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Alfred Wallons Western - Teil 2: Quantrill

Al wallons WsternAlfred Wallons Western
Teil 2: Quantrill

Die Farm des Sklavenhalters Frank Collins wird von Abolitionisten aufgesucht. Luke Quantrill versucht zu fliehen, wird dabei erschossen. Frank Collins, der sich der Meute stellt, wird vor den Augen seiner Frau aufgehängt.

William Quantrill, Lukes Bruder, nimmt die Verfolgung der Mörder auf, stellt und richtet sie.

QuantrillNach Paola, dem Ort, in dem er als Lehrer lebte, kehrt er dennoch nicht mehr zurück. Der Mord an seinem Bruder stellte die Weichen für seine weitere Zukunft ... 

Mit diesem Ausgangsszenario eröffnet Alfred Wallon seinen historischen Roman und versucht, das Leben des berühmt/berüchtigten Guerillaführers nachzuzeichnen.

Der Roman ist untergliedert in vier Abschnitte/Bücher, die jeweils Heftromanlänge haben. Die im Impressum angegebene "1. Auflage" stimmt nur zum Teil: Die ersten beiden enthaltenen Bücher "Die blutigen Jahre" und "Unter der Flagge des Südens" erschienen bereits als Band 1 und 2 einer geplanten Trilogie mit dem Reihennamen "Die Rebellen von Missouri" Anfang der 90er-Jahre. Der bereits angekündigte abschließende 3. Band wurde in dieser Edition nicht mehr gebracht, sondern erst 1997 innerhalb der Serie "Rio Concho" (VAW Verlag Alfred Wallon) als Band 24 "Bitteres Ende" nachgeschoben - allerdings wiederum ohne Abschluss:
Und beendet ist sie immer noch nicht, denn das Leben Quantrills und das seiner berühmt-berüchtigten Raiders ist viel zu interessant, um das in nur drei Romanen schildern zu können. Deshalb werde ich hier zumindest noch einen weiteren Band in naher Zukunft bringen.
(Alfred Wallon im Vorwort von Rio Concho Band 24 (Verlag Alfred Wallon).
Die Einstellung der im eigenen Verlag erschienenen Rio Concho-Serie mit Band 28 verhinderte erneut den Abschluss, sodass tatsächlich erst mit Erscheinen dieses Hardcovers 2010 die Kurzserie abgeschlossen wurde. Allerdings heißt der integrierte Rio Concho-Roman nun "Die Gesetzlosen". Den eigentlich bereits vergebenen Titel "Bitteres Ende" bekam der tatsächliche, neu geschriebene Abschlussband.
 
Zumindest die ersten beiden Bücher von "Quantrill" wirken sehr episodenhaft.

Mit kurzen Einschüben, historischen Betrachtungen, versucht Alfred Wallon, die Episoden zu verbinden, doch das gelingt nur zum Teil. Schon bei der ersten Überleitung, vom Rächer Quantrill zum Guerillakämpfer, der mehrere Quäker in einen Hinterhalt lockt, bleibt der Autor allein den historischen Fakten treu und weicht einem erklärenden Romantext aus. Bereits hier muss die Frage gestellt werden: Warum nähert er sich der Figur Quantrills in Romanform, wenn er gleichzeitig nicht bereit ist, bestehende Lücken im zeitlichen Ablauf erklärend zu schließen?

Noch deutlicher dann der Übergang zur dritten Episode: Genau die Szenen, die ich als Leser in Romanform erwarten würde, werden einzig als erläuternde, von der Romanhandlung losgelöste Einschübe gebracht:
Was geschah jedoch in diesen unruhigen Wochen in Kansas? Die Gerüchte über eine Freiwilligentruppe, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Überfälle in Missouri durchzuführen, bewahrheitete sich. James H. Lane, der Führer der Abolitionisten in Lawrence, muss wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt den Namen Quantrill schon gehört haben. Auf jeden Fall wurde nun eine Truppe gegründet, die in den nächsten Jahren das ganze Land jenseits der Kansas-Grenze mit Terror und Angst überziehen sollte.
Quantrill, Seite 27 (1. Buch: Die blutigen Jahre; kursiv gesetzte Anmerkung)
Weder die Gründung von Quantrills Reitern noch die Gründung der "Jayhawkers" als Reaktion darauf wird im Roman selbst geschildert. Obwohl Alfred Wallon im Vorwort noch schreibt:
Auf all diese Ereignisse während der blutigen Jahre des Bürgerkrieges geht der Roman ein und schildert den weiteren Weg Quantrills.
Quantrill, Seite 7 (Vorwort von Alfred Wallon)
Und auch der Klappentext verspricht:
Er (der Roman, Anm. des Rezensenten) zeichnet die wichtigsten Station im Leben dieses zwiespältigen Mannes nach – von dem Moment an, wo er aus Rache gleichgesinnte Mörder um sich scharte, bis zu seinem bitteren Ende.
Leider fehlen gerade viele dieser versprochenen Schlüsselelemente des Romans in den ersten beiden Büchern. Es werden viele actionhaltige Episoden aneinandergereiht, doch der eigentliche Weg William Clarke Quantrills bleibt Alfred Wallons erläuternden Bemerkungen vorbehalten, und sei es auch nur:
In den folgenden Monaten verliert sich die Spur des Mannes, der den Abolitionisten Rache geschworen hat. Es liegen auch keinerlei historische Quellen darüber vor, was Quantrill in dieser Zeit unternommen hat und wovon er lebte. ...
Quantrill, Seite 24 (1. Buch: Die blutigen Jahre; kursiv gesetzte Anmerkung)
Tatsächlich darf der Leser dann miterleben, wie fünf Arbeit suchende Burschen von den "Redlegs" überwältigt, aber noch rechtzeitig von Quantrills Männern (!!! Wann hat er die denn um sich geschart?) befreit werden.

Insgesamt erstaunlich, wie sehr die titelgebende Figur in den beiden ersten Romanen im Hintergrund bleibt. Nicht nur, dass man als Leser die entscheidenden Wendepunkte und viele wichtige Entwicklungen schlicht nicht präsentiert bekommt (wie die Gründung seiner "Raiders"), der Autor bietet auch keine andere permanent präsente Figur an, durch deren Augen man das Geschehen betrachten kann.

Zu der merkwürdigen Distanz, die der Autor zu allen Figuren hält, kommen noch zwei große stilistische Ärgernisse hinzu: eine große Oberflächlichkeit und eine Bürokratensprache.

Um nicht zu viel von der Handlung zu erwähnen, will ich auch diese Kritik an der Eingangsepisode erläutern. Beim Überfall auf Frank Collins versucht man als Leser, die Positionen der handelnden Figuren zu bestimmen, um deren Agieren vielleicht nachvollziehen zu können. Leider bekommt man nur die Aussage vorgesetzt, dass es sich bei Frank Collins um einen Sklavenhalter handelt - mehr nicht. Wie viele Sklaven hat er? Wo sind diese bei dem Überfall? Wie geht Frank Collins mit ihnen um? Wie gehen die Abolitionisten mit ihnen um? Werden sie befreit? Wenn ja, sind die Sklaven dafür dankbar?

Die Bürokratensprache: Als Frank Collins aufgehängt werden soll, heißt es schlicht:
Einer von Perkins' Männern, derjenige mit dem Seil, war schon dabei, die notwendigen Schritte in die Wege zu leiten.
Quantrill, Seite 13 (1. Buch: Die blutigen Jahre)
Eine nüchterne Sprache mag durchaus oft das richtige Stilmittel sein, doch hier wären ein paar Erläuterungen, Emotionen und Gedankengänge schön gewesen.
 
Dann dürfen auch noch die Bewohner Paolas "ihren täglichen Gewohnheiten nachgehen" (Seite 15), der Ladenbesitzer einen "förmlichen Ansturm" erwarten (Seite 15), und nicht zuletzt fast jede Figur früher oder später etwas "registrieren" - sicherlich eins der Lieblingswörter des Autors in diesem Buch.

Dann versteht es der Autor leider immer wieder, den Lesefluss gekonnt zu unterbrechen:
... Stimmen, die ihn alarmierten und zusammenzucken ließen.
(Seite 20)
Erst zuckt man zusammen. (Zucken ist ein Reflex, während die Alarmierung eine Schlussfolgerung ist.)
Eine Viertelstunde später gelang es ihm dann, sich so nahe heranzuschleichen, dass er erkennen konnte, ...
(Seite 20)
Gemeint ist sicherlich, dass das Anschleichen eine Viertelstunde dauert.
Quantrill wartete jetzt kaltblütig ab ...
(Seite 21)
Das "jetzt" unterbricht den Handlungsablauf und lässt das Geschehen zu einer Momentaufnahme werden.

Diese Aufzählung der Leseflussstörungen mag kleinlich sein (zumal sie sehr einfach zu beseitigen wären - wo war der Lektor?) - doch zum einen ist sie bei Weitem nicht abschließend und zum anderen kann ich sie bis auf einige Ausnahmen nur im 1. Buch feststellen, was den Schluss zulässt: Der Autor versteht sein Handwerk.

Eigentlich.

Nur nicht im ersten aufgenommenen Buch.

Ab dem zweiten Buch haben sich diese Fehler dramatisch reduziert.

Leider folgt die Enttäuschung auf dem Fuß: Der ungetrübte Lesegenuss könnte nun gewährleistet sein, will sich aber dennoch nicht einstellen. Erst jetzt werden die tatsächlichen Schwächen des Buchs offenbart. Der Roman hat keine Sprachästhetik, keinen Wortwitz, keine Ironie oder Sarkasmus, kaum Erläuterungen, einzig Fakten, die oft ohne jegliche tiefergehende Erläuterung präsentiert werden.

Warum haben Quantrills Leute sich ihm angeschlossen? Warum nicht den konföderierten Truppen? Was denken sie bei den Überfällen und ihren grausamen Taten? Wie leben sie? Woher beziehen sie die benötigten Lebensmittel und Vorräte? Wie stehen sie zur Bevölkerung?

Ab und zu findet sich eine Aussage im Roman, doch diese sind dann so nüchtern gehalten und so wenig geschildert, dass sich keine Bilder einstellen wollen.

Der Roman bietet im Gesamten keinerlei Motive, keine Beweggründe. Mit seinen kursiv gesetzten Erläuterungen versucht Alfred Wallon zumindest, dem Leser etwas in die Hand zu geben – insgesamt bleibt es zu vage, zu wenig erläuternd und schlicht und ergreifend zu wenig gelebt:
Die Grausamkeiten von Captain William Sloan Tough mögen nach heutigem Ermessen grausam und unmenschlich erscheinen, aber sie sind trotz allem historisch verbürgt und müssen demzufolge in einer authentischen Erzählung natürlich erwähnt werden.
Quantrill, Seite 88 (2. Buch: Unter der Flagge des Südens, kursiv gesetzte Anmerkung)
Trotzdem wurden beide Gerüchte von vielen geglaubt, die insbesondere natürlich eine Rechtfertigung für ihre brutalen Überfälle in Kansas sahen. Quantrills Unterführer Anderson verdiente sich nämlich in diesen Tagen seinen Namen „Bloody Bill“ zurecht.
Quantrill, Seite 111 (2. Buch: Unter der Flagge des Südens, kursiv gesetzte Anmerkung)
Einige dieser Anmerkungen wurde dann tatsächlich in Romanform gebracht, vieles hingegen nicht. Gerade die entstandenen gegensätzlichen Gerüchte in der Bevölkerung wären ein dankbares Thema gewesen, das einem authentischen Roman gut zu Gesicht gestanden wäre. Ebenso die Namensgebung Andersons – das sind die Themen, die interessieren würden. Alles Kapitel, die dem Leser vorenthalten werden.

Bei den ersten zwei Büchern fällt auf, dass die Redlegs durchgehend eindimensional böse geschildert werden, während die Handlungsweise von Quantrills Männern sogar oft „edel“ dargestellt wird und deren blutiges Handwerk nur in den Anmerkungen hervorgehoben wird. Alles wirkt ein wenig einseitig, parteiisch. Ein Blick in die Quellen offenbart die posthume Danksagung an den Antiquar Wilfried Ott, der darüber hinaus u. a. auch ein politisch einseitig verbrämtes Sachbuch namens „Der zerbrochene Traum“ veröffentlicht hat. Ich fürchte, dass diese beiden ursprünglichen Heftromane unterschwellig ganz im Geiste Otts verfasst wurden.

Mit dem 3. Buch „Die Gesetzlosen“ führt Alfred Wallon die Figur des Pinkerton-Agenten Will Calhoun ein, einem fiktiven Helden aus seiner „Rio Concho“-Serie. Hat der Autor eingesehen, dass er mit der bisherigen Annäherung an William Clarke Quantrill und der rein auf Fakten vertrauenden Handlung eine Sackgasse beschritten hat?

Will Calhoun gelingt es, bis zu Quantrills Bande vorzudringen. Er schließt sich ihnen an, um den Yankees Informationen zuzuspielen, die Bandenmitglieder gegenseitig aufzuhetzen und vielleicht William Clarke Quantrill selbst auszuschalten, wenn sich die Möglichkeit bieten sollte.

Prinzipiell hat Alfred Wallon mit der Einführung Will Calhouns eine richtige Entscheidung getroffen. Die Umsetzung glückt ihm aber leider nicht wirklich, wird richtiggehend zynisch: Will Calhoun nutzt die Gunst der Stunde, rettet einigen der Quantrill-Raiders das Leben, tötet dabei selbst zwei Redlegs.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Solch eine Darstellung ist legitim und wäre vielleicht auch realistisch. Dann aber muss sie auch konsequent beibehalten und Calhoun als Sympathieträger hinterfragt werden. Calhoun als Nordstaatler tötet die Redlegs, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, und das ist schlicht zu wenig. Keine Reflexion des Geschehenen, keine Auseinandersetzung mit sich selbst, keine Gewissensbisse … Auch der Autor als Erzähler geht in der Folge nicht mehr darauf ein.

Das folgende von Calhoun begonnene Intrigenspiel mag ebenfalls nicht wirklich überzeugen und wirkt insgesamt zu einfach, scheint einer Vorabendsoap entnommen zu sein.

Im Abschlussband „Bitteres Ende“ verliert der Autor den titelgebenden historischen Charakter fast gänzlich aus den Augen, alleine Will Calhoun und die Guerillas stehen im Mittelpunkt. Das Buch fällt noch episodenlastiger aus als die beiden ersten Bücher des Romans. Zu groß sind die zeitlichen Abstände der geschilderten Szenen, als dass man das Ergebnis noch als Roman mit durchgehender Handlung bezeichnen könnte.

Bei einigen Figuren ist es Alfred Wallon wichtig, sie zu nennen und agieren zu lassen, doch wie bereits kritisiert, oft ohne tiefergehende Schilderung. So zum Beispiel beim Überfall der Stadt Centralia:
Auch Jesse James und sein Bruder Frank gehörten zu den Brandstiftern. An der Erschießung der Rekruten waren sie jedoch nicht beteiligt gewesen. Das änderte aber auch nichts daran, dass sie ebenso ein Teil der Gewalt waren, die Centralia heimgesucht hatte.
Quantrill, Seite 266 (4. Buch: Bitteres Ende)
Mehr wird hier über die James-Brüder, die in anderen Romanteilen als Hauptfiguren angelegt waren, nicht ausgesagt. Was empfinden die beiden, als ihre Kameraden die jungen Burschen erschießen? Warum sind sie in dieser Gruppe, wenn sie sich vielleicht nicht damit identifizieren können? Wie stehen sie zu den anderen Guerillas?

Die Fakten in diesem Buch, ja - eigentlich im ganzen Roman, mögen allesamt stimmen. So, wie sie präsentiert werden, können sie aber keine Geschichte, keine Historie vermitteln, weil sie schlicht zu sehr für sich stehen, ohne ein „Mitfiebern“ zu erzeugen oder gar Spanung entstehen zu lassen.

Auffallend auch während des gesamten Romans, wie schnell die Verletzten sterben. Eine Bauchschussverletzung ist eine Sache von wenigen Sekunden, und viele Kämpfende dürfen schon mal durch eine Kugel das Gesicht oder den Kopf verlieren. Der Autor wiederholt sich mehrmals, fast entschuldigend, mit seiner Aussage, dass die im Buch geschilderten Grausamkeiten historisch überliefert und authentisch sind – doch die dargestellten Auswirkungen bleiben im Trivialen. Gerade in dem Bereich, wo Alfred Wallon punkten wollte. Wo ein historischer Roman punkten müsste.

Positiv: Wie alle Persimplex-Bücher ist „Quantrill“ sehr schön aufgemacht und ein Blickfänger im Regal. Ein optisch schönes Hardcover.

Fazit Nr. 1:
Die brutalen und heute recht grausam erscheinenden Vorgehensweisen beider Seiten sind historisch verbürgt und müssen deswegen auch erwähnt werden. Nur so kann man begreifen, weshalb der Kampf immer unerbittlicher, immer grausamer geführt wurde.
Quantrill, Seite 7 (Vorwort von Alfred Wallon)
Äh ... ja.

Diesen Ansatz mag man kapieren, oder auch nicht. Dem Autor darf man bescheinigen, ihn aber im Roman konsequent umgesetzt zu haben.

Ich denke, dieses Zitat bringt das ganze Problem des Romans prägnant auf den Punkt. Gewalt wird mit Gewalt erklärt – das Warum, das Wieso, das Weswegen bleibt (wenn überhaupt) kurzen Erläuterungen vorbehalten, die zu wenig Aussagekraft haben, um Bilder erzeugen zu können.
Und das „Weshalb“ hätte in meinen Augen anders (intensiver, emotionaler, historisch mehr eingebettet) erklärt werden müssen.

Alfred WallonFazit Nr. 2:
Der Klappentext des Romans verspricht viel.

Alfred Wallon verspricht im Vorwort noch mehr.

Mit zwei verschiedenen Ansätzen versucht der Autor sich daran, sich der historischen Figur zu nähern – und scheitert zweimal. Katastrophal.

Über William Clarke Quantrill im Roman „Quantrill“:
Wer war eigentlich William Clarke Quantrill – die Hauptfigur dieser historischen Erzählung? Wie wurde er zu dem berühmt-berüchtigten Guerillaführer, der ganze Landstriche in Angst und Schrecken versetzte? War er ein Teufel in Menschengestalt oder vielleicht nur eine tragische Figur – geprägt von den Ereignissen der damaligen Zeit? Auf alle diese Fragen versucht dieses Buch, eine Antwort zu geben. Gestützt auf verschiedene historischen Quellen habe ich mich bemüht, ein Bild zu zeichnen, das den Ereignissen der Jahre 1854 – 1865 gerecht wird.
Quantrill, Seite 5 (Vorwort von Alfred Wallon)
Als einzige der selbstgestellten Fragen beantwortet Alfred Wallon im Roman die erstgenannte, und das gleich zweimal. Beide Aussagen werden getroffen, ohne näher erläutert zu werden:
Lukes älterer Bruder (William Clarke Quantrill, Anm. d. Rezensenten) war ein notorischer Einzelgänger, der auch jetzt noch im Grunde genommen ein Fremder in Paola war. Auch wenn die Quantrills hier schon fast ein Jahr lebten und William versucht hatte, die Stelle eines Lehrers auszuüben. Er war daran gescheitert wie an so vielen anderen Dingen auch.
Quantrill, Seite 17/18 (Erstes Buch: Die blutigen Jahre)
William Clarke Quantrill war der geborene Führer, und nur deshalb hatte er so viele kampfentschlossene Männer um sich sammeln können.
Quantrill, Seite 164 (Drittes Buch: Die Gesetzlosen)

Sehr wahrscheinlich, dass die beiden so widersprüchlichen Aussagen im Roman tatsächlich auf historische Aussagen beruhen und beide sogar zutreffend sind. Ich denke aber, dass die Zitate verdeutlichen, wie sehr ein Roman scheitern muss, der sich ausschließlich auf Fakten stützt, ohne sie in eine erzählte (!) Rahmenhandlung einzubetten und ohne die Figuren mit Leben zu füllen und sich entwickeln zu lassen.
Quantrill
QUANTRILL
Roman von Alfred Wallon
mit einem Vorwort von Alfred Wallon
und einem Vorwort von W. R. Benton
1. Auflage 2010
292 Seiten

Storykeeper Verlag, Wismar / Persimplex Verlagsgruppe

Kommentare  

#1 Hermes 2012-05-02 02:19
Eine beeindruckende Analyse! Eingie der angesprochenen Ärgernisse erklären sich wohl durch die Entstehungsgeschichte der vier Teile, die zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben wurden und zuerst in unterschiedlichen Reihen erschienen sind. Daraus ein in sich geschlossenes Ganzes zu machen ist nicht einfach.

Zur kritisierten Darstellung des Südens muss man sagen, es gibt gewissermaßen schon eine Tradition in Deutschland die Südstaaten in ein eher positives Licht zu setzen. In einem kürzlich erschienen RD-Unitall über Jules Verne findet man dies, aber auch Horst Hübner hat in den 70er Jahren seinen ZK-Roman über die Ermordung Abraham Lincolns in dieser Ausrichtung geschrieben.
#2 Andreas Decker 2012-05-02 15:37
Schöne Rezi!

In diversen amerikanischen Romanen wird auf Quantrill als Figur zurückgegriffen. Ich habe ein paar gelesen, und natürlich bleibt die Figur des Quantrill meistens im mythischen Hintergrund, da sie so am besten funktioniert. Das waren keineswegs historische Romane, sondern Durchschnittwestern.

Und in allen kam der Mann als das weg, was er wohl auch war: ein echter Soziopath und Mörder. Irgendwie drängt sich aus aktuellem Anlaß der Vergleich mit dem Norweger Breivik auf.

Nun haben Figuren wie Quantrill ja die, sagen wir mal, Gnade der historischen Distanz und endloser Relativierung. Er und seine Mörderbande - die als selbsternannte Guerilla ja nicht einmal die "Moral" regulärer Truppen für sich in Anspruch nehmen können - haben ja heute noch ihre Fans. Auch das ist nicht ungewöhnlich, das ist nicht mal ein amerikanisches Phänomen, in manchen Gegenden Deutschlands wird ein Schlächter wie Tilly ja immer noch als guter Katholik verehrt, in England ist es halt Cromwell - in Irland weniger. :lol:

Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob so ein Thema wirklich erfolgreich als "Western" in diesem Format abgehandelt werden kann. Von "er rächt seinen Bruder" wie John Wayne zu "ich massakriere eine ganze Stadt" ist doch ein weiter thematischer Weg. (Ich nehme mal an, dass das Massaker von Lawrence, wo Quantrill 180 Zivilisten ermordet hat, ein Kapitel im Roman ist). Aber bei solchen Dingen stoßen Romane ja schnell an ihre Grenzen.

Gerade das Massaker von Lawrence - ich bin kein Experte, habe bloß man einen Artikel darüber gelesen; in Ken Burns Geschichte des Bürgerkrieges ist es auch kurz abgehandelt worden - weist ja interessante Parallelen zum Vietnamkrieg oder heute den Taliban auf. Zivilisten zwischen zwei verschiedenen Gruppen, die beide ihre Ideologie und ganz praktische Dinge mit Gewalt durchsetzen. Nur kann ein Unterhaltungsroman, geschweige denn ein Western, so diffizile und komplizierte Themen ausgewogen darstellen? Kann das überhaupt seine Aufgabe sein?

Aber vielleicht ist das auch nur mein persönlicher Geschmack. Ich finde gerade deutsche Bürgerkriegswestern ausgesprochen problematisch mit ihrem Hang zur Vereinfachung und eingebauter Romantisierung.
#3 Advok 2012-05-02 16:38
#1: Ja, man erkennt dem Roman an, dass er nicht am Stück geschrieben wurde. Für sich alleine stehend ist dennoch kein überzeugender dabei.

Bei der "Tradition" stimme ich dir zu: Als weitere Beispiel kann ich noch die Romanheftreihen "Captain Concho" und "Major Carson" anführen. Bei Captain Concho (um Band 14 & 15) tauchte ja auch Quantrill selbst auf - und zumindest das Grundszenario ist bei mir haften geblieben.

#2: Zu "Lawrence" wurde in den Vorwörtern viel versprochen, dann im Buch "Quantrill" sehr wenig gehalten. Aus dem Roman selbst erschließt sich nicht, warum die Stadt überfallen wird. Während Lawrence laut W.R. Benton noch abgebrannt wird (den genauen Wortlaut habe ich jetzt nicht im Gedächtnis), geht dies aus dem Roman selbst nicht hervor.

Die grundsätzliche Frage, ob ein Western in diesem Format möglich ist, möchte ich prinzipiell mit "Ja" beantworten. Wenn das Thema selbst zu groß und zu vielseitig ist, muss man sich den richtigen Blickwinkel suchen und Mut zur Lücke zeigen. Der Ansatz von Alfred Wallon mag da richtig sein: Quantrill selbst eher im Hintergrund halten und durch die Augen anderer Personen zu sehen. Nur sind die anderen Personen bei Quantrill als Charaktere halt zu wenig ausgebaut.

Parallelen zum Vietnamkrieg und zu den Taliban: Hier kommt es auf den Maßstab an. Ich glaube, da kann man Parallen finden, aber auch Widersprüche aufzeigen.

Lawrence: Hier gibt es tatsächlich in meinen Augen einen sehr guten Film: "Ride with the Devil" (Wer mit dem Teufel reitet". Kein Actionkracher, sondern ein Film, der gerade mit der Schilderung des Lebens überzeugt. Und gerade auch der Schluss, wo sich die zwei gegensätzlichen Charaktere gegenüber stehen, weißt einen geradezu genialen Verlauf auf (mehr will ich dazu jetzt nicht schreiben).
Zudem zeigt der Film, dass die Natur und Krankheit ebenfalls nicht zu unterschätzende Feinde der Guerillas sind.

Doch zurück zur Frage, ob überhaupt möglich: Mark Twain zeigt z.B. in Huckleberry Finn auf, wie eine spannende Handlung mit der (kritischen) Darstellung der Gesellschaft gut kombiniert werden kann. Das Buch mag ein hoher Maßstab sein - aber der Ansatz hierfür, das 'Leben' und die 'Gesellschaft' einzubringen, halte ich für den geeigneten Schlüssel.
#4 Andreas Decker 2012-05-02 17:28
Zitat:
Doch zurück zur Frage, ob überhaupt möglich
Klar ist so etwas grundsätzlich möglich. Davon lebt die Literatur ja. Es ist nur eine Frage des Formats. Und bei Genreliteratur ist das halt so ein Problem. Das ist ja auch nicht ihr Daseinszweck. Niemand erwartet in einem Jerry Cotton eine fundierte Analyse zur Einschränkung amerikanischer Bürgerrechte nach 9/11. ;-)

Und da du gerade Captain Concho ansprichst, ich hoffe doch sehr, dass da Qualitätsunterschiede zu neuen Romane wie von Persimplex bestehen. Concho 1 ist für mich das absolute Negativbeispiel, wie man mit so einer Materie umgehen sollte.
#5 Advok 2012-05-02 17:51
#4: Captain Concho ist halt ein Actionkracher - nach den Auftaktbänden sind aber einige wirklich gute Romane dabei. Wenn ich mich recht erinnere, haben mir die Bände 4 bis 37 damals recht gut gefallen. (Damals schreibe ich bewusst, da ich in letzter Zeit merke, dass mir Sachen, die mir früher gefallen haben, heute nicht mehr so zusagen.)

Des Problem bei Quantrill: Der Roman funktioniert als solcher schlicht gar nicht. Vom Unterhaltungswert her würde Captain Concho deutlich mehr Punkte gewinnen - obwohl der Autor mit seinen "historischen Romanen" einen höheren Anspruch an seine Werke erhebt.

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