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Derrick und seine Fälle: Folge 1 - Waldweg

Derrick und seine FälleFolge 1
Waldweg
 
Die Nachricht vom Tod einer ihrer Mitschülerinnen versetzt das Internat einer ländlichen Haushaltsschule in große Aufregung. Innerhalb eines halben Jahres beklagen Lehrer und Schüler nun schon das zweite Opfer aus ihren Reihen. Ellen Theiss wurde erwürgt. Die Haushaltsschülerin war am Nachmittag mit dem Zug nach München gefahren. Erst spät in der Nacht, nach einem Kinobesuch, ist sie zurückgekehrt. Auf dem Weg von der kleinen Bahnstation zu ihrem Internat ist das Mädchen dann im Wald überfallen worden. Da der Mord - wie schon sechs Monate zuvor - an gleicher Stelle geschah, glaubt Oberinspektor Derrick, den Täter mit einem Trick überführen zu können... (1)

Stärken und Schwächen

Dieser erste Derrick wurde tatsächlich erst als zweiter Fall produziert. In den Dialogen zwischen Harry und Derrick ist deutlich zu spüren, dass hier ein neuer, modernerer Wind durch die deutsche Krimilandschaft wehen sollte. Das anfänglich vielversprechende Konzept ließ sich jedoch nicht dauerhaft durchsetzen. Zum einen fand es beim Publikum nicht uneingeschränkt Anklang, zum anderen nahmen die Kriminalhandlungen im Verlauf der Serie einen so großen Raum ein, dass für die detaillierte Entwicklung der Hauptfiguren nur wenig Platz blieb.

Waldweg ist ansonsten eine eher unspektakuläre Auftaktfolge, in der es, wie später noch häufig bei Derrick, um einen Mädchenmörder geht. Wirkliche Spannung kommt dabei leider nur selten auf. Die Figuren verlieren sich oftmals in Dialogen über die Frage, wer zu solchen Taten fähig ist und welche Motive dahinterstehen könnten.

Im Mittelpunkt steht der Lehrer Manger, dargestellt von Wolfgang Kieling, der eine hervorragende Leistung abliefert. Autor Herbert Reinecker versucht, durch die Betrachtungen der übrigen Figuren einen Einblick in die Psyche des Serienmörders zu geben. Dieser Ansatz wirkt aus heutiger Sicht durchaus interessant, funktionierte 1974 jedoch nur bedingt. Vieles bleibt theoretisch und wird lediglich durch außenstehende Beobachter beschrieben, anstatt unmittelbar erfahrbar gemacht zu werden.

Dennoch besitzt der Krimi einige starke Momente. Besonders interessant ist das Privatleben des Lehrers Manger, der gemeinsam mit seiner alten Mutter (Lina Carstens) lebt. Sie ahnt die Wahrheit über die Morde, verdrängt dieses Wissen jedoch, um ihren Sohn zu schützen, von dem sie längst weiß, dass er krank ist.

Dass Manger der Täter ist, steht von Beginn an fest. Gerade dieser Umstand missfiel vielen Zuschauern damals. Dabei waren die Columbo-Krimis mit Peter Falk auch in Deutschland ausgesprochen erfolgreich. Dort kannte das Publikum den Täter ebenfalls von Anfang an. Die eigentliche Spannung entstand aus der Frage, wie der Ermittler den Schuldigen letztlich überführen würde.

Bekannte Gaststars
Die erste Derrick-Folge wartet mit einigen bemerkenswerten Gastdarstellern auf. Walter Sedlmayr, der 1990 einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel (2), spielt den Bahnhofsvorsteher. Ebenfalls dabei ist Klaus Höhne, der als Tatort-Kommissar der frühen Jahre bekannt wurde. Hörspielfans dürfen sich zudem über Friedrich G. Beckhaus freuen, der bereits 1974 in dieser Folge mitwirkte. Ein weiteres Highlight ist Herbert Bötticher in einer angenehm schmierigen Rolle.

So bleibt ein insgesamt gelungener Krimi, der allerdings unter seiner etwas behäbigen Handlung leidet. Hervorzuheben ist die ausgezeichnete Bildqualität. Besonders in den ersten zwölf Folgen der Reihe fällt die außergewöhnlich gute technische Qualität auf. Danach scheint anderes Filmmaterial verwendet worden zu sein, was sich leider sichtbar auf das Erscheinungsbild der späteren Episoden auswirkte.

Der alte Dorfbahnhof, an dem damals gedreht wurde, existiert noch heute (2008), ist jedoch außer Betrieb. Es handelt sich um den ehemaligen Bahnhof Mühltal. Das Haus des Lehrers Manger steht in Grünwald, während die Außenaufnahmen des Mädcheninternats in Murnau am Staffelsee entstanden.(3)

Besetzung: Horst Tappert (Oberinspektor Derrick), Fritz Wepper (Inspektor Klein), Wolfgang Kieling, Herbert Bötticher, Karl Lieffen, Lina Carstens, Friedrich G. Beckhaus, Walter Sedlmeyer, Klaus Höhne, Gabriele Lorenz, Ingrid Kannonier  und andere
Stab: Buch: Herbert Reinecker, Musik: Peter Thomas, Kamera: Manfred Ensinger, Szenenbild: Wolf Englert, Herstellungsleitung: Gustl Gotzler, Redaktion: Claus Legal, Produzent: Helmut Ringelmann. Eine Produktion der Telenova Film und Fernsehproduktion im Auftrag von ZDF, ORF, SRG. Regie: Dietrich Haugk. Erstausstrahlung: 20.10.1974 (ZDF)

 

Die Folge ist enthalten auf der Derrick Collector´s Box Vol.1
MORE Home Entertainment GmbH & Co. KG

(1) = ZDF
(2) = Wikipedia
(3) = Derrick Database
 

(c) by author

Nächster Fall: Derrick und seine Fälle: Folge 2 - Johanna
Einführung: Vom Raubein zum Gentleman

Letzte Aktualisierung 09/26

Kommentare  

#1 altlöwe 2021-12-14 19:51
Erstklassig Wolfgang Kieling als Mörder. Man beachte den Gesichtsausdruck beim würgen seines letzten Opfers. Gewaltig finde ich.
Das Mädcheninternat befand sich in Murnau am Staffelsee (Oberbayern).
#2 G. Walt 2021-12-14 20:33
zitiere altlöwe:
Erstklassig Wolfgang Kieling als Mörder. Man beachte den Gesichtsausdruck beim würgen seines letzten Opfers. Gewaltig finde ich.
Das Mädcheninternat befand sich in Murnau am Staffelsee (Oberbayern).


Ja, das war noch ganz kunstvoll in Szene gesetzt auch dank Dietrich Haugk. Späteren Folgen ist das leider völlig abhanden gekommen wie ich finde. Auch musikalisch ging es später nicht mehr so fetzig zu.
#3 Krzykalla 2022-07-27 21:50
Wie immer wunderschön beschrieben. Wobei mir persönlich diese Folge außerordentlich gut gefällt, weil sie eine außergewöhnlich dichte Stimmung mitbringt, die einen bis zum Schluss nicht mehr los läßt. Die Dialoge werden so zur Nebensache. Außerdem war die gewählte Gegend wunderbar.

Eine Korrektur möchte ich aber gerne anbringen. Die Mutter des Lehrers Manger wurde von der großartigen Lina Carstens gespielt, also nicht Lisa Carstens wie angegeben.

Lina Carstens war eine der ganz großen deutschen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts, sie war 56 Jahre ununterbrochen im Dienst, sogar noch bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1978. Sie erhielt im gleichen Jahr, in dem dieser Krimi entstand, im Jahr 1974, das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Nachdem sie im Jahr 1972 bereits das Filmband in Gold bekommen hatte, für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film. Sie war eigentlich der Star in diesem Krimi. Ein Jahr später spielte sie in "Der Kommissar - Fährt dieser Zug nach Italien?" noch einmal eine ähnliche Rolle wie in diesem Derrick.
#4 G. Walt 2022-07-30 11:59
Danke @Krzykalla. Diese Seiten leben auch von konstruktiven Beiträgen und Kritiken der Leser. Der Fauxpas ist ausgemerzt. Natürlich heißt sie Lina, wie es auch in der Besetzung richtig steht.
#5 Krzykalla 2024-08-03 23:56
Danke! Gern geschehen.

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