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AN e-STAR IS BORN!

StoryAN e-STAR IS BORN!

Sie hält sich für unersetzlich! Harmony McAmber!

Sie kennen Sie natürlich. Jeder kennt sie. Vierundzwanzig erfolgreiche Blockbuster-Filme in acht Jahren. Und immer noch gut im Geschäft: vierzehn Millionen Gage. Pro Film! Für Hollywood ist sie ein Phänomen.

Aber nun kommt sie doch langsam in die Jahre, wird zickig, zu teuer, und sie redet mir zuviel rein. Ich habe sie gewarnt.


Mehrfach. "Das Mitspracherecht der Schauspieler beschränkt sich auf den gelernten Text!" Als Regisseur darf man sich keine Blöße geben. Keinerlei Schwäche zeigen. Immer auf der Hut sein! Wer Stars zähmen will oder weiße Tiger, lebt in ständiger Gefahr, gefressen zu werden. Einem elementaren Krach aus dem Weg zu gehen ist tödlich! Ihn zu provozieren ebenfalls.

Es war wieder mal soweit. Irgendeine Unwichtigkeit passte ihr nicht. Der übliche Wortwechsel. Ich blieb gelassen, nahm ihre Argumente scheinbar ernst, versuchte es mit Charme, mit Humor. "Harmony, bitte, wir müssen weitermachen. Noch eine letzte Probe und dann Dreh!" Das war höflich, aber bestimmt.

Sie hatte längst vergessen, worum es eigentlich ging bei dieser Art von Streit. Und da ihr in solchen Augenblicken bewußt wurde, wie sehr sie im Unrecht war, wurde sie von Minute zu Minute unverschämter, brüllte ihren Zorn hemmungslos und unkontrolliert hinaus, in unsere riesige Aufnahme-Halle B, sehr professionell und sehr gekonnt - sie verstand eben ihr Handwerk. Schließlich hatte sie bei Susi Cohn Drama und Schauspiel studiert und in der L.A. School of Performing Art ihr Diplom gemacht.  

Und da die Crew von einhundertzwanzig ebenfalls hochprofessionellen Mitarbeitern hinter der Kamera offenbar auch von den reichlich fließenden Tränen, die ihr Make-up total ruinierten, nicht zu beeindrucken war, drohte sie mir schließlich mit Migräne oder, besser noch,  mit einem sich deutlich abzeichnenden, beginnenden, totalen Nerven-zusammenbruch. Gegen Letzteres sind wir zur Not versichert. Aber das Studio nimmt jede Zeitverzögerung sehr ernst. Weil dergleichen Geld kostet. Etwas anderes als Geld interessiert hier schon lange nicht mehr.

Levinow war ins Studio gekommen. Zufällig, oder auch nicht. Sofort herrschte Ruhe. Levinow war der Produzent und verkörperte die Macht des Studios, das heißt: die Macht des Kapitals. Er schwieg, gab der Maskenbildnerin ein Zeichen. Die brachte Harmony nach draußen in ihren Wohnwagen: Frisches Make-up und Akkupressur zusammen mit Meditationsmusik zur Entspannung.

Dann ging Levinow wieder.  In der offenen Studiotür wandte er sich noch einmal kurz um und machte, so ganz beiläufig und im Hinausgehen, eine seiner bekannten, diskreten und trotzdem unmißverständlichen Handbewegungen.

Ich hatte verstanden, nickte und war zwei Minuten später in seinem Büro. Einbestellt zum Rapport.

"Komm rein, Jim!" Wenn Levinow mich ärgern wollte, dann nannte er mich Jim. Statt James. Ich zahlte es ihm heim und nannte ihn bei seinem Familiennamen: Levinow. Unüblich für Amerika und in Hollywood fast schon ein Affront.

"Worum ging es?"

"Keine Ahnung. Sie wollte mal wieder Dampf ablassen. Aufmüpfigkeit. Widerspruch. Ohne Sinn und Verstand. Hin und wieder stellt sie meine Nerven auf die Probe. Meine Bereitschaft zum Kompromiß. Vielleicht ein schlechter Fick letzte Nacht mit diesem Latino. Ihrem neuen Lover."

Ich ließ mich unaufgefordert in einen dieser uralten Ledersessel fallen, die schon zu Zeiten der alten Paramount ziemlich zerschlissen gewesen waren. Und vollgesogen mit Angstschweiß! Wer in diesem Sessel saß wurde entweder mit vollem Risiko aufgebaut - oder gefeuert. Gleichgültig wer gerade Studioboß war. Gleichgültig auch, wem das Studio gerade gehörte.

"Du hast Probleme mit ihr?" Levinow rollte mit seinem CEO-Fauteuil vor dem Regal mit den sechsundzwanzig Oscars des Studios und den über zweihundert in Schweinsleder gebundenen Drehbüchern hin und her. Die Titel in Goldprägung. Die Produktionen der letzten vierzig Jahre.

"Ich habe keine Probleme mit ihr. Oder aber: immer die gleichen. Seit acht Jahren. Seit den James Douglas Thrillern >Atemlos nach Casablanca< und >Brennpunkt Philadelphia<.

"Warum schläfst du nicht mal mit ihr? Statt diesem Latino, diesem schwulen Mexikaner. Vielleicht bist du besser und sie ist anschließend leichter zu zähmen."

"Levinow... ich bitte dich. Du kennst mich. Wir arbeiten in diesem Laden seit Jahren gut und erfolgreich zusammen. Du solltest es wissen: Ich schlafe nicht mit meiner Hauptdarstellerin. Die letzte und wichtigste Regel von Altmeister Fritz Lang. Die zehn Gebote für junge Regisseure!"

"Du bist kein junger Regisseur mehr, Jim. Du bist bestenfalls ein Altmeister – und demnächst altes Eisen. Wann wirst du fünfzig? Sei vorsichtig! Und lass mich mit diesen Deutschen zufrieden. Gibt bereits wieder viel zuviele davon in Hollywood. Wie alt ist dieser Fritz Lang inzwischen?"

"Er ist seit dreißig Jahren tot! Starb mit 86. Machte mit 71 seinen letzten Film: >Die 1000 Augen des Doktor Mabuse<"

"Nie davon gehört. Vermutlich ein Flop. Und was sollen gute Ratschläge von einem toten Regisseur. Hier schläft jeder mit jedem, wenn's gut ist für's Geschäft."

"Ich hasse diese Harmony!"

"Ich weiß! Aber das wär' kein Grund."

"Intime Beziehungen schaffen sehr ungute, subtile Abhängigkeiten."

"In gewisser Weise sind wir alle abhängig von ihr. Auch du!"

"Ich weiß. Es ist mein achtzehnter Film mit ihr!"

"Ich habe sie dir nie aufgezwungen, Jim!"

"Du hast sie an das jeweilige Projekt gekoppelt. Den Aktionären zuliebe. Ich hatte nie eine andere Wahl."

"Dann sieh zu, dass du mit ihr klar kommst, Jim."

"Ich werde mit ihr klar kommen, Levinow. Keine Sorge."

"Okay, Jim! Und nenn' mich in Zukunft Carol."

"Ist recht, Levinow!"

Ich quälte mich aus dem abgewetzten Leder und ging. Früher, in meinen jungen Jahren hier in dieser Firma, hätte der Produzent seinem gestressten Regisseur einen Scotch angeboten. Noch früher sogar eine Zigarre. Aber in Hollywood herrschte bereits seit Jahren absolutes Rauchverbot, und auch Alkohol war neuerdings tabu. Okay, wenn's denn der Gesundheit dient und dem Trend.

***

Ich hatte endgültig die Nase voll von dieser Harmony McAmber, bürgerlich Anitzka Vrbritzki oder so ähnlich, zugewandert als Zwölfjährige mit ihren Eltern. Aus Lodz, Polen.

Und an diesem Punkt meiner tiefsten Frustration traf ich mich mit Fred Knox in seinem Workshop.

Fred Knox war ursprünglich Systemanalytiker im Silicon Valley. Jetzt war er der große Magier der Filmbranche und machte mit einem Heer von Mitarbeitern digitale Special Effects der feinsten Sorte. Für den Roland Emmerich vertausendfachte er ein paar in Panik fliehende Menschen zu einer gewaltigen Menschenmenge, die von einer fünf-Stockwerke hohen Riesenwelle mitten in Manhattan verschlungen wird. Die Welle war auch von ihm. Sie erinnern sich: die Tsunami in >The Day after Tomorrow<. Für den Wolfgang Petersen kreierte er den Aufmarsch von hunderttausend griechischen Kriegern vor den Toren Trojas. Im Original waren es nur dreißig. Die mimten vor einer blauen Wand. Auch bei den Dinosauriern hatte er seine Hand im Spiel. Was heißt hier Hand? Mit Milliarden von Bits und Bytes zauberte er aus dem Nichts neue digitale Welten mit neuen virtuellen Kreaturen.

"Was du mit deinen Dinosauriern machst, Fred, kannst du das auch mit Menschen - dieses grimmige Lächeln, dieses zornige Augenfunkeln? Dazu textsynchrone Mimik auf Bestellung?"

Fred dachte nach und schwieg.

"Mit einzelnen Menschen, meine ich! Close-up und so weiter."

Fred starrte weiter auf seinen superbreiten Bildschirm, auf dem grünscheckige Riesenmonster aus dem Schlamm krochen, um eine kleine Stadt zu verschlingen. Ringsherum, vor einer schier unendlichen Zahl von ähnlichen Bildschirmen, starrten die zahllosen Spezialisten seines Workshops auf weitere Alptraumwesen in allen Stadien einer apokalyptischen Bedrohung.

"Um wen geht es denn?" fragte Fred schließlich.

"Harmony McAmber!"

"Aha! Dein 'Favourite Star'!"

"Was die Monroe damals mit Billy Wilder gemacht hat, das macht die Harmony McAmber heute mit mir!"

"Nämlich?"

"Sie treibt mich zur Verzweiflung."

"Tun sie das nicht alle?" "Wenn sie überzeugt sind, sie könnten es sich leisten... Unartige Kinder... oder dressierte Tiger... Ja. So ziemlich alle."

"Kann diese Harmony McAmber sich das leisten?"

"Sie glaubt es zumindest."

"Und was glaubst du? Oder Levinow? Die Neue Paramount? Oder die Sony-Corporation? Wie laufen denn ihre Filme? Wie abhängig seid ihr von ihr"

"Total. Ohne Harmony keine Kredite von der Bank. Ein Bankable Name... Abgesehen davon läuft alles mies zur Zeit. Im Vergleich zu früher. Und keiner weiß so recht warum. Und keiner weiß, wie man das ändern könnte. Alle Rezepte versagen. Aber noch steht der Name von Harmony McAmber groß auf dem Plakat oder fast noch prominenter auf dem DVD-Cover, und das gibt ihr das Gefühl von grenzenloser Popularität und persönlichem Erfolg."

"Und von Macht!"

"Und von Macht, richtig!"

"Und was soll ich dabei tun?"

Ich erklärte es ihm. Was er dabei tun sollte, tun könnte. Nur mal so. Versuchsweise. Ein Test. Erstmal nur ein Experiment mit Bits und Bytes. Und dann sehen wir weiter. "Alter Hut," meinte Fred. "X-mal versucht worden. Für Werbung reichts. Aber sonst..."

"Gib dir Mühe!"

"Tu ich immer!"

"Weiß ich. Darum bin ich hier!"

"Ich bin geehrt! Aber vergiß es!"

"Sag mir, was du brauchst."

"Viel Zeit, viel Geld... Aber das ist nicht das Problem. Bei den Dinos bestimme ich, wie sie aussehen. Außer ein paar Knochen hat die Wissenschaft ja nichts vorzuweisen. Aber ein bekanntes Gesicht... Tut mir leid."

"Versuch es wenigstens."

"Okay! Aber zuerst einmal brauche ich 'Samples'."

***

Also schrieb ich ein scheinbar sinnloses Skript. Mit scheinbar sinnlosen Situationen, mit sinnlosen Phrasen und Reaktionen.

"Harmony, hör mir zu!"

"Ich höre dir zu, mein Darling. Ich höre dir immer zu!"

Es hatte endlos gedauert, bis sie endlich ans Telefon gegangen war.

"Ich brauche noch zahllose Close-ups von Dir, um sie in den Film einzuschneiden. Großaufnahmen für die verschiedensten Sequenzen. Du mußt noch präsenter werden in der Story, verstehst du?"

Harmony war geschmeichelt.

"Ich verstehe! Du bist ein Schatz!"

War alles Blödsinn, natürlich. Der Film >Goldauge<, nach einem weiteren Super-Thriller von James Douglas, war längst geschnitten. Letzte Phase der Post-Produktion. Aber davon verstand sie nichts.

Wir holten sie drei Tage später ab, mit unserer silbergrauen Studio-Strech-Limousine. Mit an Bord waren ihr Manager, ihre Assistentin, ihre Sekretärin, ihre Friseuse, ihre Maskenbildnerin, ihre Visagistin, ihre Garderobiere und ihr neuer Lover, dieser mexikanische Dressman, bekannt aus der Vogue. Levinow und ich warteten am Set mit voller Studio-Besetzung. Die ganze Hierarchie der Productions-, Locations- und Line-Manager, sämtliche Assistenten und Aufnahmeleiter, acht Mann an der Kamera, sieben Mann Ton, vierzig für Beleuchtung, Grip und Gaffer, Elektriker, Baubühne, Zimmerleute, Maler... die üblichen, von der Gewerkschaft vorgeschriebenen einhundertzwanzig Figuren. Um in Zukunft die vierzehn Millionen Dollar an Harmonys Gage zu sparen, muß man investieren. Das hatte Levinow eingesehen. Aber Harmony stellte ich lediglich vor eine nackte, nachtblaue Wand.

Meine überaus freundliche Art, ihr absolut Sinnloses abzuverlangen, hätte sie warnen müssen. Ein Lächeln hier, ja, bitte, Harmony, und ein Lachen dort. Wut und Trotz, Liebreiz und Charme, Verführung, Verweigerung, Lust und Schmerz. Die ganze Bandbreite weiblicher Emotionen.

"James, Darling, was soll das Ganze?"

"Das Spektrum deiner Ausdrucksmittel ist unglaublich, Harmony. Ich bin immer wieder entzückt und fasziniert. Ich möchte die ganze Bandbreite deines mimischen Könnens dokumentiert und archiviert sehen. Für jetzt und für alle Ewigkeit! Und jetzt noch: ein Orgasmus!"

"Orgasmus? Du hast Orgasmus gesagt?"

"Ja, mein Herz. Ich habe Orgasmus gesagt!"

"Wo zum Teufel willst du in >Goldauge< einen Orgasmus einschneiden, James?"

"Wenn du den Best-Seller gelesen hättest, und nicht nur das Drehbuch, dann wüßtest du's."

"Also gut, wenn es weiter nichts ist... Orgasmus, bitte...!"

Immer noch kein Verdacht, kein Mißtrauen. Eitelkeit macht blind.

Ihr Orgasmus, spontan und aus dem Stand, war übrigens sehr gekonnt!

Nach 6 Stunden hatten wir genügend Samples im Kasten, die Muster, um die Fred Knox gebeten hatte. Und mit diesen Vorlagen machte er sich an die Arbeit

***

Als Gott aus der Rippe Adams das Weib erschaffen hat, ist er vermutlich wesentlich weniger subtil vorgegangen. Auf den Schirmen im Workshop von Fred Knox blühten grünliche Gitterstrukturen vor dem nachtschwarzen Nichts, drehten sich, verschränkten sich, dreidimensional, rätselhaft, und von einer scheinbaren  Sinnlosigkeit. Nichts, absolut nichts deutete darauf hin, dass eine bekannte Hollywood-Schönheit Pate gestanden hatte für diese Form grafischer Spielereien.

"So haben wir bei den Dinos auch angefangen," erklärte Fred. Was mir Hoffnung gab. Aber der Zweifel blieb.

Dabei machen wir in unserer Traumfabrik doch auch nicht viel anderes: eine Skizze, eine Idee, das Fragment einer Story, dramaturgische Konstruktionen, Szenen-Entwürfe, Exposé und Treatment. Das soll eines Tages ein Film werden? Mit Bildkaskaden, mit Dialogen und Musik, um das Publikum in Spannung zu versetzen oder zu Tränen zu rühren?

Die Gitterstrukturen nahmen allmählich menschliche Konturen an. Die Andeutung eines Gesichts aus filigranem Draht. Augen und Lippen erahnte man aus den Überschneidungen und Verdichtungen. Immer noch durchsichtig das alles, zerbrechlich, spinnennetzartig, abstrakt.

Und dann, eines Tages, plötzlich, unerwartet, überraschend, zog sich eine Haut über das Fadengerüst, langsam erst, zögerlich, wie eine hauchdünne Folie, eine Maske. Kein Zweifel. Die Ähnlichkeit war verblüffend: Aus dem Schirm heraus blickte mich Harmony McAmber an, mit traurigen, toten Augen.

Das war der Anfang eines Triumphes der digitalen Zukunft, die nun hereinbrechen wird über die Kinematografie unserer Gegenwart. Der erste, allererste Schritt. Noch unbrauchbar in jeder Hinsicht. Aber eine Ahnung stieg in uns allen auf. Was das mal werden könnte. Irgendwann einmal.

Und drei Wochen später erschien Harmony McAmber auf dem Schirm. Close-up. Bewundernswert echt – und bewundernswert schön. Alle Achtung! Kompliment, Fred Knox! Kein Unterschied mehr zum Original: Die glitzernden, leicht hysterischen Augen. Das Lächeln einer Hollywood Mona Lisa, die pro Film vierzehn Millionen Dollar verdient.

Und dann, wiederum Tage oder auch Wochen später, sprach diese digitale Harmony McAmber ihren allerersten Satz. Mit trotzigem Ernst. Es war eindeutig ihre Stimme. Dieses tiefe, leicht rauchige Timbre:

"Fuck-you-all!".

Mich riss das vom Stuhl!

Das war Harmony McAmber wie sie leibt und lebt! Arrogant, unverschämt, eitel, dumm bis zum Exzess und mit jenem unwiderstehlichen polnisch-amerikanschen Gossen Charme.

"Fuck-you-all!", mit diesem unverwechselbaren, slawischen Akzent.

Fred Knock lächelte. Besser kann man Auftraggeber nicht schockieren!

***

Wenn ich an diesem Abend gewusst hätte, auf was wir uns da eingelassen hatten, mit allen Konsequenzen, ich hätte das Unternehmen sofort abgebrochen.

Aber wir waren ja wie besoffen! In absoluter Euphorie: "A Star is born!" Ein 'e-Star'! Elektronisch. Virtuell. Animated. Digital. "Eine kopernikanische Wende..." sagte einer von uns. Schwachsinn, natürlich! Es war Zauberei ohne Sinn und Verstand. Verantwortungslos! Nur weil's Spass macht! Ein Computerspiel. Wir waren Zauberlehrlinge und wußten absolut nicht, was wir da taten.

Wir feierten durch, die ganze Nacht. Scotch, Bourbon, Wodka, Champagner! In dieser Reihenfolge!

Sogar mit Zigarren, obwohl das die wohl widerlichste Beweihräucherung unseres Erfolges war. Und alles, letzten Endes, doch wohl zum Kotzen!

Was hatten wir denn schon gewonnen?

Fred Knox hatte die digitale Kopie einer berühmten Schauspielerin geschaffen. Das war technisch gesehen bewundernswert. Das war sogar genial! Nur wozu? Um das Original zu ersetzen...?

Mit den Launen dieser Harmony McAmber kam ich einigermaßen zurecht. Mit den Problemen ihrer digitalen Kopie...? Wir werden sehen.

In den folgenden Wochen lernte unser e-Star das Laufen. Der Gang, die Gesten, das war Harmony McAmber, kein Zweifel. Sie wanderte durch virtuelle Räume, durch phantastische Traum-Landschaften. Und dann lernte sie reden. Sie plapperte und deklamierte. Dialoge, Monologe. Ein sich ständig erweiterndes Vokabular.

In der nächsten Phase begann sie zu spielen. L.A.School of Performing Art. Schauspiel-Unterricht. Kurze Sketche. Talentproben. Dramatisch, komisch, tragisch. Ein bekannter Musical-Song. Tanzeinlagen, Step und Salsa und ein klassischer Pax-de-Deux mit einem imaginären Partner. Die Demonstration ihres darstellerischen Könnens in allen Varianten. Das ganze Spektrum einer professionellen Schauspielerin.

Das wirkte wie die Verkaufsrolle eines Künstler-Managements. Ein e-Star bewirbt sich. Für eine Rolle, für ein Engagement, für einen Studio-Vertrag. Es war wie das übliche Vorsprechen. Vor Produzenten und kritischen Regisseuren. Nur zehntausendmal aufwändiger, und deshalb auch erfolgreicher.

Sie wurde besser und besser, diese digitale e-Harmony. Ständiger Szenenwechsel, Kostümwechsel: Renaissance-Robe in einer gotischen Kathedrale, für uns US-Amerikaner passt soetwas fabelhaft zusammen. Tiefst dekolletiert auf einem Ball im Spiegelsaal von Versaille. Oder im Bikini am Pool ihres Hauses.

 "Hallo, Fred! Seit wann besitzt die Harmony McAmber diese exorbitanten Super-Brüste?"

"Warte ab. Es kommt noch besser,:"

Wet-T-Shirt Competition. Oh, hallo!!

Und dann tauchte sie schließlich auf, total nackt! Nackt wie Gott sie schuf. Oder vielmehr Fred Knox. Aus dem Gischt eines riesigen, virtuellen Wasserfalls. Ein Superweib mit einer absoluten Traumfigur.

"Fred, wo hast du die nackte Harmony her?"

"Playboy."

"Harmony McAmber war im Playboy?"

"Sie nicht. Irgendeine Schönheit zum Aufklappen. Plus Bearbeitung..."

"Hätte mich auch gewundert. Harmony zierte sich ungemein, wenn es um nackte Haut geht. Die Polen sind verdammt katholisch. Und irrsinnig prüde. Fast schon wie Amerikanerinnen. Wir mußten freizügige Szenen immer mit Double drehen."

"Bei einer e-Harmony brauchst du kein Double mehr!"

Und nackt unter der Gischt des Wasserfalls gab Freds e-Harmony ihren gesampelten Orgasmus!

"Ja...! Jaaa...!! Jaaaaa...!!!!"

Wow!!

Fünfunddreißig fünf-Sterne-Programmierer standen hinter uns, hatten zugesehen und applaudierten. Standing Ovations!

Levinow und ich applaudierten mit.

***

"James! Du ungetreuer Freund! Was machst du mit mir?"

"Wir machen dich unsterblich, Harmony!"

Sie kam quer durch den Pool geschwommen, in einem knappen, weißen Bikini, kletterte die Leiter hoch, schüttelte ihre blondierte Barbie-Mähne und küsste mich nass auf beide Wangen.

In Hollywood braucht man keine e-mail, kein Faxgerät. Alles, wirklich alles - Gerüchte, Verleumdungen, Klatsch, Tratsch und Skandale - sprechen sich herum mit der Geschwindigkeit des Lichts.

Darunter sind manchmal auch brisante Neuigkeiten!

Auf meinem Anrufbeantworter bat mich Harmony mit saccharin-süßen Flötentönen, sie umgehend, sofort, jetzt-und-zwar-gleich zu besuchen. In ihrem Bungalow oben in Beverly Hills, den sie in einer langen Kette von Celebrity-Mietern von Rod Steigers Erben übernommen hatte.

Ich informierte Levinow.

"Fahr hin! Verhindere Schlimmeres!"

Also fuhr ich hin, die Serpentinen und Kurven hinauf zum Jacuzzi-Drive Nummer 678, einer Gegend, wo man eben so wohnt, wenn man es im Show-Biz zu etwas gebracht hatt, und wo man nachts als Fußgänger von Mitgliedern einer privaten Security Armee aus Sicherheitsgründen, vorsorglich und ohne weitere Vorwarnung erschossen wird. Die amerikanische Paranoia hatte hier oben ihren Ursprung.

Aber jetzt war ein strahlender, kalifornischer Frühlingstag. Der Himmel blau. Die Luft mild. Die Lunch-Zeit vorüber. Und Harmony relaxte im Pool, gelangweilt betrachtet von ihrem neuen, mexikanischen Dressman, der auf den Namen Caruso hörte und seinen bereits schwarz-gerösteten, dichtbehaarten Waschbrett-Bauch unter dem weit aufgeknöpften, weißen Hemd in der Sonne weiter bräunte.

Er hatte mir geöffnet und mich durch das Haus geführt. Es hatte sich seit meinem letzten Besuch vor einem halben Jahr noch mehr mit Kitsch und Firlefanz gefüllt, mit Nippes und Krimskram der unmöglichsten Sorte. Von einer Gage von vierzehn Millionen bleiben nach Abzug von Steuern, Management-Honoraren, Gewerkschaftsbeiträgen, Löhnen und Gehältern des Personals am Ende immer noch zweikommafünf bis drei Millionen übrig. Und das drei bis vier Mal im Jahr. Das Geld muß zurück in den Kreislauf der Wirtschaft. Harmony sorgte dafür nachhaltig und ohne jeden Geschmack. Und das war auch gut so.

Und nun war ich begrüßt worden, geküsst, trocknete mir das Gesicht mit einem der herumliegenden Handtücher und war bereit, Rede und Antwort zu stehen.

"Was macht ihr? Nun mal ehrlich!"

"Ein Entwurf für ein Videospiel. Die Heldin soll dir ähnlich sehen. Ist das nicht sehr schmeichelhaft für dich?"

"Meine Anwälte sagten mir – Parker & Parker vertreten mich – da gibt es strenge Regeln: Copyright, Recht am eigenen Bild, Persönlichkeitsrechte...!"

"Natürlich gibt es die, Harmony. Zweifellos! Und aus guten Gründen. Nur: Du hast die Auswertungs- und Nutzungsrechte an deiner Person uneingeschränkt der Neuen Paramount übertragen."

"Für gemeinsame Filme. Ja! Sagt mein Manager."

"Das Studio kann damit tun oder lassen was es will!"

"Aber doch nicht so einen Video-Kram."

"Wer weiß, Harmony, vielleicht gehört diesem Video-Kram, wie du das nennst, demnächst die Zukunft."

"Und was bekomme ich dafür, dass die Heldin mir ähnlich sieht? Was zahlt Levinow mir an Gage? Hat er meinem Agenten ein Angebot gemacht? Mir das Script vorgelegt? Mein Einverständnis eingeholt? Hat mich überhaupt jemand gefragt, oder mich auch nur informiert?"

"Informiert offenbar schon, Harmony. Woher wüßtest du es denn sonst? Aber ich darf dich beruhigen. Es ist alles bisher nur ein Test. Keiner weiß bis zur Stunde, ob da jemals etwas daraus wird."

Harmony dachte nach, wandte sich ab, warf ihr Handtuch über eine der Liegen, schob sie aus dem Schatten unter der Markise in die pralle Sonne und legte ihren wunderbaren, schlanken Körper mit einer vollendet anmutigen Bewegung ganz, ganz langsam darauf. Dann begann sie sich genußvoll einzucremen und zu salben.

"Was willst du trinken, James?"

"Plunters Punch wäre nett."

"Hörst du, Caruso, mein Regisseur ordert einen Planters Punch."

Der wunderschöne Dressman, von dem Levinow behauptete, er sei eigentlich schwul, erhob sich mit einem seltsam verführerischen Blickkontakt von seiner Liege und begab sich zu dem gläsernen Barwagen, der hinter ihm im Schatten stand.

"Und mir bringst du meinen Gin-Tonic, hörst du?"

Caruso hörte es und nickte.

"Ich halte mich nur noch an reine Dinge, unvermischt. Bourbon on the Rocks, Gin-Tonic, Brandy pur...! Wir vermischen in unserem Leben viel zu viel. Freundschaft und Geschäft. Sex und Liebe. Moral und Ausbeutung. Echte Gefühle und profanen Trieb!"

Der Satz kam mir verdammt bekannt vor. Auch was da anschließend kam an Philosophie über uneingeschränkte Ehrlichkeit, über grenzenloses Vertrauen... Das waren Sätze aus einer unserer gemeinsamen Produktionen: >Der Sintfluter<, die Verfilmung eines anderen erfolgreichen James Douglas Thrillers: Ein Terrorkommando sprengt einen Staudamm in der Schweiz, um die Teilnehmer an einer G8-Konferenz, die Führer dieser unserer Welt, unten im Tal in einem Luxus-Resort zu ersäufen. Der Präsident der USA überlebt, wird gerettet. Aber die Präsidenten-Gattin, von Harmony sehr edel, sehr überzeugend dargestellt, hält kurz vor der Katastrophe, wenige Minuten vor ihrem sicheren Tod, noch eine eindringliche Rede an die anwesenden, ebenfalls todgeweihten Journalisten.

Sollte ich Harmony in dieser angespannten und heiklen Situation ins Wort fallen, um sie daran zu erinnern, dass ich ihre Texte nahezu auswendig kannte?

George Bernhard Shaw, der große Theatermann, hatte wohl Recht: 'Wenn sie geniale Texte sprechen, deine Stars, dann hat die stets ein anderer geschrieben, der wesentlich intelligenter ist.'

Wieder so ein längst toter, zynischer Besserwisser, würde Levinow sagen. Ohne dem Inhalt dieses Ratschlags grundsätzlich zu widersprechen.

***

Ich nahm meinen Planters Punch entgegen, erwiderte Carusos lüsterem Blick, und ließ Harmony zu Ende zitieren. Das dauerte. Im Film war es eine sehr emotionale, sehr beeindruckende, aber auch sehr lange Szene.

Da tat Harmony etwas, was sie noch nie getan hat. Etwas absolut Unerwartetes und überrraschend Neues. Sie legte das Oberteil ihres Bikinis ab. Sie entblößte mit nonchalanter Selbstverständlichkeit ihre großen, alabasterweißen Brüste, die noch nie einen Sonnenstrahl gesehen hatten. Wozu? Warum? Harmony tat nie etwas ohne Grund und Berechnung. Früher oder später würde sie es mir sagen.

Freizügige europäische Sitten erreichen mitunter erst mit einer dreißigjährigen Verspätung dieses schamhafte Land, wo eine weibliche Brust, öffentlich und zur Gänze entblättert, die strenge Puritanermehrheit in verzweifelte Protestaktionen treibt. Das Ende der amerikanischen Zivilisation, im Vertrauen auf einen offenbar prüden Gott errichtet, rückt durch die Entblößung sekundärer, weiblicher Geschlechtsmerkmale drohend nah! God's own Country. Wir sollten es besser nie vergessen!

Harmonys Brustwarzen reckten sich steil der ungewohnten Sonne entgegen, und die sie umgebenden Aureolen leuchteten in einem intensiven Himbeer-Rot.

Ich kam nicht umhin, Vergleiche anzustellen, zwischen den hier zur Schau gestellten absolut realen, wenn auch durchaus beeindruckenden Brüsten - und den von Fred Knox kreierten. Die virtuellen e-Brüste einer e-Harmony gegenüber einer letzten Endes biologisch trivialen Natur.

"Du siehst, James, ich habe keine Geheimnisse vor Dir." Nun sagte sie es mir! "Sei kollegial und sei fair. Sei ein Gentleman! Führ mir vor, was ihr da angerichtet habt, und zwar komplett und in allen Details! Ich habe ein Recht auf meinen eigenen Körper, auf mein Gesicht und auf meine Brüste, auf die ich stolz bin! Ich habe auch ein Recht auf die elektronische Kopie meiner Person. Nur ich allein bestimme, was mit mir und mit meinem Abbild geschieht. Ich wünsche zu sehen, was ihr mit mir auf Euren Computern gemacht habt, und ich bestehe ultimativ darauf, dass du mir, alles, aber auch wirklich alles zeigst. Ungekürzt. Ungeschnitten! Und zwar noch heute!"

Ich blieb ihr eine Antwort schuldig, fand es an der Zeit, mein großes Glas Planters Punch zu leeren, ignorierte ihre provozierende und berechnende Nacktheit, beugte mich tief über sie  – um sie zum Abschied auf beide fett-gesalbten Wangen zu küssen. Freundschaftlich. Jeglichen Vertrauensbruch ausschließend.

"Leb' wohl, Harmony! I love you, my darling!"

Sie wirkte wie versteinert und würdigte mich keines Blicks.

"Ich werde meine Gewerkschaft informieren, die Screen Actors Guild, meinen Agenten und meine Anwälte! Parker&Parker wird die Angelegenheit gerichtlich klären lassen, und euch mit einer einstweiligen Verfügung das Handwerk legen."

"Ich kann dich nicht daran hindern, mein Schatz!"

Caruso winkte ich noch einen freundlichen Abschiedsgruß zu, begegnete seinen dunklen, sanften, langbewimperten Augen, die Begehrlichkeit signalisierten, und ging, nach einem allerletzten Blick auf Harmonys entblößte Schönheit, quer durchs Haus. Vorbei an Kitsch und Nippes und dem ultimativen schlechtem Geschmack. Hinaus zum großräumigen Parkplatz. Mit einem etwas flauen Gefühl im Magen.

Ich sah die Affäre auf eine bitter-subtile Weise eskalieren. "Verhüten Sie das Schlimmste!" hatte Levinow mir geraten. Ich hatte versagt. Und ich schämte mich zutiefst, so verlogen zu sein. Das Schlimmste, das nun kommen sollte, hatte ich soeben erst provoziert.

Harmony McAmber habe ich lebend nicht wiedergesehen.

 

***

Die Screen Actors Guild hatte zuerst ihre populärsten Serienhelden an allen Ampeln der befahrensten Durchgangsstrassen von Los Angeles postiert, wo diese den verdutzten Autofahrern bereitwillig Autogrammkarten signierten. Bei GRÜN, versteht sich. So wurde der Verkehr dieser Stadt weitgehend lahmgelegt. Unabhängig davon hatte die Schauspieler Gewerkschaft zum Streik aufgerufen. In sämtlichen Studios Hollywoods gingen die Lichter aus. An den Toren, an den so genannten picket-lines, standen Wachen, um Streikbrecher am Betreten zu hindern. Überall hingen die roten Banner, flatterten die Flugblätter:

 Stop Electronic Cloning Now!

Sie nannten es Klonen, denn dieser stets falsch interpretierte Begriff  aus der umstrittenen Gentechnik war zu einem negativ besetzten Reizwort geworden.

Mit den Musikern hatte es angefangen. Die lieferten nichtsahnend ihre 'Samples' ab. Nun schufen die Komponisten damit ihre Film-Symphonien in einsamer Kreativität auf ihren Synthesizern, und die Streicher und Bläser hatten das Nachsehen. Die demonstrierten gleich mit. Solidarität war angesagt!

In Hollywood gab es vor zehn Jahren noch zwanzigtausend Statisten, Extras, Komparsen. Gewerkschaftlich organisiert und bereit für Massenszenen. Fred Knox und Konsorten hatten diese Heerschar bis auf ein paar Hundert abgeschlachtet, schlichtweg arbeitslos gemacht. Nun wurden sie endlich wieder – vermutlich ein allerletztes Mal – dringendst gebraucht. Auf endlosen Demonstrationen zogen sie durch die Stadt und schwangen ihre Plakate.

Stop Electronic Cloning Now! Sprechchöre auf den Strassen, vor den Studio-Arealen und im Fernsehen. Denn nun ging es – so das nicht unbegründete Gerücht - den Schauspielern an den Kragen.

"Du weißt, was du da angerichtet hast, Jim?! Du und Fred Knox und seine Computer-Fuzzis!" Levinow war laut geworden und unnatürlich schrill.

"Ich weiß es, Levinow!" Ich versank schuldbewußt tiefer in dem alten, von Angstschweiß durchtränkten Ledersessel.

"Ich wette, du weißt es nicht! Außerdem, ich heiße Carol, merk dir das endlich, Jim! Und? Hast du die Rechnung von Fred Knox gesehen? Oder gar abgezeichnet, was deine Aufgabe gewesen wäre? Abschlagszahlung? Nein? Hier!"

Er warf das Papier vor mich hin auf den Schreibtisch.

Ich erschrak, zumindest der Form halber. Dass inzwischen über vierunddreißig Millionen Dollar aufgelaufen waren wußte ich seit Tagen.

"Mit diesem Betrag könnte ich die Harmony McAmber für die nächsten drei Projekte locker bezahlen! Und was bekomme ich dafür? Außer Ärger?"

"Wir erkunden neue Wege, die zukunftsweisend sind..."

"Ich pfeife auf deine neuen Wege, Jim! Soll ich dir vorrechnen, was dieser Streik uns täglich kostet? Vier Filme sind in Produktion! Allein bei uns. Und die Schuldzuweisung der anderen Studios trifft eindeutig uns!"

"Der Streik ist morgen wieder vorbei. Wird ausgesetzt, bis das Gericht über die Sache entschieden hat."

"Danke, danke! Die Aktien der Medienbranche sind im Keller. Unsere werden an der New York Stock Exchange bereits nicht mehr gehandelt! Und alles nur wegen dir und deiner schwachsinnigen Idee. Hier -" Ein Papier flog über den Tisch. "Morgen früh um acht. Wir sehen uns dort!" Und noch ein zweites Papier: "Vorladung zur Verhandlung! Man hat ja sonst nichts Besseres zu tun. Und bei dieser Gelegenheit eine rein technische Frage: Hast du je versucht, diese elektronische e-Harmony mit realen Schauspielern zusammen, gleichzeitig, auf dem Set agieren zu lassen?"

"Wir arbeiten daran!"

"Du wirst das bleiben lassen, Jim. Bis wir den Kopf aus der Schlinge haben. Ist das klar?"

Es war mir klar. Und ich folgte am nächsten Morgen um acht der gerichtlichen Vorladung. Bei Nichterscheinen fünf Tage Haft!

***

Tausende hatten sich eingefunden, Zehntausende. Eine lüsterne Menschenmenge versammelte sich auf der 6th Avenue und auf den zweiunddreißig Stufen, die hinaufführten zum klassizistischen Säulenportal des Distrikt-Supreme-Court von Los Angeles.

Es waren noch volle zwei Stunden bis zum Beginn der Verhandlung: Harmony McAmber, vertreten durch Parker&Parker versus die Neue Paramount. Ein Eilantrag auf eine einstweilige Verfügung, Klage auf sofortige Unterlassung, Klage auf Grund einer Verletzung von Persönlichkeitsrechten, Klage wegen Umgehung des Urheberrechts, Klage wegen Mißachtung der Rechte am eigenen Bild, Schadenersatz in unbegrenzter Höhe, Schmerzensgeld in zwölffacher Höhe, wegen psychischer und physischer Ausbeutung, undsoweiter undsoweiter. Ich bin kein Jurist, habe die Klageschrift mit ihren über vierhundert Seiten nur oberflächlich überflogen und war der Meinung: Es sieht bös aus für uns, die Erfinder.

An e-Star is born – das konnte für das Studio ganz schön teuer werden. Auch für mich persönlich. Falls das Studio Regreß an mir nehmen sollte.

Die Menge wuchs weiter. Der Verkehr staute sich. Jedes Fahrzeug, das vorfuhr, wurde umringt von Fotografen und den Kameraleuten der siebzehn lokalen Fernsehkanälen.

Aber Harmony McAmber glänzte durch Abwesenheit.

Ein Star - ach was, an diesem Tag war sie ein Mega-Star - hatte die Stirn, das eigene Studio zu verklagen. Auf Schadenersatz in unbegrenzte Höhe. Auf Pain-and-Suffering. Auf Unterlassung. Das hatte es in der Geschichte Hollywoods noch nie gegeben.

Parker&Parker schickten lediglich einen Assessor, der sich mit Harmonys Manager den Weg durch die Menge bahnte. Nur kein unangemessener Aufwand. Der Fall lag klar.

Die neue Paramount schickte ihre zwölf Anwälte. Leider aus den gleichen Gründen. Wie gesagt: Es sah bös aus!

Ein diskrter Hammerschlag eröffnete die Verhandlung.

Der Assessor von Parker&Parker verlas die Klageschrift. Soetwas dauert. Das Gericht war beeindruckt. Das Getuschel auf der Publikumstribüne schwoll hin und wieder zu einem Crescendo an. Erst ein Hammerschlag schuf wieder Ruhe.

Levinow wurde befragt und wußte von nichts. Nein, absolut nichts. Da gab es keinen Auftrag, keinen Kostenvoranschlag, kein Projekt, keinen Plan. Für derartige Nebensächlichkeiten haben wir unabhängig handelnde Departments.

"Danke!"

Levinow ging und war als Studioboß erstmal aus dem Schneider.

Jetzt rollte die Lawine auf mich zu. Auf mich allein. Ich war als Zeuge geladen, blieb in der Klageschrift jedoch namentlich unerwähnt. Aber tödliche Schlingen pflegen sich in der juristischen Praxis unerwartet und nachhaltig zuzuziehen.

"Es war nur ein Test, Euer Ehren... nur ein Versuch... wir hätten jede x-beliebige Darstellerin, die das Studio unter Vertrag hat, dafür nehmen können. Aber Harmony McAmbers Schönheit und ihre Persönlichkeit... Da gab es keine vergleichbare Alternative... Nein, gefragt haben wir sie nicht... auch nicht informiert... Es war ja nur ein Versuch... Das hätte bei ihr nur falsche Hoffnungen geweckt, unerfüllbare Erwartungen... Das Endprodukt ist kommerziell in keiner Weise verwertbar... Nicht mal für Videospiele... Obwohl das in Zeiten, in denen das Studio ums Überleben kämpft... Ja, Euer Ehren, ich sagte, das Studio kämpft ums Überleben!... Es wäre eventuell eine künftige Chance, virtuelle Videospiele, neben oder an Stelle der rückläufigen Kinoproduktion... In so einem Fall würden selbstverständlich vertragliche Vereinbarungen... großzügige Royalties, also Tantiemen... Das ist selbstverständlich!"

"Danke Sir! Das genügt uns."

Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und kam schließlich eine Stunde später zu dem Schluß:

"Da es sich lediglich um einen Test... künftige Chancen auf einem rückläufigen Kinomarkt... ein Studio, das ums nackte Überleben kämpft... Der Klage wird nicht stattgegeben! Die Sitzung ist geschlossen."

Harmony McAmber, ihr Manager, Parker&Parker, sie alle hatten verloren. Ein Star, der pro Film vierzehn Milllionen Gage kassiert – obwohl das Studio ums nackte Überleben... undsoweiter. Das Gericht hatte sich auf die Seite des Kapitals geschlagen. Die Zeiten waren schlecht. Ein Studio-Sterben konnte sich die Stadt Los Angeles nicht leisten. Nicht jetzt. Zu keiner Zeit. Aber das war schon wieder ein eigenes Thema.

Schweigend drängte die Menge nach draußen. Ein Mega-Star, der einen Prozess verliert, verliert auch an Glanz und ist, selbst bei Abwesenheit, eine enttäuschende Erscheinung.

***

"Hej, Jim!" Levinow war neben mir im Gedränge aufgetaucht. Ich erwartete grenzenlosen Dank. Stattdessen: "Los, fahr rauf zu ihr, bring ihr die schlechte Nachricht schonend bei. Halt sie bei Laune!"

Ich, wieso ich und nicht er, der Studio-Chef, der CEO der Neuen Paramount persönlich...?

"Ich brauche nächste Woche Harmonys Unterschrift unter einem neuen Vertrag. Du mußt das verstehen, Jim! Ich habe von James Douglas die Rechte gekauft, sein neuer Roman, >Operation Barber Shop<, oder so ähnlich. Ein Wahnsinns-Thriller. Und eine wahnsinnig gute Rolle für die Harmony. Es wäre Wahnsinn, sie jetzt zu vergraulen. Buhle um sie. Wir brauchen die Dame. Ohne ihren Namen keine Kredite und kein Geld von den Aktionären. Wir kämpfen schließlich ums nackte Überleben, wie du verdammt richtig ausgesagt hast."

"Levinow... ich weiß nicht, ob das wahnsinnig clever ist... äh, ich meine wahnsinnig diplomatisch." Um beim Wahnsinn zu bleiben.

"Du weigerst dich, Jim?"

"Lass sie die gerichtliche Panne doch erst mal überschlafen. Schließlich weiß sie letzten Endes gar nicht, worum es geht. Sie hat die Musterrolle von Fred Knox, die virtuelle e-Harmony, doch gar nicht gesehen!"

"Sie kennt sie, Mann! Logisch! Sie kennt sie! Ich habe sie ihr gestern zugeschickt. Eine Kopie. Auf DVD. Damit sie die Verhandlung vielleicht noch persönlich stoppt. Wenn sie sieht, dass dieser Unsinn den ganzen Aufstand doch gar nicht wert ist..."

"Sie kennt die Rolle?"

"Sie hat sie vermutlich angesehen. Ich habe sie um ihr Einverständnis gebeten, ja!"

"Oh, mein Gott...! Levinow...!! Die ganze Rolle? Zwanzig Minuten?! Ungeschnitten! Ungekürzt!?"

Aber Levinow machte sich bereits auf und davon, und ich hatte nun, eben noch dem Galgen entkommen, den Schwarzen Peter. Und den Auftrag, mich einem Erschießungs-Pelloton, einem wutentbranntem Henker zu stellen.

***

Auf dem Parkplatz vor Harmonys Residenz standen überraschend viele Fahrzeuge. Auch eine Ambulanz. Auch ein Leichenwagen. Und zwei Streifenwagen der County-Police.

Das sah nun wirklich nicht gut aus.

Der Presserummel kulminierte bereits. Wie schon erwähnt verbreiten sich Klatsch, Gerüchte und Sensationen in L.A. mit der Geschwindigkeit des Lichts.

Die Übertragungswagen der lokalen TV-Sender mit ihren riesigen Parabolantennen parkten draußen auf dem Jacuzzi-Drive. Rund um den Pool waren die Kameras eng an eng aufgebaut. Hinter einem rot-weißen Absperrband drängten sich die Reporter, Mikrofone der kommerziellen Radiostationen in ihren ausgestreckten Händen. Und alle waren sie längst ‚live’ auf Sendung.

Von Parker&Parker waren beide Seniorchefs anwesend, Samuel Parker und auch David Parker, und beide beendeten gerade ihr offizielles, nichtssagendes Statement für die anwesenden Medien. Statt der Gerichtsverhandlung beizuwohnen, die sie als bereits gewonnen abgehakt hatten,  waren sie dem Ruf einer Katastrophe gefolgt, die sich in diesem Haus in der letzten Nacht abgespielt hatte:

Die Muster-Rolle! Harmony McAmbers Konfrontation mit ihrem digitalen Ebenbild. Zwanzig Minuten lang. Ungeschnitten! Ungekürzt! Das reichte! Hatte der Super-Orgasmus, hatten die obszönen Lustschreie dieser splitternackten e Harmony unter dem Wasserfall ihr den Rest gegeben?

Schock, Nervenzusammenbruch, anschließend der suizide Abschied von dieser grausamen Welt mit vielen Tabletten und mit sehr, sehr viel Gin. Ohne Tonic. Vermutlich!

Jetzt lag sie, von einem rosa Laken notdürftig verhüllt, im Halbdunkel der Wohnhalle auf dem Fußboden neben der Hausbar. Umkreist von emsig herumirrenden Gestalten in den üblichen, weißen Schutzanzügen der Spurensicherung. Weißer Mundschutz. Weiße Gummihandschuhe. Bis zur Obduktion, die der Coroner, der Leichenbeschauer und Untersuchungs-richter verfügen wird, war Sterilität angesagt.

Levinow hatte Recht: Ich hätte mit ihr schlafen sollen. Die Dinge hätten einen anderen Gang genommen. Sie hat es ja ständig darauf angelegt, von mir verführt zu werden. Von 'ihrem' Regisseur. Master-next-God! Welch ein Triumph wäre das für sie gewesen. Die Macht ihrer Weiblichkeit siegt über meine Bedenken! Über meine Standhaftigkeit. Über mein hartnäckiges Zögern.

Vorbei!

***

Ein Notfall-Priester in einem für solche Anlässe üblichen halboffiziellen Minimal-Ornat, schwarzer Anzug und Stola,  erschien in der offenen Terrassentür und verkündete der sensationsgeilen Millionen-Öffentlichkeit vor den heimischen Fernsehschirmen: „Ich habe soeben die unschuldige Seele der Verblichenen dem HERRN anbefohlen. Er wird ihr gnädig sein. Denn sie ist ohne Schuld!“

Schuld! Bei diesem Wort begegneten sich wie zufällig unsere Blicke.

Die Sünden, die einem am schwersten auf der Seele liegen, sind die "Unterlassungs-Sünden", diejenigen, die man nicht gewagt hat zu begehen, denen man feige ausgewichen ist, die unter einer Flut überflüssiger Skrupel untergingen, unwiderbringlich, unwiederholbar, und die man später unter sträflich verpasste Gelegenheiten im Archiv seiner Erinnerungen ablegen muss, getröstet nur von dem zweifelhaften Prädikat, man sei ein ehrbarer, charakterstarker Mensch!

War ich ein ehrbarer, charakterstarker Mensch?

***

Langsam und mit vielen üblen Gedanken belastet, kurvte ich die Serpentinen des Jacuzzi Drive wieder nach unten. Dorthin, wo die Stadt L.A. im Dunst verschwand und im Smog.

War Harmony McAmbers Selbstmord ursprünglich nur als eine Drohung gedacht gewesen? Damit wir erkannten, was für Schweine wir sind? Ein Versuch, der ihr leider misslungen war. Weil ihr Lover nicht rasch genug die Realität begriffen und um Hilfe gerufen hatte? Der Latino, der nun völlig verstört von der Polizei verhört wurde?

Die Öffentlichkeit wird später behaupten, wir, vom Studio, haben sie umgebracht. Umbringen lassen. Wie das britische Königshaus die Prinzessin Diana. Eine PR-Aktion vor dem Start des neuen Films. Verschwörungstheorie.

Die Welt liebt Verschwörungstheorien.

Und die Welt liebt Tragödien!

***

Manzinis Requiem aus seinem Film >Feuerzauber< wurde live auf der größten Orgel Californiens gespielt. Das Copyright hatte die Neue Paramount von der alten übernommen.

Totenmesse in St. Mary vom Hl. Kreuz, der schönsten Kathedrale Californiens. Für zweitausend auserwählte Angehörige, Kollegen und Freunde. Alle waren sie gekommen. Auch Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur dieses Staates, und die Gattin des Präsidenten, angereist aus Washington D.C.

Harmony McAmber, in Polen als Katholikin geboren, in den USA als 'Wiedergeborene' zum protestantischen Methodismus übergetreten, von Neo-Baptisten spektakulär erneut getauft, abgewandert zum Buddhismus, als dies in Hollywood zum Trend gehörte und zum guten Ton, anschließend bekennende Scientologin, ohne die Hintergründe dieser Sekte zu kennen, hatte in den letzten Wochen ihres kurzen, erfolgreichen Lebens in den stets weit geöffnete Schoß der alleinseligmachenden-römisch-katholischen-Kirche zurückgefunden. Dank sei dem Herrn, der sie das reine, wahre Licht der Erkenntnis hatte sehen lassen... Amen. So oder so ähnlich endete die Predigt, die mit der Aufzählung ihrer Filme – die schließlich auch und in erster Linie meine Filme waren – begonnen hatte.

Sie lag in voller Schönheit, in einem hochgeschlossenen, rosa Spitzenkleid, aufgebahrt vor dem Altar. Priester umwanderten die Tote, spendeten Weihwasser, Weihrauch und Gebete. Böse Geister, die zu vertreiben sind, gibt es im Süden Californiens reichlich.

Immer wieder ging ein Blitzlichtgewitter über der Szene nieder.

Kameraleute huschten durch die Menge. Umkreisten die anwesenden Celebrities und hin und wieder die Verschiedene. CNN sendete live.

Ich saß in der zweiten Reihe, schräg hinter Levinow. Der wandte sich plötzlich und unerwartet zu mir um und flüsterte mit scharfem Atem:

"Jim! Du hast sie in den Tod getrieben. Das ist dir doch hoffentlich klar! Du hast sie auf dem Gewissen. Auch die Neue Paramount! Die nächsten drei Produktionen mit ihr in Vorbereitung und bereits mit sechsstelligen Kosten belastet, sind jetzt endgültig geplatzt. Die entsprechenden Kredite wurden uns gekündigt. Du hast vierundzwanzig Stunden Zeit dein Büro zu räumen. Du bist gefeuert!"

Abrupt drehte er sich von mir weg und trauerte weiter.

Ein einsamer Sopran schwebte durch den Raum, dann ein frommer Choral. Tränen flossen reichlich in dieser schmerzlichen Stunde.

Vor der Kathedrale kam Sylvester Garutso auf mich zu, der Funeral Director, Hollywoods wohl erfolgreichster Leichenbestatter.

"Sie müssen uns helfen, James. Die Öffentlichkeit möchte Abschied nehmen von der alles geliebten Harmony McAmber. Eine Riesenleinwand hinter dem Grab. Übermorgen. Draussen in Forrest Lawn. Zur Stunde des Sonnenuntergangs. Bevor der Sarg in die Grube... Ausschnitte aus ihren Filmen, die ja auch Ihre Filme waren James. Stellen Sie uns etwas Ergreifendes zusammen. Fünfzehn Minuten, zwanzig, keinerlei zeitliche Beschränkung. Sie helfen uns doch, nicht wahr?!"

"Tut mir Leid, Mr. Garutso, ich habe keinerlei Zugriff mehr auf das Material. Ich habe die Neue Paramount mit sofortiger Wirkung verlassen."

"Ach... Das ist äußerst schade...!"

"Das finde ich auch!"

Aber dann hatte ich eine Idee und ich versprach ihm zu helfen.

Zwei Tage später, Forrest Lawn: Zwölf Hektar leicht hügelige Rasenfläche, von keinem Weg, keiner Begrenzung unterbrochen. Nur einzelne Grabsteine ragen hier und dort aus dem kurz gehaltenem Gras.

Eine unübersehbare Menschenmenge hatte sich auf diesem größten Friedhof von Los Angeles in Trauer und Neugier versammelt.

Über der Grube stand der offene, elfenbeinfarbige Sarg auf einem Kühlaggregat. Er war übersäht von kleinen, geilen, himbeerroten Rosenknospen, geschnitzt aus Birkenholz. Ich hatte da gewisse, für diesen traurigen Anlass höchst unpassende Assoziationen.

Ein silberner Baldachin aus dem Beleuchtungs-Park des Studios spannte sich, von hohen, goldenen Säulen gehalten, weit darüber hin, reflektierte die unbarmherzige, kalifornische Sonne und spendete Schatten.

Seit den frühen Morgenstunden wanderten die Menschen an der zur Schau gestellten Verblichenen vorbei, fotografierten und bewunderten Harmony McAmber in ihrem wohl perfektesten Make-up. "Sleeping Beauty" schrieben die Zeitungen am nächsten Morgen auf den Titelblättern.

Blumen türmten sich links und rechts längs eines abgesteckten Pfades, der den Besucherstrom kanalisierte.

Kondolenzbücher lagen zu Dutzenden auf. Fast jeder trug sich ein.  

Ein Discjockey hatte mit seinem 120 Kanal-Mischpult auf einem der Hügel Position bezogen und belieferte die in der Landschaft verteilten sechsundsechzig Lautsprecher mit synthetischem Sound. Er "colorierte" die Luft, wie er es nannte, mit Henry Manzinis bekanntesten Melodien aus seinen zweiundvierzig Filmen. Auch hier lag das Copyright beim Studio.

In einem angrenzenden Wäldchen gab es hot-dogs, soft-drinks und Toiletten.

So ging der Tag der Trauer dahin.

Als die Sonne sich anschickte, über dem fernen Pazifik unterzugehen, wurde der Baldachin abgetragen und eingerollt und eine große Leinwand aufgerichtet.

Ich gab das Zeichen für die Projektion.

Hoch über der toten Harmony erschien nun, gigantisch und beherschend, riesig und überdimensional in den Abendhimmel ragend, ihr lebendiges Abbild, ihr strahlendes Porträt, unter dem frenetischen Jubel und dem Applaus der Menge.

Aber es war nicht Harmony McAmber, es war nicht das Original.

Es war die virtuelle, die digitale Kopie, die e-Harmony in voller action, die umstrittene Musterrolle, zwanzig Minuten lang, ungeschnitten, ungekürzt. Das Meisterwerk von Fred Knox.

Unten das Original, von Spotlights angestrahlt, verstummt für alle Ewigkeit, dem unbarmherzigen Verfall preisgegeben, Erde zu Erde, Staub zu Staub.

Und hoch darüber, computergeneriert, lebendig für Zeit und Ewigkeit, sang, tanzte und deklamierte unser artifizielles Geschöpf.

Ein Star ist tot.

An e-Star is born !

Die Begeisterung der Fans, die zu zehntausenden ausgeharrt hatten, kannte keine Grenzen mehr, als die digitale e-Harmony nackt aus dem Gischt des virtuellen Wasserfalls stieg und sich ihre einsame, leidenschaftliche Erregung in einem Super-Orgasmus entlud:

"Ja...! Jaaa...!! Jaaaaa...!!!!

 Ein für Forrest Lawn einmaliger, noch nie erlebter Super-Wahnsinns-Jubel brandete auf. Und erreichte einen Höhepunkt, als sie in die Menge rief:

"Fuck you all!"

***

Levinow stand plötzlich hinter mir, reckte stumm und anerkennend seinen Daumen in die Höhe. Den nicht endenden Begeisterungstaumel, diese irrsinnige, wahnwitzige Massen-hysterie übertönend rief er mir zu:

"Gut gemacht, James!" Er sagte tatsächlich James, nicht Jim!

"Komm morgen um zehn zu mir ins Büro...!"

Und dann noch:

"Mach weiter so...!"

Am nächsten Tag, im alten angstschweiß-durchseuchten Ledersessel, hatte ich die Wahl zwischen "Scotch oder Bourbon...?"

***

Copyright © : Rainer Erler, Sunset Hill, Perth, Western Australia
Alle Rechte: pentagramma film+verlag
Bayerisches Filmzentrum, Bavariafilmplatz 7
D-82031 München-Geiselgasteig
Fax: 089-64981-100

Bisher erschienen in:

  • Visionen II – Die Legende von Eden, Shayol Verlag, Berlin
  • Bekenntnisse eines Voyeurs - Dreizehn lästerliche Geschichten, Komplett Media

 

Kommentare  

#1 Ingo Kirchhof 2014-11-16 16:14
Tolle Story. Macht nachdenklich. Die Moral von der Geschichte wird jeder für sich selbst finden ...
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