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Triviale Wirklichkeit - Der Heftroman und die Realität zum Ersten

 Zauberwort - Der Leit(d)artikelTriviale Wirklichkeit
Der Heftroman und die Realität zum Ersten

Andreas Decker warf in die Diskussion um Harald Webers Perry Rhodan-Kolumne And the times, they are a-changing - Perry Rhodan und der Zeitgeist den Gedanken ein, dass so mancher (Horror)-Heftroman darunter litt, dass die Wirklichkeit ausgeblendet wurde. Der Gedanke wühlte in mir und forderte Widerspruch heraus. Ich setzte zu einem Kommentar an, erkannte aber bald: Das ist schon einen Leit(d)artikel wert ...


Ja, das ist wahr. Die Wirklichkeit ist aus fast allen Heftromanen ausgeblendet worden. Aber von welchen Wirklichkeiten reden wir denn nun? Es gibt da nämlich mehrere ... Welche Wirklichkeiten sollte man aufgreifen und von welchen eventuell gar die Finger lassen …?

Die Wirklichkeit in der seine Konsumenten, sprich Leser lebten und leben fand mit seinen politischen, sozialen, gesellschaftlichen und anderen Problem weitestgehend nicht statt. 68er? Ausgeblendet. Widerstand gegen die Wiederbewaffnung, Notstandsgesetze, Koalitionen, Baader Meinhoff, Vietnam, der Nahe Osten, deutsche Teilung, Atomkraft fanden nicht bzw. fast gar nicht statt. Gabs nicht. Sollte es nicht geben. Durfte es wohl auch nicht geben. Bestenfalls als Randbemerkung, vereinzelter Roman oder als Karikatur. Aber eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Themen fand (und findet) im Heftroman nicht statt.

Um einmal zu verdeutlichen, dass ein solcher Konflikt in seichter Unterhaltung am besten ausgeklammert wird, sehen wir uns einmal einen an. Greifen wir einmal wahllos aus diesem Themengemenge den sogenannten Nahostkonflikt heraus. Zu diesem Thema gibt es keine einfachen Antworten. Auch ein simple Schwarz/Weiß-Zuordnung nicht, zumindest dann nicht, wenn man den Konflikt unvoreingenommen und nicht durch irgendwelche ideologischen Brillen betrachtet. Mal abgesehen davon, dass meine Sympathien durchaus auf Seiten des Staates Israel liegen, so ist es doch nicht so einfach zu sagen, welche Seite die ›Gute‹ und welche die ›Böse‹ ist. Die israelische Regierung hat über all die Jahre längst nicht alles richtig gemacht und auch manchmal kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die Palästinenser und die übrige arabische und islamische Welt zu provozieren und auch ihre Friedensangebote enthielten immer Kröten, die für die andere Seite nur schwer annehmbare Bedingungen enthielten. Ebenso fällt es schwer, den Arabern und ihrer zum Teil antisemitischen Rhetotrik oder den Anschlägen von Terroristen uneingeschränkte Sympathie entgegenzubringen.

Ob die Antwort mit Gewalt auf Gewalt die einzig richtige ist, wage ich (zumindest) zu bezweifeln. Meiner bescheidenen Meinung nach züchtet man damit eher Märtyrer und daraus entstehen weitere unversöhnliche Gegner. Eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt entsteht. Dazu kommt, dass aufgrund der fehlenden 5 %-Klausel in Israel, immer wieder orthodox-religiöse Gruppen in der Regierung sitzen, die mit ihren alttestamentarischen Träumen die Arbeit der Regierung noch erschweren. Da gelangt dann wahrhaftig eine Randgruppe der Gesellschaft mit höchst fundamentalistischen Ansichten zu Macht und Einfluss und lässt die Mehrheit nach ihrer Pfeife tanzen.

Damit will ich nicht sagen, dass die anderen (sprich Araber und Palästinenser) alles besser machen, genau das eben nicht. Das ist dann auch oft der Generalfehler von Pappnasen, die meinen sich äußern zu müssen. Man darf nicht den Fehler machen, das was die einen tun gegen das was die anderen tun aufzurechnen. Das ist zu simpel und verhindert im Grunde, dass Lösungen gefunden werden. Wenn man mit den Finger auf die anderen zeigt, weisen vier auf einen selbst zurück. Nee Freunde, da tritt jeder in seine eigenen Fettnäpfchen und nur weil die einen Fehler machen, dürfen die anderen das nicht auch. Der Unsinn der anderen ist keine Rechtfertigung des eigenen Unsinns (und umgekehrt).

Da werden auf beiden Seiten Fehler gemacht, die einen echten Friedensprozess (der dann auch wirklich Frieden bringt und den Radikalen und Fanatikern auf beiden Seiten den Wind aus den Segeln nimmt) fast unmöglich machen. Es bedurfte mutiger Männer wie Begin und Sadat oder Rabin und Arafat, die Gräben überwanden, um ein paar kleine Schritte zu tun. Aber mehr Männer oder Frauen dieses Schlages sind nicht in Sicht. Es ist eben nie nur die Schuld einer Seite. Welche Folgen aus einer solch sträflich vereinfachten Darstellung entstehen können hat der Friedensvertrag von Versailles gezeigt, in der dem deutschen Kaiserreich unter anderem die alleinige Kriegsschuld zugewiesen wurde. Aber es gibt eben viele, die solch simple Antworten lieben, obwohl gerade diese Antworten nur in Hirnen simpler Gemüter einen Sinn ergeben.

Diesen Konflikt abseits von Platituden und als Meinung getarnter Dummheit in einen Heftroman einzuarbeiten ist sehr, sehr schwer, wie auch die Verwendung so manch anderer Konflikte. Es sei denn man will nur simple und billige Hirngespinste (tapfer und übermütig Meinung genannt) loswerden, die eine Seite zu den Guten stempelt und die andere Seite konsequent zu den Bösewichtern erklärt. In erster Linie will man auf 60 (im Taschenheft 150) Seiten  spannend unterhalten und nicht eine soziologische Studie aufarbeiten und zeigen wie man Geschichte und Religion missbrauchen kann, um einfach keinen Frieden möglich zu machen und Massen aufzupeitschen oder Gewalt zu rechtfertigen unter der Menschen auf beiden Seiten leiden. Dazu bedarf es mehr als nur einen Roman mit 120 oder 150 Manuskriptseiten oder gar einer TV-Serie wie »Homeland«, die sich aber auch komplett und völlig ironiefrei auf diesen Konflikt fokussiert und sich auch nicht in simpler ›Gut-Böse-Darstellung ergeht. Im Übrigen hat »Homeland« als Vorbild eine israelische TV-Serie, die sich ebenso konsequent einer simplifizierten Schilderung verweigert. Ist so ein Stoff fähig, als Heftroman oder besser Taschenheft aufgearbeitet zu werden? Nun, zu dieser Frage kommen wir noch. Doch vielleicht denkt da auch jeder für sich mal drüber nach … bis es soweit ist.

Nun, der Heftroman spiegelt nicht die Wirklichkeit des Alltags seiner Leser oder die große Weltpolitik. Aber es gibt ja mehr als eine Wirklichkeit (und dazu muss man nicht schizophren sein). Es gibt auch die Wirklichkeit der Unterhaltung. Was ist erfolgreich, was nicht? Welche Trends gibt es? Was schlägt an Kinokassen, bei Einschaltquoten oder in Bestsellerlisten ein? Das ist die Wirklichkeit, die für den Heftroman (bzw. auch dessen Nachfolgeformate ob in eBook oder als Taschenheft) relevant ist.

Kurt BrandDer Heftroman ist im Idealfall der Spiegel der aktuellen Trends in der Unterhaltung. Sieht man sich nun einmal das Kino und die großen TV-Serien der letzten fünfzig, sechzig Jahre an, war der Heftroman bis in die frühen Siebziger hinein eine Vervielfältigung dessen was in Kino und TV Mode war. Da wimmelte es auf der Leinwand in Krimis und Thrillern von Superwaffen. Das wurde von den Autoren auch brav in Heftromankrimis eingebaut. Manchmal zu häufig. Ich erinnere mich an einen Brief der »Kommissar X«-Redaktion aus Rastatt an Kurt Brand. Man lehnte ein Exposé Brands mit der Begründung ab, dass das Motiv mit der Strahlwaffe in letzter Zeit von den Autoren ein wenig überstrapaziert ist. Aber klar ist: Ja, es wurden Vorbilder von Leinwand und Mattscheibe brav transponiert.

Auch im Horror(-heft-)roman folgte man den Vorbildern von Hammer & Co. Und sicherlich hätte so mancher Autor auch gern die dann von den späten Siebzigern und Achtzigern vorherrschenden Motive und die Machart der Filme aufgegriffen, aber da war der Jugendschutz vor. Doch es änderte sich in den Horrorfilmen in den siebziger Jahren nicht nur die Art der Gewaltdarstellung, sondern die Monster wurden ›urbaner‹. Sie kamen aus den Städten und deren Vororten. Und sie trugen keinen Frack und Cape mehr und kamen daher wie Gentlemen aus dem viktorianischen Zeitalter. Sie hausten eben nicht mehr in kleinen englischen Dörfern, Schlössern und Ruinen. Man hätte den Horrorheftroman modernisieren können, man hätte den Vorbildern von der Leinwand und aus dem Videorekorder für die heimische Mattscheibe folgen können. Dass man in Sachen Gewaltdarstellung den Jugendschutz vorsichtig sein musste, hieß ja nicht, dass man den Horrorgestalten der eigenen Romane kein zeitgemäßes Makeover gönnen durfte. 

Man hat aber nicht restauriert.

Jürgen GrasmückKurzum, die Vampire wurden bürgerlicher und die Monster lebten in den Vorstädten der US-Metropolen, aber das focht den deutschen Horrorautoren in der Regel nicht an. Auch wenn da mal ein Hochhaus in der Gegend stand, so blieben die Szenarien doch eher viktorianisch oder bestenfalls der Adenauer-Ära entlehnt. Jürgen ›Dan Shocker‹ Grasmück und der die Serie »Dämonenkiller« bildeten in gewisser Hinsicht eine Ausnahme. Grasmück bediente sich gern bei Däniken oder der SF im Allgemeinen (seiner Vergangenheit als SF-Fan und Autor geschuldet). Auch griff er schon gern mal aktuelle Themen wie die die Erforschung des Mondgesteins oder auch mal einen Umweltskandal in seiner Heimatstadt auf. Ansonsten funktionierten seine Romane als Mischung aus den Wallace-Krimis, den Nachkriegs-Mabuse-Filmen, James Bond, abgemischt mit einem guten Schuss SF- und Hammer-Kino. Immerhin gab sich Grasmück mit Larry Brent nicht der Hölle als Handlungsschauplatz hin. Diese Welten blieben Larry Brent verschlossen. Der »Dämonenkiller« hingegen ließ seine Dämonen in der irdischen Wirklichkeit agieren und die ›Schwarze Familie‹ ist auch soweit in der Wirklichkeit angekommen, dass sie eben nicht einen Hammer-Film entsprungen schienen.

34Aber wenn sich ein Horrorautor dann mal an der Realität versuchte ging, es auch schon mal schief. Gutes Beispiel ist Jason Darks ›Okastra Saga‹ (Bände 317-320) in der »John Sinclair«-Serie. In diesem Mehrteiler nimmt er sich zum einen den Konflikt ums Baskenland zu Beginn ins Visier und die ETA ist das Böse und paktiert noch mit übernatürlichen Mächten. Die Schilderung der ETA-Mitglieder ist dabei so, dass sie jedem Klischee entsprechen. Wenn man so will, lassen sich hier meine Ausführungen zum Nahost-Konflikt übertragen. Das waren nichts als Klischees und Platituden ... Man könnte es sarkastisch umschreiben: Sehr schöne Einzelleistung des Autors

Und dann noch Sinclairs Einreise nach Spanien. Was Millionen Touristen schon zu Francos Zeiten (und damit der Ära einer faschistischen Diktatur) ziemlich einfach per Chartermaschine gelang, kann Sinclair fast ein Jahrzehnt nach Francos Tod und drei Jahre nach dem vom König gestoppten Putsch gegen die konstitutionelle Monarchie für eine Wiedererichtung der Diktatur (man erinnere sich an den Offizier der Guardia Civil mit dem typischen Hut, der Löcher in die Decke des spanischen Parlments schoss) und zwei Jahre vor dem EU-Beitritt des Landes nicht erreichen. Weil es so unmöglich ist, nach Spanien bzw. ins Baskenland zu gelangen, wird Sinclair von einem U-Boot der Marine ihrer Majestät der Königin vor der Küste abgesetzt, statt sich von Glenda Perkins einfach einen Flug buchen und vor Ort ein Wagen mieten zu lassen (ja, das ging auch schon im Prä-Internetzeitalter). Dafür ließ Rellergerd 1980 seinen Helden zwecks des Endkampfes mit dem ›Schwarzen Tod‹ die Zonengrenze nebst Todesstreifen relativ leicht überwinden ...

Da wünscht man sich nicht unbedingt, dass sich Autoren an der Realität versuchen, oder?

Ich zerschlug den blutigen TerrorEine andere Art Realität, sogar erlebte Wirklichkeit, brachte so mancher Krimi (auch Jerry Cotton)  dem Leser nahe. Liest man wie zum Beispiel das (bei Cotton ›der‹) FBI in Krimis der 50iger und 60iger Jahre ein Haus voller Mafiosi stürmt. Da schildern die Autoren, zumindest jene, die im zweiten Weltkrieg gedient haben, den in der Wehrmacht erlebten Häuserkampf. Da werden Bazookas (die der Landser als Panzerfaust kannte) abgefeuert und Handgranaten geworfen. Da musste man keinen Landser lesen, um Häuserkampf authentisch zu erleben. Das konnte auch Jerry Cotton, zumal wenn der Autor noch in Wehrmacht oder Volkssturm gekämpft hatte. Das war Wirklichkeit.

Lockruf der WildnisDer deutschen Wirklichkeit der Fünfziger am nächsten waren im Grunde (so paradox das klingen mag) die Western. Aber was hatten Cowboys, Kavallerie und Indianer mit Deutschland zu tun? Wir haben keine Prärie, keine Bisonherden und Ranchs. Aber viele Western waren nach dem Bürgerkrieg angesiedelt und die Hauptfiguren waren Südstaatler und die hatten den Krieg verloren. Sie versuchten nun wieder in ein normales Leben zu kommen. Selbst in Romanen, die Jahre nach dem Bürgerkrieg spielten, wurde oft erwähnt, dass der Protagonist, der in einem Weidekrieg kämpft oder eine Stadt zu säubern versucht, mit diesem oder im Bürgerkrieg im Allgemeinen oder dieser oder jener Schlacht im Besonderen gekämpft habe. Wenn der Roman nicht gerade direkt nach dem Krieg spielt und der Held gegen einen korrupten Vertreter der Sieger antreten muss, der durch sein Verhalten die Aussöhnung und Frieden behindert oder gar zu verhindern droht.

Dieses Szenario war vielen Menschen in Deutschland kurz nach dem 2. Weltkrieg sehr nah. Hauptfiguren waren eben oft die Südstaatler, die einen Krieg verloren hatten. Dieses Gefühl war den Menschen vor 60 Jahren sehr vertraut (unabhängig davon, ob man den verlorenen Krieg als Befreiung begriff oder nicht). Man baute ein zerstörtes Land wieder auf. Man musste mit der Teilung und der Besetzung fertig werden. Man mag sich zwar mir Attributen wie Eroberung umgeben, aber oft ging es in Western, um Kriegsheimkehrer (aber aus dem Bürgerkrieg), die ihren Platz suchten, aufbauen wollten und sich mit zum Teil korrupten Beamten oder landnehmenden Nordstaatlern auseinandersetzen mussten. Dazu kamen Romane um Viehtrails, in der die Rancher ihr Vieh über viele Kilometer treiben mussten, um ihre Ranch zu erhalten oder nach dem Krieg wieder aufzubauen und so zu retten. Und da war der Western sehr nah. Dieses Gefühl verlor man im Laufe der Jahrzehnte. Heutzutage sind die Westernromane von unserer Wirklichkeit soweit weg wie der Peter Kraus vom Rock’n’Roll. Man sollte vielleicht ergänzen, dass im durchschnittlichen deutschen Westernheftroman die Geschichte schon auch verbogen wurde. Aber …

… da fanden sie sich in der guten Tradition des Heftromans als Spiegelbild der Unterhaltungsindustrie wieder, denn die Romane spiegelten in aller Regel den ›Wilden Westen‹ nicht als historischer Roman, sondern als abenteuerliche Nacherzählung auf der Leinwand (sprich als Film) erlebte Muster. Daher ist der Westernheftroman nicht nur der der deutschen Wirklichkeit nahe, sondern auch die Vervielfältigung des bis in die späten Sechziger hinein populärsten Filmgenre. Aber so wie sich der Western in Heftform von der deutschen Wirklichkeit entfernte, so verlor das Genre an sich an Popularität. Und damit fing auch der Niedergang des Western im Heft an …

Der Heftroman verlor den Kontakt zu aktuellen Trends der Unterhaltung. Teils unverschuldet (siehe Jugendschutz), teils verschuldet, weil man den vermeintlichen ›Stein der Weisen‹ in den Fünfzigern gefunden hatte und ihn zum Teil immer noch als gültig betrachtet oder weil ein Genre an Bedeutung verlor, aber das so erst einmal nicht wahrgenommen wurde. Das trifft nicht nur auf das Genre Horror zu. Da gibt es eine lange Liste, die auch längst nicht nur die ›Männerromane‹ betrifft.

Doch Kontakt zur Wirklichkeit hatte er ganz selten und wenn dann nur in homöopathischen Dosen, sprich: Der Alltag der Konsumenten und die große Weltpolitik fanden nur im ganz kleinen Rahmen statt. Wir bewegen uns hier im Bereich der Wortsinne trivialen Unterhaltung. Ihre Form mag sich ändern, die Typen der Pro- und Antagonisten mögen im Laufe der Zeit modifiziert werden, die Schauplätze mögen wechseln und die Formen der Publikation werden andere, aber letztlich bleiben diese Romane einfache Unterhaltung, die man auch müde und komplett überarbeitet noch goutieren kann. Schon vom Grundsatz her widerspricht das einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit des Konsumenten (sprich des Lesers) im Kleinen wie im Großen. Triviale Unterhaltung dient in erster Linie eben nicht der Aufarbeitung von Konflikten im Alltag und der Weltpolitik, sondern der einfachen Unterhaltung.

Und damit hätten wir auch grundsätzlich die Antwort, ob eine Serie wie »Homeland« etwas für Heftroman, Taschenheft oder der Umsetzung trivialer Unterhaltungsliteratur in elektronische Bücher oder Audioformate wäre. Nun, ich glaube, man könnte Autoren finden, die eine derartige Serie schreiben könnten, vielleicht fände sich gar ein Verlag. Aber ein Erfolg dürfte es nicht werden. In dieser Serie gibt es einfach zu viele Grautöne. Es gibt keinen wirklichen Sympathieträger. Sowas passt nicht zu den Mustern trivialer Unterhaltung. Nur um uns nicht misszuverstehen: »Homeland« ist wahnsinnig gutes Fernsehen, aber wenn ich in der Stimmung bin, mich berieseln zu lassen, die Last des Alltags für eine Stunde zu verlassen, kann ich mir keine fünf Minuten davon reinziehen.

Aber triviale Unterhaltung ist genau dafür gemacht. Für Urlaub vom Alltag, für Ferien von dieser von vielen Ungerechtigkeiten gezeichneten Welt. Grundsätzlich nicht eskapistisch, sondern temporäres Hintersichlassen all des Ungemachs dieses Universums.

So, nun bin ich noch nicht einmal dazu gekommen, mich mit »Perry Rhodan« und den Gedanken von Andreas Decker und anderen dazu auseinanderzusetzen. Dazu kommen noch ein paar Anmerkungen. Das wird wohl fast eine Leitartikeltrilogie werden.

Wir lesen uns wieder …

 

Kommentare  

#31 Pisanelli 2013-08-08 08:57
Hm, Herr A. ist nun wirklich nicht mein Typ, aber die Verknüfpung von "Meinung des Autors" und "Meinung des Helden" finde ich einen interessanten Gedanken. Das stimmt auf jeden Fall, dass der Autor keine Meinung haben darf und der Held deswegen oft auch so hohl erscheint (bei MX kann man das jedenfalls voll unterstreichen). Und wenn er dann doch mal eine hat, dann kriegen viele Fans das Kotzen bzw. können das nicht trennen (und da nehme ich mich nicht aus), weil man die Meinung des Helden als die Meinung des Autors deutet - weil das eben so funktioniert (oder eben gerade nicht). Da muss ich nochmal ein bißchen drüber nachdenken, denn wenn das stimmen würde, dann habe ich gerade einen Aha-Augenblick, warum so viele Sachen nicht gehen und auch nicht erwartbar sind. Aber dann muss ich sagen, verliert der Heftroman für micht total an Reiz, denn dann ist er tatsächlich auch nicht veränderbar und hat eine düstere Zukunft vor sich. Denn da muss ich Herrn A. auch zustimmen: das ist dann total unmodern. Literatur funktioniert heute z.T. anders und Serien sowieso. Gerade was das Heldenbild und seine "erlaubten Verhaltensweisen" betrifft.
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#32 Larandil 2013-08-08 09:20
zitiere Pisanelli:
Da muss ich nochmal ein bißchen drüber nachdenken, denn wenn das stimmen würde, dann habe ich gerade einen Aha-Augenblick, warum so viele Sachen nicht gehen und auch nicht erwartbar sind. Aber dann muss ich sagen, verliert der Heftroman für micht total an Reiz, denn dann ist er tatsächlich auch nicht veränderbar und hat eine düstere Zukunft vor sich. Denn da muss ich Herrn A. auch zustimmen: das ist dann total unmodern. Literatur funktioniert heute z.T. anders und Serien sowieso. Gerade was das Heldenbild und seine "erlaubten Verhaltensweisen" betrifft.


Hmm. Ein Romanheld mit Meinungen - geht das nicht, weil die Herren des Marketing beim Verlag sagen "Das geht aber nicht!" - oder hat sich noch keiner so recht getraut, es mal darauf ankommen zu lassen? Es gibt ja vielleicht doch eine "Lernkurve" und eine neue Generation von Verlagsmitarbeitern seit den 70ern.
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#33 Harantor 2013-08-08 13:17
Eijn Held mit Meinung ist auch heute in erfolgreichen Romanen, TV-Serien, Kinoproduktion und Hardcobvern nur bedingt möglich. Er ist, der Meinung, die Schwachen zu schützen und das Böse zu bekämpfen. Aber Äußerungen zu tagespolitischen Dingen, nne, denn der Held ist die Figur, die den Leser durch den Roman/die Episode, das Buch oder den Film führt. Und wenn dank der expliziten (aber nicht näher ddefinierten und ausgeführten) Meinung des Helden der Leser in Widerspruch zur Figur gerät, ist das Buch, das GHeft schnell zugeklappt und die Fernbedienung schnell bedient. Und dabei ist noch nicht einmal sicher gestellt, dass die Meinung des Helden in irgendeiner Form "richtig" ist ...
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#34 Kerstin 2013-08-08 18:39
Zitat:
"#33 Harantor 2013-08-08 13:17
Ein Held mit Meinung ist auch heute in erfolgreichen Romanen, TV-Serien, Kinoproduktion und Hardcobvern nur bedingt möglich. Er ist der Meinung, die Schwachen zu schützen und das Böse zu bekämpfen. Aber Äußerungen zu tagespolitischen Dingen, nee, denn der Held ist die Figur, die den Leser durch den Roman/die Episode, das Buch oder den Film führt. Und wenn dank der expliziten (aber nicht näher ddefinierten und ausgeführten) Meinung des Helden der Leser in Widerspruch zur Figur gerät, ist das Buch, das Heft schnell zugeklappt und die Fernbedienung schnell bedient. Und dabei ist noch nicht einmal sicher gestellt, dass die Meinung des Helden in irgendeiner Form "richtig" ist ..."

Ja, und genau das dürfte der Grund dafür sein, dass die Realität in so vielen Büchern, Serien usw. unterrepräsentiert ist. Käme sie vor, müssten die Figuren ja irgendwie drauf reagieren, sei es durch Worte oder durch Taten. Und auch ohne es zu wollen, drückten sie dadurch eine Meinung aus. Das ist eben gefährlich, besonders, wenn bei einem aktuellen Ereignis noch nicht alle Karten auf dem Tisch liegen und die Hintergründe nicht alle aufgeklärt sind. Beispiel: Sind diese oder jene nun Terroristen oder Freiheitskämpfer mit einem ehrbaren Anliegen? Zu früh Stellung zu beziehen, kann einen in Teufels Küche bringen. Und bei vielen Sachverhalten wird nie deutlich, was wirklich die Hintergründe sind. Eine gut gemeinte Tat kann üble Auswirkungen haben, die vorher nicht absehbar waren, eine Hinterfotzigkeit aber auch - vielleicht ungewollt - gute Folgen. Das weiß man eben nie im Leben so genau, schon gar nicht, wenn man noch mitten drin steckt.

Wartet man aber ab, bis die Sache einigermaßen aufgeklärt ist, braucht man auch nicht mehr mit den ollen Kamellen anfangen.

Bei einer simplen Schwarz-Weiß-Handlung wie im Western oder einfachen Krimi ist die Sachlage klarer, da weiß jeder, was gut und böse ist, wen der Held unterstützen und wen bekämpfen muss. Aber beim echten Leben ist das eben nicht so einfach zuzuordnen.

Im echten Leben irren wir so durch die Ereignisse der Welt ringsum und verstehen vieles nicht, unterliegen Irrtümern oder werden von Fieslingen belogen. Wie sollen da die Romanhelden (und die Autoren) schlauer sein?

Mal davon abgesehen: Eine reale Handlung als wesentlichen Bestandteil einer Romanhandlung einzubauen, ist auch vom Handwerk des Schreibens her eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Beispielsweise kann man ja anfangs gar nicht absehen, welchen Umfang das Ereignis für den weiteren Verlauf der (historichen )Geschichte haben wird, also auch nicht, welchen Umfang die Konsequenzen in der Handlung einnehmen müssen.
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#35 Laurin 2013-08-08 19:24
Ich erinnere hier nochmal an den Unterschied zwischen der Übernahme von tagespolitischen Dingen und einer realistischen Darstellung der einzelnen Charaktere.

Tagespolitische Dinge übernehmen geht wirklich nicht, denn da setzt man sich eher in die Nesseln oder betreibt im schlimmsten Fall üble Propaganda (siehe hierzu z.B. Comics in den USA die plötzlich den 11/9 zum Thema hatten).

Realistische Darstellung kann aber darin erfolgen das die Hauptfiguren (ich lasse mal die Bezeichnung "Held" weg) zum Beispiel auch mal Fehler machen, eventuell sogar mal grobe und sich nicht verhalten wie ein moralisch einwandfreier Kompass. Ein raubeiniger Schimanski war im Tatort auch beliebter als manch geschniegelter und korrekt daher kommender Kommissar. Es reicht da völlig, die Hauptfiguren menschlich darzustellen, also eben nicht nur mit ihren Stärken, sondern auch mit ihren kleinen und großen Schwächen. Das festhalten an tagespolitischen Ereignissen vernebelt da nur den Blick auf das wesentliche, was es zu ändern gilt.
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#36 Harantor 2013-08-08 20:19
Rauhbeiniger Schimanskii und Realität? Ein guter Witz? Ja, denn dieser Polizist wäre aus dem Polizeidienst entlassen worden. Die Figur gefällt mir zwar immer noch (obschon er sehr Achtziger ist), aber von Realiusmus kann doch kaum die Rede sein...

Realistische Darstellung von Figuren in der trivialen Unterhaltung - egal ob Held oder nicht, halte ich für her schwierig...
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#37 Pisanelli 2013-08-09 09:01
Meine Kollegin war mal mit einem Hauptkommissar verheiratet und Du willst nicht wissen, was Polizisten alles durchgehen gelassen wird! Schimanski ist natürlich extrem, dennoch in den 80er Jahren durchaus vorstellbar. Das Problem, dass sich die Zeiten geändert haben, wurde in den neuen Schimanski-Filmen übrigens thematisiert und Schimanski als Figur musste sich da auch einigem fügen. In den neueren Filmen ist er z.T. deutlich ruhiger gestrickt (man wird halt älter, ne?)
Heute ist es dann eher "Der letzte Bulle", der dem Zeitgeist entspricht. Und den finde ich schon recht realistisch (außer die Geschichte mit dem Koma, die ist hanebüchen). Aber als Figur ist der ein echter Ruhrpottler und hier im Ruhrgebiet wird die Serie geliebt, weil sie sehr viel Wahrheit enthält und die Mentalität des Potts herrlich auf die Schippe nimmt. Da werden übrigens auch lokale Gegebenheiten erwähnt, die der Realität entstammen... et funktioniert also doch, man muss es nur richtig verkaufen.
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#38 Pisanelli 2013-08-15 10:44
Ich muss hier aus aktuellem Anlass nochmal einen Widerspruch einwerfen. Lese gerade Claudia Kerns neue Ebook-Reihe "Homo Sapiens 404" und stelle fest, dass durchaus gegenwärtige politische Gegebenheiten benutzt werden, um sie zu verbraten. Zahlreiche Anspielungen aufs Internet und auf die unmenschlichen Zustände in so manchen fernöstlichen Land kommen einem beim Lesen dieser Reihe sofort vor Augen, etwa Ägypten oder die Türkei oder auch die Occupy-Bewegung. Daneben werden Dinge wie Ausbeutung, Hungerlöhne, Kasernierung und Internetdrosselung angesprochen, alles Dinge, die gerade hochaktuell sind. Das hat ganz klar Bezüge auf die Realität und die sind sicher auch gewollt. Also, es geht doch - und dann auch noch kurzweilig. Macht echt Spaß zu lesen.
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#39 Harantor 2013-08-15 15:37
Pisanelli. Du hast eine der wenigen Ausnahmen gefunden. Und wenn die Serie (was ich Claudia gönne) danna uch malö richtig gut verkauft, dann reden wir weiter ...
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#40 Pisanelli 2013-08-15 16:56
Tja, da das Ding ein Self-Publishing ist, ist das mit der Werbung nicht so einfach. Da muss wohl ein bißchen was von den Fans kommen. Aber Claudia hat ja auch vielleicht 'ne Möglichkeit, bei "Geek!" einen Hinweis zu setzen. Ich kann die Reihe jedenfalls nur empfehlen ;-)
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#41 Guido 2013-08-15 18:50
Claudias Serie HOMO SAPIENS 404 erscheint im Rohde Verlag, sie verlegt sie nicht selbst
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#42 Harantor 2013-08-15 18:55
Stimmt, Guido. Da hat die Pisanelli wohl nicht so aufmerksam hingeschaut. Im Zauberspiegel hatten wir das in den Nachrichten und auch im Interview mit Claudia war der Verlag erwähnt
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#43 Pisanelli 2013-08-16 08:12
Stimmt, mein Fehler. Umso besser, dann kann ja nix schiefgehen ;-)
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#44 Guido 2013-08-16 13:16
Das verstehe ich nicht. Ist für Dich die Gleichung Verlag = eher Erfolg, SP = kein Erfolg?

Ich bin ja kein SP-Fan.

Aber die Gleichung "Verlag macht Werbung = Buch verkauft sich" geht nicht auf, das kann ich Dir versichern. Du kannst x tausend EUR in Werbung stecken, x Millionen Kontakte erzeugen - am Ende verkaufst Du als Verlag u.U. weniger eBooks als jemand, der 0 EUR in die Werbung gesteckt hat und 0 Erwähnungen/Rezis erzeugt hat. Wer genau hin sieht, sieht genau dies doch im Moment bei mehr als einem Projekt verschiedener, großer Verlage, die sich in ihrem Meldungen abklatschen - in den Amazonrängen aber keine Rolle spielen, und die diese Ausgaben für Werbung, Autoren und mehr als genau diese buchen werden.
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#45 Pisanelli 2013-08-16 15:29
Sagen wir mal so: ich wünsche Claudia mit dieser Reihe wirklich das Beste. Ansonsten: das Augenzwinkern hast Du schon gesehen, oder?
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