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Kurt Luifs Werkausgabe - 11. Teil - Kommissar X 1342 - Die Totenkopfbande

Kurt Luif WerkausgabeDie Totenkopf-Bande

Im Mai 2017 wäre Kurt Luif 75 Jahre alt geworden und aus dem Grund habe ich mir die Mühe gemacht und diverse Romane von ihm eingescannt und präsentiere Euch im Laufe der nächsten Monaten einige seiner Werke in eine Art von Werkausgabe.

Nachdem 1983 die Dämonenkiller-Neuauflage startete, bekam Kurt vom Pabel-Verlag das Angebot einen Roman für die Kommissar X-Heftserie zu schreiben und er nutzte sie und schrieb die Story um die Totenkopf-Bande. - Uwe Schnabel

Die Totenkopf-BandeDie Totenkopf-Bande
Kommissar X – Nr. 1342
von Neal Davenport
Die vier Männer auf der Motorjacht zuckten zusammen, als ein durchdringendes Brüllen die Ruhe der Nacht zerriß. Ein riesiger Ölfrachter hatte sich lautstark bemerkbar gemacht.
Die „Pik-As“ war unbeleuchtet, nicht einmal die Positionslichter brannten. Sie schaukelte unweit der kleinen Liberty Island. Die neun Meter hohe elektrische Fackel der Freiheitsstatue glühte grell herüber. Die kitschige Statue selbst bot einen lächerlichen Anblick, denn sie war von einem Stahlgerüst umgeben und sah wie ein Monster aus einer anderen Welt in einem Käfig aus. Nach fast hundert Jahren war eine Generalüberholung notwendig geworden.
Einer der schwarz gekleideten Männer stand, auf der Flybridge und starrte durch ein starkes Nachtglas. Der funkelnden Skyline Manhattans schenkte er nur wenig Aufmerksamkeit. Im Augenblick konzentrierte er sich auf Governors Island, den unzugänglichen Militärstützpunkt. Dann wandte er den Kopf nach links und fixierte den Whitehall Terminal. Jeden Augenblick mußte die Fähre nach Staten Island ablegen.
„Verdammt“, brummte einer der Männer. „Wo bleibt die „Nagira“?“
Er bekam ein mißmutiges Grunzen als Antwort.
Rasch näherte sich die Fähre. Minuten später war sie auf der Höhe der „Pik As“.
Der Mann mit dem Fernglas blickte auf seine Uhr, es war kurz vor elf. Er unterdrückte die aufkommende Nervosität, räusperte sich leise und nahm sofort die Beobachtung wieder auf.
Langsam wanderte sein Blick nach rechts zu den Piers von Brooklyn, dann kam der Bay Ridge Channel ins Bild.
Er atmete geräuschvoll aus, als er die silbern schimmernde Luxusjacht erblickte. Hell erleuchtet glitt sie über die pechschwarze Upper Bay in Richtung Manhattan. Die Bullaugen sahen wie winzige Goldmünzen aus.
„Na endlich“, flüsterte er. „Die „Nagira“ ist eingetroffen. Keith, fahr los!“
Der Motor sprang fast lautlos an. Ein leises Tuckern war zu hören, die Motorjacht kroch langsam an Liberty Island vorbei und näherte sich Ellis Island.
Die „Nagira“ hatte es nicht eilig, den Pier 78 zu erreichen. Sie steuerte auf den breiten Hudson zu.
„Setzt euch die Masken auf“, befahl er.
Die drei Männer gehorchten sofort. Sie holten die Masken hervor, die mit leuchtenden Totenköpfen bemalt waren. Alle waren sie gleich gekleidet: Basketballschuhe, eng anliegende Cord-Samthosen, schwarze Rollkragenpullover und hauchdünne Handschuhe. Nun griffen sie nach den Maschinenpistolen.
„Jetzt geht der Spaß los. Gib mal ein bißchen stärker Gas, Keith.“
Noch einmal blickte er ein paar Minuten durch das Fernglas. Weit und breit war kein Boot der Hafenpolizei zu sehen.
Bedächtig legte er das Glas zur Seite und schob sich auch eine Maske über das Gesicht.
Der Himmel war mit düsteren Wolken bedeckt. Jeden Augenblick konnte es zu regnen beginnen.
Die „Pik As“ raste über die Upper Bay, sie befand sich nur noch eine halbe Meile von der Luxusjacht entfernt.
Deutlich war das hellerleuchtete Heck der „Nagira“ zu erkennen. Nur ein Mann schritt dort auf und ab. Es war einer der Detektive, der die Gäste vor einem unwahrscheinlichen Überfall schützen sollte.
Da es auf dem Sonnendeck zu kühl geworden war, hatten sich die Hochzeitsgäste im geräumigen Hauptsalon der „Nagira“ versammelt. Der Salon war ein Traum in Gelb und Braun. Die indirekte Beleuchtung schaffte eine intime Atmosphäre, die durch die mosaikartige Wandverkleidung und die Wildledercouches noch verstärkt wurde. Die Band spielte einschmeichelnde Melodien von Cole Porter.
Alex Gardiner kippte ein Glas Champagner hinunter. Es störte ihn nicht, daß er schon leicht betrunken war. So würde er die Anstrengungen der Hochzeitsnacht leichter ertragen. Er war groß, athletisch gebaut, sein Haar war pechschwarz und seine Augen strahlend blau.
Neben ihm stand Gwen, die er vor sechs Stunden auf der Jacht geheiratet hatte. Sie war keine Schönheit, ja, man konnte sie nicht einmal als hübsch bezeichnen. Ihre Nase war zu groß, der Mund zu klein, und das schulterlange, kastanienbraune Haar verbarg ihre abstehenden Ohren. Ihre Figur war auch keine Offenbarung, denn sie war dürr wie eine Bohnenstange und flach wie ein Bügelbrett.
„Ich bin so glücklich, Alex“, hauchte sie und drückte sich eng an ihn.
„Ich auch, Liebling“, säuselte er und küßte sie sanft auf die Stirn.
Sie himmelte ihn an, und er lächelte zufrieden und selbstgefällig.
Diese Hochzeit war ein einmaliger Glücksfall für ihn. Das nicht unbeträchtliche Erbe seiner Eltern hatte er innerhalb weniger Jahre verjuxt. Als Juniorpartner in einer Rechtsanwaltskanzlei verdiente er auch nicht sonderlich viel. Vor einem halben Jahr hatte er Gwen Porter kennengelernt, die ihn aber herzlich wenig interessiert hatte. Er schwärmte für dralle, vollbusige Frauen. Gwen war das genaue Gegenteil. Aber er hatte seine Meinung bald revidiert, denn sie war die Tochter von Roger Porter, dessen Vermögen man auf hundert Millionen schätzte.
Ein Steward kam vorbei, und Alex Gardiner reichte seiner frisch angetrauten Frau ein Glas und nahm für sich selbst auch eines.
„Auf unser Glück“, sagte er strahlend und stieß mit ihr an.
Aus den Augenwinkeln musterte er seinen Schwiegervater, der sich mit einem Senator und einem Stadtrat unterhielt. Roger Porter war über die Wahl seiner Tochter alles andere als glücklich. Doch Gwen hatte seinen sturen Schädel geerbt, und wenn sie sich einmal etwas eingebildet hatte, dann war sie nicht mehr davon abzubringen. Für sie war Alex der Traummann, doch ihr Vater dachte da ganz anders. Schließlich hatte sie ihren Willen durchgesetzt und war nun Mrs. Alex Gardiner.
Mehr als hundert Gäste befanden sich an Bord der „Nagira“, darunter bekannte Schauspieler, einflußreiche Geschäftsleute, Politiker und einige von Gwens wenigen Freundinnen.
Zu dieser Prominenz gehörten auch fünf Detektive von Pinkerton, die als Stewards verkleidet waren, doch an ihren ausgebeulten Jacken konnte man sie leicht erkennen.
Die Damen hatten ihre Safes ausgeräumt und an den sorgsam gepflegten Fingern funkelten kostbare Ringe; die teilweise schon faltigen Hälse waren mit glitzernden Juwelen bedeckt. Doch auch die Herren standen ihnen nicht nach, wie Alex feststellte. Die Uhren, Manschettenknöpfe und Ringe stammten nicht vom Trödler, sondern von den teuersten Juwelieren der Fifth Avenue.
Es begann leicht zu regnen. Einer der Detektive spazierte am Sonnendeck auf und ab, ein weiterer war am Heck postiert, und die anderen lungerten in der Nähe der drei Eingangstüren herum.

* * *

Herb Hopkins spuckte angewidert in den Regen, dann stellte er sich vor die Treppe, die zur Kommandobrücke führte.
Er zündete sich eine Zigarette an, dabei blickte er gelangweilt über die Upper Bay. Sein Sprechfunkgerät schlug scheppernd an. Er holte es aus der Tasche und meldete sich.
„Alles in Ordnung bei dir, Herb?“ erkundigte sich Angie Poletti, der auf dem Sonnendeck patrouillierte.
„Ja, nur der Regen könnte aufhören.“
„In fünfzehn Minuten sind wir an Land.“
„Bis dahin habe ich mir einen Schnupfen geholt. Ich werde froh sein, wenn ich diesen verdammten Luxuskahn verlassen darf. Dieser geballte Reichtum schlägt sich auf meinen Magen. Wenn ich so an meine Schulden denke... Was diese Geldsäcke heute gespeist und getrunken haben. Ich darf gar nicht daran denken, was das gekostet hat. Soviel verdiene ich nicht einmal in zwei Jahren.“
Angie seufzte mitfühlend. „Melde dich bei mir in ein paar Minuten.“
Hopkins schob das handgroße Walkie-Talkie in die Tasche, dann stutzte er. Rasch trat er ein paar Schritte vorwärts und blickte neugierig über die Reling. Deutlich konnte er die dunkle Motorjacht erkennen, die sich rasch näherte.
„Das gibt es doch nicht“, brummte er überrascht. Er ließ die Zigarette fallen und wollte in die Tasche greifen.
Doch dazu kam er nicht mehr.
Der Mann hinter ihm holte mit dem Totschläger aus und schlug zu. Bewußtlos sackte Herb Hopkins zusammen.
Der Matrose hetzte zur Reling und ließ ein Fallreep hinunter.
Die Motorjacht kam immer näher, fast berührte sie das Heck der „Nagira“.
Er holte einen Beutel hervor und warf ihm dem maskierten Mann auf der Flybridge zu, der ihn geschickt auffing.
Nun rannte der Gangster auf den Gang zu, der am Hauptsalon vorbeiführte. Es war höchst unwahrscheinlich, daß ihm jemand entgegenkam. Trotzdem duckte er sich und kroch auf allen vieren weiter. Als er das Sonnendeck erreichte, blieb er stehen und wartete.
Angie Poletti schien der Regen nicht zu stören, denn er spazierte gemächlich auf und ab. Der Gangster wurde unruhig. In diesem Augenblick mußten die vier Maskierten bereits an Bord sein. Einer würde sofort zur Kommandobrücke eilen, die anderen zu den Eingängen des Salons rasen.
Er mußte Angie Poletti ausschalten. Der Detektiv stand am Bug und blickte über den Hudson River. Jetzt drehte er sich langsam um und stapfte auf den Eingang zum Salon zu.
Der Matrose sprintete los. Das Prasseln des Regens verschluckte das Geräusch seiner Schritte. Der Detektiv sah zum Harborside Terminal hinüber, da stand der Gangster hinter ihm und schlug zu...
Die Offiziere auf der Brücke und in der Funk- und Radiostation erstarrten, als der Maskierte mit der Maschinenpistole auftauchte. Ohne auch nur an Gegenwehr zu denken, folgten sie den Befehlen des Gangsters.
Ein paar Sekunden später wurden die Eingangstüren zum Hauptsalon aufgerissen. Drei der unheimlichen Gestalten stürzten herein. Zwei waren mit Maschinenpistolen bewaffnet, deren Läufe sich auf die Gäste richteten. Der dritte hielt eine Handgranate in der rechten Hand und einen großen Sack in der linken.
Einer der Pinkerton-Boys versuchte noch, seine Pistole zu ziehen, doch als sich eine Maschinenpistole auf seinen Bauch richtete, ließ er es bleiben.
„Steckt brav eure Händchen in die Höhe“, befahl der Kerl mit der Handgranate.
Die angeregte Unterhaltung war abrupt zu Ende. Die Musiker ließen Ihre Instrumente fallen. Ein paar Frauen kreischten hysterisch, und Männer bekamen fast einen Herzschlag.
„Versucht nicht den Helden zu spielen, meine verehrten Herrschaften. Wir wollen nur eure hübschen Juwelen, Armbanduhren und Ringe. Um die Sache ein wenig vergnüglicher zu gestalten, werdet Ihr jetzt herumhüpfen.“
Es war ein ungewöhnlicher Anblick, einige der einflußreichsten Mitglieder der High Society mit hoch erhobenen Armen herumhüpfen zu sehen. Doch keiner lachte.
Einige der Gäste waren wie gelähmt. Der Anblick der Banditen war erschreckend. Die fluoreszierenden Totenkopfmasken waren abscheulich.
Die Pinkerton-Detektive wußten, daß sie es mit ausgefuchsten Profis zu tun hatten. Sollten sie auch nur eine unbedachte Bewegung machen, dann konnte es etliche Tote geben. Sie hatten keine Chance.
„Rasch, meine verehrten Damen und Herren. Ihr dürft die Hände herunternehmen. Werft alle Wertgegenstände in die Mitte des Raumes. Und dabei trippelt ihr weiter auf und ab.“
Eine alte Matrone griff sich ans Herz, dann fiel sie zu Boden.
Die Damen rissen sich den Schmuck von Fingern und Hälsen, die Herren waren eifrig bemüht, möglichst rasch ihre Kostbarkeiten los zu werden. Es dauerte kaum fünf Minuten, da lag in der Mitte des Salons ein Berg von Juwelen.
Der Mann mit der Handgranate schaufelte die. Wertgegenstände in den Sack.
„Damit unsere Pinkerton-Schlaumeier nicht auf dumme Gedanken kommen, nehmen wir zur Sicherheit das frisch vermählte Ehepaar mit!“
Alex Gardiner unterdrückte mühsam seine Angst. Schweißtropfen perlten über seine Stirn. Gwen begann zu heulen.
„Los, ihr beide geht durch die Backbord-Tür.“
„Nein!“ schrie Roger Porter. „Ich lasse meine Tochter nicht...“
„Wollen Sie eine Ladung Blei kassieren, Mister?”
Der Millionär wurde bleich und preßte die Lippen zusammen.
Einer der Gangster trieb das Ehepaar aus dem Salon.
„Das hat ja bestens geklappt“, freute sich der Bursche mit der Handgranate. Er warf den Sack über die Schulter. Die Handgranate legte er auf einen Tisch.
„Dieses niedliche Ding kann ich mittels Fernzündung zur Explosion bringen. Meine Herrschaften, ich bitte sie nun, alle auf das Sonnendeck zu gehen. Sie werden zwar ein wenig naß, aber das sollten Sie überlegen. Raus mit euch.“
Panikartig stürmten die Gäste aus dem Salon, hinaus in den strömenden Regen.
„Wir hauen ab, Keth.“
Das laute Bellen einer Maschinenpistole war von der Kommandobrücke zu hören. Ed zerschoß in diesem Augenblick die Telefon- und Funkanlagen.
Als die beiden das Heck erreichten, stieß Don Farley zu ihnen, der die Informationen über die „Nagira“ geliefert hatte.
Das Ehepaar Gardiner befand sich bereits auf der „Pik As“. Eine recht ungemütliche Hochzeitsnacht lag vor ihnen.
„Prächtige Arbeit, Don“, lobte ihn der Gangster mit dem schwer gefüllten Sack. „Du bekommst die verdiente Belohnung.“
Er stapfte auf das Fallreep zu und grinste spöttisch. Als er das Rattern der Maschinenpistole hörte, wandte er nicht einmal den Kopf.

* * *

Ein Dutzend Beamte der Küstenwacht hielten sich in der Radarstation des Coast Guard Headquarters Building auf. Von hier aus konnte man den gesamten Bereich der Upper Bay und der Häfen von N.Y.C. und New Jersey überwachen.
Larry Richardson hockte vor einem der Schirme und trank eine Tasse Kaffee. Angewidert verzog er den Mund. Die dünne Brühe schmeckte wie Abwaschwasser.
Im Kontrollbereich, den er überwachte, war um diese Zeit nicht viel los. Ein paar Fähren und leere Öltanker waren unterwegs, und die „Nagira“ fuhr den Hudson River hoch.
Eine Minute schloß Larry die Augen, gähnte wieder und glotzte den Radarschirm an. Die „Nagira“ war deutlich zu erkennen. Ein größeres Boot verfolgte sie, das vermutlich zu ihrer Bewachung eingesetzt war.
Noch immer langweilte sich der Beamte der Küstenwacht. Doch plötzlich bewegte sich das Boot von der „Nagira“ fort. Es zischte in einem Höllentempo in Richtung Jersey City davon. Nun wurde Larry Richardson mißtrauisch.
„Da ist etwas faul“, stellte er fest. Sein Kollege am Nebentisch sah ihn verwundert an.
„Garry, versuche Telefon- oder Funkverbindung mit der „Nagira“ herzustellen.“
Aufmerksam beugte er sich vor. Leider war kein Schiff der Küstenwacht in der Nähe des Bootes. Eines fuhr den Hudson hinunter, es befand sich auf der Höhe der Chambers Street.
Die „Nagira“ wurde schneller, und das Boot hatte fast den Morris Canal erreicht.
„Ich kann keinen Kontakt zur „Nagira“ herstellen“, brüllte Garry. „Die Verbindung ist unterbrochen.“
„Ruf Schiff N 19. Sie sollen die „Nagira“ ansteuern.“
„Verstanden, Larry.“
Nun griff Richardson selbst zum Telefon. Sekunden später war er mit der Polizeistation in der Henderson Street in Jersey City verbunden. Er sprach mit Sergeant Seidel, den er gut kannte.
„Verdächtiges Boot im Morris Canal“, sagte Larry. „Schick einen Streifenwagen hin.“
„Verdächtiges Boot? Kannst du mir das näher erklären, Freundchen?“
„Mehr weiß ich im Augenblick auch nicht.“
„Ihr Heinis von der Küstenwacht geht mir ordentlich auf den Wecker. Wird vermutlich wieder mal falscher Alarm sein.“
Richardson seufzte. „Schickst du einen Wagen hin?“
„Wird ein paar Minuten dauern. Bei uns geht es heute ganz schön heiß zu. Bleib in der Leitung, Larry.“
Deutlich war auf dem Radarschirm zu sehen, daß Schiff N 19 die „Nagira“ erreicht hatte. Das mysteriöse Boot legte am Dorst Pier an. Diese Neuigkeit gab er sofort an Seidel weiter.
Nervös klopfte Larry mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte.
„Hier Schiff N 19“, plärrte es aus dem Lautsprecher am Nebentisch. „Die  „Nagira“ wurde überfallen. Ein Matrose erschossen. Es handelt sich wo vier mit Maschinenpistolen bewaffnete Gangster, die Totenkopfmasken trugen. Ein Ehepaar haben sie als Geisel genommen. Sie sind auf einer Motorjacht, deren Namen niemand erkennen konnte. Es ist eine Hatteras 43. Die Halunken flohen in Richtung New Jersey. Verständigt die Mordkommission und das FBI. In zehn Minuten trifft die „Nagira“ am Pier 25 ein. Ende.“
„Scheiße“, fluchte Richardson.
„Du solltest dir weniger ordinäre Wörter zulegen, Larry“, empfahl Seidel. „Ich habe die Meldung mitbekommen. Ich werde unsere Burschen aufmerksam machen, daß sie vorsichtig sein sollen.“
Garry benachrichtigte die zuständigen Stellen.
Richardson schob sich einen Kaugummi in den Mund. Hoffentlich schafften es die Cops in N.J., die Motorjacht rechtzeitig zu erreichen.
Aber Minuten später sah Richardsons Gesicht so aus, als hätte er ein halbes Dutzend Zitronen mit den Schalen geschluckt.
„Die Motorjacht haben wir. Keine Menschenseele darauf. Der Kahn heißt „Pik As“.“
„Hol's der Teufel“, schimpfte Larry. „Ich gebe dir einen guten Rat, Sei-del. Schnapp dir ein paar Detektive und hört euch genau um. Vermutlich weiß unser lieber Bürgermeister von Fun City bereits Bescheid. Der Polizeipräsident wird toben und...“
„Hör mal gut zu“, schrie Seidel. „Ich bin in der Bronx großgeworden. Mir brauchst du nichts über die Politiker zu erzählen. Im Augenblick laufen bei uns die Telefone heiß.“
Richardson starrte den Hörer kurz an, dann legte er ihn sanft nieder.
Das würde eine peinliche Untersuchung geben. Verärgert holte er den Kaugummi aus den Tiefen seines Mundes, spitzte die Lippen und spie den klebrigen Klumpen aus. Er landete genau auf der Stelle, an der sich die „Nagira“ auf dem Radarschirm befand.

* * *

Captain Tom Rowland schnaubte wie ein wilder Stier. Nach endlos langer Zeit spielte er wieder mal eine Partie Billard mit Jo Walker, als ihn sein Stellvertreter, Lieutenant Ron Myers, durch einen Telefonanruf störte. In kurzen Worten schilderte ihm Myers den Überfall auf die „Nagira“.
Sofort hatte sich Kommissar X bereit erklärt, ihn zum Pier 25 zu fahren. Er steuerte den silbergrauen Mercedes 450 SEL über die Seventh Avenue in Richtung Downtown. Der Verkehr war schwach, und es goß noch immer in Strömen.
„Warum mußten diese Idioten den Matrosen töten?“ fragte Tom Rowland mißmutig. Raub und Entführung gehören nicht in mein Revier. Jetzt kann ich mich mal wieder mit dem FBI herumstreiten.“
Grinsend zündete sich Jo eine Pall Mall an. „Vermutlich war der Matrose ein Komplize der Totenkopfbande.“
„Wie kommst du darauf, Jo?“
„Die Jungs von Pinkerton sind zwar nicht überragend, aber total verblödet sind sie auch nicht. Je ein Mann befand sich am Bug und am Heck der „Nagira“. Die drei anderen bewachten die Saloneingänge.“
„Interessant. Woher weißt du das?“ erkundigte sich der Captain mißtrauisch.
Jos Lächeln wurde breiter. „Ich hätte ursprünglich den Auftrag übernehmen sollen. Aber der schlaue Mister Roger Porter wollte ein gut eingespieltes Team von Pinkerton oder Burns. Jetzt sind seine Tochter und sein Schwiegersohn in den Händen der Gangster, und Schmuck und Wertgegenstände in der Höhe von drei Millionen wurden geraubt.“
„Drei Millionen? Bist du ein Hellseher?“
„Das nicht. Doch so hoch war die Versicherungssumme, die Roger Porter abschloß. Vermutlich waren die Kostbarkeiten noch wertvoller. Alter, die dämliche Frage, die dir auf der Zunge liegt, kannst du sparen. Das weiß ich vom Direktor der Versicherung.“
Der schwere Wagen schoß nun die Varick Street entlang. Das Prasseln des Regens wurde schwächer.
„Welche Straße führt zum Pier 25?“ fragte Jo.
„Moore Street.“
Das Autotelefon surrte, und Jo hob den Hörer ab.
„Haben Sie es schon gehört, Walker?“ schlug ihm eine dröhnende Stimme entgegen. „Die „Nagira“...“
„Ich weiß es bereits.“
„Diese Schwachköpfe von Pinkerton haben alles gründlich versaut. Walker, Sie sind ab sofort engagiert. Wenn sich die Verbrecher bei uns melden, verständige ich Sie.“
„Einverstanden. Die üblichen Bedingungen?“
„Okay.“
„Dieser stimmgewaltige Kerl ist der Direktor der Versicherung“, sagte Jo und legte den Hörer auf.
„Du wirst staunen, alter Freund, aber darauf bin ich selbst gekommen“, brummelte Rowland, dessen Laune sich um nichts gebessert hatte.
Jo fuhr am Ausgang des Holland-Tunnels vorbei, überquerte den Ericsson Place und bog mit singenden Reifen in die Moore Street ein.
Zwei Polizisten hielten sie an. Rowland zeigte seine Marke vor, und sie durften passieren.
Hinter einem Streifenwagen fand Jo Walker einen Parkplatz. Als sie ausstiegen, nieselte es nur mehr leicht.
Sie betraten den Pier und schritten auf die Luxusjacht zu. Einer der herumstehenden Polizisten erkannte den Captain und ließ sie vorbei. Zwei Minuten später waren sie an Bord der „Nagira“.
Jo warf einen Blick in den Salon. Einen Großteil der Gäste kannte er aus den Klatschspalten der Zeitungen.
„Da sind die Hälfte der New Yorker Detektive und FBI-Beamten versammelt“, stellte er fest.
Rowlands Miene verdüsterte sich noch mehr, als der Leiter des FBI-Büros auf ihn zukam.
Unauffällig schlenderte Jo in Richtung Heck davon. Dann blieb er stehen und warf einen Blick zu Rowland, der eifrig nickte.
Der schlaksige, sommersprossige Ron Myers stapfte den Niedergang von der Kommandobrücke herunter. Er begrüßte Jo flüchtig und wandte sich an Rowland und den FBI-Chef.
„Die „Pik As“ wurde auf Staten Island gestohlen. Der Besitzer ist im Augenblick in Boston. Leider konnte er uns nicht weiterhelfen. Aus Jersey City gibt es auch keine guten Nachrichten. Niemand hat die Gangster gesehen.“
Aufmerksam hörte Kommissar X zu, als Myers ausführlich den Überfall schilderte.
„Don Farley, der erschossene Matrose, schlug Herb Hopkins und Angie Poletti nieder. Der Totschläger wurde in seiner Tasche gefunden. Hopkins ist noch immer bewußtlos“, schloß Ron Myers seinen Bericht.
Als die drei Polizeibeamten sich den Toten ansahen, verzog sich Jo unauffällig. Er spazierte über das feuchte Deck und blieb plötzlich stehen.
Auf einer Bank hockte Angie Poletti und massierte seinen Hinterkopf.
„Hallo, Angie.“
Langsam blickte Poletti auf, sein Blick war alles andere als freundlich.
„Was hast du denn an Bord verloren, Walker?“ fragte er ungehalten.
„Ich soll die Steinchen suchen. Die Versicherung scheint nicht mehr allzuviel von euch Pinkertonburschen zu halten. Sie sind ziemlich sauer.“
Angie Poletti hob unglücklich die Schultern und ließ sie resignierend sinken.
„Wer war der Leiter eurer Gruppe, Angie?“
„Ich“, flüsterte Poletti fast unhörbar.
„Du hast Mist gebaut, mein Lieber. Warum hast du nicht einen Mann auf der Kommandobrücke postiert?“
„Laß mich in Frieden, Walker.“
Jo nickte mitfühlend. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sich Angie Poletti fühlte. Pinkerton würde ihn augenblicklich feuern, und bei einer anderen Agentur bekam er sicherlich keinen Posten. Als Privatdetektiv war er erledigt.
Der FBI-Boß war verschwunden. Rowland und Myers unterhielten sich angeregt.
„Gibt es eine brauchbare Beschreibung der Gangster?“ erkundigte sich Jo.
„Die Halunken waren alle gleich gekleidet. Leider konnte man durch die mit Totenköpfen bemalten Masken die Gesichter überhaupt nicht erkennen. Die Aussagen über Größe, Alter und alles andere sind völlig widersprüchlich.“
„Waren es Weiße oder Farbige?“
„Der Anführer war sicherlich ein Neger. Vermutlich auch ein zweiter Mann. Sie haben so eine unverwechselbare Art sich zu bewegen. Dies wurde unabhängig von einigen Zeugen angegeben.“
„Slang?“
„Schwer zu sagen“, antwortete Myers. „Der Kerl, der die Kommandobrücke stürmte, sprach nur wenige Worte. Der Bursche im Salon verstellte die Stimme. Er versuchte, einen bekannten Nachrichtensprecher zu imitieren, was ihm auch angeblich recht gut gelang. Sicherlich ist er in New York aufgewachsen, vermutlich in der Bronx oder Harlem.“
„Das hilft uns nicht viel weiter, Ron“, stellte Jo fest. „Was ist mit der Handgranate?“
„Sie war keine Attrappe, aber die Behauptung, man könne sie mittels Fernsteuerung zünden, stimmte natürlich nicht. Roger Porter hatte solche Angst, daß sie hochgehen könnte, daß er befahl, sie über Bord zu werfen. Angie Poletti steckte sie aber ein. Natürlich waren keine Fingerabdrücke zu finden. Wir haben es mit Profis zu tun, sie trugen alle Handschuhe. Ich wette, daß wir auch auf der „Pik-As“ keinen Fingerabdruck finden werden.“
„Alles recht dürftig“, knurrte Jo. „Der einzige Anhaltspunkt ist dieser Don Farley. Und da werdet ihr auch nicht weiterkommen.“
„Ich fürchte, Jo, du hast recht. Das FBI kümmert sich um ihn. Er arbeitete seit mehr als sechs Monaten auf der „Nagira“. Zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Gelegentlich ging er mit ein paar Besatzungsmitglieder auf ein Bier, aber er hatte sonst privat keinen Kontakt mit ihnen.“
„Gib mir seine Adresse, Tom.“
„Was versprichst du dir davon, Jo? Seine Wohnung stellt das FBI auf den Kopf.“
„Die Wohnung will ich gar nicht sehen. Vermutlich ist sie ein verdrecktes Loch. Aber ich kann mich in der Gegend umsehen.“ Er hob die Hände. „Okay, ich weiß, das werden die G-men auch tun.“
„Columbus Avenue 1021.“
„Es gibt miesere Gegenden“, stellte Kommissar X fest. „Ich hätte gern ein Foto von Farley. Wie ich die FBI-Klugscheißer kenne, liegt in ein paar Stunden ein genauer Lebenslauf des Matrosen auf deinem Tisch.“
„Hol dir das Bild morgen ab.“
„Was ist mit dem glücklichen Ehepaar Gardiner? Es wird eine wenig vergnügliche Hochzeitsnacht verbringen.“
„Das ist milde ausgedrückt“, seufzte Rowland. „Die Kidnapper werden sicher ein hohes Lösegeld verlangen. Da können wir nichts unternehmen. Das FBI ist dafür zuständig.“
„Dann ist ja alles in Ordnung“, sagte Jo mit eisiger Stimme. „Was habt ihr zwei hier eigentlich noch verloren? FBI hier, FBI dort, FBI überall. Morgen werdet ihr dem FBI-Chef die Schuhe putzen. Übernimmst du den rechten, Tom?“
Der Captain lief rot an, was bei ihm höchst selten geschah.
„Jetzt hör mir mal gut zu, Jo.“ Seine Stimme zitterte leicht. „Ich bekam von höchster Stelle die Anweisung, eng mit dem FBI zusammenzuarbeiten, - ohne die sonst üblichen Eifersüchteleien. Du kannst mir glauben, daß wir alles...“
„Sorry“, unterbrach ihn Jo sanft und lächelte schwach. „Mir kam nur wieder mal die Galle hoch. Ich kenne die Zustände in Fun City, wie unsere Politiker N.Y. verkaufen wollen. Doch Shit City wäre eine bessere Bezeichnung.“ Jo Walker winkte den beiden zu, und verließ die Jacht. Ein Großteil der Gäste war bereits von der Polizei entlassen worden.
Unauffällig schloß er sich einer Gruppe an und schnappte Teile der Unterhaltung auf; alle waren noch immer geschockt und empört.
Idioten, dachte Jo. Seit vier Wochen wurde diese Hochzeit in den Zeitungen breitgetreten. Es war völlig klar, daß ein paar clevere Gangster sich diese einmalige Gelegenheit zu ein bißchen Kleingeld zukommen, nicht entgehen ließen.
Die Presse hatte wieder mal ihre Sensation, aber die gab es in N.Y.C. Jeden Tag. Die Schlagzeilen der Zeitungen würden geschmacklos wie immer sein.
Während er gemächlich zu seinem Büro-Apartment fuhr, hörte er Radio. Eine halbe Minute ertrug er das Gejaule.
Er wählte einen anderen Sender, da beantwortete eine Sprecherin mit schriller Stimme Fragen, die von offensichtlich Geistesgestörten gestellt wurden.
Die nächste Station spielte „New York, New York“, gesungen von Frank Sinatra.
Nun hatte Jo Walker endgültig genug. Er schaltete das Radio aus und stieg stärker aufs Gaspedal.

* * *

Stöhnend schlug Alex Gardiner die Augen auf. Er fühlte sich benommen, und seine Zunge lag wie ein Fremdkörper in seinem Mund. Gequält hustend hob er den Kopf und blickte sich um.
Der Keller wurde nur von einer verdreckten Glühbirne erhellt, die von der Decke baumelte. Die unverputzten Wände waren schwarz vom Kohlenstaub, der auch den Boden bedeckte.
Seine Hände waren mit Handschellen gefesselt. Keuchend richtete er sich auf und stierte die maskierte Gestalt an, die vor der geöffneten. Tür auf einem altersschwachen Stuhl saß. Eine Maschinenpistole war auf ihn gerichtet.
Es dauerte ein paar Sekunden, dann konnte er sich wieder erinnern - der Überfall auf die „Nagira“. Kaum waren sie an Bord der Motorjacht, da hatte ihm einer der Gangster einen Wattebausch auf die Nase gedrückt. Augenblicklich war er bewußtlos geworden.
Gardiner räusperte sich, dann hustete er wieder.
„Was habt ihr mit mir vor?“ fragte er krächzend.
Der Maskierte schwieg.
„Wo ist meine Frau?“
„Ihr geht es gut. Sie schläft und wird in wenigen Stunden zu Hause sein, falls ihr Vater fünfhundert Riesen zahlt.“
„Er wird zahlen“, sagte Gardiner schwach.
Der Gangster kicherte. „Natürlich wird er zahlen. Wir haben auch ein hübsches Geschenk für ihn.“
„Und das ist?“
„Sie, mein lieber Alex Gardiner, sind es.“
„Da komme ich nicht mit.“
„Ihr verehrter Schwiegervater hat für Sie nicht viel übrig, Gardiner. Sie sind ein skrupelloser Schürzenjäger. Und es ist völlig klar, daß Sie Gwen Porter nur geheiratet haben, damit sich Ihre finanzielle Lage bessert. Ihre Frau wollten Sie bei jeder sich passenden Gelegenheit betrügen.“
„Das ist eine unverschämte Lüge“, keuchte er.
„Es ist die Wahrheit, mein Lieber. Wir haben noch viel Zeit, uns zu unterhalten. Für mich wird es ein interessantes Gespräch werden. Aber ich fürchte, daß es Ihnen wenig Vergnügen bereiten wird. Sie haben nur noch sieben Stunden zu leben.“
Alex Gardiner begann zu schwitzen. Der Maskierte hatte so gleichgültig gesprochen, als würde er erzählen, daß er ein paar Bierdosen aus dem nächsten Supermarkt holen wolle.
„Sie sind verrückt.“
„Nein, das bin ich nicht.“
„Ich will hier heraus. Wenn Sie mich umbringen, dann wird Roger Porter nicht einen Cent zahlen.“
„Irrtum, Sie Dummkopf. Porter wird glücklich sein, daß er Sie los ist. Er war immer gegen diese Hochzeit.“
Ein paar Sekunden schwieg Gardiner. „Ich glaube Ihnen kein Wort. Sie sind ein Sadist. Mein Tod bringt Ihnen nichts ein.“
„Da irren Sie sich gewaltig. Ich verlasse Sie für eine Stunde. In der Zwischenzeit können Sie sich überlegen, wie Ihre Todesart ausfallen wird. Viel Vergnügen dabei.“
Die Tür fiel krachend ins Schloß, dann erlosch die Lampe und Alex Gardiner lag schwer atmend in der Dunkelheit. Minutenlang war er wie gelähmt. Schließlich stemmte er sich hoch und irrte blindlings durch den finsteren Raum. Wütend hämmerte er mit den Schuhen gegen die Tür.
Der Kerl will mich fertigmachen, dachte er. Warum wollte er mich töten?
Plötzlich war die Angst da, die von Minute zu Minute stärker wurde.
„Nein“, flüsterte er. „Ich will leben.“
Ein schrecklicher Gedanke spukte in seinem Hirn herum. Hatte Roger Porter die Gangster engagiert?“
„Das würde er nicht tun“, sagte er fast unhörbar.
Doch die Zweifel blieben.

* * *

Jo Walker spazierte gemütlich die Columbus Avenue entlang. In der rechten Hand hielt er die neueste Ausgabe der New York Post. Er kam an zerfallenen Wohnblocks, Elektrogeschäften und verdreckten Wäschereien vorbei.
Nummer 1021 war sechsstöckig und unterschied sich kaum von den anderen Häusern. Die Treppenstufen waren abgetreten und überall blätterte die Farbe ab. Aufmerksam studierte er die Coffee-Shops in der Nähe und entschloß, sich ein Frühstück in der am wenigsten schmuddeligen Bude zu gönnen.
Er setzte sich auf einen hohen Drehstuhl zwischen eine verlebt aussehende Frau, die ihr Haar fuchsrot gefärbt hatte, und einem dicken Farbigen, der gierig einen Pfannkuchen mit Ahornsirup in sich hineinstopfte.
„Was darf es sein, Sir?“ fragte freundlich ein dürrer Weißer mit Halbglatze. Automatisch griff er nach einem Glas, füllte es mit Eiswürfeln und stellte es vor Jo hin.
„Special, bitte.“
„Wie wollen Sie die Eier, Sir?“
„Halb durch.“
Langsam strich Jo die Zeitung glatt und tat so, als würde er aufmerksam lesen, dabei versuchte er, Teile der Unterhaltung aufzuschnappen. Aber er hörte nichts, was ihn interessierte. Der Farbige bestellte noch einen Pfannkuchen, und die Rothaarige schlürfte geräuschvoll ihren Kaffee.
„Ihr Frühstück, Sir.“
Jo musterte es mißtrauisch, doch die Eier und Bratkartoffeln sahen recht ordentlich aus. Der Kaffee war frisch, und der Orangensaft stammte nicht aus der Dose.
„Was gibt's Neues, Henry?“ fragte die Frau.
„Ich hatte kaum aufgesperrt“, sagte der Mann mit der Halbglatze, „da tauchten zwei Kerle auf, die mich eine halbe Stunde lang mit Fragen löcherten.“
„Zwei Kerle?“
„FBI.“
„Was will das FBI von dir?“ fragte sie erstaunt.
„Es geht um diesen Überfall auf den Luxuskahn dieses Millionärs.“
„Ich habe davon in den Nachrichten gehört. Einer der Matrosen wurde erschossen.“
„Richtig. Don Farley ist sein Name, und er wohnte genau hier gegenüber.“
„Don Farley? Kenne ich nicht.“
„Du hast ihn gekannt, Debbie“, sagte Henry triumphierend. Er hielt ihr eine zerknitterte Daily News vor die Nase. „Das ist er.“
Die Rothaarige beugte sich interessiert vor. „Stimmt, er saß sogar ein paarmal neben mir. Hat aber nie den Mund aufgemacht, er war ein ziemlich unfreundlicher Typ.“
„Du sagst es. Vor einem Jahr tauchte er erstmals hier auf. Seinen Namen habe ich erst heute erfahren. Mit mir hat er auch nicht viel gesprochen. Er war ganz wild auf Pommes frites. Wollte immer eine Extraportion.“
„Das wird die G-men nicht sonderlich interessiert haben.“
„Viel mehr konnte ich ihnen nicht sagen. Er kam immer allein.“
Der Neger schob den Teller zur Seite und steckte sich eine Zigarette an, dann griff er nach der Zeitung. Sekunden später grunzte er.
„Ist was, Sam?” erkundigte sich Henry.
„Vor einer Woche wollte Farley mir seinen Fernseher verkaufen. Ich bot ihm zwanzig Dollar, doch er wollte fünfzig. Wir konnten uns nicht einigen, da nahm er die Kiste wieder mit und sagte, daß ich ein verdammter, gieriger, schwarzer Fettsack sei.“ Sam lachte gackernd. „Da hat er nicht einmal so unrecht gehabt, was?“
Henry grinste, und Debbie kicherte.
„Vielleicht hat er was gegen Farbige“, meinte Henry.
„Das glaube ich nicht, denn ich sah ihn mal zusammen mit einem Neger.“
„Wann war das?“
Der Dicke zuckte die Schultern. „Ich kann mich nicht mehr erinnern.“ Schnaubend stemmte er seine Massen hoch, stapfte aus dem Lokal, überquerte die Columbus Avenue und betrat einen Elektroladen.
Jo trank noch eine Tasse Kaffee. Debbie und Henry unterhielten sich ungeniert. Es störte sie überhaupt nicht, daß Kommissar X alles hörte. Es war aber nur belangloser Klatsch. Schließlich zahlte er.
Unschlüssig blieb er vor dem Lokal stehen. Er war sicher, daß dieser Sam sich genau erinnern konnte, wann und wo er Don Farley mit dem Neger gesehen hatte.

* * *

„Dieser Brief wurde vom Mail Express für Sie abgegeben, Sir“, sagte der FBI-Agent.
Roger Porters Augen waren trübe.
Tiefe Falten zogen sich durch das aufgedunsene Gesicht. Der Millionär hatte nicht einmal versucht zu schlafen. Die ganze Nacht hatte er neben dem Telefon verbracht. Stündlich mußte ihm der Butler eine Tasse Terai-Tee servieren.
Ein paar Sekunden stierte Porter den Briefumschlag an. Sein Name war offensichtlich aus einer Zeitung ausgeschnitten worden, und die Adresse stammte aus einem Stadtplan. In der rechten Ecke befand sich der Aufdruck der privaten Kurierfirma.
Er atmete schwer, dann griff er nach einem kunstvoll verzierten Brieföffner und schnitt vorsichtig den Umschlag auf. Eine Karteikarte fiel heraus.
„Wir haben Ihre Tochter“, las Porter laut vor. „Beschaffen Sie 500 000 Dollar. 400 000 in 20ern. 100 000 in l0ern. Bleiben Sie zu Hause. Wir melden uns in ein paar Stunden.“
Der Agent sah die Karteikarte genau an.
„Wollen Sie nicht nach Fingerabdrücken suchen?“ fragte Porter spöttisch.
„Das werden wir auch tun, Sir. Aber wir werden sicherlich keinen brauchbaren Abdruck finden.“
Porter nickte geistesabwesend. „Ich werde zahlen“, sagte er fast unhörbar. „Das FBI hält sich zurück, haben Sie mich verstanden?“
„Es ist Ihre Entscheidung, Sir.“
„Das FBI greift erst ein, wenn meine Tochter frei ist. Lassen Sie mich allein. Noch eines, mein Telefon darf keinesfalls abgehört werden.“
Als der Agent den Raum verlassen hatte, griff Roger Porter zum Telefon.

* * *

Zwei Stunden lang schlenderte Jo in der Umgebung von Farleys Haus herum. Er wartete, und seine Geduld wurde belohnt. Zwei kräftig aussehende Männer betraten Sams Laden. Sie unterhielten sich etwa zehn Minuten mit ihm, dann gingen sie in das nächste Geschäft.
Jo rauchte eine Pall Mall, warf den Stummel in ein Kanalgitter und steuerte zielstrebig den Elektroladen an.
Sam grüßte mißmutig. Dann kniff er die Augen zusammen.
„Sie waren doch bei Henry“, stellte er fest.
„Richtig“, sagte Jo fröhlich. „Es interessierte mich außerordentlich, was Sie über Don Farley berichteten. Haben, Sie das auch den G-men erzählt?“
„Wer sind Sie, Mister?“
„Ist Ihnen in der Zwischenzeit eingefallen, wann und wo Sie Farley zuletzt gesehen haben?“
„Hauen Sie ab.“
„Nicht so hastig“, sagte Jo breit lächelnd. „Ich halte Sie für einen tüchtigen Geschäftsmann, Sam.“
Der Farbige musterte ihn mißtrauisch.
Langsam holte Jo Walker die Brieftasche heraus und reichte Sam seine Lizenz.
„Hm, ein Privatschnüffler“, schnaubte Sam verächtlich.
Bedächtig rollte Kommissar X sich einen Zwanzig-Dollar-Schein um den linken Zeigefinger.
„Hilft das Ihrem Gedächtnis nach, Sam?“
„Ganz langsam kommen die kleinen grauen Zellen in Bewegung.“ Er grinste.
„Kann man das Tempo erhöhen?“
„Ein weiteres Scheinchen könnte das durchaus erreichen.“
Jo fischte einen Zwanziger hervor.
Sam schnappte sich die zwei Banknoten. „Es war vor zwei Tagen, also einen Tag vor dem Überfall, ziemlich genau acht Uhr abends. Da sah ich Farley mit einem Neger zusammen.“
„Wo war das?“
„Ich kann die Subway nicht leiden, daher fahre ich mit dem Bus. Da muß ich zwar einmal umsteigen, aber das... Ich quatsche mal wieder zu viel. Okay, ich stehe Ecke 65th/Columbus und warte auf den verdammten Bus. Da bleibt an der Kreuzung ein Taxi stehen. Zufällig werfe ich einen Blick hin, als es an mir vorbeifährt. Farley und ein Neger sitzen im Fond.“
„Kennen Sie den Neger?“
„Nein, ich habe ihn nie zuvor gesehen. Sorry, ich kann ihn nicht einmal beschreiben. Ich sah ihn nur einen Augenblick. Etwa dreißig Jahre alt, das Haar kurz geschnitten.“
„Für vierzig Dollar ist das ein wenig dürftig. Wie soll ich das Taxi finden?“
Sam kicherte glucksend. „Es war kein gewöhnliches Taxi, sondern eines von ABC.“
„Ein Funktaxi.“ Jo freute sich. „Die Nummer haben Sie sich nicht gemerkt?“
„Leider nein. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“
Jo stellte noch einige Fragen, doch die Antworten halfen ihm nicht weiter.
Während er zu seinem Wagen ging, dachte er nach. Da alle New Yorker Taxis jede Fahrt notieren, sollte es keinerlei Schwierigkeiten bereiten, herauszufinden, von wo und wohin Farley und sein Freund gefahren waren.

* * *

Ein Wagen der Be-Mac Transport Company hielt vor Porters Nobelbleibe. Der Beifahrer sprang aus dem Lastwagen und lief die Treppe zur Haustür hinauf. Vergeblich suchte er nach einem Namensschild. Schließlich entdeckte er den Klingelknopf und drückte ihn nieder.
Ein Butler öffnete die Mahagonitür. Er runzelte die Stirn und musterte den Beifahrer, als wäre er ein lästiges Insekt.
„Sie wünschen?“ fragte der Butler „Das ist doch Roger Porters Haus, oder?“
„Richtig.“
„Na fein, wir sollen eine Kiste abliefern.“
„Davon ist mir nichts bekannt.“
„Ist mir auch egal. Verständigen Sie Ihren Boß, Sie Witzfigur.“
Der Beifahrer stapfte die Stufen runter. „Hier sind wir richtig“, schrie er dem Fahrer zu.
„Warten Sie!“ rief ihm der Butler nach.
Sie stellten eben die schwere Kiste auf den Gehsteig, als ein Mann neben ihnen stehenblieb, der einen blauen Anzug trug.
„Was ist in der Kiste drinnen?“ fragte er.
„Sind Sie Mister Porter?“
„Nein. FBI.“
Er zeigte seine Marke vor.
„Das ist ja toll“, sagte der Fahrer. „Euch gibt es tatsächlich. Ein echter G-man. Wenn ich das Mama erzähle, wird sie staunen.“
„Lassen Sie das dumme Gerede. Beantworten Sie lieber meine Frage.“
Der Fahrer seufzte. „Sie werden es nicht glauben, Sir, aber es handelt sich um einen ausgestopften Grizzlybären.“
„Das soll wohl ein Witz sein?“
Der Beifahrer reichte dem Agenten den Lieferschein. Als Absender war Alex Gardiner angegeben. Charlton Drive 360, Yonkers, N.Y.
„Haben Sie Mister Gardiner persönlich gesehen?“
„No, Sir. Das Haus war völlig leer. Die Kiste stand im Vorzimmer. Wir luden sie auf und fuhren los. Mehr weiß ich nicht.“
„Kam Ihnen das nicht verdächtig vor?“
„Nein, überhaupt nicht. Da haben wir schon ganz andere Aufträge zu erledigen gehabt. Dürfen wir nun endlich diesen verfluchten Grizzly zustellen?“
„Nicht so hastig, Freundchen. Wir werden die Kiste untersuchen. Setzt euch einstweilen in den LKW.“
„Hören Sie mal gut zu“, knurrte der Beifahrer ungehalten. „Wir haben noch einiges abzuliefern. Unser Boß hat es gar nicht gern, wenn wir die Zeit vertrödeln. Wir sind froh, daß wir diesen Job haben, und .wir werden...“
„Euren Boß werde ich mir persönlich vornehmen“, sagte der Agent.
Murrend stiegen die beiden in das Fahrerhaus.
Zwei Spezialisten vom FBI sahen sich die Kiste genau an. Ein paar Minuten später stand sie auf dem funkelnden Parkettboden der verschwenderisch eingerichteten Diele.
Roger Porter blickte abwechselnd auf den Lieferschein und die abscheuliche Kiste, die sein Haus verunstaltete.
„Öffnet dieses Ding endlich“, befahl der Millionär.
Krachend löste sich der Deckel, und Porter warf einen Blick ins Kisteninnere. Er wurde bleich und taumelte zwei Schritte zurück.
Alex Gardiner lag darin. Und er bot alles andere als einen hübschen Anblick. Die Augen waren weit aufgerissen, und das Gesicht verzerrt. Ein fingerdickes Nylonseil hatte sich tief in seinen Hals gegraben.
„Irgend jemand hat ihn erhängt“, flüsterte einer der Beamten.
Auf der Brust des Toten lag ein Stück Karton, auf dem mit roter Farbe geschrieben stand: SOLLEN WIR IHNEN IHRE TOCHTER AUCH SO LIEFERN?

* * *

„Heute bleibt mir auch nichts erspart“, stöhnte Tom Rowland, als Jo Walker in sein Office trat.
„Du siehst ein wenig mitgenommen aus, Dicker“, stellte Kommissar X sachlich fest und setzte sich auf Toms Schreibtisch. „Habt ihr die Gangster schon festgenommen?“
Der Captain verdrehte die Augen. „Verschone mich bloß mit deinen dämlichen Fragen.“
„Dir fehlt dringend ein Erfolgserlebnis, alter Freund. Schon etwas von den Kidnappern gehört?“
„Darüber darf ich nicht sprechen.“
„Also haben sie sich bereits bei Porter gemeldet. Wieviel verlangen sie?“
Rowland schwieg.
„Darf ich wenigstens den Bericht über Don Farley sehen?“
„Nein, das darfst du nicht. Aber ich muß mal dringend ein gewisses Örtchen besuchen.“
Grinsend verließ Rowland das Büro.
Jo griff nach der schmalen Akte Don Farley, die auf dem Schreibmaschinentisch lag. Er blätterte sie rasch durch.
Farley war nicht vorbestraft, ein begeisterter Matrose, der aus einer guten Familie stammte. Ein Einzelgänger, der keine Freunde hatte. Enttäuscht legte Jo die Akte zurück.
„Jetzt fühle ich mich schon viel besser“, meinte Rowland, der zwei Becher Kaffee mitbrachte.
„Danke“, sagte Jo und trank einen Schluck.
„Das FBI kommt nicht weiter, Jo. Im Rathaus stehen sie Kopf. Der Polizeipräsident hat mich zweimal angerufen, der Bürgermeister nur einmal. Und sie waren nicht sehr freundlich.“
„Mein Mitgefühl ist dir sicher, Tom. Ich habe mich ein wenig in der hübschen Gegend herumgetrieben, wo Farley zu Hause war. Da hat mir ein Vögelchen etwas zugezwitschert.“
„Ein Wellensittich?“
„Es war eher ein Rabe. Farley fuhr am Tag vor dem Überfall mit einem Neger in einem ABC-Taxi die Columbus Avenue hinunter. Gegen acht Uhr wurde er auf der Höhe der 65ten gesehen.“
„Hochinteressant, was dein sprechender Rabe dir da verraten hat. Das werden wir gleich haben.“
Rowland schnappte sich den Telefonhörer und ließ sich mit der Zentrale der ABC-Taxis verbinden. Er gab die Information weiter, dann legte er den Hörer auf.
„In ein paar Minuten wissen wir mehr.“
„Wie läuft es sonst?“
„Miserabel. Der Bursche, der diesen Überfall organisiert hat, ist ziemlich clever. Er wird schwer zu fassen sein. Wetten, daß uns dein Hinweis auch nicht viel helfen wird?“
„Diese Wette nehme ich nicht an. Ich hoffe aber, daß wir...“
Das Telefon klingelte und Rowland hob ab. Er sprach nicht viel, machte sich ein paar Notizen und sagte abschließend: „Vielen Dank.“
Der Captain stand auf und blieb vor einer Wand stehen. Mit einem Griff zog er eine riesige Karte von Manhattan aus der Verschalung.
„Das ABC-Taxi wurde zur Columbus Avenue 876 gerufen.“
Rowland klatschte ein Fähnchen auf die Stelle am Stadtplan.
Walker zündete sich eine Zigarette an. Seine Miene verdüsterte sich.
„An beiden Seiten der Columbus befinden sich die Douglass Houses. Dort wohnen mindestens zehntausend Menschen.“
„Da können wir wochenlang suchen“, stellte Jo verbittert fest.
„Du sagst es. Das Taxi fuhr bis zur Ecke der Sechzigsten.“
Ein weiteres Fähnchen klebte auf dem Plan.
„Dort stiegen die beiden aus. Scheinen fromme Brüder zu sein.“
Jo hob verärgert die Hände. „Die Schurken ließen sich vor St. Paul The Apostle Church absetzen. Aber sicherlich haben sie die Kirche nicht betreten.“
„Der Fahrer heißt Floyd Kendall.“
„Gibst du das an das FBI weiter, Tom?“
Rowland überlegte kurz, dann schüttelte er entschieden den Kopf. „Ich habe unser Gespräch bereits vergessen. Kümmere du dich darum.“
„Das werde ich tun. Vielleicht kann er mir eine Beschreibung des Negers geben.“
Kommissar X stand auf.
Wieder klingelte das Telefon. Rowland meldete sich, dabei blinzelte er Jo zu.
„Wie war das?“ fragte er überrascht. „Alex Gardiner wurde tot in einer Kiste bei Roger Porter abgeliefert?“
Der Captain hörte aufmerksam zu.„Porter will also das Lösegeld zahlen, und er wünscht, daß wir uns zurückhalten. Ja, ich komme.“
„Weshalb wurde Gardiner ermordet?“ fragte Jo.
„Damit Porter das Lösegeld für seine Tochter zahlt, nehme ich an.“
„Dieser Mord kommt mir ziemlich sinnlos vor.“

* * *

„Haben Sie das Geld, Mister Porter?“
Der Millionär umklammerte den Hörer fester. „Ja, es wiegt siebzig Pfund.“
„Sie packen es in zwei Koffer und sorgen dafür, daß die FBI-Brüder keine Wanzen oder ähnliche Dinge anbringen.“
„Ich werde das Geld selbst in die Koffer tun. Ich will mit meiner Tochter sprechen.“
„Das ist leider nicht möglich.“
„Jeder kann behaupten, daß er meine Tochter entführt hat.“
„Da haben Sie recht. Sollen wir Ihnen Ihre Tochter auch so liefern?“
Porter keuchte.
„Alex Gardiner haben wir Ihnen in einer Kiste zugestellt. Ihrer Tochter könnte...“
„Ich zahle“, sagte Porter rasch.
„Das habe ich auch erwartet, Mister Porter. Sie nehmen den Highway 87 und fahren bis New Paltz. Bei der Ausfahrt 18 biegen Sie nach links ab. Weiter geht es über die Staatsstraße 44 bis Lake Minnewaska. Dort ist eine Esso Tankstelle. Um Punkt neun Uhr stehen Sie an der Telefonzelle. Ich werde Sie dort anrufen und Ihnen weitere Instruktionen erteilen. Haben Sie mich verstanden?“
„Ja“, flüsterte Porter. „Bringen Sie meine Tochter nicht um. Ich flehe Sie an. Lebt sie noch?“
„Natürlich. Ich rufe Sie in zehn Minuten nochmals an. Dann spiele ich Ihnen eine Kassette vor.“
Der Unbekannte hatte aufgelegt. Porter wischte sich den Schweiß von der Stirn. Schwerfällig zog er eine Lade auf und holte eine Straßenkarte hervor. Er rechnete sich die ungefähre Fahrtzeit aus, dann stand er auf und ging nervös im Zimmer auf und ab. Er zuckte zusammen, als das Telefon läutete.
Mit einem Hechtsprung stand er neben dem Schreibtisch und hob den Hörer ab.
„Hier bin ich wieder“, sagte der Kidnapper. „Nun hören Sie Ihre Tochter.“
Straßenlärm war zu vernehmen, dann ein leichtes Klicken.
„Ich bin es, Vater. Zahle das Lösegeld. Ich werde anständig behandelt.“
Wieder das Klicken.
„Sind Sie jetzt überzeugt, daß wir tatsächlich Ihre Tochter haben, Mister Porter?“
„Ja, das bin ich.“
„Pfeifen Sie das FBI zurück.“
„Ich werde es veranlassen.“
„Bis um neun Uhr, Mister Porter.“

* * *

Das Spurensicherungsteam des FBI war eifrig an der Arbeit, als Tom Rowland in Roger Porters Haus eintraf.
Der Captain sah sich den Toten ganz genau an, der nun neben der Kiste auf dem Parkettboden lag. Automatisch registrierte er den Kohlenstaub an der Kleidung und die Art, wie der Knoten geknüpft war.
Als er ein paar Schritte zur Seite trat, erblickte er Attorney Brown, seinen ungeliebten Vorgesetzten, der sich angeregt mit dem Leiter des New Yorker FBI-Büros unterhielt.
„Ach, da sind Sie ja endlich, Captain“, schnaubte Brown und trippelte auf Rowland zu, der die bösartige Bemerkung schluckte, die ihm auf der Zunge lag.
„Die Kiste wurde aus Yonkers geholt“, meinte der District Attorney mit vor Honig triefender Stimme. „Eigentlich sind für diesen Fall die State Police und das FBI zuständig.“
Rowland nickte grimmig, er ahnte, was nun kommen würde.
„Ich führte ein langes Gespräch mit dem Bürgermeister und einigen Politikern“, säuselte Brown weiter. „Wir sind einstimmig zu der Ansicht gelangt, daß dieser Fall ausschließlich vom FBI bearbeitet werden soll.“
„Das leuchtet mir nicht ein. Es besteht ein offensichtlicher Zusammenhang mit dem Mord an Don Farley und...“
„Ich will Ihren Scharfsinn nicht in Zweifel ziehen“, flötete der Attorney, doch sein höhnischer Gesichtsausdruck drückte das Gegenteil aus. „Der Mordfall Don Farley wird ebenfalls vom FBI übernommen. Viele Köche verderben den Brei. Sie sind hier überflüssig, Captain Rowland.“
„Ich habe verstanden“, sagte Rowland mit unterdrückter Wut. „Dann wünsche ich dem FBI viel Glück bei der Aufklärung.“ Er senkte die Stimme. „Und Sie soll der Teufel holen, Brown.“
„Was haben Sie da gesagt, Rowland?“ plusterte sich der Attorney auf.
„Man kann unsere Stadt nur beglückwünschen, Sir, daß es so tüchtige Männer wie Sie gibt.“
„Rowland, ich habe deutlich gehört, daß Sie...“
„Vielleicht sollten Sie einmal einen Spezialisten aufsuchen, Sir. Ihr Hörvermögen läßt offensichtlich nach.“
Browns Lippen waren ein schmaler Strich. „Ich mache Sie demnächst zur Schnecke, Rowland“, hauchte er.
Der Captain beugte sich grinsend vor. „Mögen Ihre Gallensteine blühen und gedeihen, Sie Gartenzwerg.“
Der höchst ehrenwerte Attorney Brown stand kurz vor einem Schlaganfall.
Eigentlich sollte ich froh sein, daß ich mit dieser Sache nichts mehr zu tun habe, überlegte Tom, als er die Stufen hinunterstieg.
„Aber ich bin es nicht“, knurrte er.
Fünfzehn Minuten später betrat er sein Office. Er hatte kaum Platz genommen, als Ron Myers ins Zimmer stürmte.
„Stimmt es tatsächlich, daß wir uns nicht mehr um den...“
„Es stimmt“, unterbrach ihn Rowland verbittert. „Da arbeiten wir die ganze Nacht durch, doch unser verehrter, obergescheiter Attorney Brown traut uns nicht viel zu. Wie üblich. Aber vielleicht können wir es ihm noch zeigen. Ruf alle Detektive zurück, Ron.“
„Es ist eine verdammte Schweinerei, Tom.“
„Du sagst es. Verzieh dich.“
Mit geschlossenen Augen rauchte er eine Zigarette. Er würde den Fall weiterbearbeiten. Mit Hilfe von Jo Walker würde er es schaffen, da war er ganz sicher. Er drückte die Zigarette aus und überlegte, ob er Jo anrufen sollte.
Das Klopfen an der Tür riß ihn aus seinen Gedanken.
„Herein“, sagte er laut.
Ein junger Detektiv trat ein.
„Was gibt es?“
„Vermutlich ist es ein Selbstmord, Captain. Wer soll den Fall übernehmen?“
„Vermutlich?“
„Ich kann Ihnen nicht viel sagen. Der Tote heißt John Storm. Die Frau, die uns verständigte, war sehr aufgeregt. Sie kann sich nicht vorstellen, daß er sich erhängt hat.“
„Erhängt?“
„Ja, im Badezimmer. Storm war ein lebenslustiger Junggeselle. Angeblich gibt es keinen Grund dafür, daß er sich umbrachte.“
Rowland runzelte die Stirn. Normalerweise gab er sich mit Selbst-morden nicht ab. Aber er dachte an Alex Gardiner, und sein Spürsinn erwachte.
„Den Fall übernehme ich.“
„Aber das ist...“
„Adresse?“ unterbrach ihn Rowland.
„Bank Street 4.“
„Ist das Spurensicherungsteam verständigt?“
„Ja, Captain.“
„Fordern Sie einen Streifenwagen an. Ich bin schon unterwegs.“
Tom schob den Stuhl zurück und stand auf.

* * *

Rowland blickte sich kurz in der Wohnung um. Sie war geschmackvoll, aber höchst unpersönlich eingerichtet. Das Badezimmer betrat er vorerst nicht.
„Ist der Arzt schon da?“ fragte der Captain den Leiter des Spurensicherungsteams.
„Nein, Captain. Wir werden auch kaum Spuren finden, denn Mistreß Erickson hat alle Räume gründlich gesäubert. Sie hat uns verständigt.“
„Ich unterhalte mich jetzt mit ihr, sobald der Arzt gekommen ist, verständigen Sie mich.“
Auf der Couch im Wohnzimmer saß eine sehr müde wirkende Frau. Ihr blondes Haar war kurz geschnitten, und sie war mit Jeans und Pullover bekleidet.
„Tom Rowland“, stellte sich der Captain vor. „Bleiben Sie ruhig sitzen.“
„Mein Name ist Judith Erickson“, sagte die Frau. „Einmal in der Woche putze ich Mister Storms Wohnung. Meistens am Mittwochnachmittag, doch gestern hatte ich keine Zeit, daher kam ich heute.“
„Stellten Sie irgendetwas Ungewöhnliches fest?“
„Nein. Für einen Junggesellen war Mister Storm überraschend ordnungsliebend. Vermutlich, weil er häufig Damenbesuch hatte.“
„Woher wissen Sie das?“
„Mein Mann ist der Hausmeister hier. Unsere Portiers tratschen ein wenig viel. Da hört man einiges.“
„Sie zweifeln daran, daß er Selbstmord beging?“
„Allerdings, Sir. Sie hätten ihn kennen sollen. Er war lebenslustig, immer witzig und gut aufgelegt. Vor drei Monaten wurde er zum leitenden Angestellten befördert. Da veranstaltete er eine Riesenfeier.“
„Hm“, brummte Rowland. „Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“
Mistreß Erickson überlegte kurz. „Das war am Dienstag. So gegen halb neun Uhr. Um diese Zeit ging er immer in die Firma.“
„Der Doc ist eingetroffen, Captain“, sagte einer der Beamten.
„Ich spreche später mit Ihnen weiter.“
Der Polizeiarzt nickte Rowland kurz zu, dann betraten sie gemeinsam das Badezimmer, das ziemlich altmodisch war.
Das fingerdicke Nylonseil war um den Absperrhahn geschlungen, der sich fast an der Decke befand. Der Tote war blondhaarig. Er trug einen eleganten braunen Anzug, ein beiges Hemd und Schuhe der gleichen Farbe.
Der Arzt griff nach der Hand des Toten.
„Eiskalt“, sagte er sachlich. „Er ist seit mindestens 24 Stunden tot.“
Nun stieg er auf den Toilettendeckel und musterte aufmerksam den Hals. „Das sieht ganz nach Selbstmord aus, Captain. Er legte sich die Schlinge um den Hals und sprang von der Toilette. Vorsichtig strich er nun über das Gesicht des Toten. „Er hat sich naß rasiert, da ist ein kleiner Schnitt zu sehen.“ Der Arzt brummte etwas Unverständliches, dann blickte er Tom Rowland an.
„Haben Sie sonst noch etwas entdeckt, Doc?“
„Ich will Sie jetzt nicht mit langweiligen Fachausdrücken quälen, Captain. Mit ziemlicher Sicherheit starb er etwa eine Stunde, nachdem er sich rasiert hatte.“
„Üblicherweise verließ Storm um halb neun Uhr das Haus. Wahrscheinlich wird er eine Stunde früher aufgestanden sein. So gegen acht Uhr dürfte er sich rasiert haben. Und eine Stunde später hängt er sich auf?“
„Das schmeckt Ihnen nicht, was?“
„Sie sagen es, Doc.“
„Mir kommt es auch blödsinnig vor.“
Der Arzt stieg von der Toilette herunter.
„Vielleicht hilft uns die Obduktion weiter.“
Rowland zuckte die Schultern. Er sah sich das Seil und die Knoten genauer an. Er schnaubte leise. Genau wie bei Alex Gardiner. Ein schwarzes Nylonseil und Kreuzknoten.
Stirnrunzelnd erteilte er einige Anweisungen.
Mistreß Erickson blickte ihn fragend an.
„Scheint tatsächlich Selbstmord zu sein.“
„Ich glaube es nicht.“
„Es gibt keinen Hinweis, daß es sich um Mord handelt, Mistreß Erickson. Das Türschloß ist unbeschädigt, und es dürfte auch nichts gestohlen worden sein. Nehmen wir nun einmal an, daß irgendjemand Storm ermordete. Wie kam er ins Haus?“
„Wir haben drei Portiers. Während der Nacht wird die Eingangshalle nicht bewacht. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen wurde im vergangenen Jahr viermal eingebrochen. Die Täter kamen über die Feuerleiter aufs Dach.“
„Das ist eine Möglichkeit. Wie sieht es mit der Garage aus?“
„Man kann sie direkt mit dem Aufzug erreichen.“
„Da hätte der Mörder auch eindringen können. Wo ist das Treppenhaus?“
„Ich zeige es Ihnen.“
Es war die Tür neben dem Aufzug. Rowland öffnete sie und blickte in das fensterlose Treppenhaus.
„Danke, Mistreß Erickson.“
Der Captain ging den Gang auf und ab.
„Die Dachtür ist aufgebrochen“, meldete ein Detektiv. „Vor drei Tagen hat sie der Hausmeister kontrolliert, da war das Schloß in Ordnung. Storm war am Dienstag in der Firma. Gestern kam er nicht.“
„Das kam den Burschen nicht merkwürdig vor?“
„Nein, denn um Punkt neun Uhr rief Storm an und meldete sich krank. Seine Stimme klang ein wenig eigenartig.“
„Verständlich. Untersucht ganz genau das Treppenhaus.“
Der Captain setzte sich im Wohnzimmer vor den kleinen Schreibtisch. Der Reihe nach zog er die Laden hervor. Die dritte war völlig leer. Dieser Storm war tatsächlich ordnungsliebend gewesen. Rowland fand ein Dutzend Fotoalben, die Durchschläge der Steuererklärungen, Briefe in Schnellhefter, Bankauszüge und ein Sparbuch.
„Dies hatte der Tote in seiner Jacke“, sagte ein Beamter und legte die Gegenstände auf den Schreibtisch. Es waren ein Schlüsselbund, eine angebrochene Zigarettenschachtel und ein goldenes Feuerzeug. In der Brieftasche befanden sich zwei Kreditkarten, etwa fünfzig Dollar, ein paar Visitenkarten und der Führerschein.
Laut Führerschein war John Storm 25 Jahre alt, 180 cm groß und hatte braune Augen. Es gab keine Eintragung unter der Rubrik: Verbrechen oder Gewalttaten. Bild gab es keines, da Stadt/Staat New York es nicht verlangten.
„Diener Storm war angeblich ein Frauenheld“, meinte Rowland und lehnte sich zurück. „Fast jeder hat ein kleines Büchlein, in das er Telefonnummern und Adressen einträgt. Habt ihr so etwas gefunden?“
„Nein, Captain.“
„Eine Schreibtischlade wurde ausgeräumt. Stellt die Wohnung auf den Kopf. Sucht nach Fotos und Briefen, etc. Und einer von euch Brüdern soll in die Firma fahren und sich über Storm eingehend erkundigen.“
„Verstanden, Captain.“
Langsam blätterte Tom die Fotoalben durch. Fein säuberlich waren die Daten vermerkt. Storm war tatsächlich ein gut aussehender Mann gewesen. Er fand Bilder aus Storms Jugend, die ihn mit seinen Eltern zeigten, doch dann klaffte eine Lücke von fast vier Jahren in der Sammlung. Es war die Zeit, in der Storm das College besucht hatte.
„Dieser Selbstmord stinkt“, knurrte Tom.
„Sie könnten recht mit Ihrer Vermutung haben, Captain“, sagte ein Detektiv. „Das Treppenhaus wurde seit ein paar Wochen nicht mehr betreten. Wir fanden verwischte Fußspuren. Zwei Männer lauerten hinter der Treppentür. Auch am Dach entdeckten wir Spuren.“
„Zwei Halunken steigen die Feuerleiter hoch. Das geschieht jeden Tag hundertmal in N.Y. Sie brechen die Dachtür auf und verstecken sich im Treppenhaus. Als Storm zum Aufzug geht, schnappen sie ihn sich. Zurück in die Wohnung. Dort zwingen sie ihn, bei seiner Firma anzurufen. Sie befestigen das Seil im Badezimmer und legen ihm die Schlinge um den Hals. Einer gibt ihm einen Tritt, dann fahren sie mit dem Aufzug in die Garage und verduften. Niemand hat sie gesehen. Wunderbar.“
„So könnte es gewesen sein, Captain.“
„Beweise, wir brauchen Beweise für diese Theorie. Und die werden wir nur sehr schwer finden.“
Rowland wanderte nachdenklich im Zimmer bin und her. Er war sicher, daß Storm ermordet worden war. Die Verbrecher wollten nicht, daß Storm bald gefunden wurde. Deshalb der Anruf in der Firma. Am Mittwoch wurde die „Nagira“ überfallen und Alex Gardiner kaltblütig getötet. Zwischen Storm und Gardiner mußte es eine Verbindung geben, und da die Fotos aus der Collegezeit fehlten, lag dort der Schlüssel zu diesem Fall.

* * *

Floyd Kendall musterte Jo Walker interessiert, als er einstieg. Es war kurz nach drei Uhr.
„Weshalb haben Sie ausdrücklich nach mir verlangt, Mister?“ erkundigte sich der Taxier.
„Das werde ich Ihnen unterwegs erzählen. Columbus Avenue 876.“
Kendall drückte den Hebel des Gebührenzählers herunter und fuhr los. Sein Haar war schulterlang, und er trug ein Stirnband. Der ungepflegte Vollbart sah aus, als hausten Mäuse darin.
„Vor zwei Tagen wurden Sie zu dieser Adresse gerufen. Können Sie sich daran erinnern?“
„Da muß ich mal nachdenken, Mac.“
Jo unterdrückte ein Seufzen. Heute bekam man keine Information mehr gratis.
Das Taxi bog in die Amsterdam Avenue ein und kroch Manhattan hoch.
„Mattscheibe, völlige Mattscheibe“, sagte Kendall und grinste breit. „Sind Sie ein Bulle?“
„Nein“, antwortete Kommissar X und schob dem Bärtigen einen Zehner zu.
„Vor zwei Tagen?“
„Um acht Uhr.“
„Hm, das war ein wenig früher. Zehn vor acht. Zwei Männer. Ein Weißer und ein Farbiger. Der Weiße sah wie ein Spaghetti aus.”
„Und der Farbige?“
„Ein ziemlich dunkelhäutiger Neger. Der Typ hat nicht ein Wort gesagt. Der Spaghetti stieg als erster ein. ,Zischen Sie mal die Columbus runter', sagte er.“
„Können Sie mir den Neger beschreiben?“
„Für mich sehen die Brüder alle gleich aus. Er war groß und kräftig. Das Haar sehr kurz geschnitten. Sah fast wie eine Kappe aus.“
„Wie war er bekleidet?“
„Mann, Sie haben vielleicht Fragen auf Lager. Keinen Schlips, ja, und ein weißes Hemd, sehr weiß. Der Anzug war grau.“
„Unterhielten sich die beiden?“
„Ich habe Ihnen doch gerade erzählt, daß der Typ nicht den Mund aufmachte. Und der andere führte auch kein Selbstgespräch.“
Kendall fuhr nun die 105te entlang, und kurze Zeit später hatte er die Columbus Avenue erreicht.
„Als wir am Lincoln Center vorbeifuhren, machte der Weiße den Schnabel auf. ,Bleiben Sie vor der Kirche Ecke Sechzigste stehen'. Dort stiegen die zwei Typen aus.“
„Wer zahlte?“
„Der Spaghetti. War ein Knauser, gab nur einen lausigen Quarter Trinkgeld.“
Vor der Nummer 876 blieb Kendall stehen.
„Von wo sind die zwei hergekommen?“ erkundigte sich Jo.
„Das habe ich nicht gesehen. Plötzlich waren sie da.“
Kommissar X blickte sich aufmerksam um. Hier war eine Suche sinnlos.
„Fahren Sie mich zur St. Paul Church.“
„Wie Sie wollen, Mister.“
Das war nur wenig ergiebig gewesen, dachte Jo verbittert, die Spesen hätte ich mir sparen können.
„He, Mann, da fällt mir was ein. Ein LKW blockierte die Fahrbahn. Ich mußte ein paar Minuten warten. Dann bog ich in die Siebenundfünfzigste ein. Da sah ich die zwei nochmals.“
„Machen Sie es nicht so spannend, Kendall.“
„Sie latschten in ein Burger King“, schnaubte er mißbilligend.
„Dorthin will ich.“
„Ich steh mehr auf McDonald's. Und Sie, Dad?“
„La Grenouille ist mir lieber.“
„Sie müssen ganz schön betucht sein, Mister. Dort lege ich für ein Essen einen Monatslohn hin. Hoffentlich zeigt sich Ihr Reichtum auch beim Trinkgeld.“
Walker hatte seinen großzügigen Tag, und Kendall fuhr gut gelaunt weiter, während Jo das Restaurant betrat.
Er faltete die Zeitung so, daß Farleys Gesicht gut zu sehen war.
„Einen King Hopper“, bestellte er. „Haben Sie diesen Mann vorgestern gesehen?“
Der Bursche grinste. „Na klar. Aber das habe ich bereits Ihren Kollegen vom FBI erzählt.“
Kommissar X war sprachlos.
„Klappen Sie mal das Mündchen zu.“
Jo fand die Sprache wieder. „Am Dienstag kam er zusammen mit einem Farbigen, nicht wahr?“
„Das ist mir nicht aufgefallen. Er bestellte wie üblich Pommes frites.“
„Demnach haben Sie ihn öfters gesehen?“
„Sie sind ja ein ganz Schlauer. In der vergangenen Woche war er fast jeden Abend hier. Bestellte immer eine Tüte Pommes und fort war er.“
„Wohin ging er?“
„Das weiß ich doch nicht. Meine Güte, wenn ich gewußt hätte, daß jetzt jede halbe Stunde einer von der Polizei auftaucht und die gleichen törichten Fragen stellt, dann hätte ich nicht angerufen.“
„Sie haben angerufen?“ Jo wunderte sich.
„Ich betrachtete es als meine Bürgerpflicht. Es steht doch in der Zeitung. Die Polizei bittet alle, sich zu melden, die in den vergangenen Tagen Don Farley gesehen haben. Alles klar?“
„Alles klar“, sagte Kommissar X und ließ den Hamburger unberührt stehen.
Üblicherweise hätte er sich nun bei April Bondy ausgeweint, doch die hübsche Blondine bearbeitete einen langweiligen Fall in Albany.
„Außer Spesen nichts gewesen“, murmelte Jo und steuerte die nächste Telefonzelle an. Kurze Zeit später war er mit Tom Rowland verbunden.
„Meine Rundfahrt mit dem Funktaxi war nicht sehr erfolgreich“, meinte er. „Ich habe eine flüchtige Beschreibung des Negers, mit der ich aber nicht viel anfangen kann. Die Spur endet in einem Burger King.“
„Mit dem Fall Farley/Gardiner habe ich nichts mehr zu tun“, stellte Rowland sachlich fest.
Kommissar X fluchte unterdrückt. „Da steckt doch unser lieber Freund Attorney Brown dahinter?“
„Dein Scharfsinn ist nicht zu überbieten“, stellte der Captain fest. „Was hast du nun vor?“
„Ich werde ins Quad Cinema gehen, dort spielt man zwei alte Hitchcock-Thriller.“
„Das wirst du nicht tun, alter Freund. Ich erwarte sehnsüchtig deinen Besuch.“
„Was hast du zu bieten?“
„Einen vorgetäuschten Selbstmord.“
„Klingt nicht gerade aufregend“, meinte Jo skeptisch.
„Dann eben nicht. Das ist ein Fall, wo man nicht mit dem Ballermann herumläuft - da gehört Köpfchen dazu.“
„Da bist du allerdings überfordert, Tom.“
Rowland lachte. „Möglicherweise besteht zwischen diesem Selbstmord und Gardiner ein Zusammenhang.“
„Das hört sich schon interessanter an. Ich werde den Wagen holen und...“
„Dir wird kein Stein aus der Krone fallen, wenn du dich unters gemeine Volk mischst und die Subway nimmst.“
„Okay, ich bin in ein paar Minuten bei dir.“

* * *

Der Captain beendete seinen Bericht und blickte Jo an.
„Ich stimme mit dir überein, Tom. Das war ein sehr sorgfältig geplanter Mord. Nun kommen wir zu den berühmten sieben ‚W’. Wer ist der Täter?“
„Vermutlich zwei Mitglieder der Totenkopfbande.“
Jo nickte. „Wahrscheinlich, muß aber nicht sein. Wir können uns nur auf vage Vermutungen stützen. Warum wurde John Storm ermordet?“
„Darüber zerbreche ich mir seit einer Stunde den Kopf. Seine Eltern, die sich im Augenblick bei Freunden in San Diego aufhalten, sind recht wohlhabend. Storm war ein guter Schüler, und nach der High School besuchte er ein Jahr lang das Hunter College in N.Y.C.“
„Nur ein Jahr lang?“
„Ja. Wir haben mit einigen seiner Freunde gesprochen, Storm sprach häufig über seine Kindheit, doch über dieses eine Jahr im College schwieg er. Vor fünf Jahren nahm er einen Posten in einer mittelgroßen Werbeagentur an. Er war so tüchtig, daß er ständig Gehaltserhöhungen erhielt. Storm war in der Firma überaus beliebt. Ein Motiv für einen Selbstmord gibt es nicht, und auch keins für einen Mord. Storm war ein Musterknabe, der nicht einmal Hasch rauchte. Er hatte keine Feinde. Trotzdem wurde er ermordet. Warum?“
„Das müssen wir herausfinden. Kannte er Alex Gardiner?“
„Seinen Freunden gegenüber erwähnte er Gardiner niemals. Das ist etwas merkwürdig, da doch die Zeitungen voll mit der bevorstehenden Hochzeit waren. In ein paar Minuten werden wir aber mehr wissen. Ich erwarte einen Anruf aus San Diego. Ein Kollege unterhält sich gerade mit Storms Eltern.“
„Was ist mit dem Hunter College? Sie bringen doch jährlich Jahrbücher heraus, da sind alle Studenten und Lehrkräfte verzeichnet und...“
„Daran habe ich natürlich sofort gedacht. Ron holt das betreffende Jahrbuch.“
Jo steckte sich eine Zigarette an.
„Alter, dir ist doch hoffentlich klar, worauf du dich einläßt? Du hältst dem FBI wichtige Beweisstücke vor. Daraus könnte dir Attorney Brown einen Strick drehen.“
Der Captain nickte grimmig. „Dieses Risiko nehme ich auf mich. Das Büro des Staatsanwalts hat die Meldung von Storms Tod erhalten. Ich füllte das Formular höchst persönlich aus. Jeden Tag hängen sich ein halbes Dutzend Leute in New York auf.“
„Und laut Statistik wird in N.Y. alle sechs Stunden einer ermordet. Der Leiter der Mordkommission Manhattan C/II kümmert sich um einen Selbstmord, da wird sogar Brown stutzig.“
„Du hältst mich wohl für völlig verblödet, Jo“, sagte Tom und grinste. „Die Untersuchung leitete Detektiv John Brown. Und er war mächtig stolz, als ich ihn unterschreiben ließ.“
Das Telefon läutete. Rowland meldete sich.
„San Diego“, flüsterte er Jo zu. „Schnapp' dir den zweiten Hörer.“
„Ich habe mit den Eltern gesprochen, Captain. Es war einfach scheußlich.“
„Das kann ich mir denken.“
„Die Frau bekam einen Weinkrampf, und ihr Mann war einige Zeit nicht ansprechbar. Die Eltern halten einen Selbstmord für völlig ausgeschlossen.“
„Gab es irgendetwas Ungewöhnliches in Storms Leben?“
„Nichts, Captain. Überhaupt nichts.“
„Kannte er Alex Gardiner?“
„Ja, sie waren eine Zeitlang befreundet. Doch seit Storm das College verlassen hatte, sahen sie sich nur noch sehr selten.“
„Warum hat Storm nach einem Jahr das Studium abgebrochen, Lieutenant?“
„Sein bester Freund starb bei einem Autounfall. Danach war Storm ein paar Wochen sehr niedergeschlagen. Das College interessierte ihn nicht mehr.“
„Können sich die Eltern vorstellen, wer Storms Tod gewünscht hätte?“
„Nein. Angeblich hatte er bei den Frauen viel Glück. Die Eltern fliegen morgen zurück nach New York. Ich gebe Ihnen ihre Adresse.“
Tom notierte sie, dann legte er den Hörer auf und sah Jo angespannt an.
„Du hättest dir den Namen des toten Freundes geben lassen sollen, Tom.“
„Er kann uns nicht weiterhelfen. Gardiner und Storm trafen sich noch immer. Das ist interessant. Vielleicht will uns der Täter mit dem verschwundenen Fotoalbum auf eine falsche Spur locken.”
„Das ist durchaus möglich“, stimmte Jo zu. „Storm war ein Schürzenjäger, und Gardiner galt auch nicht als Kostverächter.“
„Ein eifersüchtiger Ehemann?“
Jo hob die Schultern. „Mit Vermutungen kommen wir nicht weiter. Beide wurden erhängt. Warum nicht einfach erschossen? Ich sage dir, sie wurden kaltblütig hingerichtet!“
Sie schwiegen ein paar Minuten. Jeder hing seinen Gedanken nach.
Ron Myers trat ins Zimmer.
„Was ist mit euch los?“ fragte der Lieutenant. „Nach euren kummer-vollen Mienen zu schließen, steckt ihr in einer verdammt dunklen Sackgasse.“
„Du sagst es, Ron. Hast du das Jahrbuch?“
Myers legte es auf Rowlands Schreibtisch.
„Ich habe mit ein paar Lehrern gesprochen“, sagte Myers. „An John Storm konnte sich keiner erinnern. Auch nicht an Alex Gardiner.“
Der Captain blätterte das Jahrbuch durch. Die Informationen über das College überflog er nur, dann studierte er die Liste des Lehrerkollegiums und der Schüler, von denen es nur Gruppenfotos gab. Schließlich fand er John Storm und Alex Gardiner. Zwischen den beiden stand ein anderer Junge.
„Der Rektor ist ein sturer Hund“, sprach Myers weiter. „Er wollte mir die Adressen der Schüler nicht geben. Dann habe ich ihn doch überredet. In zehn Minuten spuckte sie der Computer aus.“
„Gut gemacht, Ron“, lobte Rowland. „Dann werden wir uns mal die zwanzig Jungen auf dem Bild vornehmen.“
Rowland warf einen Blick auf den Computerausdruck und lächelte zufrieden. „Da stehen sogar die Telefonnummern dabei.“
„Na, dann los“, sagte Jo. „Jetzt werden wir ein wenig die Telefonrechnung der Polizei hochtreiben.“
Sie telefonierten fast zwei Stunden lang, dann verglichen sie die Ergebnisse.
„Storms bester Freund war Jim Reidy“, faßte Rowland zusammen und gähnte lautstark. „Sie lernten sich bereits auf der High School kennen. Dieser Reidy wird als schmächtiges Bürschchen beschrieben, Brillenträger und als Autofanatiker bezeichnet. Zu seinem 19. Geburtstag schenkten ihm seine Eltern einen Porsche. Zwei Tage später hatte er einen Frontalzusammenstoß mit einem Sattelschlepper. Reidy war augenblicklich tot.“
„John Storm war so etwas wie der Beschützer von Jim Reidy“, sagte Jo.
„Richtig. Storm und Gardiner waren scharf auf Mädchen. Sie gingen oft am Wochenende miteinander aus. Gelegentlich nahmen sie auch Will Carroll mit, der bei seinen Mitschülern nicht gerade beliebt war. Auffallend ist, daß alle drei nach einem Jahr das Hunter College verließen.“
„Und mit ihren ehemaligen Mitschülern hatten sie keinen Kontakt mehr“, meinte Kommissar X.
„Will Carroll steht auf meiner Liste“, sagte Ron Myers. „Er wohnt jetzt auf Long Island. Das hat mir einer seiner Schulkameraden verraten. Ich rief dreimal an, doch es meldete sich niemand.“
„Dann versuche ich es jetzt“, sagte Rowland. „Gib mir die Nummer.“
„Falls du ihn erreichst, dann heize ihm ordentlich ein.“
„Darauf kannst du dich verlassen, Jo.“
Rowland ließ es fünfmal läuten, dann brummte eine tiefe Stimme: „Ja.“
„Spreche ich mit Mister Carroll?“
„Sie haben das Vergnügen. Und wer sind Sie, Mister?“
„Captain Rowland, Mordkommission Manhattan.“
„Mordkommission?“
„Mister Carroll, Sie sind doch mit Alex Gardiner befreundet?“
„So würde ich das nicht ausdrücken. Wir waren ein Jahr zusammen im College.“
„Sie wissen, daß er entführt wurde?“
„Natürlich, es steht doch in jeder Zeitung.“
„Haben Sie in den vergangenen Tagen zufällig John Storm getroffen?“
Carroll räusperte sich. „Nein. Was sollen Ihre Fragen, Captain?“
„Gardiner und Storm sind tot.“
Nun japste Carroll nach Luft. „Beide wurden ermordet.“
„Aber das ist doch...“
„Erhängt!“
Gurgelnde Geräusche drangen aus der Telefonmuschel.
„Hören Sie mich, Mister Carroll?“
„Ja“, flüsterte er fast unhörbar.
„Wir fürchten, daß Sie der nächste auf der Liste sind.“
„Was wollen Sie damit andeuten?“
„Sie schweben möglicherweise in Lebensgefahr.“
„Blödsinn. Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun gehabt. Das war die Idee von Alex und... Überhaupt geht Sie das nichts an.“
„Ich will mit Ihnen persönlich sprechen. Über Gardiner und Storm. Und natürlich auch über Jim Reidy.“
Carroll keuchte wie eine Dampflokomotive. „Ich kann Ihnen nichts sagen, Captain.“
„Da bin ich anderer Meinung. In einer halben Stunde habe ich einen Haftbefehl. Oder ziehen Sie ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen vor?“
„Na gut“, sagte Carroll schließlich seufzend. „Kommen Sie her. Ich wohne in der Nähe von Eastport, direkt an der Moriches Bay. Es führt nur ein schmaler Feldweg zu meinem Haus.“
„Das war ein Volltreffer“, Rowland freute sich. Seine Müdigkeit war wie weggeblasen.
„Nach Eastport sind es siebzig Meilen. Mein Wagen steht in der Tiefgarage, und meine Kanone liegt in der Schreibtischlade“, meinte Jo.
„Wir nehmen einen unserer unauffälligen Dienstwagen.“
„Die nur mehr vom Dreck zusammengehalten werden. Da brauchen wir bis Eastport fünf Stunden mit der lahmen Kiste.“
„Bis Long Island werden wir es schon schaffen. Wir haben da einen fünf Jahre alten Chevy, der schafft glatt die erlaubten 55 Meilen.“

* * *

Will Carroll saß auf der Veranda und stierte die untergehende Sonne an. Er rauchte eine dicke Zigarre und griff alle paar Minuten nach der Bierdose und trank einen Schluck.
In das Rauschen des Meeres mischten sich die Schreie der Möwen.
Üblicherweise genoß er die Sonnenuntergänge, doch heute war es anders. Er war verkrampft und fühlte sich höchst unbehaglich.
Er hörte das Motorengeräusch, dann das Knirschen der Räder auf dem feinen Sand, doch er wandte nicht den Kopf.
Dieser Captain Rowland muß geflogen sein, dachte er, dann stand er lässig auf.
Unweit der Veranda blieb ein blauer Toyota stehen. Gleichzeitig wurden die Vordertüren aufgerissen und zwei Männer stiegen geschmeidig aus.
„Keine Bewegung, Mister Carroll!“ schrie der eine und richtete eine Maschinenpistole auf ihn.
Bedächtig stiegen sie die Treppe hoch. Beide waren dunkel gekleidet und die abscheulichen Masken mit den Totenköpfen leuchteten im Dämmerlicht.
Die Warnung des Captains war berechtigt, schoß es Carroll durch den Kopf.
„Ein wunderschöner Abend, nicht wahr, Mister Carroll“, sagte der Kerl mit der Maschinenpistole.
„Was wollen Sie von mir?“
„Ihnen einen Besuch abstatten. Sie sind ein gutaussehender junger Mann, wenn man etwas für Typen mit Schnauzbärten übrig hat. Auf Ihr Geld haben wir es nicht abgesehen, mein Lieber.“
Der zweite hielt in beiden Händen ein schwarzes Nylonseil.
Nur nicht die Nerven verlieren, dachte Carroll. Jeden Augenblick konnte der Captain eintreffen. Ich muß sie aufhalten.
„Alex Gardiner haben wir heute erledigt, vorgestern besorgten wir es John Storm. Und nun sind Sie dran.“
Carroll sog an der Zigarre, die wie ein Leuchtkäfer glühte. „Da muß ein Irrtum vorliegen. Ich kenne die zwei Gents nicht, die Sie erwähnten.“
„Spielen Sie nicht den Naiven. Wir haben Sie vierzehn Tage beobachtet. Sie sind der richtige Will Carroll.“
„Weshalb wollen Sie mich töten?“
„Das können Sie sich doch denken, Verehrtester.“
„Ich bin völlig ahnungslos.“
„Dann werde ich Ihrer Erinnerung nachhelfen. Keith, geh ins Haus und sieh dich ein wenig um. Suche einen passenden Platz.“
„Sie begehen einen schrecklichen Fehler.“
„Es war eine laue Frühlingsnacht. Sie und Ihre Kumpane waren völlig betrunken, und da kamen Sie auf eine perverse Idee.“
„Ich verstehe noch immer nichts.“
„Sehen Sie sich das Foto an.“
Der Maskierte hielt Carroll ein Bild hin.
„Mit der ganzen Sache hatte ich nichts zu tun.“
„Plötzlich können Sie sich wieder erinnern, das ist ja herrlich.“
„Alex schlug es vor. John war begeistert. Ich wollte es nicht, doch die anderen...“
„Sparen Sie sich die faulen Ausreden.“
„Ich habe einen geeigneten Platz gefunden, Miles“, schrie Keith.
„Hinein mit Ihnen, Carroll.“
„Darf ich die Zigarre ausdrücken?“
„Sie dürfen.“
Carroll drehte sich etwas zur Seite, dann beugte er sich vor und legte die Zigarre in den schweren Aschenbecher, den er blitzschnell packte. Er schnellte herum und schleuderte ihn Miles entgegen, der einen Schritt zur Seite sprang und spöttisch lachte.
„Sie haben wenigstens Mut, Carroll. Daher werden wir es auch rasch hinter uns bringen. Machen Sie keine Dummheiten mehr.“
Carroll knirschte mit den Zähnen. Nun kam die Angst. Er begann zu schwitzen.
Das Wohnzimmer war hell erleuchtet. Eine schwere Sitzgruppe war durch einen Holzverbau erhöht angebracht. Von einem der Querbalken baumelte das Seil. Genau darunter stand ein Stuhl.
„Hinauf mit Ihnen, Carroll.“
„Warten Sie. Vielleicht können wir zu einer anderen Lösung kommen.“
„Ihr Geld interessiert uns nicht. In einer Stunde bekommen wir eine halbe Million von Roger Porter. Mein Entschluß steht fest.“
Mit wankenden Knien torkelte Carroll durch das Zimmer. Wo bleibt nur dieser verdammte Captain? dachte er.
„Nein“, wimmerte Carroll. „Ich bin unschuldig. So glauben Sie mir doch.“
„Keith, hol die Handschellen hervor. Wir werden dieses Schwein fesseln.“
Carroll wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Gnade“, flehte er.
Miles lachte durchdringend.
„In fünf Minuten sind Sie tot, Sie Dreckskerl.“

* * *

Genau siebzehn Minuten vor neun Uhr blieb der braune Rolls-Royce vor der Tankstelle im kleinen Ort Lake Minnewaska stehen.
Roger Porters Hände zitterten. Die Fahrt war für ihn mit Höllenqualen verbunden gewesen.
Er blickte zur Tankstelle, blieb noch fünf Minuten sitzen, dann stieg er schwerfällig aus. Langsam überquerte er die Straße und blieb vor der Telefonzelle stehen. Der Tank¬wart hockte in seinem Warteraum und las eine Illustrierte.
Drei Minuten vor neun Uhr betrat der Millionär die Telefonzelle. Seine rechte Hand umklammerte den Hörer, dabei ließ er seine Uhr nicht aus den Augen.
Jede Sekunde war eine Ewigkeit. Ein riesiger LKW raste an der Telefonzelle vorbei.
Neun Uhr. Fünfzehn Sekunden später rasselte das Telefon los.
„Ja“, meldete er sich. „Hier Porter.“
„Die fünfhundert Riesen haben Sie mitgebracht?“
„Sie befinden sich in zwei Koffern. Ich ließ sie nicht aus den Augen. Das FBI hatte keine Gelegenheit, irgendwelche Geräte anzubringen.“
„Sie können Ihren Wagen präpariert haben. Aber das glaube ich nicht. Das Leben Ihrer Tochter ist wichtiger. Danach werden uns die FBI-Burschen erbarmungslos jagen, Aber das ist unsere Sache. Sie fahren nun bis zur 209ten. Dort geht es noch links weiter. Bei Ellenville biegen Sie in die Straße 52 ein und fahren bis Woodburne. Vor dem Ortsschild bleiben Sie stehen, laden die Koffer aus und fahren weiter nach Liberty. Dort gibt es eine Pizzeria. Sie können sie nicht verfehlen, fünf scheußliche Reklametafeln weisen auf sie hin. Ich rufe Sie in einer Stunde an und teile Ihnen mit, wo Sie Ihre Tochter abholen können. Wiederholen Sie meine Anweisungen.“
Porter gehorchte.
„In einer Stunde haben Sie alles überstanden.“
Der Unbekannte hatte aufgelegt.
Der Millionär hielt sich genau an die Anweisungen. Zehn Minuten später erreichte er Ellenville. Er konzentrierte sich ganz aufs Fahren. Beim Woodburne Ortsschild hielt er, öffnete den Kofferraum und stellte die zwei Koffer an den Straßenrand.
Er fuhr durch Loch Sheldrake, und kurze Zeit später tauchten die ersten Häuser von Liberty auf. Mühelos fand er die Pizzeria.
Das Lokal war nur schwach besucht. Er nahm an der Theke Platz und bestellte ein Glas Rotwein.
„Ich erwarte einen Anruf“, sagte er. „Mein Name ist Roger Porter.“
Dabei schob er einen Zwanziger über die Theke.
Dann begann das endlose Warten.

* * *

Hinter den Krüppelkiefern lauerten zwei dunkel gekleidete Männer.
Als der Rolls-Royce nicht mehr zu sehen war, sprinteten sie los, schnappten die Koffer und verschwanden hinter ein paar Büschen.
„So viele hübsche Scheine habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen, Ed.“
„Halt die Klappe, Art.“
Ed stopfte die Banknotenbündel in einen Duffelsack, den Art hielt. Es dauerte fast zehn Minuten, dann war er gefüllt.
„Die Koffer lassen wir hier“, sagte Ed.
Er warf sich den Sack über die Schulter, und sie gingen zu einem zerbeulten VW-Käfer. Den Sack deponierten sie auf den Rücksitzen.
Art glitt hinters Steuer, startete und fuhr langsam los.
„Hundertfünfundzwanzig Riesen für jeden von uns“, schwärmte Art. „Wieviel glaubst du, wird die Versicherung für den Schmuck zahlen?“
„Eine Million, aber vermutlich etwas weniger. Wir werden natürlich mehr verlangen. Die Verhandlungen werden einige Tage dauern.“
Ed blickte angespannt in den Rückspiegel, doch kein Wagen verfolgte sie.
„Wann rufen wir Porter an, Ed?“
„In genau einer Stunde. Fahr in Richtung Middletown.“

* * *

„Kannst du nicht rascher fahren, Tom?“ fragte Jo ungehalten.
Rowland trat das Gaspedal stärker durch. Der Motor gab krächzende Laute von sich. Die Tachonadel pendelte auf 70.
„Schneller kann ich nicht fahren“, knurrte Tom. „Dieser Highway 27 ist voller Schlaglöcher.“
„Noch fünf Meilen bis Eastport“, stellte Kommissar X fest. Er sah sich den Revolver an, den er im Handschuhfach gefunden hatte. Es war eine Smith & Wesson, Patrolman Model 28. Die Waffe schob er zusammen mit einer Patronenschachtel in die rechte Jakettasche.
„Du fährst ganz langsam zu Carrolls Haus, Tom. Dann warten wir ein paar Minuten. Du parkst so, daß ich das Haus beobachten kann, danach steigst du aus. Ich bleibe einstweilen im Wagen.“
„Deine Vorsicht scheint mir ein wenig übertrieben, alter Freund.“
„Mag sein, aber vielleicht hat es sich Carroll anders überlegt. Möglicherweise hockt er vor dem Haus und verpaßt uns eine Ladung Blei.“
„Du hast eine lebhafte Phantasie.“
„Vielleicht. Aber weshalb sollen wir ein unnötiges Risiko eingehen?“
Tom verfuhr sich in Eastport, doch endlich erwischte er den schmalen Feldweg, der zu Carrolls Haus führte.
Im Schneckentempo glitt der Chevy über den feinen Sand.
„In einem Zimmer brennt Licht“, sagte Kommissar X. „Schalte die Scheinwerfer aus.“
Der Captain gehorchte.
„Vor dem Haus steht ein Toyota.“
Ein Mann betrat die schwach beleuchtete Veranda. Deutlich war die leuchtende Totenkopfmaske zu sehen.
„Nichts wie raus aus dem Wagen“, sagte Jo hastig. „Der Kerl hat eine Maschinenpistole.“
Die Wagentüren sprangen auf, und Tom und Jo hechteten ins Freie.
Der Chevy rollte weiter auf das Haus zu.
In diesem Augenblick ratterte die Maschinenpistole los. Die Kugeln zerfetzten die Reifen, gruben sich in den Kühler und die Windschutzscheibe.
Kommissar X hielt den Revolver mit beiden Händen. Er drückte zweimal ab. Mit drei Sprüngen suchte er hinter einem Baum Deckung.
Keine Sekunde zu früh, denn wieder war das Bellen der Maschinenpistole zu vernehmen. Ein paar Geschosse bohrten sich in den Baum.
Aufmerksam blickte sich Jo um. Rowland konnte er nirgends sehen.
Vorsichtig glitt er zu Boden und legte sich auf den Bauch. Er schob sich ein Stück zur Seite und warf einen Blick auf die Veranda.
Das Mitglied der Totenkopfbande war verschwunden. Der Chevy stand neben dem Toyota.
Jo zielte auf einen Reifen und drückte ab. Er hatte gut getroffen.
Langsam stand er auf. Irgendjemand hatte im Haus das Licht abgedreht. Es war eine sternenklare Nacht, und Jo gewöhnte sich rasch an die Dunkelheit.
Bis zur Veranda waren es etwa fünfzig Meter. Nirgends gab es eine Deckung.
Rasch lud er den Revolver nach, dann zielte er auf eine Scheibe, die zersplitterte. Der erwartete Kugelregen blieb aus.

* * *

Tom Rowland hatte sich beim Hechtsprung aus dem Wagen die linke Hand verstaucht. Unterdrückt fluchend wandte er sich nach links und lief im Schutz einiger Büsche am Haus vorbei.
Mit der Automatic in der rechten Hand schlich er vorsichtig weiter, dabei ließ er das Haus nicht aus den Augen. Es war eines dieser typischen Sommerhäuser der Reichen, zweistöckig und aus Holz erbaut.
Kurze Zeit später hatte er den Strand erreicht. Hinter einem halb verfaulten Ruderboot hockte er sich nieder.
Direkt vom Haus aus verlief ein Bootssteg, der zu einer Hütte führte.
Die Gangster waren entweder mit dem Toyota oder mit einem Boot gekommen, dachte Rowland.
Die Tür zum Bootssteg wurde aufgestoßen und zwei Männer betraten ihn.
Der Captain hob die Pistole und zielte auf den Kerl mit der Maschinenpistole. Er stieß einen Schrei aus und fiel auf die Knie. Der zweite Mann ließ sich einfach niederfallen.
Eine Kugelgarbe fraß sich durch den Sand auf Rowland zu, der hinter dem Ruderboot Deckung suchte. Holzsplitter flogen ihm um die Ohren.
Er hörte die Schritte auf dem Bootssteg und hob den Kopf. Die beiden hatten fast die Hütte erreicht. Rowland riskierte wieder einen Schuß, doch diesmal traf er nur das Bootshaus. Sofort zog er den Kopf ein, als die Maschinenpistole losging.

* * *

In Zickzacklinien raste Jo Walker auf das Haus zu. Er drückte sich an die Verandawand und ging langsam weiter.
Nach ein paar Schritten erblickte er den Bootssteg. Die Gangster betraten gerade die Hütte.
Fast gleichzeitig rannten Rowland und Walker los.
„Einen der Gangster habe ich getroffen“, sagte Tom.
„Die zwei Halunken verduften mit einem Motorboot.“
Deutlich war jetzt das Tuckern eines Motors zu hören.
„Ich übernehme die Bootshütte“, sagte Jo grimmig.
„Das ist Selbstmord, Jo.“
„Wir schicken ihnen eine Ladung Blei nach, sobald sie mit dem Boot aus der Hütte fahren.“
Der Bootssteg bot ihnen eine gute Deckung.
Wie eine Rakete schoß das schnittige Motorboot aus der Hütte.
Jo und Tom drückten fast gleichzeitig ab. Sie konnten nicht feststellen, ob sie getroffen hatten, denn die beiden Gangster hatten sich auf den Boden des Bootes gelegt, das auf die schmale Öffnung der Fire Island National Seashore zuraste.
„Was glaubst du wohl, was wir im Haus finden werden, Tom?“
„Einen sehr toten Will Carroll.“
„Du sagst es.“
Das durchdringende Heulen eines Streifenwagens kam rasch näher.
„Stecken wir die Kanonen ein, Jo. Und dann gehen wir mit schön erhobenen Pfötchen zur Veranda. Ich habe keine Lust, von einem übereifrigen Cop über den Haufen geschossen zu werden.“
Das grelle Licht der Scheinwerfer blendete sie. Beide blinzelten dem Streifenwagen entgegen und hoben die Arme hoch.
Zwei uniformierte Beamte der Staatspolizei kamen auf sie zu. Beide hatten ihre Waffen gezogen.
„Die Ballerei war bis Riverhead zu hören sagte einer. „Was war hier los?“
„Wir schossen auf Bojen, Officer“, sagte Jo grinsend.
„Das Grinsen wird Ihnen schon noch vergehen.“
„Ich bin Captain Rowland. Mordkommission Manhattan. Darf ich Ihnen meinen Dienstausweis zeigen?“
„Okay, nehmen Sie die rechte Hand herunter. Ganz langsam.“
Der Captain holte seine Marke hervor, dann seinen Ausweis.
„Und wer ist der Bursche in Ihrer Begleitung, Captain?“
„Jo Walker. Ein Privatdetektiv.“
„Zeigen Sie mir Ihre Lizenz, Walker.“
Kommissar X reichte sie dem Polizisten, der sie genau studierte und Jo zurückgab.
„Welche Gruppe der Mordkommission hat heute Dienst, Officer?“ fragte Rowland.
„Captain Novotny und sein Team.“
„Der Eisenfresser“, Tom grinste.
„Sie kennen ihn, Sir?“
„Das kann man wohl sagen. Wir haben etliche Kurse gemeinsam besucht. Rufen Sie an. Er soll das Spurensicherungsteam mitbringen. Und verständigen Sie die Küstenwacht. Sie sollen nach einem Motorboot suchen.“
„Marke Innovator“, schaltete sich Jo ein. „Schneeweiß. Zwei bewaffnete Gangster sind damit abgehauen.“
Kommissar X holte die Pall Mall hervor und hielt Tom das Päckchen hin.
„Verdammtes Pech“, knurrte Tom.
„Wären wir nur ein paar Minuten früher gekommen, dann...“

* * *

Das Motorboot fuhr in Richtung Southampton.
Keith stöhnte. Er preßte sich beide Hände auf den Bauch.
„Mich hat es erwischt, Miles“, keuchte er.
„Du schaffst es, Keith.“
„Nein, es ist aus. Ich verblute. Versprich mir, daß du mich rächen wirst.“
„Du wirst nicht sterben.“
„Ich möchte nur zu gern wissen, wer die zwei waren“, sagte Keith wimmernd. „Bullen?“
„Das werde ich herausfinden, das garantiere ich dir, Keith.“
Miles drosselte das Tempo und steuerte das Boot in die Shinnecock Bay.
„Keith, in ein paar Minuten gehen wir an Land. Ich bringe dich zu einem Arzt.“
Er warf seinem Freund einen Blick zu, dann preßte er die Lippen zusammen.
Keith war tot.
„Ich werde dich rächen, Keith, das schwöre ich.“
Vorsichtig näherte er sich dem Ufer. Er glitt an ein paar hell¬erleuchteten Villen vorbei. In einer wurde lautstark eine Party gefeiert.

* * *

Captain Novotny war eine imposante Erscheinung. Er war fast zwei Meter groß und hatte die Figur eines Schwergewichtsboxers. Sein Haar war brandrot, und die Nase war mehrmals gebrochen worden.
„Der alte Tom Rowland“, sagte er mit donnernder Stimme. „Hast du herumgeballert, alter Gauner?“
„Ein wenig, aber den größten Krach machte ein Kerl mit einer Maschinenpistole, der uns beide umlegen wollte.“
„Das ist ihm offensichtlich nicht gelungen. Wer sind Sie?“
Kommissar X stellte sich vor.
„Privatdetektive kann ich nicht ausstehen“, schnaubte Novotny.
„Jo ist ein alter Freund von mir, Ben.“
„Dann schieß mal los, Dicker. Weshalb hast du die Mordkommission gerufen?“
„Das ist eine lange Geschichte. Ich schlage vor, wir gehen ins Haus.“
Die Wohnzimmertür stand halb offen. Novotny drückte den Lichtschalter nieder.
„Da hast du deinen Toten“, sagte Rowland.
„Ein Erhängter! Scheint ein Selbstmord zu sein“, dröhnte Novotny.
„Ist aber keiner.“
„Kennst du den Mann, Tom?“
„Vermutlich ist es Will Carroll.“
Vor dem Toten blieben sie stehen. Rowland war nicht sonderlich überrascht, als er feststellte, daß es sich um ein schwarzes Nylonseil und einen Kreuzknoten handelte.
„Ich habe mit Will Carroll telefoniert. Er sollte uns eine Auskunft in einem anderen Fall geben, deshalb habe ich mich auch nicht mit dir in Verbindung gesetzt. Es sollte nur ein freundliches Gespräch unter vier Augen werden.“
„Soso“, murmelte Novotny. Ungeniert packte er die rechte Hand des Toten. „Ich bin zwar kein Arzt, aber er ist noch nicht einmal eine Stunde tot. Du warst also auf ein Schwätzchen mit Will Carroll scharf.“
„Du sagst es. Auf der Veranda stand ein Gangster, der sofort mit einer MPi wie verrückt zu schießen begann.“
„Der Chevy ist ein Wrack. Da habt ihr ein unwahrscheinliches Glück gehabt“
Ein paar Beamte der Spurensicherung trafen ein.
„Wie ich das FBI kenne, hast du sicherlich ein streng geheimes Fernschreiben erhalten. Wurde darin auch der Name Alex Gardiner erwähnt?“
Novotny runzelte die Stirn und blickte Rowland durchdringend an. Kommissar X glaubte förmlich zu hören, wie Novotnys Gehirnzellen klickten.
„Hm“, antwortete Novotny breit grinsend. „Ich überfliege Fernschreiben vom FBI immer nur sehr flüchtig. Und manchmal wird mein Schreibtisch mit so vielen Fernschreiben überhäuft, daß ich keine Zeit habe, sie alle zu lesen.“
„Was hältst du von einem Spaziergang, Ben?“
„Das ist eine prächtige Idee.“
Sie schritten über den Bootssteg, und Rowland berichtete Novotny in kurzen Worten alles, was er wußte.
Novotny überlegte eine Minute lang, dabei schnalzte er mit der Zunge.
„Der Zusammenhang zwischen Gardiner, Storm und Carroll ist unübersehbar“, stellte er schließlich fest. „Doch ich bin einer dieser hinterwäldlerischen Bullen, die alles ganz anders sehen.“
„Und wie siehst du es?“
„Du kannst sicher sein, daß in ein paar Minuten schon eine Meute Reporter da ist. Denen muß ich irgendetwas erzählen. Und ich fürchte, daß irgendjemand sich wichtig macht und den Schreiberlingen verrät, daß du in den Fall verwickelt bist.“
„Das höre ich höchst ungern“, maulte Rowland.
„Mein alter Freund Rowland ruft mich an und teilt mir mit, daß er mit Will Carroll sprechen will. Natürlich habe ich nichts dagegen. Du und dieser Walker fahren zu Carrolls Haus. Ihr seid höchst erstaunt, daß zwei Gangster, die ihr bedauerlicherweise nicht beschreiben könnt, den Wagen zusammenschießen. Seit ein paar Wochen treibt sich eine Bande hier in der Gegend herum, die Villen ausräumt. Wahrscheinlich habt ihr sie gerade überrascht, als sie Carrolls Haus nach Wertgegenständen durchstöberten.“
„Und was ist mit Will Carroll?“
„Der Presse gegenüber werde ich natürlich nichts von John Storm erwähnen. In dem Bericht für die Staatsanwaltschaft muß ich angeben, daß du Carroll wegen John Storms Selbstmord befragen wolltest. Nehme ich das auf, dann muß ich aber auch einen Durchschlag an das FBI schicken.“
„Genau dies möchte ich vermeiden“, seufzte Rowland. „Aber ich habe keinen eindeutigen Beweis, daß John Storm ermordet wurde. Bei Will Carroll wird es nicht anders sein.“
„Ja, so wird es gehen“, sagte Novotny und nickte bekräftigend. „Wir warten die Obduktionsbefunde ab. Dann erst bekommt das FBI meinen Bericht. Mir kann niemand einen Vorwurf machen. Bei dir sieht das allerdings etwas anders aus.“
„Ich weiß. Attorney Brown wird mich vom Dienst suspendieren und sich vor Freude totlachen.“
„Hoffentlich kommt es nicht dazu. Dir bleibt aber nicht viel Zeit, Tom. Wenn du die Täter nicht innerhalb von vierundzwanzig Stunden hast... dann möchte ich nicht in deiner Haut stecken.“
Sie kehrten zurück ins Haus. Der Arzt war bereits gegangen.
„Es war ganz offensichtlich Selbstmord“, berichtete ein dürrer Detektiv. „Der Tote ist Will Carroll, ein Nachbar hat ihn identifiziert. Die Gangster kamen mit dem Toyota, der vor zwei Stunden in Mineola gestohlen wurde. Wir fanden einige Fingerabdrücke im Auto.“
Novotny winkte verächtlich ab. „Von den Gangstern werden sicherlich keine dabei sein. Wurde das Boot schon gefunden?“
Der Beamte schüttelte den Kopf. „Einen Abschiedsbrief fanden wir auch nicht. Auf dem Dachboden entdeckten wir diese Schachtel, die voll mit Fotos, alten Kalendern und Dokumenten ist. Alles ungeordnet.“
„Diesen Karton nehmen wir mit. Gibt es sonst noch etwas?“
„Draußen warten ein paar Reporter, Captain.“
Rowland und Novotny wechselten einen raschen Blick.
„Das war zu befürchten. Ich werde den Hyänen ein paar Brocken zum Fraß vorwerfen. Und wenn sich die Fragen in die Richtung bewegen, wie ich es erwarte, dann taucht ihr beide auf der Bildfläche auf.“
Der Boden bebte, als Novotny das Haus verließ. Dann war seine dröhnende Stimme zu vernehmen.
„Unser lieber Freund, der Eisenfresser“, sagte respektlos ein Journalist „Hoffentlich haben Sie heute Ihren gesprächigen Tag, Captain.“
„Dürfen wir ein paar Fotos schießen, Captain?“ erkundigte sich ein Fotograf. „Den Chevy könnt ihr im Polizeimuseum ausstellen.“
„Das ist ein recht langweiliger Fall, meine lieben Freunde“, donnerte Novotny. „Gibt nicht, viel her für eine Story. Will Carroll hat sich das Leben genommen, und ein paar Gangster ballerten in der Gegend herum.“
„Stimmt es, daß auf einen Beamten der City Police von Manhattan geschossen wurde?“
„Wer hat Ihnen das erzählt?“
„Ich gebe grundsätzlich nicht meine Quellen bekannt, Captain. In seiner Begleitung soll ein Privatdetektiv gewesen sein. Sagt Ihnen der Name Jo Walker etwas, er ist auch als Kommissar X bekannt?“
„Ja, den Namen habe ich schon gehört.“
„Reden Sie endlich, Captain“, drängte eine Journalistin.
„Okay, Leutchen, ihr sollt eure Freude haben. Captain Tom Rowland und Jo Walker werden eure Fragen beantworten.“
„Mist, verdammter Mist“, fluchte Jo.
„Ganz meine Meinung. Laß mich über die Tatsachen berichten. Du versuchst sie abzulenken, verstanden?“
Ein paar Blitzlichter flammte auf, als Jo und Tom die Veranda betraten.
„Hallo, Jo!“ schrie ein Bursche von UPI. „Was habt ihr von Wil Carroll gewollt?“
„Vor drei Tagen pokert ich mit ihm. Der Kerl konnte nicht zahlen, und er wollte auch nicht. Da drohte ich ihm, daß ich mit Captain Rowland die Spielschulden in der Höhe von 63 Cents eintreiben werde.“
Ein paar lachten.
„Scheint tatsächlich pleite gewesen zu sein, denn sonst hätte er sich wohl kaum erhängt.“
„Lassen Sie den Blödsinn, Walker“, sagte eine blonde Journalistin.
„Ich habe mit der Sache nichts zu tun, Miß. Es war ein reiner Zufall, daß ich Captain Rowland begleitete.“
„Das können Sie Ihrer Oma erzählen.“
Rowland beantwortete nun die Fragen, und er tat es sehr geschickt. John Storm und Alex Gardiner wurden nicht erwähnt.

* * *

Die Atmosphäre in der Pizzeria fand Roger Porter als unerträglich. Die Gerüche der fetttriefenden Pizzas, des abgestandenen Bieres und des verschütteten Rotweins, vermischt mit dem Gestank von billigen Zigarren und süßlich duftenden Zigaretten, schlugen sich ihm schwer auf den Magen.
Sein Gesicht sah grünlich aus. Dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab, und er war müde, entsetzlich müde.
In der letzten halben Stunde hatte sich das Lokal gefüllt. Es waren hauptsächlich Teenager, die ununterbrochen die uralte Musikbox mit Geldstücken fütterten. Die schwachsinnigen Songs waren eine Beleidigung für seine an Klassik gewöhnten Ohren.
Das Glas Rotwein stand unberührt vor ihm auf der Theke. Alle paar Sekunden blickte er auf die Uhr.
„Ist Ihnen nicht gut, Sir?“ erkundigte sich besorgt der Pizzeria-Besitzer.
Der Millionär versuchte ein Lächeln, was aber recht kläglich ausfiel.
„Haben Sie vielleicht ein Aspirin? Und ein Glas Wasser?“
„Sofort, Sir.“
Er schluckte die Tablette und trank einen Schluck. Doch er fühlte sich nicht besser. Die Zeiger der Uhr schienen sich im Zeitlupentempo zu bewegen.
Dreimal hatte das Telefon geläutet, und jedes Mal war er fast vom Hocker gefallen.
„Habt ihr den Schlitten draußen gesehen?“ fragte ein junges Mädchen. „Ein brauner Rolls.“
„Der gehört sicher dem Opa da“, schrie ein pickeliger Junge und zeigte auf Roger Porter.
„Alterchen, was kostet die Kiste?“
Roger Porter stierte das Weinglas an und preßte die Lippen zusammen.
„Laßt ihn in Ruhe“, sagte der Lokalbesitzer scharf.
Porter blickte ihn dankbar an.
Es war genau zehn Uhr. Der Sekundenzeiger bewegte sich unendlich langsam weiter.
Immer wieder irrten Porters Gedanken zu dem gestrigen Abend zurück. Er war mit der Wahl seiner Tochter alles andere als einverstanden gewesen, doch er hatte sich über ihr offensichtliches Glück doch gefreut. Dann kam der Überfall, die maskierten Banditen, die Entführung seiner Tochter und die brutale Ermordung seines Schwiegersohnes. Das war einfach zuviel für ihn gewesen.
Das Klingeln des Telefons ging im allgemeinen Krach unter. Schließlich wurde der Hörer abgehoben.
„Es ist für Sie, Sir.“
„Ja, Porter“, meldete er sich.
„Wir haben die hübschen grünen Scheinchen erhalten. Nachgezählt haben wir sie allerdings noch nicht, aber wir sind sicher, daß die Summe stimmen wird.“
„Sie stimmt. Wo ist meine Tochter?“
„Nicht weit entfernt von Liberty. Fahren Sie die 17er nach Süden, vorbei an Ferndale. Der nächste Ort ist Harris. Auf der rechten Straßenseite finden Sie ein Schild: Elmsword Farm. Ihre Tochter haben wir in den Keller gesperrt, der mit einem einfachen Vorhängeschloß versperrt ist. Der Schlüssel steckt. Recht herzlichen Dank für die fünfhunderttausend, Mister Porter. Alex Gardiner werden Sie sicherlich keine Träne nachweinen, aber Ihrer Tochter würde ich nicht sofort verraten, daß er tot ist. Gardiner war ein Dreckskerl, der den Tod verdient hatte.“
Der unbekannte Anrufer hatte aufgelegt.
Porter griff nach dem Weinglas, trank es auf einen Zug aus und torkelte durch das Lokal, begleitet von spöttischen Bemerkungen, auf die er nicht achtete.
Er wußte nicht, wie er den Wagen erreichte, wie er startete, und wie er die eingespeicherte Nummer des Autotelefons drückte.
Nachher konnte er sich auch nicht daran erinnern, daß er dem FBI-Beamten fast wortwörtlich das Gespräch mit dem Kidnapper erzählt hatte.
Er fuhr langsam, und sein Hirn war völlig leer. Porter sah die Hinweistafel, bog ab und der Luxuswagen ratterte den mit Kies bedeckten Weg entlang.
Vor dem halbverfallenen Farmgebäude hielt er an, öffnete die Wagentür und blieb ein paar Sekunden unbeweglich sitzen.
Seine Angst wurde übermächtig. Hatten die Kidnapper ihr Wort gehalten? War seine Tochter tatsächlich noch am Leben?
Er schloß die Augen und seufzte durchdringend. Sein Anzug war durchgeschwitzt.
Wie in Trance griff er nach einer Taschenlampe, wankte aus dem Auto und auf das Haus zu. Die Eingangstür stand sperrangelweit offen.
Die Gangster waren so aufmerksam gewesen und hatten mit roter Kreide Pfeile auf den Fußboden gemalt, die zum Keller wiesen.
Die verfaulte Treppe knarrte unter seinen unsicheren Schritten. Dumpfe, modrige Luft schlug ihm entgegen.
Und dann stand er vor der schwarzen Holztür, tastete nach dem Vorhängeschloß und dem Schlüssel.
„Gwen“, krächzte er. „Gwen.“
Doch er erhielt keine Antwort.
Seine Hand zitterte so stark, daß er Mühe hatte, den Schlüssel umzudrehen. Schließlich gelang es ihm, und er zog die knirschende Tür auf. Der Strahl der Taschenlampe fiel auf feuchte, verdreckte Wände. In der Mitte des Kellers stand ein einfaches Klappbett.
„Gwen“, flüsterte er.
Seine Tochter lag auf de Rücken, ihre Beine waren seltsam abgewinkelt.
Alles drehte sich vor segnen Augen. Gespenstisch überschüttete das Licht die Wände und Wanderte wieder auf das Bett zu.
Mit kleinen Schritten näherte sich Porter dem Bett. Er stolperte, fiel zu Boden, zerriß sich die Hose und merkte nicht, daß sein rechtes Knie zu bluten begann. Schwerfällig kroch er näher, dann umarmte er seine Tochter. Ihr Körper war warm, und undeutlich vernahm er ihr sanftes Atmen.
„Du lebst“, hauchte er. „Gwen lebt.“ Erleichtert preßte er seinen Kopf auf Gwens Bauch.
Dann weinte er.

* * *

„Dreimal Chili“, donnerte Captain Novotny befehlend. „Und für mich Kaffee.“
Die Serviererin blickte Rowland und Walker fragend an. Tom wollte nur ein Glas Eiswasser, während Jo ein Bier bestellte.
„Chili ist hier das einzig genießbare Essen“, schnaubte Novotny. „Während wir essen, werden die Jungs der Spurensicherung das Material ordnen, das wir bei Carroll gefunden haben.“
„Hof entlieh ist etwas dabei, was uns weiterhilft“, Rowland seufzte.
„Wenig wahrscheinlich. Ich fürchte, du hast dich da in etwas verrannt, Tom. Du glaubst, daß die Lösung zu den Morden in der Vergangenheit liegt. Ich vermute, die Mörder wollen dich auf eine falsche Spur locken.“
Entschieden schüttelte Tom den Kopf. Er wartete, bis die Kellnerin die Getränk abgestellt hatte.
„Dagegen spricht mein Telefonat mit Carroll. Er sagte: ,Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun gehabt. Das war die Idee von Alex...‘ Als ich dann den Namen Jim Reidy erwähnte, traf ihn fast der Schlag.“
„Jim Reidy ist seit fünf Jahren tot“, warf Jo ein. „Weshalb wurde Carroll besonders nervös, als Tom ihn erwähnte?“
„Okay, nehmen wir einmal an, die Vermutung stimmt“, sagte Novotny nachdenklich. „Die vier jungen Männer waren nicht vorbestraft. Vielleicht wurden sie einmal angeklagt, aber freigesprochen. Doch was haben die vier vor fünf Jahren angestellt, daß sie jetzt dafür sterben mußten?“
„Das ist ja der springende Punkt. Vielleicht drehten sie ein Ding in der Vergangenheit, und es war noch ein weiterer Mann daran beteiligt.“
„Ein interessanter Gedanke, Tom. Der fünfte Mann wird gefaßt, verrät die vier nicht und wandert ins Gefängnis. Er wird entlassen und beschließt, Gardiner, Storm und Carroll zu ermorden. Er tut es auch. Am Mittwoch so gegen neun Uhr wird Storm getötet, irgendwann zwischen Mitternacht und heute mittag Alex Gardiner, und vor etwas zwei Stunden Will Carroll.“
Die Kellnerin servierte die dampfenden Chilischüsseln.
Ein paar Minuten lang schaufelten sie wortlos das scharfe Chili in sich hinein.
Jo trank einen Schluck Bier. „Die Eltern unserer vier Freunde waren nicht gerade arm. Wenn sie tatsächlich ein Verbrechen begangen haben, welches?“
Novotny blickte ihn an. „Jedes ist möglich. Teenager aus gutem Haus ist oft langweilig. Sie suchen das prickelnde Abenteuer. Vielleicht sind sie einbrechen gegangen.“
„Ben hat recht. Wenn tatsächlich ein Fünfter im Spiel ist, dann ist er vermutlich fünf Jahre lang eingesperrt gewesen. Er hätte Geld verlangen können, doch er ermordete sie.“
„Vielleicht hat er selbst Geld genug?“ warf Novotny ein.
„Dagegen spricht der Überfall auf die „Nagira“ und die Lösegeldforderung.“
„Jedenfalls haßte er die drei so, daß  er sie umbrachte.“
Jo legte den Löffel in die leere Schüssel und steckte sich eine Zigarette an. „Die zwei Gangster in Carrolls Haus waren vermutlich Neger.“
„Diesen Eindruck hatte ich auch“, meinte Tom.
„Dann kannst du dir deine herrliche Theorie in die Haare schmieren,  Tom“, dröhnte Novotnys Stimme. „Diese vier Burschen hatten niemals einen Farbigen zum Freund, das wette ich alles, was ich habe.“
„Vielleicht schoben sie Ihm die Schuld zu.“
„Ich habe jetzt genug von diesen sinnlosen Vermutungen”, polterte Novotny. „Zahlen!“
Sie überquerten die Straße und betraten die Polizeistation. Mit einem uralten Aufzug fuhren sie in den zweiten Stock.
In Novotnys Office roch es nach altem Holz, Fisch und abgestandenem Rauch. Die Wände waren grau, die Möbel unansehnlich und der Fußboden knarrte bei jedem Schritt.
Jo und Tom setzten sich an den Besuchertisch auf wackelige Stühle.
Novotny schaltete das Radio ein.
„Don't drink and drive“, war das Ende eines Spots zu hören, der vergeblich gegen das Trinken beim Autofahren ankämpfte.
„Hier bin ich wieder, Folks“, meldete sich der Sprecher. „CBS auf 880. Wir bringen Nachrichten rund um die Uhr. Laßt mal sehen, was sich in letzter Zeit so alles angesammelt hat.“
Novotny griff nach ein paar Blättern auf seinem Schreibtisch, während der CBS-Trottel weiterquatschte.
„Da haben wir etwas“, sagte Novotny. „Das Boot wurde von der Küstenwacht in der Shinnecock Bay gefunden. Es ist tatsächlich eine Innovator. Überall Blut. Du scheinst einen der Kerle erwischt zu haben, Tom. Fußspuren wurden auch entdeckt. Von einem Mann, der etwas getragen hat.“
„Vermutlich seinen Kumpanen.“
„Richtig. Der Bursche scheint schwer verletzt zu sein, vielleicht ist er sogar tot. Immer wieder wurde ein Körper auf den Boden gelegt. Dort finden sich auch immer Blutspuren.
Wahrscheinlich hat der Gangster einen Wagen gestohlen. Bis Hampton Bays konnte der Weg des Verbrechers verfolgt werden. Dann hören die Spuren auf.“
„Mann, da habe ich eine brandneue Meldung“, quasselte der CBS-Sprecher weiter.
„Kannst du diesen verdammten Kasten nicht abdrehen, Ben?“
„...in der Entführungssache Gwen Gardiner teilt uns das FBI mit, daß sie lebend gefunden wurde. Gwen ist bewußtlos und wird eben in ein Spital gebracht. Roger Porter hat Lösegeld in unbekannter Höhe gezahlt. Nähere Einzelheiten werden wir in wenigen Minuten bekanntgeben. Liz Taylor erklärte auf die Frage...“
Novotny stellte das Radio leiser.
„Jetzt kann sich das FBI voll auf den Fall stürzen“, sagte Rowland.
Zwei Cops betraten das Office und legten Kalender, Fotos und Dokumente auf den Tisch.
„Die Fotos und Kalender haben wir geordnet, Captain“, meldete einer der Beamten. „Wonach sollen wir suchen?“
„Verduftet, das werden wir selbst besorgen. Der Gangster hat sicherlich ein Auto gestohlen. Gibt es da etwas Neues?“
„Nichts, Captain. Wir werden Sie sofort verständigen, sobald wir etwas erfahren.“
Mißmutig trotteten die beiden aus dem Büro.
Rowland griff nach den Taschenkalendern, während Jo sich die Fotos ansah. Novotny setzte sich neben Tom.
„Die Taschenkalender scheinen recht aufschlußreich zu sein“, stellte Tom fest. „Will Carroll hat alle seine Verabreungen vermerkt. Gelegentlich finden sich auch ein paar kurze Bemerkungen.“
„Dann seht euch mal den Kalender vor fünf Jahren an.“
Kommissar X studierte die Fotos, während Novotny und Rowland den Kalender durchblätterten.
„Dieser Carroll hat fast nur Abkürzungen verwendet“, knurrte Novotny wütend:
Die Bilder, hauptsächlich waren es miese Polaroid-Fotos, zeigten fast ausschließlich Will Carroll in Begleitung irgendeines hübschen Mädchens. Auf der Rückseite waren die Initialen der Girls angegeben, gelegentlich auch ein Datum.
Schließlich fand Jo ein Foto, das ihn interessierte. Ein im Südstaatenstil erbautes Haus war zu sehen. Im Vordergrund hockten Gardiner, Reidy, Storm und Carroll um einen Tisch und spielten offensichtlich Poker. Auf der Rückseite stand: Bei J.R. in N.J. im Mai.
„Seht euch das mal an“, sagte Jo und schob Tom das Bild zu. „Es wurde vor fünf Jahren aufgenommen.“
„Die vier Heinis waren also nicht nur hinter den Girls her, sie spielten auch Karten“, sagte Rowland.
„Und sie spielten nicht um Streichhölzer“, brummte Novotny. „Da liegt ein Haufen Scheinchen auf dem Tisch.“
Tom blätterte weiter im Kalender. „10. Mai. Habe Betty S. kennengelernt. 12. Mai. Party bei J.R.“
„Da fand ein Fest bei Jim Reidy statt“, sagte Novotny. „Das war ein Samstag.“
„Und wann kommt die nächste Eintragung?“ erkundigte sich Jo.
„14.Mai. Will die Dreckskerle nicht mehr sehen. Ist einfach grauenvoll. Das habe ich nicht gewollt.“
„Hochinteressant. Wie geht es weiter?“
„15. Mai. Bin deprimiert und entsetzt. Treffe Betty S.“
„Das könnte passen. Da ist irgendetwas geschehen. Vielleicht kann uns diese Betty S. weiterhelfen. Wird sie später noch erwähnt?“
„Ja, Will Carroll hat sich in den nächsten Wochen mehrmals mit ihr getroffen. Scheint aber nicht lange gut mit den beiden gegangen zu sein, denn nach dem 15. Juni wird sie nicht mehr erwähnt.“
„Jetzt müssen wir nur herausfinden, wer diese Betty S. ist.“
„Das ist nicht sonderlich schwierig“, sagte Tom. „Carroll hat sich die Telefonnummern notiert. Da finde ich nur eine Betty Sloane.“
„Ruf sie an, Tom.“
Rowland wählte die Nummer, doch niemand hob ab.
„Was nun?“
„Heute können wir nicht mehr viel unternehmen. Aber morgen werden wir uns mit den Eltern von Jim Reidy unterhalten, und uns auch die Familie Storm vornehmen. Ich würde auch gern mit Carrolls Eltern sprechen.“
„Da wirst du dich gedulden müssen“, sagte Novotny. „Sie leben auf Hawaii. Bis jetzt haben wir sie nach nicht erreicht.“
„Tut mir leid, Leute“, faselte der Sprecher. „Das FBI hüllt sich in Schweigen. Im Augenblick findet eine Sitzung unter der Leitung des Bürgermeisters in der City Hall statt. Wir werden Sie sofort informieren, sobald wir Einzelheiten wissen.“
Novotny drehte das Radio ab.
„Mann, bin ich müde“, sagte Rowland und gähnte geräuschvoll. „Wie kommen wir nach Manhattan zurück?“
„Einer meiner Männer wird euch hinfahren. Wir bleiben in Kontakt, Tom.“

* * *

„Wo bin ich?“ fragte Gwen Gardiner fast unhörbar.
„Im Sinai Hospital, Madam“, antwortete die Krankenschwester.
„Ich bin so müde, Schwester. Wo ist mein Mann. Ich will ihn sehen.“
Die Krankenschwester öffnete die Tür. Roger Porter, ein Arzt und ein FBI-Agent traten ein.
„Daddy“, flüsterte Gwen glücklich. „Ich bin frei. Der Alptraum ist zu Ende. Wo ist Alex?“
„Er schläft, Liebling“, log Roger Porter.
„Dann ist alles gut. Ich will weiterschlafen.“
„Gwen, bitte beantworte einige Fragen.“
„Später, Daddy.“
„Es ist sehr wichtig, Liebling.“
„Na gut, aber ich kann nicht viel berichten.“
„Wo wurden Sie gefangengehalten?“ fragte der FBI-Beamte.
„Ich weiß es nicht. Auf dem Boot drückte mir einer der Maskierten ei-nen Wattebausch aufs Gesicht. In einem Keller erwachte ich. Überall war Kohlenstaub.“
„Können Sie einen der Männer beschreiben?“
„Nein, sie nahmen nie die Masken ab. Ich mußte irgendetwas in einen Recorder sprechen. Einer der Gangster brachte mir ein paar Hamburger, doch ich weigerte mich zu essen. Ich wollte Alex sehen, doch das ließen sie nicht zu.“
„Was taten Sie im Keller?“
„Nichts. Ich lag im Bett und dachte nach. Mir war übel und ich hatte entsetzliche Angst. Dann zwangen sie mich, eine milchige Flüssigkeit zu trinken. Ein paar Minuten später war ich eingeschlafen. Ich erwachte hier im Spitalzimmer.“
„Nun ist es genug“, schaltete sich der Arzt entschieden ein. „Bitte verlassen Sie das Zimmer.“
Der Millionär und der FBI-Agent gehorchten.
„Das hat Ihnen nicht viel weitergeholfen, was?“ fragte Porter, der sich auf einer Bank niederließ.
Der G-man schüttelte mißmutig den Kopf, dann ging er telefonieren.

* * *

In einem Zimmer des Rathauses hatte sich eine illustre Gesellschaft unter der Leitung des Bürgermeisters versammelt, darunter einige Politiker, der Leiter des New Yorker FBI-Büros, der Polizeipräsident und District Attorney Brown.
„Ich finde es noch immer ein Skandal, daß die City Police ausgeschaltet wurde“, empörte sich der Polizeipräsident. „Die Ergebnisse, die das FBI bisher lieferte, sind äußerst mager.“
„Die Gangster gaben sich keine Blöße“, verteidigte sich der FBI-Chef.
Der Polizeipräsident schnaubte verächtlich.
„Wir haben einige Hinweise über Don Farley erhalten“, schaltete sich Brown ein. „Er war ein leidenschaftlicher Spieler, der meist gewann. Doch vor zehn Tagen hatte er eine Pechsträhne und verlor über fünftausend. In den vergangenen Tagen wurde er mehrmals in Begleitung eines Negers gesehen. Aber die Beschreibungen sind so widersprüchlich, daß sie uns nicht weiterhelfen.“
„Farley benötigte dringend Geld. Deshalb ließ er sich mit den Gangstern ein.“
„Was ist mit der Spedition?“
„Da kommen wir auch nicht weiter. Bereits am Dienstag erkundigte sich telefonisch ein Mann bei der Firma, was der Transport einer Kiste von Yonkers nach Manhattan kostet. Es wurde vereinbart, daß die Fuhre heute um 10 Uhr durchgeführt wird. Ein Bote gab das Geld und die Adressen bei der Firma ab.“
„Demnach war der Tod Alex Gardiners schon vor dem Überfall geplant.“
„Richtig“, stimmte der FBI-Chef zu.
„Habt ihr schon ein Mordmotiv gefunden?“ erkundigte sich der Polizeipräsident ätzend.
„Nein, noch nicht.“
„Mit dem Brief vom Mail-Express ist auch nichts anzufangen?“
„Leider wieder richtig. Ein Fünf-Dollar-Schein war auf dem Briefumschlag befestigt, der einfach in den Postkasten der Firma geworfen wurde. Das geschieht sehr häufig.“
„Sonst noch etwas?“
„Das Haus in Yonkers, wo die Kiste abgeholt wurde, steht seit Monaten leer. Niemand hat irgendetwas Verdächtiges bemerkt.“
„Dürftig, dürftig“, brummte der Polizeipräsident. „Ich würde vorschlagen, daß sich Captain Rowland mit diesem...“
„Das kommt nicht in Frage“, unterbrach ihn District Attorney Brown wütend.
„Dann eben nicht, meine Herren“, sagte der Polizeipräsident verärgert. „Guten Abend.“
Als er das Zimmer verlassen hatte, beugte sich der Bürgermeister vor. Er legte sich keinerlei Zurückhaltung auf. Unverblümt sagte er seine Meinung. Kurze Zeit später hatten einige der Herrschaften knallrote Köpfe.

* * *

Kommissar X hatte prächtig geschlafen und fühlte sich pudelwohl. Er pfiff vergnügt vor sich hin.
„Deine Pfeiferei geht mir auf die Nerven, Jo“, brummte Tom Rowland, der noch immer müde war.
„Es ist doch ein prächtiger Tag, alter Freund“, stellte Walker fest. „Der blaue Himmel wirkt fast kitschig. Dazu der Geruch frisch geschnittenen Grases und...“
„Verschone mich mit deinen Schilderungen. Ich bin gespannt, ob du nach unserem Gespräch mit Mistreß Reidy auch so denken wirst. Die Dame führt eine scharfe Zunge.“
„Ehrlich gesagt, Alter, verspreche ich mir ohnedies nicht viel von unserem Besuch bei der Lady.“
„Gestern hätten wir sie noch in Manhattan erreicht. Heute dürfen wir zu ihrem Landsitz nach Helmetta, New Jersey, fahren. Ihr Mann ist angeblich auf einer Geschäftsreise in Europa.“
Jo brauste am funkelnden Duhernal Lake vorbei, und kurze Zeit lag Spotswood hinter ihnen.
„Üblicherweise reagieren die meisten Leute angstvoll, wenn sie einen Anruf von der Polizei erhalten. Nicht so Jim Reidys Mutter. Sie war schnippisch, und dann schleuderte sie Eiszapfen durch das Telefon.“
„Vermutlich warst du nicht sonderlich freundlich. Wie es halt so die Art von euch Bullen ist.“
„Meine Stimme tropfte wie Honig“, knurrte Tom.
„Jetzt klingt sie eher wie eine Kreissäge. Wir haben das malerische Dorf Helmetta erreicht. Wie geht es jetzt weiter?“
„Durch den Ort hindurch. Dann die erste Querstraße nach rechts.“
Zu beiden Seiten der asphaltierten Privatstraße erstreckten sich Eichenbuschwälder. Jo fuhr ganz langsam den gewundenen Weg entlang.
„Da läßt es sich leben“, meinte er.
Ein riesiges, im Südstaatenstil erbautes Haus lag vor ihnen. Es bestand aus einer verwirrenden Anhäufung von Türmchen, Balkonen und Giebeln. Auf einer Koppel hoben zwei Pferde die Köpfe und beäugten den Mercedes gelangweilt. Sie glitten an einem Tennisplatz und einem Swimming-pool vorbei. Vor der überdachten Haustür hielt Jo an.
Als sie ausstiegen und auf das Haus zugingen, wurde die Tür geöffnet. Eine ältere Frau, die ganz in Schwarz gekleidet war, musterte sie mißbilligend.
„Guten Tag“, sagte Rowland höflich. „Ich...“
„Sie sind dieser Captain, der Mistreß Reidy belästigt hat.“
„So kann man es auch ausdrücken“, brummte Tom und warf Jo einen kurzen Blick zu.
„Es tut mir leid, wenn sich Mistreß Reidy gestört fühlt“, sagte, Jo. „Wir wollen ihr nur ein paar Fragen stellen.“
„Kommen Sie herein.“
Die Schreckschraube führte sie durch einen riesigen Salon. Im anschließenden Zimmer erwartete sie die Dame des Hauses.
Sie saß hoheitsvoll auf einer Samtcouch und blickte ihnen feindselig entgegen. Mrs. Reidy war eine jener Frauen, deren Alter nicht zu schätzen ist. Sie konnte dreißig, aber auch fünfzig Jahre alt sein. Ein enganliegendes Kleid betonte ihre üppigen Rundungen. Ihre Haut war unwahrscheinlich braun gebrannt, und das goldene Haar umgab ihr Gesicht wie ein Heiligenschein.
„Guten Tag, Madam. Ich bin Captain Rowland, mein Kollege Jo Walker.“
„Nehmen Sie Platz, meine Herren“, sagte sie und deutete auf ein paar Stühle.
Jo und Tom setzten sich.
„Wir ermitteln in einer Mordsache“, begann Tom das Gespräch.
Mrs. Reidy schwieg uninteressiert.
„Sagen Ihnen die Namen Alex Gardiner, John Storm und Will Carroll etwas?“
„Natürlich. Sie waren mit meinem verstorbenen Sohn befreundet.“
„Alle drei wurden ermordet.“ Jo achtete genau auf ihre Reaktion. Kein Muskel rührte sich in ihrem puppenhaften Gesicht.
„Erhängt, Madam.“
„Das ist bedauerlich. Aber ich kannte die drei nur sehr flüchtig, daher hält sich mein Mitleid in Grenzen. Was wollen Sie von mir?“
„John Storm war der beste Freund Ihres Sohnes.“
„Was mich nicht sehr glücklich machte. Storm war ein schleimiger Bursche, der nur auf seinen Vorteil bedacht war. Aber Sie haben noch immer nicht meine Frage beantwortet.“
„Mistreß Reidy, vor fünf Jahren, genau am 12. Mai, gab Ihr Sohn hier eine Party.“
„Daran kann ich mich nicht erinnern, aber mein Sohn gab alle paar Wochen eine Party.“
„Waren Sie dabei?“
„Nein, niemals.“
„Und weshalb nicht?“
„Mein Mann und ich wollten nicht stören. Außerdem gefiel uns die Musik der jungen Leute nicht.“
„Können Sie sich erinnern, daß vor fünf Jahren etwas Ungewöhnliches hier geschah?“
„Nein. Was soll diese Frage?“
„Wir vermuten, daß es eine Verbindung...“
„Unsinn. Mein Sohn ist seit fünf Jahren tot. Ich habe keine Lust, mir Ihre Fragen weiter anzuhören.“
„Es ist sehr wichtig, Mistreß Reidy.“
„Ich kann Ihnen nichts sagen“, meinte sie entschieden und stand auf, „da ich nichts weiß. Gehen Sie, bitte.“
Jo und Tom erhoben sich langsam. „Waren irgendwelche Bedienstete bei den Parties dabei?“ erkundigte sich Jo.
Ihr Blick war eisig. „Gehen Sie endlich“, flüsterte sie.
Kommissar X ließ sich von ihrer Kälte nicht beeindrucken. Er trat einen Schritt auf sie zu.
„Zehn Tage nach dieser Party war Ihr Sohn tot“, sagte er grimmig.
„Das hat damit nichts zu tun...“
„Sie verheimlichen uns etwas, Mistreß Reidy.“
„Hinaus mit Ihnen!“
Jo kam noch näher. „Ihr Sohn war in eine äußerst schmutzige Angelegenheit verwickelt“, sagte er hart.
Die Blondine zuckte zusammen. Plötzlich wirkte sie wie ein angeschlagener Boxer.
„Und Sie wissen davon. Reden Sie endlich!“
Ihre Lippen bebten.
„Ich glaube nicht, daß Ihr Sohn zufällig bei einem Autounfall starb. Er beging Selbstmord!“
Dieser Schuß saß wieder. Jo war sich seiner Sache jetzt ganz sicher. Mrs. Reidy wußte nur zu genau, was damals vor fünf Jahren geschehen war.
Es dauerte nur wenige Sekunden, da hatte sie sich wieder gefangen.
„Ich werde mich beschweren. Das brauche ich mir auch von der Polizei nicht bieten zu lassen. Mein Mann hat einigen Einfluß. ich werde...“
„Sie halten uns wichtiges Beweismaterial in einer Mordsache vor“, unterbrach sie Rowland. „Dafür gibt es Gefängnis zwischen einem und drei Jahren.“
„Das kann mich nicht beeindrucken. Verschwinden Sie endlich, oder ich rufe den Sheriff.“
„Wir gehen, Mistreß Reidy. Seien Sie aber nicht überrascht, wenn Sie eine Vorladung vom Staatsanwalt bekommen. Wann kommt Ihr Mann zurück?”
Sie drehte sich einfach um und stürmte aus dem Zimmer.

* * *

Kommissar X startete den Wagen und fuhr fluchend los.
„Diese Lady werden wir noch zum Singen bringen“, fauchte Rowland. „Sie hat gelogen. Dieses Biest weiß etwas.“
„Sie wird kein Wort sagen, Tom.“
„Vielleicht doch.“
„Vergessen wir vorerst einmal Mistreß Reidy. Was ist mit der ehemaligen Freundin von Will Carroll?“
„Betty Sloane. Um acht Uhr meldete sich niemand. Ich kann es ja nochmals versuchen.“
Rowland hob den Hörer ab und tippte die Nummer ein.
„Scheint noch immer keiner zu Hause zu sein.“
Er wollte gerade auflegen, als sich eine atemlos klingende Stimme meldete.
„Ja, hier Sloane.“
„Guten Tag, spreche ich mit Betty Sloane?“
„Nein, mit ihrer Mutter. Wer sind Sie?“
„Polizei. Keine Aufregung, Madam. Ihre Tochter hat nichts angestellt. Wir ermitteln in einem Mordfall, und da hätte ich Ihrer Tochter gern ein paar Fragen gestellt.“
„Ja, natürlich.“
„Na endlich“, freute sich Jo. „Vielleicht ist es doch noch unser Glückstag.“
„Betty Sloane“, meldete sich eine helle Mädchenstimme. „Mit wem spreche ich?“
„Captain Rowland, Mordkommission Manhattan.“
„Ja, Captain. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Sie waren doch vor ein paar Jahren mit Will Carroll befreundet?“
„Stimmt. Ein paar Wochen lang war ich ziemlich in ihn verknallt. Aber das legte sich bald. Was ist mit Will?“
„Er ist tot, Miß Sloane.“
„Das tut mir leid“, sagte sie, aber viel Trauer schwang in ihrer Stimme nicht mit. „Wie starb er?“
„Er hat sich erhängt.“
„Das glaube ich nicht. Will Carroll war eiskalt - er und Selbstmord? Nein, das kommt mir unwahrscheinlich vor.“
„Wir haben auch Zweifel daran.“
„Ich habe Will seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Ich fürchte, daß ich Ihnen nicht viel erzählen kann.“
„Sie lernten ihn am 10. Mai vor fünf Jahren kennen.“
„An das genaue Datum kann ich mich nicht entsinnen, da müßte ich in meinem Tagebuch nachsehen.“
Tom kippten fast die Augen aus den Höhlen.
„Sie haben das Tagebuch noch?“
„Selbstverständlich. Ist zwar nur blödes Teenagergeschreibe, aber ich finde es recht amüsant, gelegentlich darin zu blättern.“
„Miß Sloane, bitte holen Sie das Tagebuch.“
„Ist das wirklich notwendig?“
„Ja, es könnte von äußerster Wichtigkeit für uns sein.“
„Einen Augenblick.“
Jo blieb am Straßenrand stehen, reichte Tom eine Zigarette und zündete sich auch eine an.
„Hier bin ich wieder, Captain. Tatsächlich. Es war wirklich der 10. Mai. Eine Freundin stellte mir Will Carroll vor.“
„Am 12. Mai fand eine Party bei Jim Reidy statt. Nahmen Sie daran teil?“
„Ja, daran kann ich mich ganz genau erinnern. Das Haus beeindruckte mich ungemein. Es waren eine Menge Leute dort. Wir gingen leider schon um acht Uhr, da ich um zehn Uhr zu Hause sein mußte.“
„Ist auf dieser Party irgendetwas Ungewöhnliches geschehen?“
„Ich kann mich an nichts erinnern. Warten Sie, ich lese mir durch, was ich damals geschrieben habe.“
Stille. Das Rascheln von Papier war zu vernehmen.
„Sind Sie noch da, Captain?“ Betty Sloanes Stimme klang aufgeregt.
„Na klar.“
„Am 15. Mai habe ich Will Carroll getroffen. Er war sehr bedrückt und niedergeschlagen. Ich fragte ihn, was los sei. Zuerst wollte er es nicht sagen, aber dann erzählte er es mir doch. Das farbige Dienstmädchen, das uns bei der Party bedient hatte...“ Sie schluckte. „Sie hieß Sue und war sehr nett, hatte sich am Samstag erhängt.“
Jo stieß einen Pfiff aus.
„Weshalb?“ fragte Tom.
„Das weiß ich nicht. Sie hatte keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Jim Reidy fand sie in ihrem Zimmer im Landhaus in New Jersey.“
„Waren Alex Gardiner und John Storm auch auf der Party?“
„Ja, sie und Will Carroll blieben über Nacht. Sie pokerten leidenschaftlich gern.“
„Recht herzlichen Dank, Miß Sloane. Sie haben mir sehr geholfen.“
Behutsam legte Tom den Hörer auf.
„Ich glaube, wir denken das gleiche, Jo.“
Kommissar X nickte. „Das hat uns die reizende Mistreß Reidy verschwiegen. Wer ist für einen Selbstmord in dieser Gegend zuständig?“
„Der Sheriff von Spotswood.“
„Dann nichts wie hin.“

* * *

Ron Myers blickte nicht auf, als die Tür aufgerissen wurde, und District Attorney Brown eintrat.
„Wo steckt Rowland?“
„Meinen Sie Captain Rowland?“
„Einen anderen Rowland gibt ei bei der City Police nicht, - Gott sei Dank, kann man wohl sagen, Myers.“
„Die korrekte Anrede ist Lieutenant, Sir.“
„Kommen Sie mir nicht mit diesem Blödsinn. Haben Sie die News gelesen?“
„Ich lese nur die Times, Sir.“
Brown fuchtelte wild mit der Zeitung herum und hielt Myers die Seite fünf unter die Nase.
Offensichtlich gelangweilt betrachtete Myers das Foto des zerstörten Chevys und überflog den nichtssagenden Bericht.
„Was hat Rowland von diesem Will Carroll gewollt?”
„Da müssen Sie den Captain fragen, Sir.“
„Wo kann ich ihn erreichen, Lieutenant?“
„Captain Rowland hat sich krank gemeldet. Er glaubt, es sind Gallensteine“, sagte Myers breit grinsend. „Er will zum Arzt gehen.“
Der Staatsanwalt fluchte. „Sie können mich nicht für dumm verkaufen, Myers. Rowland und Sie haben gestern mit einigen von Gardiners Schulkameraden telefoniert. Rowland hat mit dem Fall Gardiner nichts mehr zu tun. Das sollten auch Sie wissen.“
„Natürlich weiß ich das“, antwortete Myers mit Unschuldsmiene. „Uns interessierte Gardiner auch nicht, Sir.“
„Weshalb dann die Anrufe?“
„Ein gewisser John Storm hatte genug von dieser bösen Welt. Er erhängte sich. Ein Durchschlag des Berichtes ging an Ihr Office.“
Brown runzelte verwirrt die Stirn. „Gardiner, Carroll und Storm. Erhängt, alle drei. Kommt Ihnen dabei nicht etwas verdächtig vor?“
„Der dämlichste Dorftrottel würde merken, daß da ein Zusammenhang besteht, Sir.“
„Wie soll ich diese Bemerkung auffassen?“ fragte Brown drohend.
Myers hob die Schultern. „Haben Sie noch irgendwelche Fragen, Sir?“
„Ich will die Akte John Storm sehen. Und vor allem den Obduktionsbefund.“
„Sorry, aber Captain Rowland kam gestern nicht mehr dazu, den Bericht zu schreiben, und der Obduktionsbefund ist noch nicht da.“
„Rowland und Sie werden noch von mir hören!“
District Attorney Brown schlug die Tür mit aller Kraft hinter sich zu, und Myers lehnte sich zurück und lachte schallend.

* * *

Der Sheriff von Spotswood war dick wie der berühmte Privatdetektiv Nero Wolfe und hatte so wenig Haare wie Kojak. Mit den Dienstvorschriften schien er nicht vertraut zu sein, denn eine Bierdose stand auf dem Schreibtisch.
„Was verschlägt einen Captain aus Manhattan in unser verträumtes Städtchen?“
„Sie kennen doch sicherlich Mistreß Reidy?“
„Die blonde Eisbombe, wie wir sie nennen. Was ist mit ihr?“
„Wie lange sind Sie schon Sheriff in Spotswood?“
„Mir kommt es vor, als wären es hundert Jahre. Aber tatsächlich sind es erst fünfzehn.“
„Mistreß Reidy hatte vor fünf Jahren ein Dienstmädchen namens Sue.“
„War ein niedliches Ding. Eine sehr hübsche Negerin, freundlich und immer gut aufgelegt. Weiß der Teufel, warum sie sich aufhängte.“
„Sie können sich an den Fall erinnern?“
„Selbstredend. Ich habe es normalerweise nur mit ein paar-Betrunkenen zu tun, gelegentlich mal ein handfester Ehekrach und ein paar Einbrüche. Der Selbstmord war damals die Sensation. Weshalb interessieren Sie sich für Sue Jones, Captain?“
„Tja, das ist eine lange Story. Dürfte ich die Akte sehen?“
„Natürlich, Captain.“
Der Sheriff stemmte sich hoch und stöberte in einem Büroschrank herum, während Rowland ihm einen kurzen Bericht gab.
„Da haben Sie das Ding.“
In die Ermittlungen war seinerzeit auch die State Police eingeschaltet worden. Sue Jones war nicht einmal 17 Jahre alt, als sie sich umbrachte. Der Obduktionsbericht war eine Enttäuschung.
„Verdammt“, fluchte Rowland.
„Da fällt Ihre hübsche Theorie ins Wasser. Sie vermuteten, daß die vier Jungen sie vergewaltigten und sie sich deshalb aufhängte?“
Der Captain nickte.
„Jungfrau war sie keine mehr. Man stellte Spermaspuren fest. Aber an ihrem Körper wurden keine Blutergüsse gefunden, keine Haut- oder Stoffreste unter ihren Fingernägeln festgestellt.“
„Das besagt überhaupt nichts, Sheriff“, schaltete sich Jo ins Gespräch ein. „Vielleicht kam einer der vier Burschen auf die spaßige Idee, ihr ein wenig LSD in ein Getränk zu geben?“
„Hm, das wäre eine Möglichkeit. Oder eine andere Droge.“
„Die vier hatten ihren Spaß, und als ihr bewußt wurde, was geschehen war, drehte sie durch und hängte sich auf.“
„Klingt nicht sehr wahrscheinlich.“
Rowland sah in die Akte. „Sie wohnte bei ihrem Onkel Teddy in Brooklyn. Ein scheußliches Slumviertel. Wer hat eigentlich das Begräbnis von Sue Jones bezahlt?“
„Keine Ahnung. Der Onkel sicherlich nicht, der lebt von der Wohlfahrtsunterstützung. Wahrscheinlich übernahmen die Reidys die Kosten.“
„Danke für die Informationen, Sheriff.“

* * *

Kommissar X parkte den Mercedes in einer Tiefgarage in der Fenimore Street. Es war nicht ratsam, mit so einem teuren Auto in das Brooklyner Elendsviertel Bedford Stuyvesant zu fahren. Innerhalb weniger Minuten wäre der Wagen in ein Wrack verwandelt worden.
Tom winkte ein Taxi heran. Der Fahrer war ein junger Farbiger.
„Hancock Street“, sagte Jo.
„Hancock Street“, seufzte der Fahrer und verdrehte die Augen. „Es gibt eine in Brooklyn, eine in Staten Island und eine weitere in Queens. In Manhattan einen Hancock Place und...“
„Bedford Stuyvesant.“
„Dorthin fahre ich nicht gerne“, brummte der Fahrer und raste los. „Miese Gegend.“
„Wir wollen uns dort eine Wohnung suchen“, sagte Jo mit ernster Miene.
Der Fahrer kicherte. „So bescheuert sehen Sie gar nicht aus, Mister. Halten Sie mal schön das Kleingeld bereit. Ich brause gleich weiter, wenn ich dort bin. Welche Nummer?“
„Ecke Lewis Avenue.“
„Dort wohnen nur Wohlfahrtsfälle und Verbrecher.”
„Und mir hast du weismachen wollen, daß dies eine anständige Gegend sei“, empörte sich Jo.
„Ihr wollt euch wohl lustig über mich machen?“ brummte der Fahrer.
„Nein, wir kaufen die ganze Gegend auf und bauen einen Supermarkt hin.“
„Darüber kann ich nicht mal lachen. Haltet lieber eure Brieftaschen fest und laßt eure Uhren nicht aus den Augen.“
„Vielen Dank für diesen weisen Ratschlag.“
„Gern geschehen.“
Die Straßen wurden immer dreckiger, und die Häuser sahen durchweg baufällig aus. Kaum ein Weißer war zu sehen.
Das Taxi blieb stehen und Jo drückte dem Fahrer einen Fünfer in die Hand.
„Danke, Sir. Passen Sie gut auf sich auf.“
Ein paar Neger warfen ihnen unfreundliche Blicke zu.
„Ein wahrlich anheimelndes Viertel“, knurrte Jo. „Eine wahre Zierde für Big Apple.“
Rowland nickte zustimmend.
Sie betraten das fünfstöckige Haus, in dem Teddy Jones wohnte. Es stank penetrant nach Urin und Rattendreck. Die Briefkästen waren alle aufgebrochen.
Eine schlampig gekleidete Negerin kam die Treppe herunter.
„Ihr habt euch wohl in der Adresse geirrt“, stellte sie böse fest.
„Wir suchen Teddy Jones.“
„Was wollt ihr von dem alten Trottel? Seid wohl Bullen, was?“
„Wir wollen mit ihm sprechen. Könnten Sie uns verraten, wo wir ihn finden?”
„Im ersten Stock.“
„Vielen Dank, Miß.“
Sie rauschte an ihnen vorbei, und Jo und Tom stiegen die ausgetretenen Stufen hoch. An den Türen waren keine Namensschilder angebracht.
Schließlich klopfte Rowland energisch an der Tür neben der Treppe. Schlurfende Schritte näherten sich. Dann wurden sie durch das Guckloch gemustert.
„Wir wollen zu Teddy Jones.“
„Ich bin Teddy. Was woll'n Sie von mir?“
„Polizei“, sagte Tom Rowland und zückte die Marke und hielt sie vor den Türspion.
„Ich habe nichts verbrochen, Sir. Ich bin ein alter Mann.“
„Wir wollen Ihnen nur ein paar Fragen stellen. Öffnen Sie die Tür.“
Ein Schlüssel wurde herumgedreht, und Tom drückte den Türknopf.
Teddy Jones war klein wie ein Jockey. Sein Haar war schneeweiß, und sein Mund zahnlos. Bekleidet war er mit einem alten Schlafrock.
„Ich bin Captain Rowland.“
Der Alte nickte, und sie betraten den winzigen Raum. Vor dem einzigen, verdreckten Fenster hing ein Fliegengitter. Die Einrichtung war vierzig Jahre alt.
Jones ließ sich auf das Bett fallen. „Wollen Sie sich nicht setzen?“ fragte er.
„Wir bleiben lieber stehen. Eine Zeitlang hat Ihre Nichte Sue bei Ihnen gewohnt.“
„Sue? Ja, das war ein braves Mädchen. Aber das ist schon lange her.”
„Wissen Sie den Grund, weshalb sie sich das Leben nahm?“
„Nein. Es ist mir ein Rätsel.“
„Sie hat Ihnen keinen Brief geschickt?“
Der Alte schüttelte den Kopf.
„Wie lange hatte sie bei Ihnen gewohnt?“
„Nur kurze Zeit, dann bekam sie diesen Posten. Dienstmädchen oder so etwa. Bei einem Millionär. Dort ging es ihr gut. Sie kam mich öfters besuchen und räumte auf. Immer brachte sie mir etwas mit.“
„Leben Sues Eltern noch?“
„Die sind schon lange tot. Ich kann mir schon denken, weshalb Sie zu mir gekommen sind. Es ist wegen Miles, nicht wahr?“
Er nickte bekräftigend.
„Ja, wir kommen wegen Miles“, sagte Jo in der Hoffnung, daß der Alte weitersprach.
„Kaum ist er aus dem Gefängnis und schon ist die Polizei hinter ihm her. Aber eines muß man ihm lassen, nach dem Tod seiner Eltern hat er sich sehr um Sue gekümmert. Ja, das hat er getan.“
„Wann haben Sie Miles zuletzt gesehen?“ fragte Rowland.
„Vor vier oder fünf Wochen. Er wurde auf Bewährung entlassen, was immer das ist. Da schaute er kurz vorbei. Wir sprachen über Sue, doch ich konnte ihm nicht viel erzählen. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
„Haben Sie seine Adresse?“
„Nein, die hat er mir nicht gegeben. Wir verstanden uns nie sehr gut. Aber um Sue war er sehr bemüht. Es war für sie fürchterlich, daß er eingesperrt wurde. Sechs bis zehn Jahre hat er bekommen.“
„Haben Sie ein Bild von Miles?“
„Ein Foto? Ja, das habe ich.“
Schwerfällig schleppte er sich zum Kasten und öffnete ihn. Er holte einen kleinen Karton hervor und setzte sich wieder auf das Bett. Dann suchte er herum, schließlich zog er ein Bild hervor und reichte es Rowland.
Es war ein Schwarzweißfoto, und es zeigte ein junges Negerpaar.
„Das Mädchen ist Sue, zusammen mit ihrem Bruder Miles.“
Sue war etwa fünfzehn Jahre alt und außergewöhnlich hübsch, ihr Bruder war um etwa fünf Jahre älter.
„Ich habe den Jungen nie verstanden“, sprach Jones weiter. „Er ist gescheit, ging aufs College. Dann schloß er sich einer Bande an. Einbrüche und so. Natürlich wurde einer erwischt, der verpfiff die anderen. Und jetzt hat Miles schon wieder etwas angestellt.“
Rowland gab ihm das Foto zurück. „Danke für Ihre Informationen, Mister Jones.“
„Gern geschehen.“
Rowland grinste zufrieden, als sie das Haus verließen.
„Scheint ein Haupttreffer zu sein“, meinte Jo.
„Du sagst es. Vielleicht ist heute tatsächlich unser Glückstag. Miles Jones wurde auf Bewährung entlassen. Das ist unsere Chance.“
„Wenn er sich an die Bewährungsauflagen gehalten hat.“
„Da bin ich ziemlich sicher, Jo, Er hatte einen großen Coup vor, und der Bursche ist nicht blöd. Hält er sich nicht an die Auflagen, wird er von der Polizei gesucht Dieses Risiko ging Miles Jones sicherlich nicht ein. Jetzt heißt es schnell sein. Verdammt, in dieser Gegend gibt es kein Taxi.“
„Drei Straßen weiter ist das 81. Revier.“
„Dorthin gehen wir.“
Fünf Minuten später hockte Rowland vor einem Schreibtisch und telefonierte. Dabei rauchte er hastig. Er ließ sich mit dem Chef der Bewährungshilfe verbinden.
„Captain Rowland. Ich spreche vom 81. Revier, falls Sie mich zurückrufen müssen.“
„Was gibt's, Captain.“
„Vor ein paar Wochen wurde Miles Jones auf Bewährung freigelassen. Wer ist der zuständige Bewährungshelfer?“
„Einen Augenblick. Ich sehe mal nach.“
Rowland trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte.
„Lee Bronson. Ich verbinde, Captain.“
Eine Minute verging, dann meldete sich Bronson und Rowland stellte sich vor.
„Sie sind der Bewährungshelfer von Miles Jones, Mister Bronson?“
„Ja, Captain. Er wurde vor sechs Wochen entlassen, meldete sich bei uns und gab seine Adresse an. Wir versuchten, ihm Arbeit zu beschaffen, doch wir fanden nichts. Er ist arbeitslos.“
„Geben Sie mir bitte seine Wohnadresse.“
„Weshalb sind Sie an Jones interessiert?“
„Mordverdacht.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen, Captain. Auf mich macht er einen recht guten Eindruck. Bis jetzt hielt er sich genau an die Vorschriften. Er meldet sich regelmäßig bei mir, und einmal überprüfte ich seinen Wohnsitz. Sie kennen sicherlich die Bestimmungen der Bewährungsauflagen.“
„Er braucht nur mal falsch zu parken, oder auf den Bürgersteig zu spucken, und schon wandert er wieder ins Gefängnis.“
„Sie übertreiben ein wenig, Captain. Erzählen Sie mir, was gegen Miles Jones vorliegt.“
Nun platzte Rowland der Kragen. „Hören Sie mir gut zu, Bronson. Wir ermitteln in einer Mordserie. Wenn Sie mir nicht augenblicklich die Adresse sagen, dann leite ich ein Disziplinarverfahren gegen Sie ein.“
„West 94. Street. Nummer 336. Das Haus unterliegt dem Mietstopp, es ist ohne Fahrstuhl. Jones wohnt zusammen mit drei Männern in der 3. Etage.“
„Stehen seine Mitbewohner auch auf Ihrer Liste, Bronson?“
„Nur einer von ihnen. Die beiden anderen sind vorbestraft, haben aber ihre Strafe verbüßt.“
„Nun verraten Sie mir die Namen der drei Männer.“
Rowland notierte sie.
„Danke für die Auskunft, Mister Bronson.“
„Es ist immer ein Vergnügen, mit einem so reizenden Polizisten zu sprechen“, sagte Bronson sarkastisch und schleuderte den Hörer in die Gabel.
„Der ist sauer“, Tom grinste. „Jetzt holen wir deinen Schlitten und fahren in mein Office.“

*  * *

Seit mehr als vier Stunden beobachtete Miles Jones das Police Cen¬ter. Mehr als zwanzigmal hatte er den Bericht über die Schießerei auf Long Island gelesen.
Telefonisch hatte er Jo Walker und Tom Rowland nicht erreicht, doch er hoffte, daß sie irgendwann im Police Center auftauchen würden.
Die Nachrichten im Radio beschäftigten sich noch immer mit dem Überfall auf die „Nagira“, mit Gardiners Tod und der Entführung seiner Frau, die in der Zwischenzeit über seinen Tod informiert worden war, und daraufhin einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.
John Storm wurde nicht erwähnt, aber das wunderte Miles Jones nicht. In einer Stadt wie New York wurde über Selbstmorde kaum berichtet. Und vielleicht war er auch noch nicht gefunden worden.
Seine Gedanken kamen immer wieder auf Walker und Rowland zurück. Warum wollten die beiden mit Will Carroll sprechen? Hatten sie bereits eine Verbindung zwischen den Morden hergestellt? War es möglich, daß sie auf seine Spur kamen? Ihm kam das unwahrscheinlich vor, doch er war auf alles vorbereitet. Sein Teil des Lösegeldes befand sich im Kofferraum des Wagens, und auch einen Teil des Schmucks hatte er an sich genommen.
Auf dem Beifahrersitz lag die Maschinenpistole, verhüllt von einer bunten Wolldecke.
Schließlich erblickte er den silbergrauen Mercedes 450 SEL und wunderte sich darüber, daß ein Privatdetektiv so dämlich sein konnte, einen so auffallenden Wagen zu fahren.
Rowland oder Walker hatten seinen Jugendfreund Keith Farmer erschossen. Für ihn stand fest, daß er beide töten würde.
Er wollte den Tod seines einzigen Freundes rächen, so wie er das Vermächtnis seiner kleinen Schwester erfüllt hatte.
Fünf endlos lange Jahre hatte er sich seinen Rachegefühlen hingegeben.

* * *

Während der Fahrt hatte Rowland mit Ron Myers telefoniert. Als der Captain sein Office betrat, lag der Akt Miles Jones bereits auf seinem Tisch.
Rowland blätterte ihn flüchtig durch. Jones war wegen schweren Raubüberfalls und einigen Einbrüchen angeklagt worden. Der Raubüberfall konnte ihm nicht nachgewiesen werden, doch einige der Einbrüche.
„Ich habe Fotos von Miles Jones anfertigen lassen“, sagte Myers. „Ein Beamter ist mit einem Bild zum Taxifahrer unterwegs, ein anderer fährt zu dem Elektroladenbesitzer in die Columbus.“
„Gut gemacht, Ron“, lobte Tom.
„Drei Detektive habe ich in die West 94. Street beordert. Sie sollen sich unauffällig umsehen und mir dann Bericht erstatten.“
„Versuchst du einen Haftbefehl zu bekommen, Tom?“ fragte Jo.
„Nein“, sagte der Captain kopfschüttelnd. „Kein Richter würde auf Grund der spärlichen Fakten einen Haftbefehl ausstellen. Außerdem müßte ich dann die Halunken über ihre Rechte belehren. Ich denke eher an einen Hausdurchsuchungsbefehl. Den sollte ich ohne Schwierigkeiten bekommen.“
Das Telefon läutete, und Myers hob ab.
„Floyd Kendall, der Taxifahrer, ist ziemlich sicher, daß Miles Jones der Begleiter von Don Farley gewesen ist.“
„Na schön“, meinte Rowland. „Ich werde mal mit dem Untersuchungsrichter sprechen. In fünfzehn Minuten bin ich zurück. Bereitet einstweilen alles vor.“
Nun trafen auch die Akten der drei anderen Männer ein. Einer war ein Neger, die zwei anderen Weiße.
Auf einer Leinwand studierten Jo und Ron die Lage des Hauses. Nach dem Bericht, den ein Detektiv durchgegeben hatte, war es vierstöckig. Ein altes Brownstone House mit nur einem Eingang.
„Ich fahre mit Tom“, sagte Kommissar X. „Du folgst uns mit einem unauffälligen Dienstwagen. Sicherheitshalber nehme ich ein Walkie-Talkie mit, damit wir jederzeit mit dir Kontakt halten können.“
Es dauerte zwanzig Minuten, bis Rowland zurückkam. Seine triumphierende Miene drückte alles aus.
„Es kann losgehen. Erklärt mir euren Plan.“
Rowland hörte aufmerksam zu. „Einverstanden.“

* * *

Es war kurz nach drei Uhr, als Jo die Tenth Avenue Up-town fuhr. Um diese Zeit war der Verkehr äußerst schwach.
Bei der Einundsechzigsten bog er nach links ab und erreichte die West End Avenue.
Automatisch warf er immer wieder einen forschenden Blick in den Rückspiegel.
„Seit einiger Zeit verfolgt uns ein meergrüner Cadillac. Ein funkelnagelneuer Wagen.“
„Bist du sicher, Jo?“
Kommissar X nickte.
Tom griff nach dem Sprechgerät. „Ron, hörst du mich?“
„Ich verstehe dich gut.“
„Wir sind jetzt auf der Höhe der Fünfundsechzigsten. Jo behauptet, daß uns ein meergrüner Cadillac verfolgt. Schließ ein wenig auf.“
Jo drosselte das Tempo, und auch der Caddy wurde langsamer. Geschickt versteckte er sich hinter einem VW-Käfer.
„Tom, ich habe den Cadillac genau vor mir.“
„Sehr schön, dann überhole ihn, und sieh dir unauffällig den Fahrer an.
Zwei Minuten später meldete sich Myers wieder: „Der Fahrer ist ein Neger. Ich habe nur einen kurzen Blick riskiert, aber er scheint euch tatsächlich zu folgen. Und der Mann sieht Miles Jones verdammt ähnlich.“
„Das ist vielleicht ein Ding. Aus Jägern werden wir zu Gejagten. Was hat der Kerl vor?“ fragte Tom.
Jo steckte sich eine Zigarette an.
„Er hat die Zeitung gelesen. Da werden wir beide erwähnt. Miles Jones weiß, daß wir seinen Komplizen erledigten. Nun sind wir dran.“
„Das ist ja wenig heiter. Hast du einen Vorschlag, Jo?“
„Wir werden den Kerl überraschen. Ron soll den Broadway hochfahren und ein wenig auf das Tempo drücken. Dann biegt er in die Zweiundachtzigste ein. Ich werde auf die äußere Fahrspur ausweichen, er soll die innere nehmen. Wir werden den Caddy blockieren.“
Rowland gab die Anweisungen weiter. „Fordere sicherheitshalber einen Streifenwagen an, Ron. Sie sollen aber keinen Krach schlagen und sich immer einen Häuserblock hinter uns halten.“
Der Cadillac verfolgte sie weiterhin. Im Augenblick wurde er von einem Bus verdeckt.
„Wir haben unsere Position eingenommen“, meldete sich Myers.
„Dann zieht eure Kanonen. Es muß alles blitzschnell gehen. Der Bursche soll so überrascht sein, daß es zu keiner Schießerei kommt.“
Die Ampel an der Zweiundachtzigsten zeigte Rot. Myers grauer Plymouth bog in die West End Avenue ein.
Jo legte einen Kavalierstart hin, und Sekunden später lag er neben Myers, der ihnen zugrinste.
„Der Streifenwagen soll jetzt ein bißchen Lärm machen“, sagte Rowland.
Sekunden später war das Heulen der Sirene zu hören.
„Jetzt!“ schrie Rowland ins Sprechgerät.
Ruckartig riß Jo den Wagen ein wenig nach links, während Myers nach rechts ausscherte. Fast gleichzeitig traten sie die Bremse voll durch.
Kommissar X und der Captain stürmten mit gezogenen Pistolen auf den Caddy zu, hinter dem der Streifenwagen mit kreisendem Rotlicht hielt. Zwei Polizisten sprangen heraus.
„Steigen Sie aus“, sagte Jo befehlend und richtete die Automatic auf die Schläfe des Negers.
Tom riß die Wagentür auf.
„Aussteigen“, befahl er. „Die Hände in den Nacken legen.“
Der Mann trug ein sehr weißes Hemd, und er war sehr schwarz. Das Haar lag wie eine Kappe an seinem Kopf.
Ein wütendes Hupkonzert setzte hinter ihnen ein.
Sie klopften den Neger nach Waffen ab, fanden aber keine. Erst als Myers die Decke zur Seite schob, kam die Maschinenpistole zum Vorschein.
Die Brieftasche mit dem Führerschein fanden sie in der Jacke auf dem Rücksitz.
„Sie sind festgenommen, Miles Jones“, sagte Rowland.
Die Handschellen schnappten zu.
„Bringt ihn ins Office“, sagte Tom. „Ihr verdammten Schweine!“ schrie Miles Jones wütend. „Was werft ihr mir vor?“
„Da ist vorerst einmal die Maschinenpistole, aber die Anklage wird ellenlang sein. Wo stecken Ihre Freunde, Jones?”
„Was ist mit Keith Farmer?“ fragte Jo.
„Der Teufel soll euch holen“, knurrte Jones.
„Durchsuchen wir seinen Wagen, dann machen wir hier Platz, denn sonst regnet es wieder Beschwerdebriefe der empörten Autofahrer.“
Die Polizisten zerrten Miles Jones zum Streifenwagen, und der Detektiv, der Ron Myers begleitet hatte, nahm neben dem Gefangenen Platz.
Kurze Zeit später hatten sie den Schmuck und das Geld im Kofferraum gefunden.
Ron Myers suchte für seinen Plymouth einen Parkplatz, dann stieg er in den Caddy.

* * *

„Hoffentlich schaffen wir es, ohne Schießerei die anderen Kerle festzunehmen“, meinte Tom Rowland.
„Ich bin ziemlich sicher, daß Keith Farmer tot ist. Bleiben nur zwei übrig. Aber es ist nicht sicher, ob es die von uns gesuchten Gangster sind.“
Das Haus in der West 94. Street sah weit weniger heruntergekommen aus als seine Nachbarn.
Sie stiegen die Vordertreppe hoch. Das Haustor stand offen, und sie schritten an den Briefkästen vorbei auf die zweite Tür im Eingang zu.
„Jetzt ist dein großer Auftritt gekommen, Tom. Glaubst du, daß du es schaffen wirst, die Stimme des Bewährungshelfers Bronson nachzuahmen?“
„Ich denke schon.“
Rowland drückte auf den Knopf.
„Ja?“ meldete sich kurze Zeit später eine tiefe Stimme.
„Hier Bronson“, sagte der Captain mit verstellter Stimme. „Sind Sie es, Jones?“
„Nein, Ed Arnold. Miles ist nicht hier.“
„Ich will mit Arthur Cresson sprechen.“
„Okay, ich laß Sie rein, Mister Bronson.“
Der Surrer gab ein röchelndes Geräusch von sich, und Jo Walker stieß die Tür auf. Drei Cops huschten an ihm vorbei, dann folgten Jo und Tom.
Im dritten Stockwerk wandten sie sich nach links. Neben der zweiten Tür blieben Walker und Rowland stehen. Sie drückten sich eng an die Wand und befanden sich so außerhalb des Gesichtsfeldes des Türpfostens.
Bevor Kommissar X noch nach dem Klingelknopf greifen konnte, wurde die Tür geöffnet.
Jo stieß den Mann zur Seite und rannte auf eine halb geöffnete Tür zu. Erstaunt wollte sich ein Mann erheben, doch als er die auf ihn gerichtete Pistole sah, ließ er sich zurückfallen.
Sekunden später waren die zwei Verbrecher gefesselt.
„Wir haben Miles Jones festgenommen“, sagte Rowland. „Wo ist Keith Farmer?“
Verbissen schwiegen die zwei.
„Ich habe hier einen Hausdurchsuchungsbefehl, Leute. Wir werden die Wohnung auf den Kopf stellen, und ich rate euch, redet endlich.“
Ed Arnold und Arthur Cresson antworteten nicht.
Es dauerte nicht lange, dann fanden sie den restlichen Schmuck und den Rest des Lösegeldes.
„Ab mit den beiden ins Police Center“, sagte Rowland.
Ein paar Spezialisten vom Spurensicherungsteam trafen ein.
Sie stellten die Wohnung buchstäblich auf den Kopf. Einer fand eine alte Ledertasche, in der sich die Entlassungspapiere von Miles Jones befanden.
„Da ist ein Brief, Captain.“
Jo griff nach dem Schreiben und strich es glatt, dann begann er laut vorzulesen: „Lieber Bruder, wenn Du dies liest, dann bin ich bereits tot. Deine Verurteilung konnte ich kaum verkraften, doch was gestern geschah, ist einfach zuviel für mich.
Es war eine dieser Parties in Reidys Landhaus in New Jersey, die üblicherweise immer gleich verliefen. Sie grillten Steaks, tanzten und waren alle sehr vergnügt.
Zwischen acht und neun Uhr verließen die meisten Gäste das Haus. Ich räumte das Geschirr ab.
Jim Reidy, Alex Gardiner, John Storm und Will Carroll blieben. Alle vier besuchen das Hunter College. In den vergangenen Wochen hatten sie mir schon allerlei schmutzige Anträge gemacht, besonders schlimm war Gardiner, aber auch Jim Reidy.
Sie spielten Poker, dabei ging es recht laut zu. Sie waren von den Softdrinks auf Bier und Bourbon umgestiegen.
Alle waren ziemlich betrunken, als ich sie fragte, ob sie noch etwas wünschten, andernfalls würde ich schlafen gehen.
Ich solle noch ein Glas mit ihnen trinken, meinte Alex Gardiner. Da ich keinen Alkohol trinke, ließ ich mich dazu überreden, ein Tonic zu nehmen.
Nach ein paar Minuten begann sich alles vor meinen Augen zu drehen. Es war ein ganz eigenartiges Gefühl, das ich dir nicht beschreiben kann, Miles.
,Na, wie fühlst du dich, Sue?' fragte Alex.
,Eigenartig“, lallte ich. Dann trank ich das Glas aus. Alles war so unwirklich. Die vier schienen sich im Zeitlupentempo zu bewegen. Ich versuchte aufzustehen, doch es gelang mir nicht. Sie amüsierten sich darüber. Kurze Zeit später hoben mich Gardiner und Storm hoch und schleppten mich ins große Wohnzimmer.
Ich wollte schreien, als sie meine Bluse öffneten, und mir dann den Rock herunterrissen, doch kein Laut kam über meine Lippen.
Das war nicht wirklich ich. Das war eine andere, mit der das alles geschah. Mein Geist schien über mir zu schweben und registrierte jede Einzelheit. Ich war völlig wehrlos.
Sie jaulten vor Begeisterung und klatschten auffordernd, als sich Alex Gardiner auf mich stürzte. Undeutlich merkte ich das grelle Licht des Blitzlichtes.
Dann war Will Carroll an der Reihe, danach John Storm und schließlich auch Jim Reidy.
Irgendwann heute am Vormittag erwachte ich. Ganz deutlich kann ich mich an die Ereignisse der vergangenen Nacht erinnern.
Es ist kein Gefühl in mir. Ich bin tot, alles ist erstorben. Eine grenzenlose Leere, wie ich sie nie zuvor gespürt habe.
Ich wankte ins Badezimmer, duschte und kleidete mich an.
Da tauchte plötzlich breit grinsend Jim Reidy auf.
,Na, hat es dir gefallen, Baby?' fragte er und kicherte bösartig. ,War ein toller Spaß. Das werden wir nun jede Woche veranstalten.'
Ich gab ihm eine Ohrfeige.
,Das wirst du bereuen, du Miststück', brüllte er mich an.
Er warf ein Dutzend Fotos auf den Tisch.
Du kannst Dir denken, lieber Bruder, wie abstoßend die Bilder waren.
,Ab sofort wirst du mir gehorchen, verdammtes Luder.’
Ich antwortete nicht.
,Ich habe dich gefragt, ob du mir gehorchen wirst, Miststück?'
,Nein, das werde ich nicht tun.'
Er kam auf mich zu. ,Wenn ich nur eines dieser Fotos meinen Eltern zeige, dann bist du deinen bequemen Job los. Meine Eltern werden dafür sorgen, daß du keinen Posten bekommst, das garantiere ich dir. Niemand wird dir helfen. Du hast eine Stunde Zeit, es dir zu überlegen.'
Er ließ mich allein und ich dachte nach. Meine Verzweiflung wuchs immer mehr. Ach, wärst Du nur bei mir gewesen, Miles, dann wäre das alles nicht geschehen. Oder wir hätten eine Lösung gefunden.
Ich finde nur eine. Ich will sterben. Jetzt habe ich diesen Brief fast vollendet. Ich werde ihn in Helmetta in einen Postkasten werfen und an Deinen Freund Keith Farmer adressieren.
Verzeih mir, lieber Bruder, aber ich weiß keine andere Lösung. Ich umarme dich im Geist und drücke dich an mich.
Deine kleine, hilflose Sue.“
Tom und die Spurensicherungsleute hatten fast atemlos zugehört. Alle waren seltsam verlegen und vermieden es, sich anzublicken.
Jo legte vorsichtig den Brief auf den Tisch, dann zündete er sich eine Pall Mall an und blieb vor einem der Fenster stehen.
Arme, kleine Sue, dachte er.
Niemand sprach ein Wort, als sie die Geldscheine und den Schmuck in Koffern verstauten.
„Captain, diese zwei Fotoalben habe ich gefunden. Eines war versperrt, es wurde aufgebrochen.“
Rowland schnappte sich die Alben.
Jo Walker fuhr sehr langsam.
„Wie hättest du an Stelle von Miles Jones reagiert, Tom?“ unterbrach Jo das drückende Schweigen.
Tom räusperte sich. „Erspare mir die Antwort.“
Ein sehr nachdenklicher Jo Walker und Tom Rowland trafen im Police Center ein.
„Ron, du führst das Verhör mit Miles Jones.“
„Okay, und weshalb willst du es nicht tun?“
„Das werde ich dir später einmal erklären.“
„Na gut, ich gebe dir dann eine Kopie der Vernehmung.“
„Das sind vermutlich die Alben, die Miles aus John Storms Wohnung mitgenommen hat“, sagte Rowland, als Myers das Zimmer verlassen hatte.
Uninteressiert schlug er eines auf. Dann schluckte er.
Jo blickte über seine Schulter. Es waren lauter Pornofotos, die hauptsächlich John Storm in voller Aktion zeigten. Ein paar Fotos waren herausgerissen worden.
„Ich verspüre das dringende Verlangen nach einem Drink, Tom.“
„Mir geht es nicht anders. Aber vorerst werde ich erst ein paar Fotokopien von Sue Jones Brief machen.“
Kommissar X schob die Kopien in die Innentasche seiner Jacke.
Auf dem Gang kam ihnen District Attorney Brown entgegen.
„Sie haben mir bewußt Fakten unterschlagen, Rowland!“ schrie Brown und stürmte auf Tom zu.
„Den Schmuck und das Lösegeld haben Sie, und die mutmaßlichen Täter sind festgenommen. Was verlangen Sie noch?“
„Eine bedingungslose Zusammenarbeit mit dem Büro des Staatsanwaltes.“
Der Captain ließ District Attorney Brown einfach stehen, und sie stiegen in den alten Paternoster.
Zwei Stunden später, und jeder mit dem Inhalt einer halben Flasche Bourbon im Magen, lasen sie den Durchschlag der Vernehmung.

* * *

Frage: Mr. Jones, können Sie uns sagen, weshalb Sie Alex Gardiner, John Storm und Will Carroll ermordeten?
Antwort: Sie haben meine Schwester vergewaltigt und bedroht. Sie verdienten den Tod. Mir tut nur leid, daß ich diesen Jim Reidy nicht mehr erwischen konnte.
Frage: Wann erhielten Sie den Brief Ihrer Schwester?
Antwort: Eine Fotokopie wurde ins Gefängnis geschmuggelt. Ich lernte den Brief auswendig.
Frage: Stimmt es, daß Sie kaltblütig den Mord an den drei Männern planten.
Antwort: Ja, das ist richtig.
Frage: Sie hatten nur den Brief Ihrer Schwester als Beweis. Das genügte Ihnen?
Antwort: Ja. Alle drei gestanden es. Jeder schob die Schuld auf die anderen. Es war widerlich.
Frage: Wo lernten Sie Don Farley kennen?
Antwort: Vor ein paar Jahren waren er und Keith Farmer auf einem Schiff zusammengewesen. Sie trafen sich zufällig vor einer Woche, und Farley erzählte von seinen Geldschwierigkeiten. Damals wurde schon viel über die Hochzeit auf der „Nagira“ berichtet. Ich entwarf den Plan und sprach mit Keith Farmer, Ed Arnold und Arthur Cresson. Wir trafen alle Vorbereitungen.
Frage: Keith Farmer wurde erschossen. Wo haben Sie seine Leiche hingebracht?
„Antwort: Ich vergrub seinen Körper auf Long Island.
Frage: Wollten Sie Captain Rowland und Jo Walker erschießen?
Antwort: Ja, das wollte ich. Sie hatten meinen besten Freund getötet.
Frage: Fünf Jahre lang dachten Sie daran, die drei Männer zu töten. Scheint Ihnen dieses Rachegefühl normal zu sein?
Antwort: Sie wollen es wohl so hinbringen, daß ich einen Dachschaden habe, Lieutenant? Ich bin aber nicht geistesgestört. Was hätte ich denn unternehmen sollen? Den Brief der Polizei übergeben? Ich wäre ausgelacht worden, und die Beteiligten hätten alles abgestritten.
Jo überflog nur den Rest der Vernehmung, in dem es hauptsächlich um die Vorbereitung der Verbrechen ging.
Das Telefon läutete, und Rowland meldete sich.
„Ich habe gerade das Verhör gelesen“, sagte District Attorney Brown, „und diesen angeblichen Brief von Sue Jones. Dieses Schreiben darf auf keinen Fall an die Presse weitergegeben werden, Captain.“
„Und warum nicht?“
„Das gibt nur einen unnützen Skandal.“
„Was wollen Sie damit erreichen, Brown? Bei der Verhandlung wird Miles Jones sicherlich nicht den Mund halten. Er wird alles ausplaudern.“
„Das kann man als das dumme Geschwätz eines Verrückten darstellen. Niemand wird ihm glauben. Haben wir uns verstanden, Rowland?“
„Nein, das haben wir nicht. Dieses arme Mädchen wurde mißbraucht. Das wollen Sie einfach unter den Tisch fallen lassen?“
„Es ist durch nichts bewiesen, daß die Behauptungen stimmen, Captain.“
„Wir haben Fotos, auf denen sie mit...“
„Sie haben meinen Anordnungen Folge zu leisten. Sie geben auch keine Interviews. Das besorgt die Pressestelle.“
„Ich werde Ihre Anweisungen befolgen. Aber ich schätze es überhaupt nicht, daß sich Familien mit Einfluß alles leisten können.“
„Das ist eine unverschämte Behauptung.“
„Gleich werden Sie die Vergewaltigung als den Ausrutscher vier grüner Jungen darstellen. Aber damit kommen Sie nicht durch, Brown.“
Ron Myers reichte Tom Rowland einen Zettel.
„Wie soll ich das verstehen, Rowland?“
„Wir haben gerade neues Beweismaterial erhalten. Miles Jones hat sich über eine Stunde lang mit Alex Gardiner unterhalten. Das ist alles auf einer Cassette aufgezeichnet.“
„Gilt nicht als Beweisstück“, knurrte Brown.
„Schon möglich. Miles Jones wird seinen Anwalt auffordern, das Band vor Gericht vorzuspielen, was sagen Sie nun?“
„Sie halten den Mund, Rowland. Nochmals: Keine Interviews.“
„Verstanden.“
Rowland blickte Kommissar X an.
„Ich bin ein freier Amerikaner“, sagte Jo und lächelte. „Und ich werde den Mund nicht halten.“
„Das kann dich deine Lizenz kosten, Jo.“
Kommissar X nickte. „Hätten wir den Fall nicht aufgeklärt, dann wärst du nicht mehr im Amt. Du bist ein gewaltiges Risiko eingegangen, und ich gehe ein weit geringeres ein.“
Jo Walker verließ das Police Center und war sofort von einer Horde Reporter umgeben, die ihm unzählige Fragen stellten, die er alle geduldig beantwortete.
Zu Hause angekommen, setzte er sich hinter die Schreibmaschine und adressierte zwanzig Briefumschläge, die durchweg an bedeutende Zeitungen und Nachrichtenagenturen gingen. Er steckte die Fotokopien von Sue Jones' Brief hinein, klebte die Kuverts zu und frankierte sie.
Vor dem Briefkasten zögerte er einen Augenblick, dann warf er die zwanzig Umschläge ein.
Kommissar X war überzeugt, daß er richtig gehandelt hatte. Die Öffentlichkeit hatte ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren, so unangenehm sie auch sein mochte.

E N D E

 

© by Kurt Luif 1984 + 2018

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