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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit Chief Osceola?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit Chief Osceola?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 30. Januar 1838 starb eine der bedeutendsten indianischen Führungsgestalten des frühen 19. Jahrhunderts: Chief Osceola aus dem Volk der Creek (in ihrer eigenen Sprache Maskókî—Black Drink Singers.)

Osceola hatte nicht nur indianische, sondern auch schottische, englische und afrikanische Vorfahren und repräsentierte damit geradezu ideal den mannigfaltigen Kulturraum seiner Herkunft in Alabama. Seine Mutter war eine halbblütige Creek-Frau, sein Vater ein schottischer Pelzhändler. Er wurde christlich auf den Namen Billy Powell getauft, aber er wuchs in der Nähe des heutigen Tallassee (Alabama) in einem Indianerdorf auf und gehörte zur Gruppe der Red Stick Creek.

Die Creek, englisch auch Muscogee/Muskogee geschrieben – bildeten eine Konföderation aus mehreren separaten Stämmen, die die heutigen Gebiete der Staaten Georgia und Alabama beherrschten. Zur Muscogean-Familie gehörten auch Catawba, Natchez, Cherokee, Alabama, Hitchiti, Coushatta, u.a. Sie stellten eine starke Alianz gegen die nördlicher lebenden Völker dar und widerstanden auch lange dem Druck der weißen Besiedelung, bzw. schlossen Verträge auf Augenhöhe und waren zeitweise Verbündete der Engländer und Feinde der Spanier. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts verfügten die Muscogean-Stämme über mehr als 60 große Dörfer. Die soziale Ordnung basierte auf Clans, die nach Totemtieren benannt waren.

1814 wurden die Creek von amerikanischen Truppen unter General Andrew Jackson geradezu vernichtend geschlagen und vertrieben. Osceola gelangte mit seiner Familie nach Florida, wo sie sich den Seminolen anschlossen.

Florida befand sich zu jener Zeit im Besitz von Spanien, dass das Gebiet 1821 an die USA verkaufte. Unmittelbar danach marschierten amerikanische Truppen ein und sicherten die Ansiedlung von Kolonisten. Sie besetzten Land der Seminolen, die sich zunächst weiter ins Zentrum und den Süden Floridas zurückzogen. Aber die weiße Besiedelung holte sie nach und nach ein.

Zu dieser Zeit war Osceola bereits zu einer Führungsfigur herangewachsen. Er stammte aus einer relativ wohlhabenden Familie und hatte sich zwei Frauen genommen – eine war afrikanischer Herkunft. Die Seminolen gehörten zu jenen indianischen Völkern, die zeitweise ebenfalls schwarze Sklaven hielten, später aber geflüchtete Sklaven in ihren Stamm adoptierten. Osceola war stets ein Gegner der Sklavenhaltung.

1832 unterschrieben einige Seminolen-Häuptlinge einen Vertrag, mit dem sie ihr Gebiet in Florida aufgaben und einwilligten, nach Westen zu ziehen und sich im neugeschaffenen „Indianerterritorium“ (heute Oklahoma) anzusiedeln. Osceola war der machtvollste Sprecher jener Gruppe, die diesen Vertrag kompromisslos ablehnte. Fünf weitere einlußreiche Seminolen-Häuptlinge schlossen sich ihm an. Sie begannen 1836 einen erbitterten Guerillakrieg gegen die Umsiedlung, der als „Zweiter Seminolenkrieg“ in die Geschichte eingegangen ist.

Schon im Dezember 1835 hatte Osceola den Indianeragenten Wiley Thompson in Fort King getötet, als er einen Angriff auf eine amerikanische Armeekolonne geführt hatte. Bei dieser Attacke verloren über 100 US-Soldaten ihr Leben.

Er wurde während des Krieges zum bedeutendsten militärischen Führer der Seminolen, die – obwohl zahlenmäßig weit unterlegen – den Amerikanern in den Everglade-Sümpfen schwere Verluste zufügten.

Osceola erkrankte in dieser Zeit an Malaria, blieb aber der dominanteste Führer der Seminolen bis zum 21. Oktober 1837. Dann erklärte er sich bereit, mit der US-Armee zu verhandeln. In der Nähe von St. Augustine in Ost-Florida wurde ein Treffen zwischen ihm, weiteren Häuptlingen und dem amerikanischen General Joseph Hernandez vereinbart. Entgegen den militärischen Regeln, wurden Osceola und 81 seiner Krieger auf Anweisung von General Thomas Jesup bei dem Treffen festgenommen. Das war ein eklatanter Bruch des Kriegsrechts, da sich Osceola im Vertrauen auf die Parlamentärflagge ins Lager der Amerikaner nach Fort Peyton begeben hatte.

Zu dieser Zeit genossen die Seminolen Sympathien in der amerikanischen Bevölkerung, die des Krieges in Florida müde war und Frieden wollte. General Jesup wurde in der Öffentlichkeit als Betrüger und Verräter gebrandmarkt. Selbst frühe Chronisten beschrieben die Festnahme als „einen der schändlichsten Akte in der amerikanischen Militärgeschichte.“ Aber Osceola blieb Gefangener der Armee und wurde in die Festung Fort Moultrie am Rande der heutigen Stadt Charleston in South Carolina verlegt.

Hier war er zwar Kriegsgefangener, wurde aber mit allen Ehren behandelt und genoß einige Privilegien. Mehrere bekannte Künstler seiner Zeit besuchten ihn und fertigten Portraits von ihm an. Seine Gesundheit verfiel allerdings zusehends, wozu zweifellos die Gefangenschaft beitrug. Seine Malaria geriet außer Kontrolle und wurde durch eine schwere Mandelentzündung verschlimmert. Sein Immunsystem brach zusammen; er starb am 30. Januar 1838.

Er wurde mit militärischen Ehren in Fort Moultrie bestattet.

Was danach folgte, gehört zu den verachtenswerten Handlungen jener Tage, zu denen Mediziner fähig waren. Der behandelnde Militärarzt, Dr. Frederick Weedon, schnitt Osceola den Kopf ab und legte ihn in Alkohol ein. Er hatte das auch schon mit anderen indianischen Häuptlingen getan. Der Kopf wurde später in der Drogerie seiner Familie in St. Augustine öffentlich ausgestellt. Ob der Kopf noch existiert und wo er sich befindet, ist unbekannt, obwohl immer wieder Gerüchte über den Verbleib kursieren.

Die Nachfahren der Creek und Osceolas wurden ab 1828 bis 1840 nach Oklahoma deportiert, wo sie heute noch leben. Ihre „Hauptstadt“ - und Sitz ihrer Verwaltung - ist Muskogee. In Alabama und Florida sind aber noch immer kleinere Gruppen beheimatet.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die aktuelle Ausgabe

 

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