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Larry Ballard Akte 1: Der Tote in der Telefonzelle

StoryDer Tote in der Telefonzelle

"Es ist wirklich merkwürdig, Herr Ballard!"

In der Tat, das war es. Ich bin zwar gewohnt, nur zu merkwürdigen Fällen hinzugezogen zu werden, doch solch einem Fall bin ich noch nie begegnet.

Der Tote, ein muskulöser, sicherlich mehr als ein Meter neunzig großer Mann liegt vor mir in der Telefonzelle. Die zerschnittenen Hände ragen durch die zerborstenen Scheiben links und recht ins Freie, die Rechte hält noch den kabellosen, weil abgerissenen Hörer. Die gebrochenen Augen des Unbekannten drücken im Tote noch Unglauben, Überraschung und Verwunderung aus.

 

Merkwürdig!

Der Kripobeamte, der mich empfangen hat, scheint meine Gedanken nachzuvollziehen. "Er bekam nicht mehr viel mit. Eine Scherbe hat sich in seine Kehle gebohrt. Er muss ziemlich schnell gestorben sein."

"Ein schwacher Trost", murmele ich nur. Seitdem ich bei der Polizei beschäftigt bin habe ich bereits viele Tote gesehen, doch an den Anblick gewöhne ich mich nie. Und bei dem Unbekannten in der Telefonzelle kommt noch hinzu, dass er im Grunde, abgesehen von seinen von außen zugefügten Wunden, einen kerngesunden Eindruck macht. Das Unheil, wie auch immer es geartet ist, war ohne Vorwarnung über ihn hereingebrochen und hat ihn aus dem Leben gerissen. Zeit, sich auf den Tod vorzubereiten, blieb ihm gewiss nicht mehr.

Ich konzentriere mich nun mehr auf die Fakten. Die Gedanken, die sich über Leben und Tod drehen, mögen zwar interessant und gleichfalls belastend sein, doch zur Lösung des Falles tragen sie nicht bei.

Der Unbekannte muss die beiden Fenster der Telefonzelle selbst eingeschlagen haben. Die Wunden an den Armen und die Scherben, die nach außen gefallen sind, beweisen es eindeutig. Alleine diese Verletzungen wären schon tödlich gewesen. Die gleichfalls tödliche Wunde an der Kehle musste er sich beim Stürzen nach dem Einschlagen der Glasfenster zugezogen haben.

Irgendetwas noch zu Bestimmendes, aber sicherlich außergewöhnliches, muss hier geschehen sein. Bereits öfters bin ich auf Fälle gestoßen, in denen übersinnliche Phänomene eine wichtige Rolle spielten. Und auch bei diesem Fall  scheint etwas rationell nicht Erklärbares vorgefallen zu sein: Wer zertrümmert schon aus freiem Willen heraus die Fenster einer Telefonzelle? Es  gibt einfachere Methoden, Selbstmord zu begehen.

Entschlossen, das Mysterium zu lösen, greife ich mir unter das Hemd und hole mein geweihtes jahrhundertealtes Kreuz aus der Zeit der Inquisition hervor, das mir bereits des Öfteren gute Dienste erwiesen hat. Die zwei Kollegen der Spurensicherung, die die Telefonzelle absuchen, mustern mich bedeutsam und erst nach einem Wink des Kripobeamten treten sie einen Schritt zur Seite. Ich ziehe es vor, die Blicke zu ignorieren und gehe konzentriert einmal um die Zelle herum, das Kreuz immer auf die Zelle mit dem Toten gerichtet.

Nichts passiert. Kein Erhitzen des Metalls, wie es normalerweise der Fall ist, wenn das Kreuz auf magische Tätigkeit jedweder Art trifft.

 So einfach ist der Fall also nicht zu lösen!

Ich wende mich an den Kripobeamten, der hinter mir zurückgeblieben ist und mein Treiben stumm verfolgt: "Wurde der Tote bereits identifiziert? Trug er etwas bei sich, woraus man Schlüsse auf seinen Tod ziehen kann?"

"Ich muss Sie enttäuschen, Herr Ballard. Der Mann hat keine Brieftasche bei sich, auch sonst nichts, was eine Identifizierung ermöglichen würde.

Allerdings hat er eine Tasche bei sich gehabt, laut einigen Zeugen. Diese haben den Toten vor etwa zwei Stunden noch lebend am Fluss unten gesehen. Und da die Tasche hier nirgends zu finden ist, hoffe ich, dass sie am Fluss irgendwo zurückgelassen wurde, so dass wir vielleicht doch noch einige Hinweise finden. Männer der Spurensicherung suchen sie bereits." Er sieht mich eigenartig an und dreht sich dann zur Telefonzelle. "Ich frage mich, woher er diese Kraft genommen hat? Beide Scheiben gleichzeitig!"

Deshalb der merkwürdige Blick! Er will damit erreichen, dass ich von meinen anderen Fällen erzähle. Von Personen, die von Dämonen beseelt, vom Teufel besessen und von einer Hexe verflucht waren. Ich lächle nur und winke ab. Stattdessen frage ich: "Er hat den Telefonhörer noch in der Hand. Wird bereits nach seinem Gesprächspartner gesucht?"

"Natürlich!"

"Lassen Sie mich raten: Bislang ohne Erfolg."

"Herr Ballard, Sie müssen in der Tat übersinnliche Fähigkeiten besitzen", meint er spöttisch.

Nun, ich kann Spott vertragen. Demonstrativ gehe ich erneut auf die Zelle zu und drücke durch die jetzt offene Seitenwand das Kreuz fest auf den Toten.

Wieder keine Reaktion!

Plötzlich ertönt vom nahegelegenen Fluss ein Schrei eines Mannes der Spurensicherung: "Hier ist die Tasche!"

Erwartungsvoll sehen der Kripobeamte und ich uns an. "Vielleicht findet sich ein Hinweis!" vermutet er.

Doch das Piepsen des in seinem Auto angebrachten Autotelefons hält uns davor ab, den Fundort sofort aufzusuchen.

Schnell hebt der Kripobeamte ab. "Hier Mattek! Karl, habt ihr etwas herausgefunden? Was, ihr habt den Gesprächspartner? Seine Frau hat mit ihm telefoniert? Gute Arbeit, Karl!"

"Eine Angel liegt neben der Tasche!" höre ich den Mann, der die Tasche gefunden hat, vom Fluss her rufen, während Mattek telefoniert.

"Was hat die Frau gesagt? Sag' das noch einmal!"

Matteks Gesprächspartner wiederholt seine Aussage, so laut, dass sogar ich es deutlich verstehe:

"Der Sprechkontakt zu ihrem Mann ist in dem Augenblick abgerissen, als er ihr beschreiben wollte, wie groß der Fisch ist, den er gefangen hat!"

ENDE

 

Larry  Ballard - Meine unheimlichen FälleDie weiteren Geschichten
Das Rätsel um den Toten (15. Mai 2010)
Der Nonnenmörder (29. Mai 2010)
Dämonenbeschwörung (11. Juni 2010)
Der Fund  (25. Juni 2010)
Der Dschinn (09. Juli 2010)

Kommentare  

#1 Mikail_the_Bard 2010-06-13 21:40
...nee ich musste 2x lesen und wartet auf Teil 2, der dann ganz anders weiter ging. Also las ich nochmals...
Schon pech wenn man einen Fischmenschen am Haken hat.
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