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Die Traumkappe - eine SF-Story von Jörg Spielmans alias Kurt Luif

StoryDie Traumkappe
SF-Kurzgeschichte

1974 erschien im Fischer-Orbit Taschenbuch Nr. 43  die von Hans Joachim Alpers und Ronald M. Hahn herausgegebene Anthologie "Science Fiction aus Deutschland".

Darin  erschien auch die SF-Story "Die Traumkappe" von Jörg Spielmans. Im Porträt über ihn konnte man folgendes lesen:


"Jörg Spielmans ist das Pseudonym eines österreichischen Fantasy- und Science Fiction-Autors, der 1942 in Wien geboren wurde, wo er noch immer lebt.
Vor fünf Jahren gab er seine Stellung als Ex­portleiter auf und wurde Berufsschriftsteller. Spielmanns veröffent­lichte unter mehr als einem Dutzend Pseudonymen etwa vierzig Romane und fünfzig Kurzgeschichten."

Jörg Spielmans ist ein Pseudonym von Kurt Luif, der unter dem Pseudonym auch die beiden SF-Romane "Das Spürauge" (Nr. 113 -1971) und "Planet der falschen Hoffnungen" (Nr. 124 - 1972) in der Zauberkreis-SF-Heftreihe veröffentlicht hat. Die meistens von Euch kennen ihn als Neal Davenport.

Viel Spaß beim Lesen seiner Story....

1Sergeant Stanley Gordon White tauchte aus den unbekannten Tiefen seines Unterbewußtseins empor und fror. Er taumelte hoch, ergriff mit unsicheren Händen die Decke von seinem Feldbett und warf einen Blick auf das Thermometer, das am Zelteingang hing. 32 Grad Celsius. Die Zahl sagte ihm nichts.
Aus der Ferne erklangen die vielfältigen Geräusche des Dschungelkrieges. Stanley White lehnte sich an die Zeltstange und versuchte, durch den dichten Schneefall etwas zu erken­nen. Er trat aus dem Zelt und zog die schmutziggraue Armee­decke fester um die Schultern. Er war durstig.
Verdammt, was ist denn los, dachte er. Wo ist denn bloß das Küchenzelt?
„Stan! Hey, Stan...“
Der Koch wird murren, wenn ich jetzt Grog...
„Stan, komm ins Zelt zurück, es ist drei Uhr früh...“
Wenn es doch bloß zu schneien aufhören würde...
„Stan! Du bist wohl besoffen...“

In diesen Nächten wachte ich regelmäßig um drei Uhr früh auf, in Schweiß gebadet. Zitternd und schwer atmend lag ich unter dem Laken, die Hände zu Fäusten geballt.
Ich nahm die Traumkappe ab, griff nach den Zigaretten auf dem Nachttisch und rauchte eine in der Dunkelheit.
Ich richtete mich auf und lauschte den regelmäßigen Atemzü­gen meiner Frau. Der Raum schirmte hermetisch die Geräusche von draußen ab.
Die Glut meiner Zigarette war das einzig Erkennbare in der Finsternis.
Ich drückte die Zigarette aus und glitt zu meiner Frau. Ihre Haut war weich und warm, und ich vergrub den Kopf an ihrer Brust.
Sie bewegte sich im Schlaf und murmelte: „... ja?“
Ich spürte, wie ihr Körper sich streckte. Eine Hand fuhr durch mein Haar, sanft und zärtlich, wie nur sie es kann.
„Wieder die Alpträume?“ fragte sie leise. Ihre Stimme klang schlaftrunken und besorgt.
„Ja“, flüsterte ich, und plötzlich überkam mich die ganze Hoffnungslosigkeit meiner Situation. Tränen stiegen mir in die Augen, und ich klammerte mich an ihren vertrauten Körper. Ihre Wärme umgab mich und tröstete mich. Die Hände an meinem Nacken machten alles bedeutungslos, was mich vor einigen Augenblicken noch verzweifeln ließ.
Die Dunkelheit und Stille im Raum gaben die Illusion, daß nur wir beide existierten, gaukelten uns eine Isoliertheit vor, die es nicht mehr gab und nie wieder geben würde. Wir gehör­ten nur mehr einander.
Mein Körper entspannte sich.
Da lag ich, ein erwachsener Mann von zweiunddreißig Jah­ren, fast zwei Meter groß und hundert Kilo schwer, und klammerte mich an das einzige Wesen, das mir Halt geben konnte. Ein Mann, der beim leisesten Geräusch zu zittern begann, ein Mensch, ein Lebewesen, geschunden, gequält, ausgelaugt, zerbrochen. Ein Zerrbild eines Menschen.
Ich schmiegte mich an sie und genoß die Geborgenheit, die mich umgab, ihren Geruch und ihre Zärtlichkeit. Langsam schwand die Verzweiflung und wich meiner Begierde.
Unserer Vereinigung war mit den Jahren der Reiz der Neuheit entgangen. Aber etwas viel Stärkeres hatte sich gebildet, ein viel intensiveres Gefühl, unvergleichbar schöner und voll­kommener als die erste stürmische und blindmachende Lei­denschaft.
Ich kannte ihren Körper und liebte seine Unvollkommenhei­ten. Den Körper, der in jeder seiner weichen Bewegungen Zuneigung zu mir ausdrückte, der mir drei Söhne geschenkt hatte; der mir gehörte, mehr als mein eigener Körper.
Ich hielt sie in den Armen und wußte, daß das Leben lebens­wert war, solange es sie gab.

Als ich erwachte, war sie nicht mehr da.
Durch die geöffneten Fenster blickte ich in einen trüben Mor­gen. Der Wind wehte die Regentropfen ins Zimmer und auf den Boden.
Ich setzte mich auf und drückte auf den Knopf über dem Bett. Die Fenster schlossen sich, und ich ließ mich trübselig wieder unter die Decke gleiten.
Träge rollte ich mich zusammen und döste vor mich hin. Die Klimaanlage hatte sich eingeschaltet, und ich genoß das monotone Geräusch der Ventilatoren.
Ein Summen fuhr grausam in meinen Halbschlaf.
Ich drehte mich um.
Das Summen verstärkte sich.
Ich langte hinter mich und schaltete das Audeophon an. Hinter mir sagte die wohlbekannte Stimme: „Holly! So melden Sie sich doch! Wollen Sie die Güte haben, mir Ihr Gesicht zuzu­drehen?“
Widerstrebend blickte ich in Eric Bulmers faltiges Gesicht. „Morgen“, schnauzte er mich an.
„Morgen“, brummte ich.
„Wollen Sie nicht endlich aufstehen?“
„Nein“, sagte ich und drehte mich wieder um. In meinem Rücken konnte ich beinahe fühlen, wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg.
„Holly! Sind Sie wahnsinnig geworden? Sie wissen, daß ich Sie holen lassen kann, wenn Sie nicht freiwillig kommen!“
„Ich habe es satt, Bulmer, endgültig satt“, sagte ich, aber ich merkte, wie meine Stimme an Nachdruck verlor. „Ich kann nicht mehr“, fügte ich leiser hinzu.
„Soso, Sie haben es satt.“ Er zögerte. „Holly, Sie haben Ihre Pflicht zu tun. Wir alle müssen unsere Pflicht tun.Stehen Sie auf und machen Sie sich fertig.“
Das Audeophon summte leer, und ich schaltete es ab.
Eine unendliche Müdigkeit überkam mich. Ich schloß die Au­gen und versuchte, die Stimme Bulmers aus meinem Hinter­kopf zu verdrängen.
Es gelang mir nicht.
Ich erhob mich und trat unter die Dusche, dann in die Massagekabine. Schließlich verließ ich das Bad und ging zurück ins Schlafzimmer, äußerlich frisch und voller Angst vor einem neuen Tag.
Ich stand am Fenster und blickte hinaus, als hinter mir wohlbekannte Schritte erklangen und eine sanfte Stimme sagte: „Mr. Holly, ziehen Sie sich etwas an.“
Ich hob die Schultern und drehte mich um. Die beiden Sicherheitspolizisten blickten mich ruhig an. Ich kannte sie gut; sie hatten mich schon oft „abgeholt“. Es waren freundliche, gut­mütige Männer, so groß und breitschultrig, daß ich mir neben ihnen wie ein Kind vorkam. Aber vielleicht machte das auch nur der Anblick ihrer eindrucksvollen Uniformen und die Tatsache, daß ich bis auf das Handtuch um meine Hüfte nackt war.
Ich schlüpfte in meine Kleider und sagte:
„Darf ich noch frühstücken, oder...?“
„Mr. Holly...“
„Okay“, sagte ich und folgte ihnen.

Eric Bulmer hatte die Angewohnheit, seine Besucher stehend zu empfangen. Er bot mir sofort einen Stuhl an und fuhr fort, im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Sie fallen mir in letzter Zeit unangenehm auf, Holly - wie­derholt!“
Ich starrte auf die Platte seines Schreibtisches und fragte mich, ob man von mir eine Antwort erwartete. Es war mir egal. Ich hatte mehr als genug, ich war der ganzen Sache nicht mehr gewachsen.
„Holly, Sie wissen, daß wir Mittel und Möglichkeiten haben, Sie gefügig zu machen...“
„Mr. Bulmer! Hören Sie, ich...“
„Es hat keinen Sinn, Holly. Sie müssen weitermachen. Ich kann mir denken, was in Ihnen vorgeht. Aber sehen Sie, Sie können wenigstens zu Hause bei Ihrer Frau sein.“ Er sah mich bedeutungsvoll an. „Es könnte auch anders sein.“
Ich sprang auf. „Was meinen Sie damit?“
„Ich meine damit“, sagte er langsam, „daß wir Sie auch hier behalten könnten, Holly.“
„Sagen Sie das noch einmal!“
„Was? Daß wir Sie hierbehalten könnten, wenn Sie Schwie­rigkeiten machen? Das muß Ihnen bekannt sein!“
Ich trat einen Schritt auf ihn zu.
Er wich zurück und sagte: „Holly, Sie wissen, daß ich meine Vollmachten habe!“
Ich ging um den Schreibtisch herum auf ihn zu. Er wich zurück, bis an die Wand. Ich starrte ihn an, und Angst erschien in seinen Augen. Ich packte ihn an den Schultern und drückte ihn gegen die Wand.
„Ich weiß, daß Sie Ihre Vollmachten haben, Bulmer! Aber ich weiß auch, daß ihr Leute wie mich braucht, um diesen Scheißkrieg zu Ende führen zu können! Ich bin bloß eine Null - aber eine, auf die es ankommt, eine Null hinter einer Eins!
Ihr schindet mich Tag und Nacht, ihr zerbrecht mich und flickt mich wieder zusammen, immer wieder und immer wieder!
Alles, was mir geblieben ist, sind die Nächte - und auch die Nächte habt ihr mir fast ruiniert mit eurer Traumkappe. Bulmer, ich sage Ihnen etwas, und es ist mein völliger Ernst: Dieses Leben ist kein Leben mehr! Und ich muß es nicht um jeden Preis erhalten! Ihr könnt mich zu vielem zwingen, aber nicht dazu, dieses Leben weiterzuleben! Und wenn es seinen Wert für Sie hat, so sehen Sie sich vor!“
Ich hatte meine Stimme erhoben. Als ich erschöpft innehielt, sagte eine ruhige Stimme hinter mir:
„Ich würde mir dies alles genau überlegen, Holly. Und dann würde ich vor allem meinen Ton mäßigen. Sie wissen, daß diese Ausbrüche zu nichts führen.“
Mertens kühle graue Augen blickten durch mich hindurch. Ich überwand meine plötzliche Verzweiflung, meine Furcht vor Merten und dachte nur mehr eines: Wenn es mir nicht jetzt, in diesem Augenblick gelang, der Situation Herr zu werden und Bulmer und vor allem Merten zu überzeugen, daß ich nicht mehr weiterkonnte, daß ich einfach nicht mehr konnte- dann würde es mir nie mehr gelingen.
„Merten“, sagte ich und wußte, daß ich bereits verloren hatte. „Merten...“
Bulmer hatte seine Stimme wieder gefunden und schnappte nach Luft. „Holly, das war das letzte Mal, daß Sie derartig herumgebrüllt haben. Ich sperre Ihnen ab sofort...“
„Sie werden nichts sperren, Bulmer“, sagte Merten.
„Aber ich bin doch...“
„Sie sind eine Null, Bulmer, wie Holly. Und nun setzen Sie sich wieder auf Ihren fetten Hintern und schweigen Sie.“
Er wandte sich mir zu. „Was wollten Sie eben sagen. Holly?“
Ich wich den kalten Augen aus. „Merten, dieser Krieg...“ Ich spürte ein Zittern in meinen Eingeweiden und griff nach einer Zigarette. Merten hielt mir Feuer hin, und ich versuchte ein dankbares Lächeln, das mir jedoch mißlang. „Dieser Krieg, Merten, er dauert schon zu lange. Er fing als Blitzkrieg an, und nun dauert er drei Jahre. Ein Ende ist nicht abzusehen.“ Ich hob meine Hand seinem Einwand entgegen. „Ich weiß, die Regierung hat gerade wieder ein Bulletin herausgegeben, in dem es heißt, daß demnächst die Friedensverhandlungen zu erwarten seien. Merten - dies ist das elfte Bulletin dieser Art! Sie wissen das so gut wie ich! Und in diesem Prestige krieg kann keiner der Gegner zurückziehen. Also wird et noch drei Jahre dauern. Ich halte das nicht mehr aus, Merten; ich verfluche den Tag, an dem das internationale Abkommen über das Verbot der Kernwaffen unterzeichnet wurde...“
Merten blickte mich erschrocken an. Vermutlich hielt er mich für verrückt. Wie konnte ich ihm jemals begreiflich machen, welche Qual das Leben für mich geworden war - und für einige wenige andere, die gleich mir auf so unheimliche Weise der Kriegsmaschinerie ihren Tribut zollten.
„Ich glaube“, sagte ich leise, „ich würde es vorziehen, durch die Atombombe zu sterben, als...“ Ich wandte mich ab. Allein der Gedanke daran verursachte mir Übelkeit. „... als zu krepieren wie ein toller Hund.“
Und ich, dachte ich, gebe ihnen diese unmenschliche Waffe in die Hand! Ich versorge sie mit der tödlichen Saat, die sie ausstreuen über Millionen junger Männer, die wir nicht kennen, und die unsere Feinde sind! Ich träume den Wahn­sinn, an dem sie zugrunde gehen! Ich. ICH!
„Merten, verstehen Sie mich doch!“ Ich glaubte, die ganze Welt würde das Schluchzen bemerken, das mir in die Kehle stieg. „Merten, dies ist ärger, als jeden einzelnen von ihnen mit bloßen Händen zu erwürgen! Denn jeder würde sich weh­ren, wenn ihm einer an die Kehle faßt. Aber der Waffe, in die ihr mein Unterbewußtsein verwandelt habt, sind sie wehrlos ausgeliefert. Ihr wollt sie im Schlaf ermorden und ich“, ich fühlte Tränen auf meinem Gesicht und legte die Hände über die Augen, „ich soll das Messer führen!“
„Kommen Sie, Holly.“ Merten nahm meinen Ellbogen und nickte Bulmer zu, der uns hinter seinem Schreibtisch hervor verständnislos anglotzte.
Wir gingen in den angrenzenden Raum.
„Setzen Sie sich, Holly.“
Ich blickte ihn flehend an und spürte, wie mir Tränen der Aussichtslosigkeit über das Gesicht rannen.
Die dunkelhäutige Schwester eilte herbei, ein berufsmäßiges, ermutigendes Lächeln auf den Lippen. Ich kannte sie, und es tat wohl, in ihre warmen, schwarzen Augen zu sehen.
Sie drückte mich tiefer in den Stuhl. Dann legte sie mir die breiten Gurte um Schultern und Hüften und tätschelte tröstend meine Hand.
„Merten, wie oft noch...“ flüsterte ich. Es war keine Frage.
Er zuckte die Schultern. „Holly“, sagte er. „Die Nation...“
Ich schloß die Augen. Die Schwester trat zu mir und schob den Ärmel an meinem rechten Arm hoch. Sie tauchte Watte in Alkohol und fuhr damit über meine Armbeuge. Ich spürte kaum den Einstich. Erst als die Flüssigkeit heiß in meine Adern rann, öffnete ich die Augen und blickte auf den schwarzen Kopf, der sich über meinen Arm neigte.
Sie blickte auf und sagte: „Das wird alles wieder in Ordnung bringen, Mr. Holly.“
Sie hielt ein Glas an meine Lippen. Merten sagte: „Schieben Sie ihn hinein, Schwester.“

Als ich hörte, daß sich Schritte näherten, öffnete ich die Augen. Die Schwester stand lächelnd über mir. In der Dämmerung blitzten ihre Zähne.
„Gut aufgewacht, Mr. Holly?“
Ich ließ den Kopf auf die Brust sinken. Ich war müde und leer. Die  Schwester schob meinen Stuhl aus dem Projektionsraum und schloß die Tür. Sie öffnete die Gurte und reichte mir ein Glas.
„Holly, Sie sind unser bester Mann“, sagte Merten gezwun­gen fröhlich. Ich sah auf. „Sie dürfen ganz einfach nicht schlappmachen. Sie produzieren reinsten Horror!“ Er lächelte.
Ich fühlte mich zu ausgebrannt, um zu sprechen.
Der Geruch um mich, der Klang der eiligen Schritte auf den Gängen, die Fenster mit den blinden Scheiben - alles verband sich zu einer unwirklichen Atmosphäre, die ich nicht mehr ertragen zu können glaubte. Ich hatte den Wunsch zu schreien, bis die eiligen Schritte in der Ferne verklangen und die blin­den Fensterscheiben sprangen.
Ist dies der Wahnsinn? fragte ich mich.
Ein Wasserhahn tropfte und ich sagte: „Schwester, der Was­serhahn tropft.“
Das Weiß des Raumes preßte sich in mein Gehirn. Meine Ge­danken tauchten aus dem Nichts auf, um wieder dorthin zu verschwinden, ungeformt, keine Spur hinterlassend.
Ich versuchte, meine Augen zu öffnen und zu schließen, auf und zu, auf und zu, immer schneller.
Ich fiel nach vorn, und die Schwester fing mich auf. „Mr. Holly“, sagte sie, und ihre samtene Stimme hüllte mich mitlei­dig ein.
Ich sah mich plötzlich hier sitzen, ein willenloses, halb verrücktes Bündel Mensch, das drohte vom Stuhl zu fallen und mit beiden Armen die blütenweiße Taille der Schwester um­fangen hielt.
Mein Anblick ernüchterte mich.
Ich lehnte mich wieder zurück und flüsterte: „Merten...“
Er trat an meine Seite, ich ließ die Arme wieder sinken und sah in sein kühles Gesicht. „Merten, ich kann nicht mehr; hören wir damit auf...“
Die Schwester verschwand.
Merten setzte sich und schloß die Augen. „Seien Sie vernünf­tig, Holly; bin nicht ich es, ist es ein anderer...“
Ich erkannte plötzlich, wie müde er war. Er war letzten Endes nur ein alter Mann, mit grauem Gesicht und grauem, kahlge­schorenem Schädel. Seine Augen hatten die Farbe einer blan­ken Eisfläche in der Dämmerung. Die Farbe war es, die sie so kalt erscheinen ließ. Doch für die Farbe seiner Augen konnte er nichts.
Ich richtete mich auf. „Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Mer­ten. Sie können vermutlich auch nichts dagegen tun. Es ist ein Teufelskreis. Hören Sie auf, dann tritt jemand anderer an Ihre Stelle. Höre ich auf, dann müssen Sie mich mit Gewalt holen.
Verstehen Sie mich: Ich wurde von der Front zurückgeholt, als man erkannte, welch eine entsetzliche Waffe man durch diese neue Entdeckung in die Hand bekommen hatte. Das war vor drei Jahren. Ich wußte damals, daß es nur wenige Men­schen gab, die in ihren Träumen gelenkt werden konnten. Ich wehrte mich nicht, ich dachte an die Nation. Und ganz gewiß gab es mir anfangs ein ungeheures Selbstbewußtsein, daß ich Tausende Menschen, die in diesem Augenblick auf meiner Wellenlänge träumten, in lallende Idioten verwandeln konnte.
Merten, dieses Gefühl ist vergangen. Geblieben sind ein un­endliches Grauen und das Warten auf ein Ende.
Damals sagte man mir, man hätte genügend Freiwillige zur Verfügung, um jeden von ihnen nicht länger als eine Woche im Jahr dieser Tortur zu unterziehen. Ich erinnere mich daran, wie wir diese erste Woche hier verbracht haben; das Ganze hat uns erheitert, und wir haben gelacht; das Gebäude hat gebebt von unserem Lachen. Denn wir waren, Merten, sehr viele...
Nachher sagten wir lachend auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal, in einem Jahr! Aber das nächste Mal war drei Monate später, und wir lachten nicht mehr so laut, denn wir waren weniger geworden. Merten - heute lacht niemand mehr. Sehen Sie sich um! Wo sind sie alle? Sagen Sie es mir - wo sind sie?“
Ich hatte mich erhoben und schrie ihm ins Gesicht. Müde senkte er den kahlen Schädel.
„Was werden Sie tun, wenn keiner mehr übrig ist? Wenn keiner mehr da ist, der euch Wahnsinn en gros liefert? Nie­mand mehr, den ihr zerbrechen und in den Tod treiben könnt?“ Ich hielt erschöpft inne.
Merten sagte: „Wir haben noch Sie, Holly; und der Krieg ist bald vorbei.“
Ich steckte mit zitternden Händen eine Zigarette zwischen meine Lippen. Merten hielt mir Feuer entgegen und sah takt­voll weg, als ich mich bemühte, die Flamme mit der Zigaret­tenspitze zu erreichen.
Ich rauchte in tiefen Zügen und fragte mich, ob man mit ausgebrannten Wracks wie mir Kriege gewinnen konnte.
Die Schwester trat ein. „Ihre Frau wartet, Mr. Holly.“ Ich trat die Zigarette aus. Ich war entschlossen.
„Ich hoffe für Sie, Merten, daß der Krieg morgen schon zu Ende ist.“
Merten blickte mich fragend an. Dann schien er begriffen zu haben, was ich meinte, und er rief:
„Holly, das können Sie...“
Aber ich hatte den Raum schon verlassen.
Ich lachte schallend, als ich die vertrauten Gänge hinunter­ging, und es war mir wieder, als bebte das Gebäude unter unserem Gelächter.
Aber ich sah niemanden; und niemand lachte mit mir außer einem höhnischen Echo.
Ich trat in die Vorhalle, und da stand sie und sah mir ent­gegen, und ihr Lächeln wärmte meine gequälte Seele. Ich konnte ihrem ängstlichen Blick nicht standhalten und wandte mich ab.
„Ist alles in Ordnung, Liebling?“ fragte sie.
Ich sagte „Ja“ und sah zu Boden.
Sie gab mir die Hand.
„Gehen wir“, sagte ich leise.

© by Kurt Luif 1974 & 2014

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