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Ringo`s Plattenkiste: Brainchild - Healing of the lunatic Owl

Brainchild - Healing of the lunatic Owl

»Music was my first love« sang John Miles anno 1976. Meine auch, sieht man von Uschi L. mal ab, der blonden Nachbarstochter, mit der ich im zarten  Alter von 6 Jahren fast täglich zusammen war. Bis sie wegzog. Mit ihren Eltern natürlich.

Aber um die geht es hier nicht, sondern um Musik. -

Einzig und allein.

 

Im heutigen Beitrag kehre ich nach einigen Ausflügen in andere Gefilde wieder zu gestandener, intelligenter Rockmusik der Siebziger zurück. Ich stelle euch heute eine Band vor, die nur eine einzige Platte veröffentlichte und leider völlig in Vergessenheit geraten ist. Hatten wir schon öfters, gelle? Ich kannte sie selbst nicht, bis ich für einen Artikel über Samurai (Ringo berichtete) ein wenig recherchierte. Die Band um die es heute geht heißt Brainchild und es war mir nicht möglich, etwas über die Musiker herauszufinden. Es gab noch eine weitere Band mit gleichem Namen, allerdings stammte diese aus den USA, während unsere aus good old Briannia stammte.

1970 gingen die unbekannten Musiker ins berühmte Wessex-Studio, um unter der Regie des Produzenten Lennie Wright, Drummer bei Web und Samurai ihr erstes und gleichzeitig einziges Album aufzunehmen. Toningenieur war Robin Thompson, ein sehr erfahrener Mann, der zuvor schob für Moody Blues, Melanie und King Crimson gearbeitet hatte. Robin war untrennbar mit den Wessex Studios verbunden, da er einer der Söhne von Studiogründer Ron Thompson war. Die Wessex Studios waren sehr begehrt und renommiert. Unter anderem waren dort schon Mike Batt (Ringo berichtete), King Crimson (Ringo berichtete) und auch Queen zu Gast.

Die Besetzung sah aus wie folgt:

Harvey Coles: Bass, Vocals

Bill Edwards: Lead Guitar, Vocals

Dave Muller: Drums

Chris Jennings: Organ, Piano

Brian Wilshaw: Saxophone, Flute

Lloyd Williams: Trumpet

Ian Goss: Trombone

Pat Strachan: Trombone

Lloyd Williams: Trumpet

Das Album mit dem Titel Healing of the lunatic Owl erschien 1970 im damals üblichen Gatefold. Das Cover zierte eine originelle Fotomontage, die eine Eule mit menschlichen Händen anstelle der Füße zeigte. Auf der Rückseite war eine zweite Montage zu sehen, die den Bandnamen thematisierte: ein Hirn wird von einer menschlichen Hand gehalten, die in einem Vogelkopf endet.

 

Klappte man das Album auf, gab es ein s/w Photo der Band zu sehen. Die Covergestaltung stammte von einer ominösen Agentur namens Picture Post, über die genauso wenig in Erfahrung zu bringen war, wie auch über die Band. Mit einer klitzekleinen Ausnahme: auch das Cover von Web`s I, Spider geht auf das Konto von Picture Post.

 

 

Hier die Tracklist des Original-Albums:

Seite 1:

  1. Autobiography
  2. Healing Of The Lunatic Owl
  3. Hide From The Dawn
  4. She's Learning

 Seite 2:

  1. A Time A Place
  2. Two Bad Days
  3. Sadness Of A Moment
  4. To B

 Sehen wir uns die Songs ein wenig genauer an

Autobiography eröffnet das Album mit einem vertrackten Rocksong, der ein wenig Westcoastangehaucht ist. Garniert ist der Track mit viel Blechbläsern und abwechselnd in den Vordergrund tretenden Instrumenten. Mit seinen knappen vier Minuten glänzt dieser Opener durch diverse Taktwechsel und eine sehr originelle und abwechslungsreiche Instrumentierung. Rockbasierte Instrumente geben sich die Hand mit jazzigen Saxophonen a la Frank Zappa (Ringo berichtete), flächigen Bläsern wie bei Chicago und Penny-Lane-Piccolotrompeten. Ein toller Opener, der Lust auf mehr macht. Der Song fand Verwendung als Flipside der einzigen Single Brainchids.

Der Titelsong Healing Of The Lunatic Owl beginnt verhalten und ein wenig an die Frühphase von King Crimson erinnend mit Flöte und Kopfstimmengesang. Der Song gleitet aber allmählich, gelegentlich aber auch ein wenig abrupt in psychedelische Songstrukturen ab, die perfekt zu einer Alternativuniversum-Version von Barbarella passen würden. Zwischendurch wird es gelegentlich jazzig, gleichzeitig bleibt der Song aber immer angenehm entspannt. Was nicht zuletzt an der wohlklingenden Gitarre und dem sanften Bass liegt. Ein Song mit sehr viel Endsechziger-Charme, das vor allem  dem Drumspiel  zu verdanken ist. Der Song endet, wie er begonnen hat.

Hide From The Dawn ist ein ganz heisser Song und kommt wollüstig,  langsam und schleppend daher. Die Instrumente setzen langsam ein, die Töne und der Sound sind schwülstig und schwer. Auch der Gesang ist nassgeschwitzt und lasziv. Dieser Song ist der perfekte Soundtrack für einen gepflegten Striptease daheim. Er biettet langsames Tempo und sehr viel Gefühl und Blues in der Seele. Wichtig bei diesem Song sind vor allem das sehr entspannte Tempo, der leicht versetzte Rhythmus und die heissen Bläser. Zum Schluß hin wird der Song dann noch ein wenig madrigal und kanonartig und  geht leicht in Richtung Gentle Giant. Und danach wird’s wieder schwülstig. Ein toller und abwechslungsreicher Song mit ausgedehnten Instrumentalpassagen und komplexem Arrangement.

She's Learning ist ein knalliger Rock-Kracher mit pumpendem Bass und Doors-Orgel. Eingängig, tanzbar. Mit Hitpotential. Und erneut mit Bläsern, yeah! Zwischendurch gibt es einen sehr schönen Instrumentalpart, der ein gelungenes Bass-Solo bietet.

Damit ist die erste Plattenseite schon zu Ende. Drehen wir sie also um

A Time A Place beginnt ähnlich wie der Titeltrack mit Flöte und King Crimson Anleihen, geht dann aber sehr schnell in einen richtig schönen Endsechziger-Psychedelic-Track über. Hier passt wieder alles zusammen. Die Komposition selbst und der vertrackte Songaufbau glänzen auf der einen Seite, die Instrumentierung und das Wechselspiel der Instrumente auf der anderen. Ein Song wie aus einem imaginären Musical oder den Lost Tapes von Hair. Richtig gut, richtig gut. Und richtig lang! Gerade bei diesem Longtrack zeigt sich das ganze Potential der Band. Es gibt auch die für die Siebziger obligatorischen Soloparts, die hier aber keineswegs aufgesetzt oder angeberisch wirken, sondern sich harmonisch ins Gesamtbild einfügen. Der ausgedehnte Instrumentalpart glänzt nur so vor Originalität und Spielfreude. Die perfekte Mischung aus Psychedelic, Prog und Jazzrock.

Two Bad Days ist wieder typischer Brassrock. Von der ersten Minute an dominieren die Blechbläser und der funky Rhythmus. Bald wird es aber wieder rockig und der Song regt zum Mitsingen an. Trotz aller Radiokompatibilität verlässt die Band auch hier nicht ihr bläserorientiertes Konzept ausgefeilter Rockmusik, die sich einfach nicht in irgendeine Schublade zwängen lassen will.

Sadness Of A Moment ist erneut ein King Crimson Epigone. Diesmal erinnert der Song allerdings noch stärker an die erwähnte Kultband. Sadness of a Moment ist ein perfektes Beispiel für die endenden Sechziger und die beginnenden Siebziger. Alles war zu dieser Zeit erlaubt, die Musiker dieser Epoche wollten die ausgetretenen Pfade verlassen und neue beschreiten. Sie wollten altbekanntes mit Neuem kombinieren. Sadness of a Moment ist sehr sparsam instrumentiert: Gitarre und eine paroxysmale Querflöte begleiten den Sänger auf seiner Reise durch den Text.

To B beginnt langsam und fast elegisch mit mehrstimmiger Querflöte, deren Töne seifenblasengleich auf einer nur eingebildeten Wasseroberfläche zerplatzen. Aber dann kommen die Bläser und der eigentliche Song, der tatsächlich ein wenig an belanglose Fahrstuhlmusik erinnert. Leider ist dieser Track ein eher fader  Abschluss einer ansonsten grandiosen Platte. Zu beliebig, zu gewollt klingen der Song und auch die Instrumentierung. Zum Schluß wird’s nochmal ein wenig jazzig, und auch ein wenig wild. Naja. Auf der geht-so-Skala von 1-10 gebe ich dem Track eine gute 5.

Und dann ist diese tolle Platte leider schon zu Ende.

Als Schmankerl gibt es bei der CD-Version noch einen Bonustrack, der damals als Single aufgelegt wurde:

The Cage beginnt mit krächzendem Godzillasound und wird dann ganz schnell zum Kracher und Ohrwurm. Warum diese grandiose aber vergessene Band ausgerechnet diesen Song des damals noch unbekannten und aufstrebenden Elton John aufgenommen hatte, bleibt schleierhaft. Tatsache aber ist, dass diese Version im direkten Vergleich zum Original deutlich besser und überzeugenden abschneidet. Eine sehr gelungene Coverversion eines Elton John Songs. Leider war auch diese Single ein Flop.

Platte und Band verschwanden kurz nach der Veröffentlichung spurlos in der Versenkung, was sehr schade ist. Das Album hat einen ganz eigenen Charme und Stil. Sound, Kompositionen und die Spielfertigkeit der Musiker sind bemerkenswert. Es wäre sehr interessant gewesen, wie sich die Band weiter entwickelt hätte, welche grandiosen Scheiben sie noch hätten veröffentlichen können. Ihr Label aber war gnadenlos und gab ihnen keine weitere Chance. Zu ihrem Plattenvertrag kamen die völlig unbekannten Musiker vermutlich durch Zufall, denn Anfang der Siebziger entstanden ständig neue Trends und die Labels sackten alles ein, was irgendwie verkaufsträchtig klang und zum gerade angesagten Sound passte. Zur Zeit des Albums war Prog gerade im Aufwind, und Brainchild passte da ganz gut ins Schema. Obwohl ich sie eher als Jazzrock definiere, denn als Prog. Eigentlich sogar als eine gelungene Mischung aus Psychedelic und Jazzrock. Brassrock, wäre auch eine passnde Schublade.

Vermutlich lag das Scheitern aber gerade darin begründet. Während Bands mit Bläsersektionen in den USA sehr verbreitet und beliebt waren, zierten sich die Hörer in Europa diesbezüglich. Auch Bands mit großem Potential wie z.B. Spider und Samurai konnten sich nicht behaupten. Wie bereits eingangs erwähnt, stieß ich auf Brainchild beim Schreiben über die letztgenannte Band und suchte bei YouTube nach dem Album und war sofort begeistert!

Was wurde aus den Beteiligten?

Ich habe leider nicht die geringste Ahnung!

 © by Ringo Hienstorfer  (03/2025)

Das wars mal wieder für heute. Beim nächsten Mal geht es um einen schüchternen Musiker, Beschwörungsformeln, die Jagdgöttin Diana und einen Edlen Wilden...

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Kommentare  

#1 Andy 2025-05-25 10:56
Guter Beitrag, ich bin ja vielschichtig interessiert, viele meiner bevorzugten Interpreten sind schon lange tot. Ganz sicher ist dir Louis Armstrong ein Begriff. Der schwarze Jazzer ist mir erstmals ans Herz gewachsen, als ich sein Lied "What a wonderfull World" in einem Film gehört habe.

Das hat jetzt gar nichts mit deinem Beitrag zu tun, der mir sehr gut gefällt. Aber mich würde deine Meinung zu Louis Armstrong interessieren.
#2 Ringo Hienstorfer 2025-05-26 09:18
Hallo Andy! Danke für Deinen angenehmen Kommentar. Mit Louis Armstrong bin ich wenig vertraut, aber den Song kenne ich natürlich. Manchmal höre ich ihn in der Version von Ministry beim Autofahren an ; )
#3 Andy 2025-05-26 11:03
Und ich danke dir für deine Antwort. Wie gesagt, gehen meine Interessen in viele Richtungen, Film, Buch und natürlich auch Musik. Den Song "What a wonderfull World" kenne ich aus dem Film "Good Morning Vietnam", den ich Anfang Zweitausend auf einer Videokassette meiner Schwester gesehen habe. Ich besitze auch seit einiger Zeit eine CD mit dem Titel "The very Best of Louis Armstrong", fantastische Stimme, richtig guter Klang.

Meine Interessen gehen aber auch in verschiedene Richtungen, ich sehe gerne Filme und lese. Ich bin aber nirgendwo so richtig der Experte, und wenn ich demnächst einen Beitrag schreibe, ist da vieles sicher aus dem "Bauch heraus geschrieben, Ich nenne das gerne meine persönliche Einschätzung. Aber erstmal sehen, was ich von dir und den anderen Autoren noch lesen werde.
#4 Ringo Hienstorfer 2025-05-26 11:39
Freu Dich drauf, da kommen einige sehr interessante Artikel auf Dich zu. Und wenn Du einen Artikel schreibst, bist Du herzlich willkommen!
#5 Torsten Pech 2025-05-26 17:53
@Andy
Wir sind hier alle Fans und schreiben, über was wir mögen. Man muss kein Experte sein. Würde mich freuen, was von dir zu lesen.

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