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»Dies ist nicht unser Samuel Mumm« - »THE WATCH«

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-Kolumne»Dies ist nicht unser Samuel Mumm«
»THE WATCH«

Diese Serie ist inspiriert. Das steht im Vorspann. Diese Serie ist inspiriert von Charakteren, die Terry Pratchett erschaffen hat. Charaktere, die einen ganz besonderen Platz in vielen Fanherzen haben. Karotte, Detritus, Sam, Angua, Cherry. Die Lesenden haben ihren Werdegang verfolgt: Von den ersten sarkastischen Kommentaren Sams, seiner Hochzeit mit Lady Sybil, zahlreichen verbrechen, die aufgeklärt wurden.

Manchmal mitten in der Wüste, manchmal direkt unter der Erde. Der junge Sam wurde geboren. Zahlreiche Charaktere kamen zur Stadtwache dazu, aber im Grunde blieb immer der harte Kern übrig. Und Terry Pratchett beendete den Zyklus der Wache innerhalb seiner Romane mit einem befriedigendem Ende. Selbst Nobby bekam am Ende sein Mädchen ab.

Was passiert aber, wenn man die bekannten Charaktere aus dem vertrauten Setting herausnimmt, Teile der Romanhandlung von „Wachen, Wachen“ und „Die Nachtwächter“ vermischt, dazu eine gehörige Prise Steampunk und Noir hinzufügt? Dann hat man eine sehr erboste Fangemeinde gegen sich. „Nicht mein Vetinari“ tönt es dann durchs Netz, wenn die ersten Bilder veröffentlicht wurden. Schockierend! Wie kann man nur! Sakrileg! Überhaupt, wie kann man es wagen Hand anzulegen an die geliebte Scheibenwelt mit ihrem Mittelatler-Renaissance-Viktorianisch-Mix? Da waren doch die Filme von Sky näher am Original. Auch, wenn man Abstriche beim Budget machen musste - die Golems in „Ab die Post“ sehen aus als ob jemand das Kostüm aus Cormans Verfilmung der Fantastischen Vier gesehen und sich gedacht hätte, hey, das kriegen wir doch auch irgendwie hin. Aber was da im Trailer zu sehen ist? Nein, das ist nicht meine geliebte Wache! Das ist nicht das Bild, dass ich mir persönlich immer ausgemalt habe beim Lesen. Pfui, pfui, pfuil.

Fans sind manchmal einfach bescheuert. „Das ist nicht mehr mein Star Trek“ - „Das ist nicht mehr mein Star Wars“ - „Das geht ja so gar nicht, ich will meine Kuschel-Enterprise zurück“. Ja, Karen, mag sein, dass die neue Star-Trek-Serie nicht nach deinem Geschmack ist. Ja, John, die neuen Star-Wars-Filme darfst du natürlich nicht mögen. Es zwingt euch ja auch niemand. Dann schaut die x-te Wiederholung mit Jean-Luc Picard an oder betretet mal wieder Deep Space Nine, freut euch über die Wookies oder sprecht die Dialoge von Episode Vier im Kino mit. Die bittere Wahrheit ist: Es gibt nun auch mal Dinge aus dem Serienkosmos, die euch nicht gefallen werden, die aber eine Menge von neuen Fans anlocken.

Wer THE WATCH ablehnt, weil das ja „NICHTS WERDEN KANN“, der verpasst eine Serie, die sich sehr viel Mühe gegeben hat den Geist von Pratchett zu bewahren. Das fängt mit Details in den Sets an - teilweise muss man auf STOP drücken, um zu kapieren, was da wieder vom Stapel gelassen wurde. Wer Pratchetts Romane kennt, wird bei einigen Dialogen aufhorchen - die Samuell-Mumm-Stiefel-Theorie! Ja, die Charakter sehen nicht so aus wie die Zeichnungen in den Romanen. Was aber total egal ist, denn wenn man die erste Folge gesehen hat, dann schließt man diese Version des Samuel Mumm sofort ins Herz. Da passt auch alles: Die in Alkohol ertränkte Trostlosigkeit, die Tatsache, dass die Wache im Grunde keiner mehr braucht - schließlich wurden die Gilden gegründet. Karotte muss sich daran erstmal gewöhnen, man kann einfach nicht den Chef der Diebesgilde wegen Diebstahls verhaften. Macht er natürlich trotzdem. Zu Recht weißt die Serie daraufhin, dass sie sich von inspirieren ließ von Charakteren der Scheibenwelt. Es ist also nicht DER Samuel Mumm, es ist EIN Samuel Mumm. Das Multiversum spukt auch hier durch die Handlung.

 

Die Handlung ist auch der Knackpunkt: Da knirscht es ein wenig in den Angeln. Das liegt daran, dass „Wachen, Wachen“ sich grundsätzlich von der Stimmung von „Die Nachtwächter“ unterscheidet. Es ist zwar durchaus logisch beide Romane miteinander zu kombinieren, erzählen sie doch auf ihre Weise jeweils einen Anfang. Aber „Wachen, Wachen“ hat trotz des grummeligen Vimes leichtere Comedy-Elemente. „Die Nachtwächter“ dagegen ist längst keine lustige Parodie mehr sondern eine ernste Auseinandersetzung mit der Frage, was wäre wenn … Warum nicht einfach diesen Roman komplett verfilmt hat, der Samuel Mumms Vorgeschichte mit Carcer erzählt? Wobei wir bei Problem Nummer Zwei wären: Carcer. Ein gemeingefährlicher psychopathischer Killer im Buch. In der Serie dagegen unscheinbar und blass. Selbst die Motivation für seine Taten wirkt, als hätten die Drehbuchschreiber auf Automatik gestellt Zeichen aufs Papier gebracht. Leider ist der Schauspieler - Samuel Adewumni - gegenüber Mumm - Richard Former - farblos. Former stiehlt als Mumm sowieso allen die Show. Was zudem nicht erklärt wird - und was vermutlich am Meisten irritiert - es ist zwar Lord Vetinari, aber er wird dargestellt von Anna Chancellore. Erklärt wird das an keiner Stelle. Und leider, leider: Die CGI-Effekte sind dermaßen billig, dass ich ab und an vollkommen raus war. Gut, Detritius ist ein Schauspieler, der vermutlich viel leiden musste am Set bei dem Kostüm. Aber der Drache … Seufz. Aber dann wiederum - diese Kameraeinstellungen. Man muss sich einfach mehrmals die Szene anschauen in der der betrunkene Vimes glaubt Carcer gesehen zu haben. Die Kamera dreht uns als Zuschauende schwindelig, folgt den wirren Blicken Vimes, bis er völlig auf den Boden knallt. Auf die Idee, dass die Imps ihre Aufzeichnungen in einem Comic-Stil verfassen muss ja erst jemand kommen. Inszenatorisch gesehen sind eine Menge von schönen Ideen dabei. Manko: Die Serie endet mit einem Cliffhanger. Da jetzt nicht unbedingt der Riesenerfolg eintrat, wird es wohl keine zweite Staffel geben.

Vielleicht funktioniert die Serie am Besten, wenn man sie als das nimmt was ist: Ein Fantasy-Polizeidrama mit einem tollen Hauptdarsteller, einem ungewöhnlichem Setting und bisweilen arg schwankenden Spezialeffekten. Wer zudem Terry Pratchett nicht kennt, wird sicherlich Spaß mit den Figuren und den überaus wahnwitzigen Storywendungen haben. Klar: Hardcore-Pratchett-Fans werden die Serie nicht anrühren wollen. Wer seine Erwartungen nicht ganz so hoch hängt, kann mit den sechs Folgen eine Menge Spaß haben.

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