Die Sicht der Taiwan Blue Magpie

Die Sicht der Taiwan Blue Magpie
Eines Tages flog eine Taiwan Blue Magpie – mit einem schwarzen Schal um den Hals, lippenstiftroten Lippen, roten Holzklotz-Riemensandalen an den Füßen und einem Körper, der wie ein Saphir erstrahlte – an einem Maulbeerbaum vorbei. Sie wurde von einem unbeschreiblich köstlichen Duft angelockt. Die Magpie blinzelte leicht und sah den alten Onkel Kam-khó, der vor dem Shangdi-Tempel Gemüsezongzi verkaufte. Er öffnete gerade einen Stoffbeutel, der vollgepackt war mit duftenden Zongzi: pralle Erdnüsse, golden glänzender Klebreis, beträufelt mit dunkler Sojasauce, weißem Knoblauchbrei, frischem Koriander und dem feinen Aroma von Zongzi-Blättern. Doch ein Zivilpolizist auf der Seite belästigte und schikanierte ihn unaufhörlich mit lästigem Gerede (lô-kah-khì-phut-phu), sodass man vor Wut kaum atmen konnte, während er vor dem Baumstamm saß. Wie aus dem Nichts erfasste ihn plötzlich ein zehnrädriger Lastwagen und tötete ihn auf der Stelle; die Zongzi verstreuten sich über den ganzen Boden – eine zutiefst tragische Szene. Obwohl sich damals niemand traute, seine Leiche zu bergen, kam glücklicherweise ein junger Mann unter der brennenden Sonne (烈日曝曬), um an seinem Grab seine Ehrerbietung zu erweisen. Erst nach vielen Nachforschungen fand der junge Mann heraus, dass es gar nicht Onkel Kam-khó gewesen war, der die Leiche von Herrn Tang Te-chang (einem Opfer des Zwischenfalls vom 22. Februar) geborgen hatte, sondern Herr Yeh Tou-chi, der Tempeldiener des Dadao-Tempels. Die Schrecken der parteipolitischen Verfolgung erfüllten sein Herz mit tiefem Schmerz und Verbitterung.
Gleich darauf erblickte die Magpie eine Großmutter, die am Straßenrand weinte wie eine verwelkte Blume. Unter Tränen klagte sie über das Leid ihres ganzen Lebens, in dem sie „Ohren, aber keinen Mund“ haben durfte: Wollte man die ganze Geschichte erzählen, kämen die Tränen nie zu einem Ende. Die Kinder von heute sprechen fließend Amerikanisch, doch für unsere Ohren klingt es nur wie wirres, unverständliches Geplapper (lin-lin long-long / 玲玲瑯瑯). Und wenn unser Enkel versucht, Taiwanisch zu sprechen, klingt es völlig gestockt und holprig (ki-ki kia̍k-kia̍k / 嘰嘰嘎嘎). Für uns ist das nichts weiter als bedeutungsloses Gerede, das bloß über die Lippen gepustet wird. Die Magpie seufzte tief, und ihre Augen füllten sich mit roten Äderchen. Sie hatte einst miterlebt, wie Kinder in der Schule Schildchen um den Hals tragen und Strafen zahlen mussten, nur weil sie ihre Muttersprache sprachen. Obwohl man heute keine Geldstrafen mehr zahlt, erfüllte sie die Demütigung und Trampeln auf dieser edlen Sprache durch die Politik mit tiefem Zorn.
So vergingen Jahrzehnte, und aus dem einstigen jungen Mann wurde ein bekannter taiwanischer Schriftsteller. Er spielte Gitarre und sang ein Lied, um seiner Heimat eine Stimme zu geben. Der Text berührte die Magpie zutiefst, und sie summte leise mit:
Die Magpie schwebte mit unendlichem Wehmut und Widerstreben auf Stelle am Himmel, lange, lange Zeit, unfähig, sich von diesem Land zu trennen.



