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Die wurzellose Staffel: »Doctor Who« Staffel 11

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneDie wurzellose Staffel
»Doctor Who« Staffel 11

Nach der ganzen komplizierten Timey-Wimey-Ära wollte es Chris Chibnall den neuen Zuschauern mit einem neuen Doctor so einfach wie möglich machen. Keine komplizierten Handlungsbögen mehr.

Solide in sich geschlossene Folgen. Aliens-der-Woche-Folgen und zu Beginn halt der dramatische Auftakt: Doctor da, Tardis eher nicht so.

Auf dem Papier klingt das alles natürlich super: Neue Fans gewinnt man nicht, in dem man direkt mit uralten Feinden daherkommt, aber andererseits scheint Staffel 11 auch nicht allzu gut zu sein. Dabei hätte man durchaus aus dem Potential schöpfen können. Der Gegenspieler in der Rosa-Parks-Folge etwa - die Dynamik innerhalb des neuen TARDIS-Teams. Warum nur fühlt sich Staffel 11 so merkwürdig hohl an?

Mit Staffel 11 wollte Chibnall neuen Fans den Zugang zum Doctor leichter machen. Keine Timey-Wimey-Geschichten mehr, keine zu komplzierten Geschichten und auch auf Zweiteiler wird verzichtet. Das TARDIS-Team - die Familie - wird aufgestockt - man hat also als Zuschauende eigentlich die Auswahl, wen man mögen mag und wen nicht und der neue Doctor kommt energiegeladen und optimistisch daher. Normalerweise braucht der Doctor erstmal eine Staffel, um sich etwas zu fangen. Man erinnert sich vielleicht an David Tennants Herumwirbelei in seiner ersten Staffel. Von daher: Klar, diese erste Staffel wird sicherlich nicht überragend werden. Aber warum ist diese Staffel dennoch so - merkwürdig hohl?

Zum Einen: Im Vergleich zu den bisherigen Companions des Doctors entwickeln sich die drei Neuen nicht. Am Anfang sind sie genau so wie am Ende. Das mag für Zuschauende, die gerade frisch zum Doctor dazustoßen okay sein - aber besonders nach der Entwicklung um Billie fühlt sich das, was da passiert, nicht besonders nach Entwicklung an. Die Charaktere sind so, wie man sie in der alten Who-Serie kennt: Sie rennen durch die Gegend, steuern ab und an mal ein dezentes „Oh, wirklich, Doctor?“ bei und haben eigentlich kaum irgendwas zu tun. Das ist ein Problem, das die alte Serie bisweilen auch hatte. Da legte man gerne schon mal einen Charakter schlafen, der dann eine ganze Episode verpasste - nur weil man nicht wusste, was man mit ihm anstellen sollte. Abgesehen davon hat man ja auch schon dezent Roboter in die Tiefen der TARDIS abgeschoben … Damit alle vier Protagonisten etwas für die Handlung beitragen, braucht man schon eine gewisse Finesse. Ich würde jetzt nicht sagen, dass „Vor der Flut“ mit dem 8. Doctor da der Maßstab sein sollte; Zweiteiler haben immer mehr Platz und Zeit für die Figuren, aber gerade dass die Figuren in diesem Zweiteiler nicht alle sinnlos durch die Gegend rennen sondern wirklich etwas zu tun haben … Schon bemerkenswert.

Wenn die Companions also durch die Handlungen stolpern, sollte ja zumindest der neue Doctor - die neue Doktorin? Die Deutsche Sprache muss hier einfach scheitern - ein wenig mehr wissen, was er tut. Nur: Ein energetischer Doctor, der wirklich anders ist als Capaldis Darstellung der Rolle, reißt leider die mittelmäßigen Folgen auch nicht raus. Zugegeben: Rosa Parks ist ein Highlight, weil Doctor Who hier mal tatsächlich auf aktuellere Geschehnisse eingeht. Auch die Indien-Folge ist okay. Seltsamerweise sind das aber zwei Folgen, die ihre Wurzeln in der Geschichte haben. Natürlich sind die SF-Elemente in den sogenannten Historicals immer schon so eine Sache gewesen. Aber hinter diesen Elementen beschäftigt sich diese Staffel mit sehr aktuellen Themen. Black Lives Matter, schallt es und weil wir als Zuschauende mit den Geschehnissen um George Flloyd vertraut sind, sind wir auch daran interessiert etwas mehr über die Geschichte von Ross Parks zu erfahren. Was das eigentlich Problem dieser Staffel mehr als nur aufzeigt.

Löst sich Doctor Who von seinen Wurzeln, verzichtet man auf Daleks und Cybermänner, verzichtet man auf Galliyfey und die Mythologie der Serie; das Besondere, der Zauber, der sogenannte Sense of Wonder stellt sich dann nicht ein. Dann ist der Doctor nur irgendwie Alien mit einem Zeitraumschiff, von Woche pro Woche durch die Gegend taumelnd. Monster-der-Woche-Folgen hinterfragen nicht, warum und wieso der Doctor überhaupt weg ist, wer er ist oder was ihn ausmacht. Das hat sich alles erst über die Jahre und Jahrzehnte entwickelt. Sicherlich ist vor den „’Kriegsspielen“ - zweiter Doctor - auch nie die Rede davon gewesen, dass es so etwas wie den Planeten Gallifrey gibt. Die pompösen Rituale und Zeremonien finden sich auch erst später in den Staffeln. Aber sie sind ein wiederkehrendes Element und sie gehören zur Geschichte des Doctors dazu.

Wenn man übereinkommt, diese Elemente wegzuschneiden, sollte man sich gut überlegen, was man deren Stelle setzt. Und da macht Staffel 11 den Fehler, den ohnehin schon recht schwachen Gegner des Piloten nochmal in die finale Folge zu verfrachten. Schön, ein Antagonist muss böse sein, aber wenn er nur alleine das ist, ist er auch langweilig. Weswegen ich unter anderem die Mönche in Capaldis Laufbahn auch nicht gerade prickelnd fand, weil … Weltherrschaft alleine ist ja auch langweilig mittlerweile. Aber außer, dass er viele Zähne im Gesicht hat, bietet der Gegner im Finale nun auch nichts weiter. Weltherrschaft. Gut, Universumsherrschaft. Aber er bleibt als Gegner nicht in Erinnerung, er wird auch über die Staffel hinweg nicht weiter beachtet. Was hätte man dagegen aus dem Gegner der Rosa-Parks-Folge machen können … Der hatte wenigstens Charisma.

Kurzum: Staffel 11 macht ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Zwar ist der neue Doctor sehr energetisch und durchaus eine sehr positive Figur - manchmal etwas zu positiv vielleicht. Die Probleme sind aber vielfältiger Natur. Zum Einen liegt es teilweise an den Storys selbst, die Drehbücher weisen den Companions keine richtig guten Aktionen zu. Dann entwickeln sich diese auch kaum während der ersten Staffel, einige Konflikte werden zwar angeknipst und gelöst, aber sie bleiben halt eher Schablonen. Staffel 11 schmeißt so ziemlich alles an Geschichte raus, was Doctor Who bisher zu bieten hatte. Damit hängt die Staffel im luftleeren Raum. Diesen könnte sie nutzen um neue, interesasante Gegner, neue andere Konzepte einzuführen. Sicherlich ist die Ker-Blam-Folge eine Reaktion auf Amazon, aber die Kritik bleibt da oberflächlich. Wenn große Spinnen einen geizigen Hotelbesitzer anfallen, ist hier definitiv Trump im Spiel, aber die Folge hat auch kein sonderlich befriedigendes Ende. Und anstatt charismatische Gegner für den Doctor neu einzuführen, kramt man den Gegner der Pilotfolge hervor. Definitiv kein Charmbolzen. Noch nicht mal ein Gegner, den man wirklich hassen kann. Eher so - ja, meh.

Dass Chibnall klar wurde, dass man schon etwas Mythologie braucht, zeigt er ja dann direkt im ersten Zweiteiler von Staffel 12. Gut, sonderlich überzeugend fand ich die auch nicht, aber immerhin. Ein alter Gegner. Gallifrey, Spannung. Ein exzellenter Gaststar - auch etwas, was in Staffel 11 nicht so ganz zum Tragen kam. Es kann aber auch sein, dass ich als Deutscher nicht alle angesagten britischen Schauspieler kenne. Aber Stephen Fry! Was die nächste Staffel allerdings auch nicht gerade auszeichnet: Ein großes Budget. Und das ist mit ein Hauptproblem der beiden Staffeln: Es ist nicht so schlimm wie in der alten Serie, aber die CGI-Monster wirken als hätte man sie aus Computerspielen der 90ger Jahre kopiert … Na ja, glücklicherweise geht und ging es ja nie um Spezialeffekte sondern um die Geschichten. Und nach Staffel 11 könnten die ja besser werden. Mal sehen.

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2021-10-19 10:03
Ich habe in der Mitte aufgehört, das weiter zu sehen. Whittaker blieb völlig beliebig und blass als Doktorin, erst recht, wenn man sie mit Gomez in ihrer Rolle als Missy verglich. Die Begleiter waren genauso farblos und uninteressant, die plumpe PC-Rhetorik war nervtötend. Chibnall mag ein guter Krimi-Autor sein, aber zu SF hat er keine große Affinität bewiesen. Man kann bei Moffat vieles zu Recht kritisieren, aber wenigstens hatte er verstanden, was man bei Who braucht.

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