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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit dem Tod von Pat Garrett?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit dem Tod von Pat Garrett?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 29. Februar 1908 – vor 112 Jahren – verblutete in der Wüste im Süden New Mexicos einer der umstrittensten Männer seiner Zeit, der manchmal noch immer für Kontroversen gut ist: PAT GARRETT.

Kein Mensch würde sich heute noch an ihn erinnern – und vermutlich hätte er auch einen wesentlich weniger spektakulären Tod gehabt –, wenn er nicht von 1880–1882 Sheriff im Lincoln County (New Mexico) gewesen wäre und am 14. Juli 1881 in Fort Sumner, im Haus des Händlers Pete Maxwell, einen jungen Revolvermann namens William Bonney, besser bekannt als BILLY THE KID, erschossen hätte.

Ob man nun Sympathien für Billy the Kid hegt, ob man die Leute, die an seinem Tod Interesse hatten, für Kriminelle hält (was einige tatsächlich waren) – Patrick Floyd Garrett hatte an jenem Tag nur seine Pflicht als Sheriff getan: William Bonney hatte mehrere Menschen kaltblütig erschossen, teilweise aus dem Hinterhalt. Er wurde als Mörder gesucht. Der Gouverneur hatte einen Steckbrief auf ihn ausgeschrieben. Garrett hatte gar keine Wahl, als nach Bonney zu fahnden. Und er wußte, dass Bonney ein sehr gefährlicher Mann war, der nicht zögern würde, ihn zu erschießen, wenn er ihm nicht zuvorkam.

Die immer wieder zu hörende Legende, die beiden seien „Freunde“ gewesen, ist völliger Unsinn. Sie kannten sich; so wie sich fast alle Beteiligten an dieser Fehde in irgendeiner Form kannten. Bonney war ein vagabundierender, jeglichen Regeln abholder junger, gewalttätiger Mensch. Garrett war eine äußerst ehrgeizige, zielstrebige und recht gut strukturierte Persönlichkeit. Die beiden hatten fast nichts gemein.

Die Lincoln-County-Fehde, in der sich diese beiden Männer schicksalhaft begegneten, habe ich an anderer Stelle schon einmal beschrieben. Es handelte sich nicht – wie immer wieder fälschlich zu lesen ist – um einen „Weidekrieg“. Dieser Eindruck wird stets vermittelt, weil der Großrancher John Chisum und einige kleine Viehzüchter verwickelt waren. Aber es ging weder um Land, noch um Wasser oder Zäune. Wer heute die Stadt Lincoln erreicht, sieht dort noch immer in der Umgebung kein Weideland. Tatsächlich war es eine Auseinandersetzung um wirtschaftliche und politische Macht. Ein Kartell von skrupellosen Geschäftsleuten und Politikern, bekannt als „Santa Fe Ring“, versuchte, sich mit kriminellen Mitteln das Versorgungsmonopol im größten Regierungsbezirk New Mexicos zu sichern. Vergleiche mit organisiertem Verbrechen sind angebracht.

Billy the Kid hatte das Pech, auf der schwächeren Seite zu stehen, die dem „Santa Fe Ring“ nicht viel entgegenzusetzen hatte. Garrett agierte mit gewissem Geschick zwischen den Fronten, um seine Vorteile zu sichern.

Beiden war nur gemeinsam, dass sie die Drahtzieher des Konflikts kannten. Bonney wollte sich dem neuen Gouverneur des Staates als Kronzeuge zur Verfügung stellen. Mit seinen Mordanschlägen auf den Vorgänger Garretts und der Erschießung von zwei Deputies hatte er seinen Feinden ausreichend Gründe geliefert, ihn legal beseitigen zu können. Garrett war im Grunde auch nur ein Werkzeug, der als Polizeibeamter einen steckbrieflich gesuchten Straftäter verhaften oder unschädlich machen musste.

Nach dem Tod Billys, der in der mexikanischen Bevölkerung und bei den kleinen Farmern sehr beliebt war, war Garretts Karriere vorerst ruiniert. Er wurde nicht wiedergewählt, verließ New Mexico für eine Weile und diente zeitweise als Kommandant einer Texas-Ranger-Kompanie. Er verfügte offenbar über bemerkenswerte Geldmittel. Es wird gelegentlich vermutet, dass er von den Beteiligten an der Lincoln-County-Fehde für sein Schweigen bezahlt wurde.

Allerdings verspekulierte Garrett sein Geld. Er kaufte zwei Ranches, die kein großer Erfolg waren. Er gründete eine Firma zur Vermarktung von Wasserrechten, bei der er ebenfalls Geld verlor.

Seine zeitweilige Freundschaft zum US-Präsidenten Theodore Roosevelt brachte ihm eine lukrative Stellung als Zolleinnehmer in El Paso ein – der er allerdings nicht gewachsen war; denn seine formale Bildung war allenfalls marginal. Er galt als guter Polizist, geriet aber in verschiedenen Ämtern – etwa auch als Sheriff des Dona Ana County – immer wieder in Konflikte mit politisch einflußreichen Personen.

In den letzten Jahren seines Lebens war er ständig in Geldnöten, hatte eine seiner Ranches an einen Mann namens Jesse Wayne Brazel verpachtet und fühlte sich von diesem betrogen. Anstatt eine Rinderzucht, hatte dieser eine Ziegenzucht begonnen – das war für einen Rindermann wie Garrett die reine Pest. Schlimmer noch: Ein wohlhabender Nachbar, W. W. Cox, finanzierte diese Ziegenzucht und versuchte, Garrett für wenig Geld das Land abzukaufen.

Garrett hatte Jesse Brazel wegen arglistiger Täuschung verklagt. Um den Konflikt außergerichtlich zu klären, versprach Brazel, die Ziegenherde an Cox zu verkaufen. Das Geschäft schleppte sich hin – es war offensichtlich, dass Cox und Brazel Garrett aushungern wollten. Sie wußten, dass er dringend Geld brauchte.

Inzwischen versuchte auch ein texanischer Rancher namens Carl Adamson die Garrett-Ranch zu kaufen, aber dem stand der noch immer existierende Pachtvertrag mit Brazel im Weg. Cox spielte auf Zeit. Er wollte das Garrett-Land um jeden Preis und versuchte, Adamson aus dem Handel zu verdrängen. Die Situation war prekär; für Garrett zog sich die finanzielle Schlinge immer enger. Er konnte seine Hypothekenraten nicht mehr bezahlen. Ihm drohte die Pfändung.

Schließlich kamen die Beteiligten überein, sich im benachbarten Las Cruces zusammenzusetzen und über den bestehenden Pachtvertrag und die Kaufangebote neu zu verhandeln.

Am 29. Februar 1908 stieg Garrett in den Buggy von Carl Adamson, um mit ihm nach Las Cruces zu fahren. Unterwegs trafen sie auf Jesse Wayne Brazel, der neben ihnen herritt. Es kam sofort zum Streit mit Garrett, der den gesamten Weg über andauerte.

Irgendwann mußten Adamson und Garrett einem menschlichen Bedürfnis folgen. Garrett verschwand hinter einigen Büschen am Wegrand – und hier wurde er erschossen.

Kurz danach tauchten Adamson und Brazel im Büro des Sheriffs in Las Cruces auf. Brazel gestand, er habe Garrett in Notwehr getötet. Adamson bezeugte diese Aussage. Der Rancher W. W. Cox zahlte eine Kaution, so dass Brazel auf freiem Fuß blieb.

Brazels Aussage war eine Lüge. Garretts Leiche wies einen Schuß in den Hinterkopf auf; die Kugel war über seinem rechten Auge ausgetreten. Ferner gab es einen Treffer von schräg vorn in den Magen, der offenbar auf den liegenden Mann abgefeuert worden war. Das Projektil war in der Schulter steckengeblieben. Garretts Hose stand offen. Die erste Kugel hatte ihn beim Urinieren getroffen.

Notwehr? Eher nicht. Der ermittelnde Staatsanwalt hatte anscheinend wenig Interesse an dem Fall. Jesse Wayne Brazel wurde am 4. Mai 1909 ohne langes Verfahren freigesprochen. Die Aussagen des Leichenbeschauers, die der Notwehr-Geschichte widersprachen, wurden nicht beachtet.

Zweifellos waren viele Leute froh, dass Garrett tot war. W. W. Cox, der zeitweise selbst in Verdacht geriet, Garrett erschossen zu haben, kaufte der Witwe das Ranchland ab – wie er es schon lange beabsichtigt hatte. Akten verschwanden. Spekulationen schossen ins Kraut.

Angeblich hatte Garrett in seiner finanziellen Not gedroht, sein Wissen über die Drahtzieher der Lincoln-County-Fehde und einige andere ungeklärte Kriminalfälle New Mexicos preiszugeben. Die Affären lagen lange zurück, aber die wichtigsten Leute existierten noch und waren einflußreich. Da gab es etwa den prominenten Anwalt Albert Bacon Falls, der 1912 zum Senator New Mexicos aufstieg und 1921 US-Innenminister wurde – er landete wenig später als erster amerikanischer Minister wegen Bestechung im Gefängnis.

Falls hatte Jesse Brazel als Anwalt verteidigt und eine weitere Untersuchung im Fall Garrett verhindert.

Garretts Nachbarn hatten ebenfalls guten Grund, ihn loszuwerden, um sich sein Land aneignen zu können.

Garrett war eine bekannte Persönlichkeit, so dass sowohl der Gouverneur als auch der Justizminister von New Mexico, James Hervey, nach Las Cruces reisten, um sich zu informieren. Beide glaubten die „Notwehr“-Geschichte nicht. Als der Justizminister versuchte, einen Privatdetektiv ermitteln zu lassen, wurde ihm bedeutet, die Sache ruhen zu lassen. In seinem Tagebuch notierte Hervey, dass ein bekannter Jurist ihm sagte: „Es wird Ihr Tod sein, wenn Sie weiter herauszufinden versuchen, wer Garrett ermordet hat.“ (Leon Metz, 1974)

Dann rückte einer der berüchtigsten Auftragsmörder jener Zeit in den Fokus – Jim Miller, genannt „Killer Miller“, der Schwager von Carl Adamson; ein eiskalter Mörder. W. W. Cox soll ihm 1.500 Dollar für den Mord bezahlt haben. Danach hatte Adamson die kurze Pause nur vorgetäuscht, um Garrett zu bewegen, den Wagen zu verlassen, so dass er hinterrücks erschossen werden konnte. Der Historiker Glenn Shirley legte in seinem Buch „Shotgun for Hire“ recht überzeugende Beweise für diese Theorie vor.

Als Garretts Leiche nach Las Cruces gebracht worden war, mußte ein spezieller Sarg aus El Paso bestellt werden, weil Garrett 1,96 m groß war und in keinen Standardsarg paßte. Er wurde am 5. März 1908 auf dem Masonic-Friedhof in Las Cruces beerdigt. Der Mord ist bis heute nicht eindeutig geklärt


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die aktuelle Ausgabe

 

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