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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit Zeitzonen und der Eisenbahn?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit Zeitzonen und der Eisenbahn?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 18. November 1883  kam es in Nordamerika zu einem Beschluß, der letztlich das Leben auf der ganzen Welt beeinflußte.

Dieses Datum stammt aus meiner Vorlesung an der Universität in Kiel über die Geschichte der amerikanischen Eisenbahnen. Es geht um die Entscheidung der großen Eisenbahngesellschaften, zunächst Nordamerika, letztlich aber die ganze Welt in Zeitzonen einzuteileni

Das System, nachdem wir alle noch heute unsere Uhren stellen – vor allem dann, wenn wir ins Ausland fahren –, beendete eine jahrzehntelange chaotische Situation.

Solange Reisende zu Lande mit Postkutschen oder Frachtwagen unterwegs waren, richtete man sich nach dem Stand der Sonne. Mit dem Aufkommen der industriellen Technik, mit dampfgetriebenen Fahrzeugen, änderte sich das Bewegungsverhalten der Menschen. Züge verkehrten unabhängig vom Wetter und von hellen oder dunklen Tagen, sondern nach Fahrplänen. Fahrpläne mußten sich nach festen Zeiteinteilungen richten. Daß es in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Zeiten des Sonnenauf- und untergangs gab, war bekannt. Aber es gab kein festes Regelwerk. Als die Eisenbahn sich mehr und mehr ausbreitete, kam es zu heillosem Durcheinander, weil sich die einzelnen Bahngesellschaften jeweils nach den Uhrzeiten der Orte orientierten, in denen ihre Hauptstationen lagen. So hingen letztlich in den Umsteigebahnhöfen manchmal 6, 7 Uhren, die für jede Bahngesellschaft eigene Uhrzeiten anzeigten.

1872 versammelten sich Vertreter der Eisenbahnfirmen zu einer „Time Convention“ und legten eine „Standard Railway Time“ (Standard-Eisenbahnzeit) fest, um zur Vereinheitlichung der Fahrpläne beizutragen.

Das war zwar ein erster Schritt, aber noch immer keine Lösung,weil damit die Verschiebungen des Sonnenstands in verschiedenen Teilen des Landes nicht berücksichtigt wurden; es handelte sich nur um eine grobe Vereinheitlichung der Fahrpläne.

Die Lösung brachte erst 11 Jahre später der schottisch-kanadische Eisenbahningenieur Sandford Fleming. Da der Tag 24 Stunden hatte, schlug er vor, die ganze Welt in 24 gleich große Sektionen aufzuteilen, die von der Sonne in jeweils einer Stunde durchlaufen werden. Auf diese Weise entstanden 24 Zeitsektoren, in denen man die Ortszeiten einander angegleichen konnte.

Diese Überlegungen wurden am 18. November 1883 von den Eisenbahngesellschaften in den USA und Kanada übernommen, so dass in Amerika 4 hauptsächliche Zeitregionen entstanden – Eastern Time, Central Time, Mountain Time und Pacific Time. (Heute verfügen allein die USA über 9 verschiedene Zeitzonen.)

Diese Entscheidung war logisch und folgerichtig und löste zunächst trotzdem massive Kritik in der Öffentlichkeit aus. Die Eisenbahngesellschaften waren in jener Zeit äußerst unpopulär, weil sie sich durch monopolistisches Verhalten, Betrügereien, unzulässige politische Einflussnahmen und geradezu kriminelle Machenschaften im wirtschaftlichen Raum zum absoluten Feindbild für kleine und mittelständische Unternehmen und Farmer gemacht hatten.

Kommentatoren schrieben: „Sie beherrschen unsere Wirtschaft, berauben die öffentlichen Kassen, beuten ihre Arbeiter aus, bestechen unsere Regierung und unser Parlament – und jetzt wollen sie auch noch die Herren unserer Zeit werden.“

Die Polemik übersah, dass die neue Zeiteinteilung tatsächlich nur Vorteile brachte, und im selben Jahr beschloß die amerikanische Regierung, den Vorgaben der Bahngesellschaften bzgl. der Zeitzonen zu folgen.

Fleming war 1827 in Schottland geboren worden. Er ging mit 14 als Landvermesser in die Lehre und emigrierte mit 18 Jahren nach Kanada, wohin seine Geschwister schon vor ihm ausgewandert waren. Schon 1849 gründete er mit anderen Landvermessern und Ingenieuren das „Royal Canadian Institute“ als Vertretung dieser beiden Berufsgruppen. 1851 entwarf er die allererste kanadische Briefmarke, genannt „Threepenny Beaver“. Zu dieser Zeit war er bereits festangestellter Landvermesser der „Grand Trunk Railway“. 1855 stieg er zum Chefingenieur der „Northern Railway of Canada“ auf. Er war einer der wortmächtigsten Befürworter einer kanadischen Transkontinental-Eisenbahn. Entgegen den vorherrschenden Meinungen seiner Zeit, befürwortete er den Bau von Eisenbahnbrücken aus Stein und Eisen – die meisten Ingenieure damals bevorzugten Holzbrücken. 1867 wurde er Chefingenieur der „!ntercolonial Railway“ und 1884 Direktor der „Canadian Pacific Railway“.

Zu seiner vermutlich größten Leistung, der Festlegung weltweiter Standardzeiten, wurde er angeregt, weil er selbst mehrfach wegen unangepaßter Fahrpläne Züge verpaßte. Er trug seine Überlegungen erstmals 1879 in Toronto öffentlich vor und nannte seine Entwicklung „Cosmic Time“. Zunächst wurden seine Pläne abgelehnt. Aber die zwingende Logik seiner Idee fand immer mehr Anhänger.

Als die Eisenbahngesellschaften in den USA und Kanada 1883 Flemings System übernahmen, amtierte er als Kanzler der Queens University in Kingston (Ontario, Kanada).

Seine Interessen waren immer weitgefächert. Er war zugleich Vorsitzender der „Horticultural Society“ in Ottawa und half beim Aufbau kanadischer Zement- und Kohleindustrien. Ferner gehörte er zu den Planern des unterseeischen Telegrafenkabels zwischen Kanada und England.

1897 erhob Queen Victoria den umtriebigen Erfinder in den Adelsstand. Bis 1929 hatte die ganze Welt das von ihm entwickelte Zeitzonensystem übernommen, das inzwischen immer ausgefeilter geworden war. Tatsächlich basiert aber unser gesamtes heutiges Zeitmanagement noch immer auf Sandford Flemings Entwicklung von 1883.

Wenn heute jemand nach Amerika (oder in andere weit entfernte Länder auf unserem Globus) fliegt und durch den amerikanischen Westen reist, ist es selbstverständlich geworden, die Uhren ab und zu um jeweils eine Stunde umzustellen. Dass der Grund dafür in der Notwendigkeit der Fahrplanangleichung der Eisenbahngesellschaften im 19. Jahrhundert liegt, ist weitgehend vergessen.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die aktuelle Ausgabe

 

Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2019-12-29 13:56
Welche Auswirkungen die vorherigen chaotischen Zeitmessungen haben konnten, schildert in höchst vergnüglicher Weise Jules Vernes Abenteuer-Klassiker "In 80 Tagen um die Welt".

Und ehe die Jahreszahl einmal mehr umspringt wünsche ich allen Lesern und Mitwirkenden des Zauberspiegels einen fröhlichen und entspannten Jahreswechsel.

Auf bald.
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