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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit Thomas Nast?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit Thomas Nast?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 7. Dezember 1902 starb der „Erfinder“ des „Santa Claus“, der amerikanischen Version des deutschen Weihnachtsmannes. Ein unsterbliches Symbol der amerikanischen Folklore. Seit 1862 ist diese von ihm gezeichnete Gestalt faktisch bis heute unverändert. Und er kreierte das Parteisymbol der Republikaner, den Elefanten.

Dieser Mann war THOMAS NAST, geboren am 27. September 1840 in einer Kaserne in Landau in der Pfalz, wo sein Vater als Militärmusiker der 9. Bayerischen Regimentskapelle diente.

Als sein Vater 1846 in Konflikt mit der bayerischen Regierung geriet, schickte er die gesamte Familie nach New York und wanderte am Ende seiner Dienstzeit 1850 ebenfalls aus. Damit begann das amerikanische Leben von Thomas Nast, der zwar ein miserabler Schüler, aber schon von Kindesbeinen an ein leidenschaftlicher und hochtalentierter Maler und Zeichner war. Er wurde zum bedeutendsten Karikaturisten des 19. Jahrhunderts in Amerika. In der Blütezeit der gedruckten Medien und in den Tagen, bevor Fotodrucke in Zeitungen möglich wurden, gewannen seine Bilder gewaltigen Einfluß auf die öffentliche Meinung.

Ab seinem 14. Lebensjahr besuchte er verschiedene Kunstschulen. 1856 begann er, für „Frank Leslie’s Illustrated“, und ab 1859 für „Harper’s Weekly“ zu zeichnen – das waren die beiden größten illustrierten Zeitungen in Nordamerika. Hier machte der junge Nast durch treffende Karikaturen über politische Mißstände, z.B. Korruption in den Polizeibehörden, auf sich aufmerksam.

Die großen amerikanischen Magazine schickten ihn als Korrespondenten um die Welt. Er zeichnete bedeutende Sportveranstaltungen, schrieb und illustrierte Berichte über internationale Ereignisse, wie etwa Garibaldis Einmarsch in Neapel.

1862, im Amerikanischen Bürgerkrieg, wurde er Chefillustrator von „Harper’s Weekly“. Hier lieferte er nicht nur dramatische Szenen von den Schlachtfeldern, sondern auch ans Herz gehende Bilder aus dem Krieg und von der Heimatfront. Dazu gehörten weihnachtlichen Szenen. Seine militärischen Skizzen waren so überzeugend, dass Präsident Abraham Lincoln ihn „unseren besten Rekrutierungs-Sergeant“ nannte. In dieser Zeit entstand sein unsterblicher Santa Claus.

Nast war ein überzeugter Unterstützer Präsident Lincolns. Während seines ganzen Lebens engagierte er sich mit seinen Zeichnungen scharf gegen Rassismus und für Bürgerrechte und profilierte sich zugleich als Gegner der katholischen Kirche – obwohl er selbst in Bayern katholisch getauft worden war. Es wird vermutet, dass er durch seine Heirat zum Protestantismus konvertierte. 1871 erregte sein Bild „American River Ganges“, mit dem er katholische Bischöfe und den Papst als Zerstörer der Demokratie brandmarkte, nationales Aufsehen. Zugleich wandte er sich gegen die (überwiegend katholische) irische Minderheit in den USA. Auf die eingewanderten Iren hatte er es regelrecht abgesehen. In seinen Bildern erschienen sie stets als Trunkenbolde und Gewalttäter, als korrupte politische Profiteure. Die Einrichtung nichtkonfessioneller Schulen waren ein weiteres von Nasts Anliegen.

Andererseits unterstützte Nast mit seinen ungemein dramatischen Bildern nachhaltig die Stellung der Indianervölker und prangerte die Korruption auf Reservationen und die ungerechte Militärpolitik im Westen an. Er verdammte Rassentrennung, Lynchjustiz und den Ku Klux Klan und setzte sich für chinesische Einwanderer ein, die speziell an der Westküste der USA ausgegrenzt wurden. Besonders diese Zeichnungen, die die Bürgerrechte unterstützten, wurden populär und haben das Bild dieses engagierten Mannes für Generationen geprägt. Er gilt heute als einflußreicher Vorkämpfer für diskriminierte Minderheiten im Amerika des 19. Jahrhunderts. Allerdings kritisieren heutige Historiker nicht nur seine anti-irischen Darstellungen, sondern auch ethnische Stereotypen in seinen Bildern – obwohl sie positiv gemeint waren.

Unermüdlich prangerte er in seinen Karikaturen Korruption im öffentlichen Raum an und half mit, zahlreiche Skandale aufzudecken. Seine Bilder entfalteten mehr Macht als manche geschriebenen Texte und führten zum Sturz von Politikern und Managern großer Firmen, die sich ungerechtfertigt bereichert hatten, sowie zu deren juristischen Anklagen. Als eine Gruppe reicher Industrieller Nast sagenhafte 500.000 Dollar anbot, um ihn ruhigzustellen, machte er die Affäre öffentlich. Damit kam es zum Sturz des mächtigen William Tweed, bekannt als „Boss Tweed“. Einem schottischen Einwanderer, der zum Chef der Demokratischen Partei New Yorks aufstieg und mit dem von ihm gegründeten Männerbund „Tammany Hall“ faktisch die gesamte Politik der Stadt kontrollierte. Tweed war zugleich der drittgrößte Grundbesitzer der Stadt, Direktor einer Eisenbahnlinie, eines Hotels, einer Bank und einer Großdruckerei.

Nasts Illustrationen trugen 1872 zum großen Sieg von General U. S. Grant bei dessen Wiederwahl zum Präsidenten bei. Der berühmte Autor Mark Twain sagte zu ihm: „Du hast mehr als jeder andere Mann für den wunderbaren Sieg Grants getan.“ Grant selbst, mit dem Nast bis zu dessen Tod eng befreundet war, äußerte sich: „Sheridans Säbel und Nasts Zeichenstift haben für meine Wiederwahl gesorgt.“

Die Popularität von Nast war so groß, dass er als hochbezahlter Vortragsredner durch die USA reisen konnte. Seine einflußreiche Stellung als politischer Karikaturist und Journalist wurde erst geschwächt, als der Verleger von „Harper’s Weekly“, starb. Dessen Nachfolger schränkten Nasts Freiheiten ein und bremsten ihn bei regelrechten Kampagnen gegen bestimmte Personen aus.

Ab 1884 erschienen weniger Karikaturen von ihm. Als er 1886 „Harper’s Weekly“ verließ, verlor die Zeitschrift erheblich an Auflage.

Seine idyllischen weihnachtlichen Motive blieben zeitlos. Sie erschienen jeweils am Jahresende in den größten Blättern des Landes. Allerdings sank die Popularität seiner Zeichnungen mit der besseren Möglichkeit, Fotos zu drucken. 1892 versuchte er sich selbst als Verleger. Er kaufte eine Zeitschrift, die er als „Nast’s Weekly“ herausbrachte; sie war nach 7 Monaten bankrott. Da er sein Vermögen durch Fehlspekulationen stark reduziert hatte, hielt Nast sich jetzt mit Ölgemälden und Buchillustrationen über Wasser.

Präsident Theodore Roosevelt, der ein großer Anhänger von Nasts Karikaturen war, hörte von dessen finanziellen Problemen und bot ihm eine Stelle als US-Generalkonsul von Ecuador an. Nast trat sein Amt am 1. Juli 1902 an und infizierte sich in Südamerika mit dem Gelben Fieber. Er starb am 7. Dezember 1902.

Zwei hartnäckige Legenden gilt es allerdings zu klären: Thomas Nast war nicht der Urheber des Parteisymbols der Demokraten, des Esels, und er schuf nicht die berühmte Gestalt des „Uncle Sam“, obwohl sie in seinen Zeichnungen sehr oft auftaucht.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die aktuelle Ausgabe

 

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