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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit George Catlin?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit George Catlin?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 26. Juli 1796 wurde einer der einflussreichsten und bekanntesten amerikanischen Maler geboren: GEORGE CATLIN.

Nicht wenige zweifelten schon zu seiner Zeit seine künstlerischen Qualitäten an – und man kann in der Tat unterschiedlicher Meinung über seine malerischen Fähigkeiten sein. Fest steht aber, dass George Catlins Werke bis heute unter Sammlern und Völkerkundlern, die ursprüngliches indianisches Leben studieren, eine enorme Bedeutung haben. Man sollte ihn dabei nicht mit Karl Bodmer vergleichen, der fast fotorealistisch malte. Beide Künstler hatten einen völlig anderen Ansatz für ihre Arbeiten. Catlin folgte einer Mission: Er war überzeugt, dass die Indianervölker über kurz oder lang völlig verschwinden würden, und er wollte deren Kultur und Lebensweise im Bild festhalten. Er stand nicht allein mit diesen Überzeugungen. Ähnlich wie später der Fotograf E. S. Curtis, widmete Catlin sein ganzes Leben dem selbstgesteckten Ziel und nahm dafür auch große persönliche wirtschaftliche Nachteile in Kauf. Mehr noch: Er bereiste die Wildnisgebiete im amerikanischen Westen, als viele Gegenden noch kaum erkundet waren und hier und da Gefahr für Leib und Leben bestand..

Catlin war das 5. von 14 Kindern. Geboren in Wilkes-Barre (Pennsylvania), hatte er früh Kontakt mit den wenigen Indianern dieser Region und war von ihnen fasziniert. Schon als Zehnjähriger wurde er beobachtet, wie er mit Freunden Tomahawkwerfen übte. Einer seiner Spielgefährten traf ihn dabei mit einem Beil an der linken Wange; Catlin blieb eine Narbe für den Rest seines Lebens.

Catlin war von Kindesbeinen an an Kunst interessiert, aber seine Eltern legten Wert auf eine gediegene Ausbildung, so musste der junge Mann ein Jurastudium absolvieren. Er wurde als Anwalt zugelassen, widmete sich aber vor allem der Malerei. Sein Büro war bald mit Bildern vollgestopft, und während der Gerichtsverhandlungen skizzierte er Richter, Angeklagte und Geschworene. Mit 24 Jahren verkaufte er seine juristischen Bücher, legte sich eine Malerausstattung zu und malte Landschaften und Portraits. 1824 reiste eine Delegation indianischer Häuptlinge auf dem Weg nach Washington durch Pennsylvania. Catlin war so beeindruckt, dass er begann, Indianer zu malen. 1830 zog er nach St. Louis, freundete sich mit William Clark an, einem der Führer der Lewis-&-Clark-Expedition und zu dieser Zeit Superintendent für Indianerangelegenheiten, und erhielt Gelegenheit, alle Indianerhäuptlinge zu malen, die Clarks Büro besuchten.

Catlin bestieg schließlich das erste Dampfschiff, dass von St. Louis zum Oberen Missouri ins heutige North Dakota fuhr. Er lebte für eine Zeitlang in den Pelzhandelsposten Fort Clark und Fort Union und verbrachte insgesamt 8 Jahre unter Plainsvölkern. Er besuchte nicht weniger als 50 Stämme, darunter die Pawnee, Omaha, Ponca, Mandan, Hidatsa, Cheyenne, Crow, Assiniboine und Blackfeet. Später reiste er auch in den Süden und Südosten. Es entstanden über 500 Indianergemälde. Daneben sammelte er indianische Gebrauchsgegenstände.

Er stellte seine „Indian Gallery“ in mehreren großen amerikanischen Städten aus, etwa in Pittsburgh, Cincinnati und New York.

Ferner hatte er auch detaillierte Aufzeichnungen über Leben und Kultur dieser Stämme angefertigt, aus denen mehrere umfangreiche Bücher entstanden. Damit lieferter Catlin neben Maximilian Prinz zu Wied die exaktesten und eingehendsten Berichte über die Mandan, dem zeitweise dominanten Volk der Region des Oberen Missouri, das nur wenige Jahre später durch eine Pockenepidemie regelrecht ausgelöscht wurde.

Catlins Arbeiten fanden zu seiner großen Enttäuschung nicht die öffentliche Anerkennung, die er sich erhofft hatte. Aufträge der Regierung blieben aus.

1839 reiste Catlin daher mit seiner Sammlung nach Europa. In London, Brüssel und Paris fand er weitaus mehr Zustimmung als daheim. Daher finden sich einige seiner wichtigen Werke heute u.a. im British Museum in London. Dazu gehört die einzigartige Beschreibung des O-kee-pa-Zeremoniells der Mandan. Catlin war vermutlich der einzige Amerikaner, der jemals der gesamten Zeremonie beiwohnen durfte.

Ein Versuch, seine gesamte Kollektion an den amerikanischen Staat zu verkaufen, scheiterte. 1852 war Catlin so tief in Schulden, dass er 607 Gemälde an den Industriellen Joseph Harrison abgab. Danach unternahm er eine 5 Jahre dauernde Reise zu den Indianervölkern Süd- und Zentral-Amerikas, kehrte dann aber wieder in den amerikanischen Westen zurück.

Schon 1841 war sein Werk „Manners, Customs, and Condition of the North American Indians” erschienen, das etwa 300 Illustrationen enthalten hatte. Auch diese grandiosen Bücher fanden nur begrenztes Interesse. So war es auch mit dem 1844 erschienenen Buch „Catlin’s North American Indian Portfolio“.

Heute sind diese Bücher Klassiker der Völkerkunde.

Catlin war für den Rest seines Lebens in größten finanziellen Schwierigkeiten. Er versuchte, seine große „Indian Gallery“ zu rekonstruieren, indem er neue Gemälde anfertigte. Meist lebte er aber von Portraitmalereien. 1828 hatte er geheiratet; seine Frau und ein Sohn waren bereits 1845 in Paris gestorben. Catlin starb einsam und in völliger Armut am 23. Dezember 1872 in Jersey City (New Jersey). Er liegt in New York begraben.

Erst danach wuchs die Anerkennung für seine Arbeit, obwohl manche seiner schriftlichen Aufzeichnungen kritisch hinterfragt wurden. Catlin hatte – wohl auch um öffentliche Bekanntheit zu erlangen – manche seiner Erlebnisse übertrieben, anderes romantisiert.

Der rote Pfeifenstein der Indianervölker ist nach ihm benannt: CATLINIT. Catlin hatte behauptet, er sei der erste weiße Mann gewesen, der die Pfeifensteinbrüche in Minnesota gesehen und erforscht habe. Das stimmte nicht.

Catlins Werke befinden sich heute im „Smithsonian American Art Museum“ in Washington. Die Witwe seines Förderers, Joseph Harrison, hatte sie dem Staat gespendet. Weitere mehr als 700 Skizzen gehören zur Sammlung des „American Museum of Natural History“ in New York. Auch die „Huntington Library“ in Kalifornien verfügt über eine Catlin-Sammlung.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2020Die kommende Ausgabe

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