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Drei Blickwinkel (1): Eins-eintausend, zwei-eintausend, weg vom Bett! - BRATZ!

Stefan Holzhauer

Eins-eintaused, zwei-eintausend, weg vom Bett!
BRATZ!
Kann der Heftroman wiederbelebt werden?

Wir hatten die Diskussionen ja immer wieder und in fast epischer Breite (siehe unter anderem Horst Hermann von Allwördens Artikel über die Fans), und sie sind beileibe nicht neu. Heftroman ist durch, alles alter Kram und kalter Kaffee.

Ich wage mal die These:


Drei Blickwinkel zum 1.: Bratz! - Kann der Heftroman wiederbelebt werden?Es liegt in keinster Weise an der Darreichungsform (Heftromane, rein ergonomisch sind die eigentlich prima – zum Mitnehmen auch in kleinen Taschen geeignet und somit zum schnellen Konsum zwischendurch optimal, preiswert – im Gegensatz zu den spätestens seit dem Euro überteuerten Taschenbüchern). Ich behaupte, dass schnelle und leichte - aber nicht zwingend seichte - Unterhaltung heute mehr denn je gefragt ist.

Glaubt mir keiner?

Dann schauen wir zum Beispiel mal auf den Hörbücher- und Hörspiele-Boom. Hörbücher entheben mich von der „Qual“, selbst lesen zu müssen, meist tut das jemand, der vorlesen kann und entlässt mich aus der Pflicht. Darum geht's aber nicht. Hörspiele sublimieren Themen und Inhalte und hauen mir in höchst unterhaltsamer Form Dinge um die Ohren, die mich sonst viel länger belästigt hätten. Hören will ich das aber trotzdem. Ich bin also keinesfalls uninteressiert. Der durchschnittliche Heftroman kostet mich zwei Stunden meines Lebens, Taschenbücher deutlich mehr. Auch glaube ich nicht, dass die Verlage überhaupt in der Lage sind, mal eben auf Taschenbuch oder Taschenheft umzustellen, da die Druck- und Produktionsmaschinen dafür nicht ausgelegt sind.

Auf der einen Seite wollen die Allesleser offenbar immer umfangreichere Wälzer (ist das wirklich so? Eigentlich kann und will ich es mir kaum vorstellen) und selbst Beinahe-Teenager, die sonst vielleicht mal die Klingeltonwerbung lesen, quälen sich durch englischsprachige Harry-Potter-Romane, die sie nicht mal ansatzweise verstehen, weil die Sprachkenntnisse dank Pisa weitestgehend fehlen. Am Lesen der Buchstabenklumpen hindert sie das nicht.

Auf der anderen Seite will man auch mal kurzweilige und vielleicht auch überschaubar kurze Unterhaltung in Form eines Heftromans. Eigentlich sollte diese "short-attention-span"-Literatur in die Zeit von youtube-Clips, Musikvideos und Twitter passen. Tut sie aber nicht mehr. Perry Rhodan funktioniert. Maddrax auch, aber eigentlich eher schlecht als recht, gleiches gilt für Sternenfaust. Die alteingesessenen Gruselserien dümpeln vor sich hin.

Woran liegt das?

Ehrlich: Ich habe keine Ahnung. Hätte ich sie, würde ich einen Verlag gründen und die Welt mit Literatur überziehen, an der keiner vorbei kommt. Kann ich aber nicht, denn wenn ich eine Geschichte schreibe, dann schreibe ich sie erstmal für mich und ich gebe mich keinen Halluzinationen hin, dass die vielleicht außer mir einer lesen will. Ehrlich.

Kurze, knackige Geschichten in einem überschaubaren Heftroman zu einem unwiderstehlichen Preis könnten vielleicht sogar den jugendlichen "Nichtleser" an das Medium "Buchstabe" heranführen, komplett ohne USB und Joypad. Oder auch nicht.

Was aber gar nicht geht - und damit kommen wir zum Thema - ist die Tatsache, dass etablierte Heftromanverlage bis heute völlig evolutionsresistent in "den alten Zeiten" schwelgen. Die alten Zeiten sind vorbei. Fantasy ist etabliert, SF schon viel länger, es gibt Mystery und das auch nicht erst seit gestern. Der Trend in den Medien Fernsehen und Kino geht seit Jahren zu Charakteren, die knorrig oder weiblich sind, sich weiter entwickeln UND sich wohltuend vom Massenmampf abheben. Die Charakter haben. Im Heftroman? Nein, danke! Bloß keine Experimente! Lieber mit den schwindenden Leserzahlen leben, bis man sich aufs Taschenbuch totgeschrumpft (oder hochgewachsen?) hat, statt dem Heftroman eine Chance zu geben, aus dem kleingeistigen "das haben wir schon immer so gemacht!" auszubrechen.

Arztserien funktionieren heute wie Dr. House oder Greys Anatomy und nicht mehr wie die Schwarzwaldklinik, Krimis wie Monk oder CSI und nicht mehr wie Jerry Cotton. Grusel sollte aussehen wie Akte X oder Ghost Whisperer. Hat sich das in den Verlagen noch nicht herumgesprochen? Verfolgt da keiner die Medienlandschaft? Mir ist klar, dass ich hier mit Heftroman und visuellen Medien scheinbar Äpfel mit Birnen vergleiche, aber der Roman hat traditionell schon immer bei Film und Fernsehen abgekupfert, nicht wahr? Und es soll mir keiner mit Sex & Gewalt [tm] kommen, so groß wie immer gern mal behauptet, ist deren Anteil weder im Fernsehen, noch in der kontemporären Literatur.

Und: Warum erfahre ich trotz meines Interesses von neuen Heftserienprojekten, die mich eventuell interessieren könnten, immer erst wenn sie schon ein halbes Jahr laufen und ein Einstieg schwierig wird? Na gut, seit ich hier mitarbeite, tendiert die Chance, einen Serienstart zu verpassen, wohl gegen Null, aber dennoch ist festzustellen, dass gewisse Verantwortliche bei gewissen Verlagen offenbar unter „Marketing“ etwas völlig anderes verstehen als ich.

Dabei ist eins klar: Perry beispielsweise kann es: Zahllose völlig unterschiedliche Protagonisten mit Tiefgang und anspruchsvolle Stories. SF-Anhänger sind begeistert (Fans nicht immer, aber die haben ja gern mal was zu Meckern). Man nutzt alternative Medien, um auch demjenigen, der PR nicht kennt, die Serie schmackhaft zu machen. Bringt einen Gewinner des C. S. Lewis-Preises als Gastautor, wenn Narnia im Kino anläuft und wirbt dafür. Lässt Elektropop-CDs mit Rhodan auf dem Cover ebenso zu, wie Computerspiele oder gar Handtaschen mit PR-Lizenz. Leistet sich ein Rollenspiel. Verkauft neben der Heftserie Taschenbuchserien bei zwei Verlagen,  bietet nicht nur E-Books an, sondern neuerdings auch die Romane der aktuellen ersten Auflage als Hörbücher! Zusammenfassung: Ist in zahlreichen Medien präsent und macht potentielle Neuleser, die im Kiosk nie nach einem Heft gegriffen hätten, neugierig auf das Hauptprodukt. Und das funktioniert.

Solche Marketingstrategien, um auch neue und/oder junge Leser anzusprechen, scheinen anderen Verlagen und ihren Serien fremd.

Aber: Maulen kann jeder! Konstruktiv ist was anderes. Hier lesen eine Menge ehemaliger, alter und neuer Heftroman-Fans mit. Deswegen die ultimative Frage: Was wollt ihr? Was wollt ihr in einem Heftroman lesen? Heute. Morgen. Was könnte Heftromane für euch interessanter machen und was für sekundäre Devotionalien hättet ihr gerne? Jetzt ist eure Chance, haut es raus und sagt eure Meinung. Wir geben uns alle Mühe, eure Wünsche weiterzuleiten. Auch ohne Defibrillator...

Kommentare  

#16 Harantor 2008-04-03 23:08
Unterschichtfernsehen bzw. -lesen ist ja erst eine Wortschöpfung unserer Tage. Aber für das Heft fand sich auch früher Abwertendes (gerade auch in den Sprachbüchern für den Deutschunterricht): Groschenheft, Schundroman, Schmutzliteratur. - Im Lande der Dichter und Denker wurde da genau unterschieden.
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#17 BettinaM. 2008-04-03 23:14
Ich finde diese Wortneuschöpfung in doppelter Weise abwertend: Zum einen wertet es das Medium an sich ab - in dem Fall den Heftroman, zum anderen wertet es die Nutzer massiv ab.
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