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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit »Bat« Masterson?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit »Bat« Masterson?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 26. November 1853  wurde eine der pittoreskesten und abenteuerlichsten Gestalten der amerikanischen Pionierzeit geboren: William Barclay „Bat“ Masterson. Er kam als Sohn einer bettelarmen irischen Familie in Quebec (Kanada) zur Welt, die irgendwann als Farmer in Kansas siedelte, und arbeitete als Armee-Scout, Berufsspieler, Bisonjäger, Revolvermann, Marshal, Sheriff, Boxpromoter und Sportjournalist; er war befreundet mit Straßenräubern, Zuhältern, Kneipenwirten, Totschlägern und Präsidenten – ein Kaleidoskop wie es bunter nicht sein konnte.

Noch keine 20 Jahre alt, verließ Bat Masterson mit seinen Brüdern Ed und Jim die elterliche Farm. Die Brüder heuerten als Eisenbahnarbeiter an und wurden von ihrem ersten Arbeitgeber um den Lohn betrogen. Nach fast einem Jahr gelang es Bat, den Mann in einem Zugabteil zu stellen und zwang ihn mit vorgehaltenem Revolver, die Löhne in Höhe von 300 Dollar auszuzahlen.

Im Juni 1874 gehörte Masterson zu einer Gruppe von 28 Bisonjägern, die in dem Handelsposten Adobe Walls im Texas Panhandle von Comanchen und Kiowa unter Quanah Parker eingeschlossen wurden. Es war fast ein Wunder, das es den Männern gelang, die erdrückende Übermacht der Indianer immer wieder abzuwehren. Darüber wurde vergessen, dass sie sich illegal im Indianerland aufhielten; sie wurden als „Helden“ gefeiert. Mastersons Name wurde mit diesem Ereignis im ganzen Westen bekannt. Er arbeitete dann einige Wochen als Armeescout für General Nelson Miles und lieferte sich im Januar 1876 in Sweetwater (Texas) eine Schießerei mit einem Soldaten; es ging um eine Frau. Das passierte noch häufiger in seinem Leben. Masterson erschoß den Soldaten und erhielt selbst eine Kugel in die Hüfte. Kurz danach ließ er sich in Dodge City (Kansas) nieder, wo er als Berufsspieler sein Geld verdiente. 1877 wurde er in der wilden Cowboy-Stadt, die sich nach und nach zum wichtigsten Markt für Texas-Rinder entwickelte, als Under-Sheriff eingestellt. Im selben Jahr kandidierte er selbst für das Amt des Sheriffs im Ford County und gewann die Wahl. Damit war er Polizeichef des Bezirks, während sein Bruder Ed als Marshal Polizeichef von Dodge City wurde.

Im Frühjahr 1878 gelang es den Masterson-Brüdern, zwei berüchtigte Eisenbahnräuber zu stellen. Aber Anfang April desselben Jahres wurde der 25jährige Ed Masterson von einem betrunkenen Cowboy erschossen. Bat kam um nur eine Minute zu spät und erschoß den Mörder von der anderen Straßenseite. Im Oktober desselben Jahres jagte Bat Masterson mit einem Aufgebot, zu dem kein geringerer als Wyatt Earp gehörte, den Mörder der Prostituierten Dora Hand und stellte ihn nach einem Schußwechsel.

Nach der Rindersaison ließ er sich, obwohl nach wie vor Sheriff, von der „Denver & Rio Grande Eisenbahn“ als Führer einer Gruppe von Revolvermännern anheuern, um das Wegerecht der Bahn in einer engen Schlucht bei Pueblo (Colorado) gewaltsam durchzusetzen. Zu seinen Kämpfern gehörten berühmt-berüchtigte Männer wie Ben Thompson, Mysterious Dave Mather und Doc Holliday.

Dieser „Eisenbahnkrieg“ endete mit einer Niederlage Mastersons, der nach seiner Rückkehr nach Kansas sein Sheriffs-Abzeichen abgeben mußte.

Bat schlug sich danach wieder als Berufsspieler in mehreren Cowboystädten im amerikanischen Westen durch. Er war in Schießereien in Kansas City, aber auch North Platte und Ogallala (Nebraska) verwickelt. Im Februar 1881 tauchte er in Tombstone (Arizona) auf und schloß sich zeitweise Wyatt Earp, dessen Brüdern und Doc Holliday an. Wyatt Earp war Anteilseigner am populären „Oriental Saloon“ und überließ Bat Masterson einen lukrativen Spieltisch.

Nach nur zwei Monaten, reiste Masterson zurück nach Dodge City, wo sein jüngerer Bruder Jim – der es zwischenzeitlich ebenfalls zum Town-Marshal gebracht hatte – in Schwierigkeiten war. Mehrere Saloonbesitzer bedrohten ihn. Bat Masterson stieg in Dodge aus dem Zug, sah einen der Männer und begann sofort zu schießen. In dem wilden Kugelwechsel gab es nur einen Verwundeten. Die Masterson-Brüder wurden danach zu einer Geldstrafe verurteilt und verließen die Stadt.

Bat Mastersons Ruf als „Revolverheld“ verbreitete sich auch im amerikanischen Osten. Sensationsreporter, die in den 1880er Jahren an der „Frontier“ unterwegs waren, waren dankbar für blutrünstige Schlagzeilen. Über Masterson wurde geschrieben, er habe mindestens 26 Männer im Duell erschossen – absoluter Unsinn, es waren im schlimmsten Fall 3 oder 4, und es geschah jedesmal in Notwehr oder in Ausübung seiner Amtspflicht.

Im April 1882 wurde Bat Masterson zum City Marshal von Trinidad (Colorado) ernannt. Er freundete sich mit dem Gouverneur von Colorado an und konnte in dieser Position die Auslieferung seines alten Bekannten Doc Holliday nach Arizona verhindern, wo dieser mit Haftbefehl wegen Mordes gesucht wurde. 1883 wurde Masterson als Polizeichef wieder abgewählt. Gerade rechtzeitig, um wieder nach Dodge City zu reisen, wo sein Freund Luke Short als Besitzer des „Long Branch Saloons“ eine Auseinandersetzung mit der Stadtverwaltung ausfocht. Es versammelte sich eine regelrechte „Garde“ von Revolvermännern, um Luke Short zu seinem Recht zu verhelfen.

Um 1885 ließ sich Masterson in Denver (Colorado) nieder und eröffnete einen Boxclub. Berufsboxen wurde in diesen Jahren populär in Amerika. Masterson hatte ein gutes Geschäft für sich entdeckt. Er unterhielt nicht nur ein Trainingszentrum, er veranstaltete auch selbst Preiskämpfe, er reiste auch zu den meisten bedeutenden Kämpfen im ganzen Land, wurde zum Experten und schrieb regelmäßig Sportberichte in Zeitungen.

Aber er wäre nicht Bat Masterson gewesen, wenn sein Leben nicht weiter von Kampf und Blut begleitet worden wäre. Mit einem konkurrierenden Boxclub in Denver lieferte er sich verbale und körperliche Auseinandersetzungen, bis hin zu Schießereien. Er ging keinem Streit aus dem Wege.

Eine eher komische Episode seiner Zeit in Denver war ein Vorfall in einem Wahllokal, wo Masterson sich gegen das Frauenwahlrecht aussprach und dafür von Suffragetten mit Regenschirmen verprügelt wurde.

Zeitweilig lebte er in der Gold- und Silberrauschregion Colorados und agierte als Manager von Spielclubs. Er trat aber auch – wie sein Freund Wyatt Earp – als Ringrichter bei großen Meisterschaftsboxkämpfen auf.

Im September 1900 verkaufte Masterson seinen „Olympic Athletic Club“ in Denver und zog nach New York. In Denver war man froh, diesen gefährlichen und häufig provozierenden Mann loszuwerden. Respekt und Furcht hielten sich bei jedem, der Masterson begegnete, immer die Waage.

Auch in New York geriet er rasch wieder in körperliche Auseinandersetzungen und landete zeitweise im Gefängnis, dann engagierte ihn der Besitzer der Zeitung „New York Morning Telegraph“ als Sportjournalist. Masterson erhielt seine eigene Kolumne: „Masterson’s Views on Timely Topics“ (Mastersons Ansichten zu aktuellen Themen)

Meist schrieb er über Sportereignisse und wurde zu einer populären Größe in diesem Geschäft. Seine Kolumnen zeigten nicht nur eine scharfe Intelligenz und ein überraschendes Allgemeinwissen und Urteilsvermögen, sondern auch einen exzellenten Stil. Der ehemalige Revolvermann war mit der Schreibmaschine ebenso gut wie mit der Waffe. Seine Artikel erschienen ab 1903 bis zu seinem Tod 1921 wöchentlich und wurden begeistert gelesen. Daneben schrieb er biographische Skizzen über Revolvermänner des alten Westens, die er gekannt hatte. Sie erschienen zunächst als Artikelserie, schließlich sogar als Buch (Famous Gun Fighters of the Western Frontier).

Masterson erhielt Einladungen ins Weiße Haus. Präsident Theodore Roosevelt, der eine starke Sympathie für die Abenteurer des „Wilden Westens“ hatte, ernannte ihn 1905 zum Deputy US Marshal von New York mit einem Jahresgehalt von 2.000 Dollar. Die Bestallung endete 1909.

Am 25. Oktober 1921 erlitt der ehemalige Revolver-Sheriff, der inzwischen einer der bekanntesten Box-Journalisten der USA war, mit 67 Jahren an seinem Redaktionsschreibtisch einen schweren Herzinfarkt. Er starb auf der Stelle. Auf seinem Grabstein steht: „Geliebt von jedermann.“ Das dürfte eine ziemliche Übertreibung sein.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die kommende Ausgabe

 

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