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Nikolai von Michalewski Reihe »Weltraumpartisanen«: Mark Brandis 01 – Bordbuch Delta VII

MARK BRANDIS - Die BuchreiheNikolai von Michalewski, Reihe »Weltraumpartisanen«
Mark Brandis 01 – Bordbuch Delta VII

Die Buchreihe MARK BRANDIS, ist eine SF-Serie aus dem Herder-Verlag, die der Autor Nikolai von Michalewsky für die Jugend schrieb. Es erschienen insgesamt 31 Bände und ein unvollendetes Buch. Später wurde die Reihe auch als Hörspielserie  mit den Originalgeschichten und dazu erfundenen Stories als „Kadett Brandis“ in seiner Jugendzeit und als  (bis jetzt) fünfbändiger Comic adaptiert. Ich werde demnächst mit einer Analyse der Reihe beginnen, wobei ich so gut wie alle Bücher einbeziehen möchte.

Jedoch kann ich keine festen Termine vorlegen.

BORDBUCH DELTA VIIZum Inhalt: Bordbuch Delta VII
Die Mannschaft der Delta VII, des neuesten Prototyps der VEGA (Venus – Erde Gesellschaft für Astronautik), wird auf ihrem Testflug zur Venus von alarmierenden Meldungen überrascht: General Gordon B. Smith startet auf der Erde einen Militärputsch gegen die zivile Regierung der EAAU. Der General war Jahre zuvor wegen eines Raumzwischenfalls mit den VOR vor ein Gericht gestellt und zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Er konnte jedoch aus seinem Gewahrsam entkommen und versucht nun mit Hilfe seiner Bewegung “Reinigende Flamme” ein totalitäres Regime zu etablieren

Unbeachtet dieser Tatsache entscheidet sich der Kommandant von Delta VII, Commander John Harris, am nächsten Tag zur Erde zurückzufliegen. Noch in der Nacht tritt der Präsident der EAAU, Bellini, zurück, um seinem Vorgänger, dem charismatischen Samuel Hirschmann, in der Hoffnung Platz zu machen, er könne das Blatt in letzter Sekunde wenden. Auf dem Rückflug zur Erde wird Delta VII von einem Verband der Strategischen Raumflotte der EAAU aufgebracht und nach Asinara, einem Internierungslager der neuen Machthaber, eskortiert. Dort wird die Besatzung gefangengenommen und verhört. Es stellt sich heraus, dass die neuen Machthaber nicht in den Besitz der Unterlagen über das Delta-Programm gelangt sind. Sie sind daher auf die Testpiloten und ihre Erfahrungen angewiesen.

Wieder in Metropolis, wo die Machthaber mittlerweile auch die Gewalt über die VEGA an sich gerissen haben, werden die Astronauten Zeugen der Rede des nun gestürzten Präsidenten Hirschmanns, der scheinbar bedingungslos zur Seite des Generals übergelaufen ist. Commander Harris und seine Männer schmieden Fluchtpläne. Die Flucht gelingt, und der Commander überführt das Raumschiff zur Venus, die sich kurze Zeit später von der Erde lossagt und zur unabhängigen Republik wird. Die Einzigartigkeit des Prototyps Delta VII führt dazu, dass die Besatzung einen heiklen Rettungsversuch unternehmen soll. Ex-Premier Hirschmann, von dem mittlerweile angenommen wird, dass er wie viele andere auch durch willensbeeinflussende Technik gefügig gemacht wurde, soll aus dem Internierungslager in der Sahara befreit werden. Auf der erhofft man sich durch Hirschmann genug moralisches Gegengewicht für den beinahe übermächtig erscheinenden General. Captain Brandis, der Pilot, und Lieutenant Iwan Stroganow, der Navigator, zögern, doch schließlich startet die eingespielte Crew zur schier aussichtslosen Mission. Die Befreiung gelingt. Sogar Ruth O’Hara, die Sektretärin des Präsidenten und Freundin von Mark Brandis wird mitbefreit. Doch der Preis ist hoch: Commander Harris bezahlt den Einsatz mit seinem Leben.

Captain Brandis wird auf der Venus von der VEGA zum Commander befördert und erhält das Kommando über Delta VII.

BORDBUCH DELTA VIIJetzt zur Kritik:
Michalewskis SF ist immer politisch: sozialpolitisch, umweltpolitisch, gesellschaftspolitisch.

Hier im ersten Band der Reihe wird bis zu Band Vier eine zusammenhängende Geschichte erzählt, die sich mit dem Umsturz des Generals Smith und seiner brutalen und leider auch effizienten Methoden der Menschenbeherrschung beschäftigt.Deshalb lässt sich prinzipiell die MB-Reihe trotz der quasimilitärischen Ränge der VEGA  in die Reihe der progressiven SF einreihen.Das Haupthema ist immer irgendein größerer Konflikt, der die Grundlagen der Demokratie  und des friedlichen Zusammentreffens von Menschen gefährdet, aushebelt oder irgendwie  ins Wanken bringt.Das ist  allerdings auch eine Schwäche der Reihe,wie man später hier sehen wird, weil es andauernd passiert.

Im ersten Band „BORDBUCH DELTA VII“ werden die ersten Hauptcharaktere vorgestellt: Commander Harris, der vorgesetze Chef von Pilot Captain Brandis, dieser selbst und die Besatzung der Delta VII, des neuen, schnellen Prototyps der VEGA (Venus-Erde, Gesellschaft für Astronautik),Lieutnant Ibaka und Lieutnant Stroganoff.Ohne allzuviel zu spoilern, lässt sich sagen, dass Ibaka später zum Nutzen der freien Menschheit umkommt (Band 4), während Stroganoff den Lesern lange als eine der wichtigsten Nebenpersonen erhalten bleibt.Hinzu kommt Ruth O‘Hara, die rothaarige Freuindin von Mark B., die in fast jedem Bamd eine Rolle spielt.

Die Handlungen im ersten Band sind überzeugend.Schwächen im Aufbau sind noch nicht erkennbar.Nur die DELTA VII selbst ist etwas diffus geschildert.Nicht sehr genau. Neben der Kommandokanzel gibt es mehrere rückwärtige Luken, von denen eine in einen sogenannten „Ruheraum“ führt, in dem sich offensichtlich mindestens eine Liege für die Freiwache befindet.Der Maschinenraum aber muss von Lt. Ibaka im Kriechen durch eine Art Röhre erkundet, gecheckt und geprüft werden.(Das erinnert stark an die Jeffries-Röhren bei ST, die allerdings leichter zugänglich sind).Ab und zu müssen Pilot oder Navigator auf ihren Sitzen schlafen, da der erwähnte, einzige Ruheraum wohl nicht für alle ausreicht.Gegessen wird eingelagerte Fertignahrung, da das Schiff, auf hohe Beschleunigung ausgerichtet, zu klein ist für eine Kombüse. Die ist dann späteren Schiffen von Brandis vorbehalten (sogar mit einem Koch/Smutje).

Wir nehmen mal an, dass eine Toilette für die Besatzung an Bord ist, natürlich in Raumfahrtausführung.Da derlei aber in Geschichten bzw. Handlungen allgemein nicht erwähnt wird, sei es gut damit.

Die Besatzung ist natürlich bei Manövern hohen g-Kräften ausgesetzt, da die Newtonschen Gesetze gelten, denn es handelt sich um „near-time-SF“. Keinerlei höhere „Zaubertechnik“ ist vorhanden. Das macht die Raumreisen, die teilweise noch Tage und Wochen innerhalb des solaren Systems dauern, authentisch. Raumfahrt ist noch immer ein schweres, gefährliches Geschäft.Nicht umsonst verwendet der Autor oft die Analogien der Seefahrt aus der Kolumbuszeit, als die Seeleute in ihren Holzschiffen, nur durch Segel und Wind getrieben, noch wochenlang die Ozeane der Erde durchkreuzten.Allerdings spricht der Autor hier immer nur von „Geschwindigkeiten“. Nicht von „Beschleunigungen“.

BORDBUCH DELTA VIIWeiterhin ist positiv zu sehen, dass die Probleme des interplanetaren Raumes halbwegs akkurat geschildert werden: Sonnenstürme, Strahlungsschauer oder Meteorströme (die der Autor allerdings durchgehend als „Meteoriten“ bezeichnet, was faktisch falsch ist), werden überzeugend in ihren Gefahren für die Raumschiffe der Menschen, selbst für die schnelle Delta VII dargestellt.

Weiterhin is der politische Aspekt dieser Art SF positiv zu sehen:Michalewski erweist sich als Verfechter der Demokratie, der Republik und ist gegen alle totalitären Systeme eingestellt, was sich in späteren Bänden nicht nur gesellschaftspolitisch sondern auch  in anderen Aspekten zeigt.Aber dazu später, wenn der jeweilige Band vorgestellt wird.

Das Hauptrthema von Band 1 ist die Machergreifung des Generals Smith, die Abschaffung der westlichen Demokratie und die Einführung einer faschistischen Militärdiktatur auf den drei Kontineten Amerika/Europa/Afrika, gestützt auf moderne Technik, von der Elektrode im Kopf zur Gedankenkontrolle (hier in Band 1) bis zur Schaffung von künstlichen „Übersoldaten“, was dann Band 4 thematiseren wird.Nicht umsonst ist die Totenkopfgarde des Generals  und andere Truppen der Waffen-SS oder ähnlichen  Gruppen totalitärer Diktaturen der realen Geschichte nachempfunden.Die Gedankenkontrolle durch technische Geräte, macht diese Leute dann noch fanatischer, also gefährlicher.Der Schreibstil des Autors ist einfach und klar, ohne lange,gewundene Sätze.Er ist oft halbdokumentarisch, was man daran erkennt, dass Mark Brandis, der Erzähler der Geschichte, oft von Zeugenberichten dritter Personen untrebrochen wird, die deshalb geschildert werden, weil er an der Handlung selbst nicht teilnahm, sie aber wichtig ist für den Fortschritt der Erzählung.Das gibt dem Leser mitunter einen gewissen Abstand und erinnert ein wenig ans „epische Theater“, wo ja auch Ratio anstatt Dramatik eingesetzt wird.

Abschließend sei ein Zitat gebracht, das die Gedankengänge Michalewskis verdeutlichen soll:

„Woran Du glaubst, dafür sollst Du leben (und sterben).“

Dieses Motto zieht sich durch die ganze Serie und damit meint er natürlich, dass wir einen festen, politischen Standpunkt haben sollen, wenn es gilt, die Werte der Freiheit zu verteidigen.Dass uns nichts geschenkt wird, auch nicht die Demokratie, sondern dass unsere Werte jeden Tag aufs neue erprobt werden müssen und wir uns fragen sollten, ob wir im Falle einer (politischen Notlage) auch willens wäre, uns  selbst in die Waagschale zu werfen, um sie zu verteidigen.


Brandis muss sich selbst erforschen, bis er erkennt, dass er Farbe bekennen muss, um Commander Harris, der gleich zu Beginn unerschütterlich weiß, wo er steht, zu helfen.Diese seelische Überzeugungsarbeit gegenüber sich selbst ist authentisch geschildert.

Hier eine Textstelle dazu(Mark Brandis denkt in einer Kneipe auf der Venus  vor sich hin):

„Alles das, was das menschliche Leben ausmacht, was ihm Bedeutung gab und Wert zumaß,hatte sich in all den verstrichenen Jahren und Jahrzehnten nicht geändert. … der Mensch hatte mittlerweile die Sterne erobert … doch noch immer musste der Einzelne entscheiden, auf welcher Seite er stand.Der Ausbau unserer ... Organe und Institutionen hatte uns … mit dem trügerischen Gefühl beseelt, alles funktioniere ganz von selbst auch ohne unser Dazutun.Nun jedoch zeigte es sich, dass wir aus der Verantwortung nicht entlassen waren.“

(Bemerkung:Drei Punkte enthalten, wie üblich, Auslassungen).

Und abschließend ein Zitat  von Präsident Hirschmann auf der Venus:

„Vor die Entscheidung gestellt,all dem abzuschwören, woran wir glauben-Würde und Freiheit des Menschen und die heilige Pflicht einer jeden Regierung, Recht und Gesetz zu schützen-oder aber das bittere Los ständiger Verteidigungsbereitschaft auf uns zu nehmen, vor eine solche Entscheidung gestellt, kann es für uns nur eine Antwort geben!Wir sagen uns los von der Erde, auf der ein machthungriger Tyrann sein schreckliches System errichtet hat!“

BORDBUCH DELTA VIIAls Fazit ergibt sich eine durchaus spannende Weltraum- Story, die auch überzeugend erzählt ist und deren Schwächen nur zum Schluss  des Romans aufklingen, als die Befreiungsszene des Präsidenten ein wenig abrupt aufhört und die letzten beiden Seiten des Romans eine mehrtägigen Erzählsprung zur Venus hin machen. Das ist ein wenig dürr und doch zu trocken und dokumentarisch.Die Stärke hingegen liegt in dem Perspektivenwechsel der Erzählung, die des Öfteren von verschiedenen Protragonisten aus weiter getrieben wird und dadurch besonders überzeugt.

Abschließend zu diesem ersten Band sei gesagt, dass ein Comic dazu existiert, in dem die Eigenschaften des Raumschiffes Delta VII modernisiert wurden.Außerdem wurden einige Männerfiguren von Nebenpersonen zeitmodisch aktuell durch Frauen ersetzt.Die Comics werden hier aber jetzt  nicht rezensiert.

Die Bücher wurden in den 70er Jahren von Herder als Jugendbücher  herausgegeben, seit einer Weile im Wurdack-Verlag wieder aufgelegt.Es gibt eine  sehr gute Hörspielreihe als Vertonung aller Romane, auch zu nachträglich erfundenen Abenteuern von Kadett Brandis  und fünf Comics (bis jetzt, welche die ersten vier  zusammenhängenden Bücher thematisieren und den Kurzgeschichtenband.)

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2021 by Holger Döring

Kommentare  

#1 Andy Simon 2021-02-06 15:45
Zitat:
Dieses Motto zieht sich durch die ganze Serie und damit meint er natürlich, dass wir einen festen, politischen Standpunkt haben sollen, wenn es gilt, die Werte der Freiheit zu verteidigen.Dass uns nichts geschenkt wird, auch nicht die Demokratie, sondern dass unsere Werte jeden Tag aufs neue erprobt werden müssen und wir uns fragen sollten, ob wir im Falle einer (politischen Notlage) auch willens wäre, uns selbst in die Waagschale zu werfen, um sie zu verteidigen.
Ich habe da immer drin gelesen, dass man für das mit allem eintreten soll, wofür man steht, und dass der Autor hier nicht vorschreibt, WAS genau das zu sein hat -- also nicht gebunden an bestimmte moralische oder gesellschaftliche Werte. Der "Biss" des Satzes wendet sich gegen Leute ohne Prinzipien, für die sie einstehen. Dieser Logik folgend würde ich überspitzt sagen, dass dem Autor ein Selbstmordattentäter überzeugender erschienen wäre als ein "lasst mich in Frieden, ich nehm's wie's kommt"-Durchschnittsbürger.
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