-25 20:48
Hallo Horst,
nur eine nebensächliche Frage: Warum musst du dein eigenes Buch kaufen? Ich meine, wie willst du erwarten, dass ein Buchhändler dein Buch führt, wenn der Verlag selbst es dir nicht (mehrmals) zukommen lassen kann? :-? :zzz
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#7 Harantor 2008-11-25 22:20
@Advok: Du bekommst schon Belege, aber manchmal reichen die nicht oder aber sie kommen später. Und so habe ich in der Tat mein eigenes Buch tatsächich zwei oder gar dreimal versucht im Buchhandel zu erwerben, weils schneller ging oder der Vorrat an Belegen erschöpft war... :lol:
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