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Zombieland

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Langsam wird es schwierig und beengt in Zombieland. Neben den Blut und Innereien verherrlichenden Schockern um langsame oder sprintende Untote, fordern die Komödien mehr und mehr ihren Raum im Genre ein. Vielleicht übertreibt das Wort Revolution etwas die Situation, doch SHAUN OF THE DEAD hat 2004 auf alle Fälle dem Horrorfilm neues Leben in die Eingeweide gehaucht. Gab es schon vorher Lustiges ums Garstige, ist das weniger aufgefallen.
AMERICAN WEREWOLF bewies mit Biss, dass Horror durchaus den einen oder anderen Lacher mit sich bringen kann, ohne dass man an Blut sparen musste.


ZOMBIELAND ist in der Reihe vom humorvollen Ende der menschlichen Zivilisation ein kleines Ausnahmewerk, das ganz geschickt seine Stärken aus- und Schwächen überspielt. Der Mix von Action, Horror und Komödie ist der perfekteste Date-Movie seit langem.
„Die Speckies gingen als erstes.“
Es treffen sich zuerst die Jungs Columbus und Tallahassee. Diese beiden stoßen auf die Mädels Wichita und Little Rock. Zusammen machen sie sich auf den Weg zu einem Vergnügungspark bei Los Angeles. Die Legende sagt, dass es in diesem Vergnügungspark noch keine Zombies gibt. Und das war es dann auch schon, zwei Sätze für einen Film mit 87 Minuten, inklusive Abspann.

War es das wirklich? Alle Figuren tragen Namen nach amerikanischen Großstädten. Das allein ist noch kein Brüller, passt allerdings perfekt in das Gesamtkonzept von absurden Situationen und überdrehten Späßen. Starke, durchtriebene Frauenrollen machen den Film auch für das weibliche Publikum interessant, und gut inszenierte Splatter-Szenen erfreuen deren männliche Begleiter.
„Nein. Sie ist nur berühmt, wenn sie Hannah Montana ist. Sie ist nur berühmt, wenn sie die Perücke trägt.“
Das Timing in Ruben Fleischers Regie ist schlichtweg stimmig. Und mit 87 Minuten hat er dazu die perfekte Länge einer Komödie. Als Hauptperson führt Jesse Eisenberg als Columbus das Publikum durch eine Welt, die von Zombies beherrscht wird. Er ist der Typ, der glaubt, die Dinge zu durchschauen, einer, der in der Schule wahrscheinlich immer unterdrückt wurde. Jesse Eisenberg ist dieser perfekte Niemand, der hier gespenstisch nahtlos an seinen grandiosen Auftritt in ADVENTURELAND anknüpft. Einer, der süß ist, und den man knuddeln möchte. Der passende, aber etwas andere Frauentyp.

Als hätte man es fast erahnt, kommt Woody Harrelson hierbei etwas anders rüber. Ein wahrer Vertreter des männlich überlegenen Haudegens, dem man schnell abkauft, dass er durchaus ebenso schnell durchdrehen könnte. Harrelson hat diesen Typus schon sehr oft gespielt, aber noch nie mit so viel Hingabe zur Demontage des eigenen Images. Während Eisenberg bewusst den Eindruck macht, als würde er sich im falschen Film befinden, und mit Zurückhaltung zu überzeugen versteht, tobt Harrelson verrückt und unberechenbar durch die Szenerie, als würde er augenblicklich die Hand zum Zuschauer ausstrecken und ihn zum Mittanzen auffordern. Und seine ausgesuchten Waffen zur Zombie-Vernichtung bringen ihm einiges an zusätzlichen, humorigen Pluspunkten.
„Das erste Mal, dass ich ein Mädchen in mein Leben ließ und sie versuchte mich zu essen.“
Der rote Faden dieser durchgedrehten Fantasie sind Columbus' 33 Regeln, wie man in einer Welt voll Zombies überlebt. Immer wieder wird darauf zurückgegriffen, variiert und handlungsbestimmend eingesetzt. Gerade diese Regeln sind zuerst Stilmittel für funktionierende Schenkelklopfer. Doch im Verlauf repräsentieren diese Regeln auch die Verbundenheit der geistigen Väter zu ihrer Schöpfung Zombieland. Die Handlung orientiert sich streng an den Ereignissen und wird nicht dem Humor untergeordnet, um möglichst schnell und platt einen neuen Lacher zu erreichen. Columbus' Regeln fungieren in Zombieland letztendlich wie die Landkarten in einer dreiteiligen Fantasy-Verfilmung. Es besteht eine Logik innerhalb des eigenen Kosmos, die nicht einmal zugunsten eines Lachers gebrochen wird.
„Erschieß mich nicht mit meiner eigenen Waffe.“
Ist ZOMBIELAND brutal genug, wenn er so vor teils intelligentem und oftmals umwerfendem Vergnügen sprüht? Ohne Zweifel müssen so einige Zombies ihr Leben lassen, doch es wird sich wohl bei den wenigsten Leuten im Publikum ein kalter Schauer einstellen. Das ist der besondere Biss, der ZOMBIELAND wirklich fehlt, nämlich die Momente, wo einem das befreite Lachen doch noch im Hals stecken bleibt. So ungetrübt das Vergnügen auch ist, bleiben die Macher einem das Gruseln schuldig.
 
Doch zu keinem Zeitpunkt glaubt man, einen netten, billigen Film zu sehen. Die Sets und die Ausstattung sind verblüffend, weil man stets das Gefühl hat, einer richtig teuren Produktion beizuwohnen. Vermüllte Straßenzüge, Karambolagen, verlassene Stadtteile. Nie wirkt es aufgesetzt oder billig. Die Sets sind zum richtigen Zeitpunkt stets richtig eingesetzt, werden optisch nicht in den Vordergrund gedrängt und harmonieren mit dem Fluss der Handlung.
"Genieße die kleinen Dinge. Auch wenn du dabei nur viele kleine Dinge kaputt machst."
Vergleiche heranzuziehen ist oftmals nicht sehr angebracht und wird nur selten den Produkten gerecht, aber SHAUN OF THE DEAD hat nicht nur diesen ganz speziellen Humor, der ihn zu etwas Besonderem macht, sondern er schafft es trotzdem, den Zuschauer zu erschrecken und ihn fürchten zu lassen. ZOMBIELAND schlägt da etwas in eine andere Richtung und macht eigentlich keinerlei Anleihen beim seinem englischen Bruder SHAUN. Denoch ergeben sich allein durch die Struktur, den Aufbau und die tadellose Umsetzung unverkennbare Parallelen. Beide Filme beherrschen die Gesetze des Genres, sie funktionieren in allen technischen und kreativen Bereichen als Gesamtkonzept und beide bleiben auch mit allen kulturellen Querverweisen und Zitaten vollkommen eigenständig. Nur, dass SHAUN zweifelsfrei ein typischer Brite ist, während ZOMBIELAND in Produktion und Inhalt ein sehr amerikanischer Film ist.
„Ich hasse die Kokosnuss-Ausführung. Nicht den Geschmack, aber die Konsistenz."
Dass ZOMBIELAND allerdings nicht ebenso der Spagat zwischen Schrecken und Vergnügen gelingt, ist sehr bedauerlich, schmälert allerdings nur geringfügig den Unterhaltungswert. Ob Kino, Twinkies oder Fettleibigkeit, was im Film zitiert wird, dient nicht dem humoristischen Selbstzweck, sondern ist Abbild eines aus den Fugen geratenen Landes, welches sich selbst nie wirklich verstanden hat. Die Reise soll ihr Ende ausgerechnet in einem Vergnügungspark finden. Ein erneutes Indiz, dass Autoren und Regisseur nicht nur ihr eigenes Werk beherrschen, sondern den realen gesellschaftlichen Zustand soweit begriffen haben, dass sie ohne zu moralisieren daraus nach Herzenslust schöpfen können.
 
„Da drin ist vielleicht die letzte Packung Twinkies, die ein Mensch genießen kann. Und, du wirst es vielleicht nicht glauben, Twinkies haben ein Verfallsdatum."
Und natürlich wird viel ekliger Schaden angerichtet. Gehackt, geschossen, geprügelt. Den Untoten geht es nicht sehr gut in ZOMBIELAND. Ja, natürlich wird dabei viel gelacht. Trotz aller geglückter Ambitionen müssen Genre-Freunde aber keine Angst haben, zu kurz zu kommen. Dass den gut umgesetzten Splatter-Einlagen jede Gänsehaut erzeugende Atmosphäre abgeht, ist schade, aber verschmerzlich. Schließlich ist es der beste Date-Film seit langem. Er bietet jedem etwas, und das auf ungewohnt hohem Niveau.
„Das ist das schlimmste ‚auf Wiedersehen’, das ich je gehört habe. Und du hast es aus einem Film geklaut.“
Wie der große britische Bruder eine Welle kaum gelungener Zombie-Komödien nach sich zog, wird auch ZOMBIELAND eine Fontäne unglaublicher Nachahmer lostreten. Aber nur im Original erfährt man die Hitliste vom ,Zombie-Kill der Woche'. Da werden die weiblichen Zuschauer vielleicht mal kurz das Gesicht in der Armbeuge ihres Freundes vergraben. Die Jungs werden so tun, als könnte ihnen kein noch so blutiger Zwischenfall etwas anhaben. Und zusammen wird man sich königlich amüsieren. So wunderbar kann tatsächlich noch ein Kinoabend sein.
 
Aber nicht Columbus' Regel Nummer 18 vergessen: Vorher immer Dehnübungen. Man weiß nie, wie gewandt man sich unerwarteter Weise plötzlich bewegen muss.
 
 
Szenenfoto
 
 
Zombieland
Darsteller: Woody Harrelson, Jesse Eisenberg, Abigail Breslin, Emma Stone, Amber Heard und Bill Murray
Regie: Ruben Fleischer – Drehbuch: Paul Wernick, Rhett Reese – Kamera: Michael Bonvillain – Bildschnitt: Alan Baumgarten, Peter Amundson – Musik: David Sardy, USA / 2009 – circa 87 Minuten

Kommentare  

#1 Postman 2009-12-09 17:30
Ich glaube, dass eher das "Dawn of the Dead" Remake die Zombiewelle erneut ausgelöst hat, auch wenn "Shaun of the Dead" den gleich Jahrgang hatte.

Leider hat bei mir die damalige Zombie Komödie einen durchwachsenen Eindruck auf mich gemacht, denn so mancher Gag war eher mittelmässig.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich eher der italienischen Zombiefraktion angehöre, da ich die damalige Atmossphäre für unnachahmlich halte und heutzutage die mistigen CGI Effekte der aktuellen Filme nicht ab kann und ich eine Veralberung dieses Genres mit gemischten Gefühlen gegenüber stehe.

Wenn die Zitate aus dem Film sind ist der Spruch "Erschieß mich nicht mit meiner eigenen Waffe" schon einmal aus Planet Terror geklaut und der Rest nicht mal annähernd witzig.
#2 Mainstream 2009-12-09 19:47
-
Herrje, da bist Du ja in einer ganz anderen Ecke groß geworden.
Deine Skepsis gegenüber Komödien ist dann nur verständlich.
Bei mir ist es genau umgekehrt. Mit den Italienern bin ich nie
warm geworden.

Das DAWN Remake hat zweifellos eine grandiose neue Zombie-
Welle ausgelöst. Das aber plötzlich Komödien in diesem Genre
vermehrt produziert wurden ist gewiss auf SHAUN zurückzuführen.
Wobei sich allein durch den geneigten Fan, beide Filme ihr Publikum
wechselseitig zu schoben.

Und "erschieß mich nicht mit meiner eigenen Waffe" ist garantiert
nicht geklaut. Das nennt man zitieren, und in diesem Fall glaube
ich das sogar.

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