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Wat is denn nu »Phantastisch«? - Definitionen, Blickwinkel und Ansätze

Zauberwort - Der Leit(d)artikelWat is denn nu »Phantastisch«?
Definitionen, Blickwinkel und Ansätze

Immer wenn da jemand sehr dogmatisch daherkommt und sagt, das sei die allgemeingültige und einzige Methode, ein Genre zu definieren, da stelle ich mich ›janz dumm‹ und frage stur nach, woher er denn diesen ›Glauben‹ an das allein seligmachende Dogma hat. Denn die einzige und reine Wahrheit mag es zwar in der Religion geben, aber doch eher nicht in der Literaturwissenschaft. Daher haben wir mal nachgefragt …


Man erinnere sich an Leftis Plausch Ist Science Fiction Fantasy?. Dort kam es zu heftigen Diskussionen über die Definition des Phantastischen, der Genres und wie man es richtig macht. Leider ist diese Diskussion während des Datenfiaskos von Ende März in das Nirwana eingegangen. Aber schon als die Diskussion noch lief, war klar, dass wir uns Rat und Hilfe aus Lehre und Forschung holen würden.

Wir erarbeiteten einen Fragenkatalog und verteilten ihn – soweit wir konnten – in der akademischen Welt. Besonderer Dank gilt dabei Kathleen Loock. Sie bot an, unsere Fragen an die Forschungsgruppe zur Serialität zu verteilen und hat es auch getan. Leider werden wir die Antworten nicht so geballt erhalten wie erhofft. Die Veröffentlichung der einzelnen Antworten wird sich vielleicht gar bis in den Herbst erstrecken und uns immer wieder beschäftigen. Doch wichtig ist nicht der Zeitpunkt, sondern die Antworten an sich.

Für uns war bei den Fragen das Gebilde ›Genre‹ eine Prämisse und wir fragten eigentlich mehr nach der grundsätzlichen Bedeutung des Begriffs und die Schwierigkeiten, ihn generell zu fassen. Doch Simon Spiegel fiel sofort auf, dass wir das noch grundsätzlicher angehen hätten sollen. Er wies darauf hin, dass der Begriff ›Genre‹ an sich das Problem ist. Und er schickte uns sogleich einen Text zum Thema (erscheint morgen), aus dem ich mal kurz zitieren möchte:

Die Kriterien, nach denen diese Gruppen [Genres] gebildet werden, können sich allerdings stark unterscheiden. Das können inhaltliche, formale, vermarktungstechnische oder noch einmal andere Kategorien sein. Wichtig ist, dass Genres immer Bezeichnungen sind, die ihnen von ihren „Benutzern“ (zum Beispiel Buchhändler, Filmverleiher, Kritiker, Wissenschaftler oder Fans) gegeben werden. Genres sind also keine Einheiten, die an sich existieren, sondern sie entstehen erst durch ihre Bezeichnung.
Genres sind eine vertrackte Angelegenheit: Einerseits weiß selbst ein theoretisch völlig unbeschlagener Laie, was ein Genre ist. Wer in der Buchhandlung ein Buch aus der Sparte Fantasy kauft, hat in der Regel gewisse Vorstellungen davon, was ihn erwartet; ebenso der Kinogänger, der sich eine romantische Liebeskomödie oder einen Western anschaut.

In Schillers »Glocke« heißt es zwar »festgemauert in der Erden«, aber das trifft dann doch wohl eher auf die titelgebende Glocke zu, aber doch nicht auf die Definition des Phantastischen. Das Spektrum reicht von der sehr engen ›reinen Lehre‹ des Risses in der Wirklichkeit (nach Todorov) bis hin zu allumfassenden Definitionen, die alles einschließen, was so an Horror, SF und Fantasy erscheint (und in Sachen Horror schon nicht mehr auf das Phantastische angewiesen ist und Grenzen sprengt).

Dort hat nämlich der Slasher dafür gesorgt, dass es den Horror auch ohne übernatürliches Element gibt. Doch in diesen Darstellungen (sei es als Text, Hörspiel, Film, Comic) ist nicht die Jagd nach dem Mörder das Thema, sondern formal gehört der Slasher zum Horror, weil seine Taten wie im Horrorroman geschildert und dargestellt werden. Es wird versucht, Angst und Schrecken zu erzeugen. Und so verlässt der Horror in modernen Zeiten dann auch das Ghetto des Übernatürlichen (wenn man es denn so sehen will).

Umstritten war in der Diskussion um Lefti’s Plausch Jules Vernes Roman »20.000 Meilen unter dem Meer«. Ein Buch, das zu den Vorläufern des Genres Science Fiction gehört, legt man populäre und altbekannte Definitionskriterien an. Aber (war klar, dass das kommen musste): Man kann es auch anders sehen. Wie Simon Spiegel schreibt: »[…] dass Genres immer Bezeichnungen sind, die ihnen von ihrenBenutzern“ ([…] oder Fans) gegeben werden«. Das gilt auch für die Zuordnungen von Werken zu den Genres. Da könnten Rezipienten durchaus zu anderen Ergebnissen kommen, als es ihnen Definitionen vorgeben. Unter solchen Voraussetzungen wird weder die eine oder andere Zuordnung ungültig. Jede für sich gilt (je nach Blickwinkel und Ansatz). Keine ist falsch. Wie eingangs gesagt: Es gibt da keine absolute Wahrheit.

Ähnlich umstritten war Mary Shelleys Roman »Frankenstein oder der moderne Prometheus«. Was ist dieser Roman? SF oder Horror? Wenn man so will: beides. Es gibt gute Gründe, diesen Roman beiden Genres zuzuordnen. Das hängt wieder ganz vom Blickwinkel ab. Fakt ist: Der Roman wurde lange vor der Definition von SF oder Horror geschrieben. Mary Shelly war sich also dieser Begrifflichkeiten überhaupt nicht bewusst und wurde später von der einen oder anderen Denkrichtung okkupiert. Und nicht nur sie, sondern auch Verne, Welles und die Texte vieler anderer wurden erst später ›vereinnahmt‹ und verschiedenen Genres zugeordnet. Das ist nicht verkehrt, aber der Betrachter muss dafür offen sein, dass es mehr als eine ›richtige‹ Antwort geben kann.

Daher sollte man mit ultimativen Zuordnungen vorsichtig sein. Da sind mehrere Wahrheiten, je nach Ansatz, möglich, ohne dass dann die eine oder andere Perspektive ungültig oder falsch wird.

Wenn wir also sehen, dass in (literatur-)wissenschaftlichen Ausführungen eine Definition vorangestellt wird, so ist das eben nicht die Mitteilung der ›ultimativen und einzigen‹ Wahrheit. Vielmehr handelt es sich dabei um das Abstecken der Rahmenbedingungen, in der sich die Arbeit bewegen wird. Es ist einfach zu viel, im Rahmen der Arbeit die unterschiedlichen Blickwinkel, Ansätze und Möglichkeiten zu erfassen. Der Text würde beinahe zwangsläufig zerfasern und seinen Zweck nicht erfüllen. Daher schafft sich der Autor einen Rahmen, der seinen Betrachtungen dienlich und nützlich ist. In diesem arbeitet er dann und zeigt die Dinge auf, die er aufzeigen will.

Dabei gibt es sicherlich Definitionen und Blickwinkel, die beliebter sind als andere, aber es gibt unter den Forschenden keinen, der in dieser oder jener Definition die einzige Wahrheit sieht. Dieses Privileg ist wohl eher interessierten Laien und Fans vorbehalten, die dann aber fast schon dogmatisch an ihrem Standpunkt festhalten.

Ich werde im Licht von Simon Spiegels Ausführungen aber auch Abbitte leisten müssen. Genres wie ›Mystery‹, ›Urban Fantasy‹ oder ähnlich gelagerte Fälle aus Marketingabteilungen oder so sind existent. Sie verdienen es, berücksichtigt zu werden. Gerade aus diesen Gründen haben wir das Phantastische im Zauberspiegel zusammengefasst. Wir wollen da nicht zerfasern, in hundert Schubladen Artikel ablegen. Wir haben eine große Lade zum Kramen geschaffen, wo das Phantastische in der größtmöglichen Bandbreite Platz findet.

Daher stellen wir zunächst einmal fest, dass manche der Einschätzungen über die Genredefinitionen und Zuordnungen nicht absolut sind, sondern abhängig vom Blickwinkel sind, den der Betrachter einnimmt. Vielleicht stellt sich im Zuge der Antworten der Personen aus Lehre und Forschung ja gar heraus, dass im Zweifel ›Kaffee Charly‹ recht hat, der sinngemäß die These in einem der verschwundenen Kommentare aufstellte, dass jeder für sich seine Zuordnungen trifft. Was wir ausschließen dürfen, ist eine absolute Wahrheit in den Definitionen und Zuordnungen.

Ein Merksatz für Dogmatiker sollte sein: Nur weil eine Definition häufig benutzt wird oder beliebt ist, wird sie doch nicht nur einzigen und allumfassenden Definition. Auch hier gilt der Leitsatz über Insekten und Verdauungsendprodukte. Um Shakespeare zu paraphrasieren: ›Es gibt mehr Definition' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.‹

Ich jedenfalls bin auf die nächsten Monate gespannt und hoffe auf zahlreiche Antworten zu unseren Fragen. 

 

Kommentare  

#1 Pisanelli 2013-06-03 15:02
Da man unter dem Artikel von Herrn Spiegel keinen Kommentar setzen kann, hier meine Antwort:
Herr Spiegel, ich kann Ihren Argumenten sachlich folgen und danke für Ihre Hinweise bezüglich der Genrefrage. Mir hilft das weiter. :-)
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#2 Jockel 2013-09-21 14:30
Tut sich da noch was?
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#3 Harantor 2013-09-21 14:40
Jepp. Ich schätze nach der Buchmesse und im November. Es waren Semesterferien ... :D
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