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»Ich wär' so gern wie du!« - Was finden Posbis an Terranern?

1»Ich wär' so gern wie du!«
Was finden Posbis an Terranern?

Pinocchio wollte ein richtiger Junge sein. Data wollte so menschlich werden wie eben möglich.

Und seit dem ersten Auftritt Jawna Togoyas wissen wir, dass im Perryversum die Posbis neuerdings (also, seit 1225 NGZ ...) ausgewählte Roboter in vollkommen menschlicher Gestalt bauen, die sich sogar einem biologischen Geschlecht zugehörig empfinden können.


1Wenn der Posbi Tetoon im Verlauf von PR 2760 „Posbi-Paranoia“ also konstatiert, dass die positronisch-biologischen Roboter von der terranischen Kultur stark beeinflußt wurden („kontaminiert!“), dann hat er objektiv betrachtet vollkommen recht. Aber warum eigentlich? Was können Terraner, was Posbis nicht auch ganz allein könnten?

Für den Versuch einer Antwort muss ich andere SF-Autoren zu Rate ziehen. Larry Niven lässt in seiner Kurzgeschichte „Limits“ Aliens darüber diskutieren, wie das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit Menschen dazu gebracht hat, die Welt nach Grenzen und Beschränkungen abzusuchen – und nicht nur nach natürlichen Grenzen wie der Schallmauer und der Lichtgeschwindigkeit, sondern auch nach so etwas schwer Fassbarem wie dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz.

In ihren Robotkörpern stehen den Posbis zahllose Instrumente zur Verfügung, mit denen sie die Welt um sich herum quantitativ erfassen können. Aber Schalldruckmesswerte und ein Verteilungsspektrum der auftretenden Frequenzen helfen nicht beim Hören eines Musikstückes. Eine Analyse des Gewebes bis hinunter zu den Zellbestandteilen ist nicht zielführend für die Frage, ob eine Blume als schön empfunden werden sollte. Das Spektrum der Gefühle reicht hinaus ins Unmessbare. Kunst bewegt etwas in uns, das sich der Quantifizierung entzieht; der Goldene Schnitt und die Symmetrie sind eben doch nicht alles. Durch ihr Zellplasma haben die Posbis potentiell die Fähigkeit, menschliche (und natürlich auch nichtmenschliche) Emotionen nachzuempfinden, die über den ihnen eigenen Rahmen hinaus gehen.

Aber von den Mattenwillies können sie in dieser Hinsicht nicht viel lernen – und das Wenige haben sich die Posbis schon vor Jahrtausenden abgeschaut.


Das Plasma, das den biologischen Anteil der Posbis ausmacht, unterliegt nicht den gleichen Randbedingungen wie die Terraner. Da ist nicht nur die schon erwähnte Sache mit der Sterblichkeit; keine geschlechtliche Fortpflanzung – das bedeutet keinen Wettbewerb um Fortpflanzungspartner, keinen Ödipuskonflikt und auch keine anderen sexuellen Ansatzpunkte für den psychoanalytischen Hebel. All diese Rahmenbedingungen formten den menschlichen Verstand.

Wenn ein Außenstehender sich das breite Spektrum von Komplexen, Neurosen, Psychosen und sonstigen Störungen anschaut, das bei Terranern (und wohl auch bei den anderen lemuroiden Völkern) auftreten kann, dann kann er sich schon wundern, dass dieses Volk es trotzdem so weit gebracht hat. Er mag sich sogar die Frage stellen: „Trotzdem“ oder „gerade deshalb“?


Ist am Ende sogar etwas dran an dem Terranersprichwort, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander lägen – einfach ein Randwertproblem bei der Optimierung?


Terraner waren in den vergangenen Jahrtausenden die mit Abstand am häufigsten verfügbaren gefühlsbestimmten Ansprechpartner für Posbis.  Es war dementsprechend verführerisch einfach, die Gefühlswelt der Terraner anhand ihrer Geschichte, ihrer Sprache und ihrer Kunstwerke zu erkunden und sich zu eigen zu machen; die Posbis brauchten dabei nur ganz ökonomisch dem Weg des geringsten Widerstandes zu folgen. Und sie sind ja auch nicht die einzigen, die der Umfang des menschlichen Gefühlsspektrums fasziniert: ich erinnere da an einen ganz besonderen Maahk ...

Den Terranern daraus aber nun einen Strick drehen zu wollen (Achtung! Terranische Metapher!) - das wäre, als wollte eine Bohnenranke die Stange zur Rechenschaft ziehen, an der entlang sie in die Höhe gewachsen ist. Die Posbis haben eine Wahl getroffen, allerspätestens mit dem Entwurf von Humanoposbis wie Tetoon und seinen Geschwistern Miroon, Dooram, Saaroon und Jawna Togoya.

Zum Vergleich: Es gibt in der zweiteiligen ST:TNG-Episode „Der Moment der Erkenntnis“ („Birthright“) einen Erzählstrang, in dem Data eine Vision hatte und ihre Bedeutung ergründen will. Captain Picard fragt den Androiden, warum er für diese Interpretation die Bildersprache anderer Kulturen heranzieht, und Data antwortet:

Data: The interpretation of visions and other metaphysical experiences are almost always culturally derived. And I have no culture of my own.
Captain Picard: Yes, you do. You're a culture of one. Which is no less valid than a culture of one billion.

Aber dann muss man dieses unentdeckte Land eben auch selbst kartographieren und sich nicht auf die Wegbeschreibungen anderer Kulturen verlassen.

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2015-01-13 12:13
Zitat:
Da ist nicht nur die schon erwähnte Sache mit der Sterblichkeit; keine geschlechtliche Fortpflanzung – das bedeutet keinen Wettbewerb um Fortpflanzungspartner, keinen Ödipuskonflikt und auch keine anderen sexuellen Ansatzpunkte für den psychoanalytischen Hebel. All diese Rahmenbedingungen formten den menschlichen Verstand.
Und genau darum ist die Figur Jawna selbst in ihrem SF-Kontext nichts als ein Schauwert. Eine potenziell interessante Idee, die so, wie sie dargestellt wird, keiner Überprüfung standhält.

Ein bisschen komplizierter ist Geschlechterprägung dann doch schon, als einfach zu behaupten, Jawna fühlt sich als Frau und Punkt. Warum tut sie das? Weil sie eine positronische Simulation verinnerlicht hat? Weil ihr ihre künstlich erzeugte "Seele" das befohlen hat (Was auch so eine thematische Pandorabüchse ist, um die die Autoren verständlicherweise einen großen Bogen machen)? Weil das biologische Konzept mit den zwei X-Chromosomen für den Posbi interessanter erschien als die Alternative? Und warum dann das Erscheinungsbild als Zitat "gutaussehende Frau, die mal wie ein Vamp und mal schutzbedürftig wirkt" Zitatende und Ächz? Selbst wenn in der Serie zementiert ist, dass das ästhetische Ideal 1515 NGZ naturgemäß gedankenlos dem Heutigen entspricht, warum dann so eine Figur nicht mal bewusst als Gegenstück entwickeln? Warum gibt sich Jawna kein anderes Aussehen als das TV-SF-Serien-Klischee? Wen hatte ihr Erfinder da wohl vor Augen? Summer Glau?

Es ist schade, dass die Serie nicht mal innehalten kann, um solche Konzepte, die sie ja ununterbrochen produziert, mal näher auszuloten und auch die Gefahr eingeht, sich da mal zu verrennen. Dafür sollte SF eigentlich da sein. Rhodan vielleicht weniger, aber trotzdem.

Und es ist schade, dass es dafür auch keine Nischen mehr wie die Taschenbücher gibt - auch wenn man sicherlich in der Rückschau kritisch anmerken muss, dass die wenigsten Autoren da Ambitionen hatten, über die Seriennabelschau hinüber zu schauen und Action und Exotik stets den Vorrang gaben. Aber sie hätten es auch in diesem Rahmen können. Selbst das oft so dumme Star Trek hat so etwas gelegentlich geschafft.
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