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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit Christopher M. Spencer?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit Christopher M. Spencer?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Zu den bedeutendsten Waffenerfindern Nordamerikas gehörte ein Mann, der heute fast vergessen ist: CHRISTOPHER M. SPENCER. Er starb am 14. Januar 1922, vor 99 Jahren.

Jeder kennt den Namen „Winchester“, aber es war Christopher Miner Spencer, der den ersten soliden, weitgehend störungsfrei arbeitenden Unterhebel-Repetierer erfand.

Daneben entwickelte Spencer ein dampfgetriebenes Fahrzeug, im Grunde ein Vorläufer des Autos, sowie eine automatische Drehbank und eine Gewindebohrmaschine. Dieser Mann war zweifellos einer der innovativsten Gewehrkonstrukteure Amerikas.

Er wurde am 20. Juni 1833 in Manchester (Connecticut) geboren. Wenige Jahre später baute Samuel Colt in Hartford (im selben Bundesstaat) seine große Revolverfabrik, und Christopher Spencer wurde Lehrling in der "Colt Manufacturing Company" und lernte den Bau von Feuerwaffen. Mit 26 Jahren hatte er die Konstruktion seines Repetiergewehrs bereits fertig und patentiert – aber kaum ein Mensch interessierte sich im Jahr 1859 für diese Entwicklung. Die amerikanische Beschaffungsbehörde hielt eisern an einschüssigen Vorderladern fest, auch als 1861 der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach. Dort vertrat man die Meinung – und das blieb bürokratisches Prinzip bis in die 1890er Jahre –, dass mehrschüssige Waffen die Soldaten zur Munitionsverschwendung verleiten würden. Zudem gab es in jener Zeit bereits Repetiergewehre wie das Henry-Gewehr und die frühen Winchestermodelle. Auch diese wurden mit einem Unterhebel bedient, und sie galten als störanfällig und allenfalls auf kürzere Entfernungen effektiv. Damit waren sie für den militärischen Gebrauch ungeeignet.

Spencers Patent sah ebenfalls eine Unterhebelmechanik vor, baute allerdings auf anderen Prinzipien auf. Anstatt eines Magazins unter dem Lauf, war das Röhrenmagazin des Spencers im Kolben untergebracht. Es nahm 7 Patronen auf. Der Unterhebel setzte eine zirkulierende Mechanik in Bewegung, die einerseits die abgeschossene Hülse einer Randfeuerpatrone auswarf und aus dem Kolbenmagazin eine frische Patrone in den Lauf transportierte.

Die gesamte Mechanik war sehr robust, und das Gewehr war – im Gegensatz zu den frühen Henrys und Winchesters – auf große Kaliber mit starker Pulverladung ausgelegt. Die Spencer verschoss Munition in den gewaltigen Kalibern .50, .52 und .56, war somit den Anforderungen des Militärs gewachsen. Auch die Randfeuerpatrone war zuverlässig und hatte äußerst selten Hülsenklemmer oder Versager.

Spencer hatte nicht nur die handwerklichen Grundlagen der Waffenfertigung – auch der Fließbandproduktion – bei Samuel Colt gelernt, sondern sich auch dessen aggressive Vermarktungsmethoden abgeschaut. Am 18. August 1863 ließ er sich kühn am Eingang des Weißen Hauses in Washington bei Präsident Abraham Lincoln anmelden. Er hatte eines seiner Repetiergewehre und eine Schachtel Patronen bei sich und wurde wahrhaftig vorgelassen und vom Präsidenten empfangen.

Lincoln muss von dem jungen Mann beeindruckt gewesen sein. Er begutachtete das Gewehr und bat ihn, am folgenden Tag noch einmal zu kommen. Zu diesem Treffen hatte Lincoln auch den Kriegsminister, William M. Stanton, eingeladen. Stanton hatte mehrere hohe Offiziere und Beamte mitgebracht.

Die ganze Gruppe zog mit Christopher Spencer aus dem Weißen Haus in die sogenannte „Mall“, wo sich heute das gigantische Washington Monument befindet. Hier wurden Zielscheiben aufgehängt, und die illustre Gesellschaft testete persönlich das Spencer-Gewehr.

Es fällt schwer, sich einen solchen Vorgang heute vorzustellen.

Das Ergebnis fiel äußerst zufriedenstellend aus. Die amerikanische Regierung orderte sofort 13.171 Rifles und Karabiner, sowie 58 Millionen Schuss Munition. General U. S. Grant erklärte öffentlich: „Spencer Rifles sind die besten Hinterladerkarabiner, die heute verfügbar sind.“

Das war Christopher Spencers Durchbruch. Bis zum Ende des Bürgerkrieges produzierte er mit seiner „Spencer Repeating Rifle Company“ um die 100.000 Gewehre. Nach dem Bürgerkrieg nahmen viele Soldaten diese Gewehre mit nach Hause, so dass Spencer-Gewehre bald in den gesamten Vereinigten Staaten verbreitet waren.

Damit war es allerdings mit Spencers Glück vorbei. Die Regierung hatte viel mehr Gewehre gekauft, als tatsächlich in den Einsatz gelangt waren. Es gab keinen weiteren militärischen Bedarf mehr. Zudem setzte die Beschaffungsbehörde wieder auf einschüssige Musketen und Karabiner, nämlich das Springfield-Modell „Trapdoor“. Spencer hatte jedoch, in Erwartung weiterer größerer Regierungsaufträge viel Geld in moderne Maschinen investiert und seine Fabrikanlagen erweitert. 1868 blieb ihm nichts anderes übrig, als Insolvenz zu erklären. Die brach liegende Fabrik wurde 1869 von Oliver Winchester für rund 200.000 Dollar aufgekauft. Winchester dachte nicht an eine Weiterproduktion der Spencer-Gewehre, er wollte seine eigenen Repetierer vermarkten und gedachte, sich mit dem Aufkauf einen lästigen Konkurrenten vom Leibe zu halten. Er ließ allerdings weiter Spencer-Munition herstellen.

Ab 1868 arbeitete Christopher Spencer für die „Roper Repeating Arms Company“ in Amherst (Massachusetts). Als auch diese Firma in Folge ausbleibender Armeeaufträge pleite ging, gründete er zusammen mit Charles E. Billings in Hartford unter dem Namen „Billings & Spencer“ eine Nähmaschinenfabrik. Ferner produzierte die Firma handgeschmiedete Werkzeuge und Maschinenteile.

Ab 1882 versuchte Spencer es noch einmal mit Waffen. In Windsor (Connecticut) entstand die “Spencer Arms Company”. Er hatte inzwischen weitere Patente angemeldet und produzierte mit Erfolg Jagdwaffen. Dabei stach besonders eine Vorderschaft-Repetierer-Schrotflinte (Pump Action) hervor. Dieses Spencer-Modell gilt als die erste erfolgreiche Vorderschaft-Repetierer-Schrotflinte der Welt. Diverse Modelle wurden bis 1889 hergestellt. Im Vertrauen auf weiteren anhaltenden Erfolg, investierte Spencer erneut hohe Summen seiner Umsätze in Modernisierungen – und geriet abermals in finanzielle Probleme. 1890 musste er seine Firma wieder verkaufen; und diesmal war er auch gezwungen, seine Patente abzugeben. Käufer war die Firma „Bannermann & Sons“ in New York, die die Produktion der Schrotflintenrepetierer fortsetzte. Ab 1893 verdrängte die Winchester Arms Company die Spencer-Bannerman Pumpgun mit einem von John Browning konstruierten Modell 1893 vom Markt. Bannerman verklagte Winchester wegen Patentdiebstahl – und verlor den Prozess 1897. Die Bannerman-Spencer-Produktion endete Anfang des 20. Jahrhunderts.

Christopher Spencer eröffnete kein Geschäft mehr. Er blieb bis zu seinem Tod 1922 ein Tüftler und Erfinder, aber der Name Spencer wurde Geschichte – genauso wie seine Gewehre.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2020Die kommende Ausgabe

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