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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit dem Grattan Massaker?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit dem Grattan Massaker?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Nach dem ersten Vertrag von Fort Laramie 1851 (Horse Creek Treaty), bei dem sich rd. 10.000 Indianer mit Regierungsvertretern und dem Militär getroffen und verhandelt hatten, gab es zeitweise Hoffnung auf Frieden auf den Great Plains – bis die ersten bürokratischen Probleme auftauchten, weil der Vertrag nie die Hürden im amerikanischen Kongress passierte. Ein Großteil des Vertrauens zerbrach endgültig mit dem sogenannten GRATTAN MASSAKER“ am 19. August 1854 – vor 166 Jahren.

Es war die Zeit, als nach der Entdeckung des Goldes in Kalifornien ein endloser Strom von Wagentrecks nach Westen zog. Viele wandten sich den Goldfeldern zu, die meisten aber zogen nach Oregon, wo fruchtbare Ländereien lockten.

Die Indianer hielten sich weitgehend an die Vereinbarungen von Fort Laramie, obwohl sie vermutlich über die Zahl der heranflutenden Pioniere überrascht waren. Die Wildreserven, die Ernährungsbasis der Stämme, wurde von den Kolonisten reduziert. Der versprochene Ausgleich durch die Vertragsvereinbarungen kam nicht. Bei den Plainsvölkern traten Ernährungsprobleme auf. Es gab Spannungen, aber noch herrschte Frieden.

Im Spätsommer 1854 lagerten schätzungsweise 4.000 Lakota in der Umgebung von Fort Laramie. Am 17. August zog ein Treck von Mormonen heran, der auch Rinder mit sich führte. Eine der Kühe riss sich los und verließ den Treck. Sie lief einem Miniconjou-Sioux namens High Forehead über den Weg, der das Tier schlachtete und das Fleisch in ein Dorf mitnahm, dass er besuchte.

Als der Treck Fort Laramie erreichte, suchte der Inhaber der Kuh den Kommandanten auf und beschwerte sich über den „Diebstahl“. Fort Laramie war in jenen Tagen nur schwach besetzt. Die Garnison wurde von Lieutenant Hugh Fleming kommandiert, der den in der Nähe lagernden Häuptling Conquering Bear kontaktierte. Das hätte er formal gar nicht gedurft, da derartige Angelegenheiten durch den zuständigen Indianeragenten zu regeln waren. Der Beamte war allerdings nicht anwesend. Conquering Bear kannte die formalen Abläufe offenbar besser als der Offizier, aber er wollte Spannungen vermeiden und bot als Entschädigung ein Pferd aus seiner Herde an - obwohl seine Gruppe gar nichts mit der Sache zu tun hatte.

Der Inhaber der Kuh bestand jedoch auf 25 Dollar in bar – was in diesem Fall völliger Unsinn war, zumal von einem „Diebstahl“ gar keine Rede sein konnte. Die Forderung von Lieutenant Fleming, den „Dieb“ an die Armee auszuliefern, lehnte der Häuptling ab. Das widersprach den kulturellen Regeln des Gastrechts.

Zwei Tage später schickte Fleming den jungen Second Lieutenant John L. Grattan von der 6. US-Infanterie mit einem kleinen Kommando zum Dorf von Conquering Bear, um den „Dieb“ der Kuh zu verhaften. Grattan war frisch von West Point in Fort Laramie angekommen. Er hatte nie zuvor irgendein Kommando geführt. Er hatte nie zuvor direkten Kontakt mit Indianern gehabt. Er hatte eine ziemlich ignorante Meinung von indianischen Kriegern

Einer der Offiziere von Fort Laramie schrieb später: „Ich habe keinen Zweifel, das Lieutenant Grattan darauf aus war, mit den Indianern zu kämpfen und die angeordnete Verhaftung um jeden Preis durchzuführen.“ Grattans Kommando zählte 27 Soldaten, einen Sergeant, einen Corporal, einen Dolmetscher und zwei kleine Haubitzen.

Als das Kommando das Lakota-Lager erreichte, war der Dolmetscher nicht mehr nüchtern. Er war ein erfahrener Mann, der schlimme Vorahnungen gehabt hatte – aber niemand hatte auf seine Warnungen gehört, also hatte er sich „Mut“ angetrunken. Er geriet in Streit mit Grattan. Als die Gespräche mit den Lakota begannen, provozierte er die Sioux; er war völlig außer Kontrolle. Er sagte dem Häuptling, die Soldaten seien gekommen, sie alle zu töten. Zufällig anwesend war der Händler James Bordeaux, der in der Nähe – dem heutigen Ort Chadron (Nebraska) – einen Posten unterhielt. Er berichtete später über die Affäre. Auch er warnte Grattan eindringlich.

In dem Lager befanden sich mehr als 1.000 Krieger. Angesichts der vielen Zelte, sank Grattans Mut. Er war bereit, Bordeauxs Rat zu folgen, ging aber zunächst zu dem Zelt, in dem sich High Forehead aufhielt, und forderte ihn auf, sich zu ergeben. High Forehead lehnte ab. Grattan sprach mit Conquering Bear. Der Dolmetscher war nicht imstande, das Gespräch korrekt zu übersetzen. James Bordeaux trat hinzu und berichtete, dass die Situation aus dem Ruder lief. Bewaffnete Krieger näherten sich, bereit, die kleine Truppe anzugreifen.

Grattan hatte sein Gespräch mit dem Häuptling gerade beendet, als einer seiner Soldaten – vermutlich aus reiner Angst – einen Schuss abgab, der einen Krieger verwundete. Im nächsten Moment ging ein Pfeilhagel auf das Kommando nieder. Grattan, der Dolmetscher und 11 Mann waren sofort tot. Die anderen Soldaten zogen sich zu einer Felsformation zurück. Eine Gruppe von Kriegern unter Führung des jungen RED CLOUD griff an und tötete sie alle. Conquering Bear war der einzige Lakota, der getötet wurde. James Bordeaux überlebte, weil er als Ehemann einer Brulé-Sioux-Frau als einer der ihren angesehen wurde. Er konnte später über alles berichten.

Die Stimmung war jetzt aufgeheizt. Zahlreiche junge Krieger wollten Fort Laramie angreifen. Ältere Häuptlinge rieten ab und empfahlen einen Rückzug. So geschah es. Die Lakota verließen die Region. Einige Tage später rückten Soldaten an und bestatteten mit Hilfe von Bordeaux die Toten.

Als die Nachricht von dem Vorfall das Kriegsministerium in Washington erreichte, wurde Colonel William S. Harney im April 1855 nach Fort Kearny (heute Nebraska) geschickt, um eine Strafexpedition vorzubereiten. Dass die Provokation von Lieutenant Grattan ausgegangen war, wurde geflissentlich ignoriert.

Am 3. September 1855 kam es zur Schlacht von Ash Hollow, bei der 86 Brulé Sioux getötet wurden – die Hälfte davon Frauen und Kinder. Selbst große Zeitungen im Osten wie die „New York Times“ nannten diesen Kampf daher ein „Massaker“. Erfahrene Beamte der Indianerbehörde beschuldigten Harney, die Situation völlig unnötig verschärft zu haben. Auch heutige Historiker sind der Meinung, dass der Beginn der Plainskriege durch Grattans und Harneys Verhalten ausgelöst wurde.

Der bekannte Senator Sam Houston – zeitweise Präsident und Gouverneur von Texas – sagte über die Grattan-Affäre: „Das war die teuerste Kuh der amerikanischen Geschichte.“ So konnte man es auch ausdrücken.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2020Die kommende Ausgabe

 

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