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Den Ball flach halten - Wenn der Autor sich selbst verlegt …

Zauberwort - Der Leit(d)artikelDen Ball flach halten
Wenn der Autor sich selbst verlegt …

Ich erinnere mich an die Zeiten, da ich aktiv den Fußballsport betrieb. Ich wollte Mittelstürmer werden und bin über den Umweg Außenverteidiger dann letztendlich im Tor gelandet. Unser Betreuer der Herrenmannschaft pflegte vor dem Spiel immer zu sagen. »Haltet den Ball flach«.

Er meinte das nicht nur wörtlich, sondern verband damit auch eine metaphorische Bedeutung. Wollte sagen: Geht nicht über- bzw. hochmütig und habt keine übertriebenen Erwartungen.


Das Spiel will gespielt werden. Danach werden die Punkte verteilt.

Insbesondere benutzte er den Spruch wenn wir als Tabellenführer zu Mannschaften fuhren, die noch kein Spiel gewonnen hatten. Da neigt man dazu, das Spiel schon vorab gewonnen zu haben. Man betritt den Platz und kann vor Kraft kaum gehen und dann passiert es: Man verliert das Ding und wundert sich. Man hatte eben den Ball metaphorisch nicht flach gehalten (und wahrscheinlich auch buchstäblich nicht).

Ähnlich verhält es sich, wenn Autoren über das ›Self Publishing‹ sprechen. Auch die können vor Kraft kaum gehen und Überheblichkeit, Über- und Fehleinschätzung triefen den Damen und Herren aus jeder Pore. Das Fell des Bären wird da verteilt, bevor der Bär erledigt ist.

Diese Autoren und Autorinnen beschwören schon das Ende der »Contentmafia« (meint in diesem Fall Verlage), reden eine Revolution im Publizieren herbei, erwarten das pure Geldverdienen der Kreativen, erkennen die Freiheit für die Autoren, sich endlich selbst zu verwirklichen und machen dem Leser die absolute Wahlfreiheit schmackhaft. Soviel Unsinn auf einen Haufen muss man erstmal verdauen.

Das klingt gewaltig, nach einer echten Revolution. Aber geht das ganze Gerede völlig an der Realität vorbei. Es ist schon eine Erholung nach all dem (zum Gutteil) größenwahnsinnigen Geschwätz über das ›Selbstverlegen‹, wenn sich zwei Autoren wie Manfred Weinland und Timothy Stahl realistisch und entspannt im Interview zum Thema äußern.

Manfred Weinland sagt:

Es soll, wie schon erwähnt, eine Erfahrungssuche auf dem ebook-Sektor im Sinne von „Autoren vermarkten sich selbst“ werden. Wir wollen herausfinden, was da möglich ist. Von Reichtümern träumen wir beide nicht – aber wir würden sie nehmen.

Auch über die anvisierte Zielgruppe macht man sich wenig Sorgen. Dazu sagt Timothy Stahl:

Wir erwarten nicht, mehr als eine Nische zu bedienen.

Dann gibt es Ausnahmen wie Amanda Hocking, die es per Self Publishing zur Auflagenmillionärin brachte oder wie zu hören war, dass eine Autorin bei ›Neobooks‹ (gehört zu DroemerKnaur) fast 20.000 Exemplare verkauft habe.

Man sollte aber nicht den Fehler machen, aus diesen Ausnahmen, einen Standard zu konstruieren oder zu behaupten, die Verlage seien bereits abgelöst. Wer das tut, verkennt schlussendlich die Realitäten und lebt im Wolkenkuckucksheim. Solchen Menschen werfe ich immer gern ein Zitat aus der Comedy-Serie »Cheers« an den Kopf und frage.

What color is the sky in your world?

Zum Ersten. Der eBook-Markt ist gerade erst am Entstehen. Er ist eine Perspektive für die Zukunft. Das eBook ist auch eine Alternative für Autoren, die sich eben auch selbst verlegen wollen. Aber auch diese Vermarktungsschiene steckt noch in den Kinderschuhen, woran auch die viel gepriesenen Erfolgsmeldungen nichts ändern. Sowohl der eBook-Markt an sich, als auch das ›Self Publishing‹ muss sich nun erstmal entwickeln.

Offen gestanden denke ich nicht, dass das ›Self Publishing‹ das Verlagswesen als Institution ablösen wird. ›Self Publishing‹ wir sich als Alternative etablieren, aber ob da – in der Regel – mehr als eine Nische bedient wird oder sich diese Form des Publizierens als tragfähig erweist und auf breiter Front nennenswerte Erfolge zeitigen wird.

Man lese sich mal folgenden Absatz durch. Er stammt aus einem Artikel aus DNV-online:

„Das bedeutet, dass pro lieferbarem Titel lediglich 22 Exemplare in 2013 verkauft werden und somit die Self-Publishing-Dienstleister bei 0,52 Euro pro verkauftem E-Book einen Ertrag von 11,44 Euro pro Jahr erwirtschaften“, bilanziert Tredition. Um ein Mitarbeitergehalt in Höhe von 36.000 Euro zahlen zu können, müsste ein Self-Publishing-Anbieter 70.000 E-Books pro Jahr verkaufen und folglich 3.215 Titel im Programm haben – mehr als doppelt so viel wie die untersuchten Dienstleister derzeit gemeinsam über E-Book-Shops (exklusive eigene Shops) anbieten.

Das zeigt das augenblickliche durchschnittliche und tatsächliche Potential des eBooks im ›Self Publishing‹. Das hat eben nicht die Aura einer Verlagsaustreibung oder des neuen Erfolg garantierenden Geschäftsmodells für Autoren. Davon ist noch nichts zu sehen. Bislang läuft das unter dem von Manfred Weinland ausgegebenen Motto und das lautet Erfahrungen sammeln.

Der Anteil von eBooks am Buchmarkt beträgt alles in allem in Deutschland wohl etwa bei 2 % mit steigender Tendenz. Aber in den zwei Prozent sind auch die ›eBücher‹ der Verlage (sprich ›Contentmafia‹) enthalten. Aber wer darauf hofft in einem Marktsegment, das am Entstehen ist, schon den kompletten Umbruch zu erkennen, dem möchte man doch ein wenig Überheblichkeit bescheinigen.

Zudem müssen die Autoren begreifen, dass sie beim ›Self Publishing‹ eben nicht nur Autoren sind, sondern er auch alle Aufgaben auf sich nimmt, die sonst ein Verlag bzw. dessen Mitarbeiter erledigen. Korrigieren, lektorieren, Herstellung, Marketing, Buchhaltung. Wenn der sich selbstverlegende Autor sich dann über diese Kosten klar wird, kann er den beim Verkauf erlösten Betrag als Hungerlohn ansehen. Zudem dürfte er feststellen, dass das Schreiben dann nicht unbedingt der Schwerpunkt seiner Arbeit ist. Also: So rosig ist das mit dem Geld verdienen nicht. Da wird selbst klar, warum die erfolgreiche Frau Amanda Hocking nun für einen Verlag schreibt. Der nimmt ihr viel Arbeit ab und sie kann sich nun aufs Schreiben konzentrieren.

Für jeden dieser Aufgaben, kann der Autor – wie erwähnt - auch jemanden einstellen. Da gibt es zwar Leute, die das auch ›frei‹ machen, aber auch die wollen bezahlt werden und nicht jeder versteht wirklich etwas vom Lektorat. Das Lektorieren ist eben mehr als Rechtschreibkontrolle. Ein Lektor ist auch ein Gegengewicht zum in seinen Text verliebten Autor. Da muss der eine oder andere Satz mal getilgt werden. Ein gutes Lektorat macht einen Text verbessern und lesbarer.

Ein Kardinalfehler ist, seinen Text selbst zu lektorieren. Das verspricht ein Fiasko zu werden. Aber eines, das es beim ›Self Publishing‹ häufiger gibt. Viele Autoren sind sich dieses Umstandes nicht einmal bewusst. Durch ihre Nähe zum Text ist ein anständiges Lektorat nicht möglich. Vieles wird letztlich gar verschlimmbessert.

Zum Abschluss sei gesagt, dass man in Sachen ›Self Publishing‹ den Ball einfach mal flach halten sollte. Es gilt Erfahrungen zu sammeln, bevor man so auf das Verdauungsendprodukt haut und etwas wie das Ende des Verlagswesens verkündet. Es werden noch einige Jahre ins Land und viel Wasser ins Meer fließen, bevor sich die Möglichkeiten des ›Self Publishing‹ zuverlässig abschätzen lassen.

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