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Heyne Science Fiction Classics 34 - Fritz Leiber

Heyne Science Fiction ClassicsDie Heyne Science Fiction Classics
Folge 34: Fritz Leiber
Das grüne Millenium

Von den sechziger bis Anfang der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erschienen als Subreihe der Heyne Science-Fiction-Taschenbücher mehr als hundert Titel unter dem Logo „Heyne Science Fiction Classics“. Diese Romane und Kurzgeschichten werden in der vorliegenden Artikelreihe vorgestellt und daraufhin untersucht, ob die Bezeichnung als Klassiker gerechtfertigt ist.

Heyne Science Fiction ClassicsIm Jahr 1978 hatte die Reihe der Heyne Science Fiction Classics eine Phase erreicht, in der dem Lesepublikum deutlich andere Werke als in den Anfangsjahren vorgestellt wurden. Einerseits erschienen jetzt mehre Bände der Anthologienreihe Titan in diesem und auch in den weiteren Jahren, andererseits wurden bevorzugt Romane herausgegeben, die sich stilistisch und inhaltlich von denen aus der Pionierzeit der amerikanischen Magazin-SF der zwanziger und dreißiger Jahre unterschieden. Dazu kam, dass Karl Stephan, welcher bis 1977 einen Großteil der Titelbilder für die Reihe gemalt hatte, verstorben war. So gab es also auch im Bereich´der Titelbilder eine gravierende Änderung, denn nun wurden Bilder verschiedener internationaler Künstler verwendet. Für diese neue Phase kam ein Autor wie Fritz Leiber gerade recht. Leiber (1910- 1992) war eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen SF- und Fantasy-Szene in seiner Zeit. Er wurde als Sohn von zwei Shakespeare-Schauspielern geboren und war in seiner Jugend selbst als Schauspieler aktiv. Er studierte Psychologie und erreichte den Doktorgrad. Leiber war Alkoholiker, der in seinem Leben mehrere Phasen hatte, in denen er total abtauchte und sich dann immer wieder mühsam aus dem Suff emporrappeln musste. Sein schriftstellerisches Werk umfasst eine große Anzahl von phantastischen Texten aller Schattierungen, wobei ihm die kurze Form mehr lag als romanlange Texte. Aber auch Leibers Romane wurden von der Kritik und vom Publikum so geschätzt, dass er für seine SF-Romane The Big Time (auf Deutsch: Eine tolle Zeit) und The Wanderer (auf Deutsch: Wanderer im Universum) mit dem Hugo Award und für Our Lady of Darkness (auf Deutsch: Herrin der Dunkelheit) mit dem World Fantasy Award ausgezeichnt wurde. Mein Lieblingswerk von Leiber ist Herrin der Dunkelheit, welches der unheimlichen Phantastik zuzuordnen ist. Dieser Roman lässt jeden Bücherliebhaber, der im Besitz von obskuren Werken ist, schaudern und überlegen, ob er sich mit seiner Passion nicht in Lebensgefahr begibt. Glücklicherweise habe ich die gefährlichsten Titel aus meiner Sammlung bereits der Villa Fantastica in Wien zur weiteren Aufbewahrung hinterlassen.

Der größte Erfolg Leibers wurde eine eher kommerziell orientierte Fantasy-Serie. Bereits in jungen Jahren konzipierte er zusammen mit seinem Freund Harry Otto Fischer die Welt Nehwon, in der die beiden liebenswerten Schurken Fafhrd und Grauer Mausling in der Schwerter-Serie ihr Unwesen treiben. Unschwer zu erkennen, dass Nehwon ein Anagramm für Nowhen ist, also Nirgendwann. Obwohl diese Serie, welche über viele Jahrzehnte lief, die gleichen Versatzstücke verwendet wie beispielsweise Robert E. Howards Conan, hat man es hier doch mit einer ganz anderen Linie zu tun. Man findet hier viel Humor aller Schattierungen und eine Menge skurriler Erscheinungen. Terry Pratchetts populäre Scheibenwelt-Serie ist klar davon beeinflusst.

Neben Herrin der Dunkelheit hat der Autor einige weitere Romane geschrieben, die in Richtung unheimliche Phantastik gehen. Horror wäre für das subtile Grauen, welches Leiber beschrieb, eine unangemessene Bezeichnung. Darunter sind Conjure Wife (auf Deutsch: Spielball der Hexen, Neuübersetzung als Hexenvolk) und The Sinful Ones (auf Deutsch: Die Sündhaften) zu nennen. Gather Darkness (auf Deutsch: Das Licht der Finsternis) kommt auch im unheimlichen Gewand daher, ist in Wirklichkeit aber SF.

Heyne Science Fiction ClassicsDas SF-Werk Leibers ist im Vergleich zu seinen anderen dem Bereich der Phantastik zuzuordnenden Werken eher schmal. Serien sind wenige darunter. Aber man findet etliche gemeinsame Elemente: Ironie, intelligente Dialoge, die manchmal zu Lasten der Spannung gehen, und sehr oft Katzen – der Autor war Katzenliebhaber.

Die Welt von Phil Gish ist nicht unbedingt das Utopia, das sich manche Zukünftsträumer für das 21. Jahrhundert vorstellten. Nein, in einem riesigen Wohnsilo inmitten von mehrstöckigen Hochstraßen zu leben und arbeitslos zu sein, ist kein Schlaraffenland. Und doch muss sich Phil wenigstens keine Sorgen ums Überleben machen, denn Vater Staat lässt seine Schäfchen nicht verhungern und das Bundesamt für Rechtschaffenheit und Freizeitgestaltung sorgt dafür, dass es auch ein wenig Vergnügen beispielsweise mit Pornorobotern gibt. Als eine grüne Katze bei Phil auftaucht, die eine Welle von Glücksgefühl und guter Laune bei ihm auslöst, ist er wie verwandelt. Doch dann beobachtet er im Fenster des Hauses, das gegenüberliegt, eine junge attraktive Frau beim Ausziehen. Seine erotischen Gefühle weichen Verwirrung, als er sieht, dass sie statt normalen menschlichen Füßen Bockshufe hat und einen über die Maßen behaarten Unterkörper. Hat er Halluzinationen? Er sucht einen Psychiater auf und berichtet seine Erlebnisse. Dr. Romadka reagiert unerwartet, als er von der Katze hört. Er sperrt Phil ein, der es dann mit der durchgeknallten Tochter des Gehirnklempners zu tun bekommt. Phil türmt und gerät auf der Suche nach Lucky, wie das schnurrbärtige Tier genannt hat, in das allergrößte Kuddelmuddel. Denn alle sind hinter dem Tier her, das möglicherweise parapsychische Fähigkeiten besitzt, denn das Gefühl von Frieden und Glück, welches es ausströmt, ist auch einer Reihe von anderen Leuten aufgefallen. Die Leute vom FBI und vom Bundesamt wollen Lucky einfangen, ein Verbrechersyndikat, welches das Bundesamt zum Teil unterwandert hat und kräftig an den Vergnügungshäusern verdient, eine Sekte, welche Kontakt mit Außerirdischen herstellen will und in Lucky einen grünen Gott sieht, Dr. Romadka, der im Dienst der russischen Kommunisten steht, sowie ein Institut, das sich mit parapsychischen Phänomenen befasst.

Die Wirkung der goldenen Welle muß nachlassen, dachte Phil und hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als ein blauweißer Strahl aufzischte und die rechte Mauer der Ausfahrt durchschnitt. Die Rampe beschrieb eine sanfte Kurve, und dahinter standen sechs bewaffnete Männer in der Uniform des kopflosen Mannes. Zwei hatten die Waffen gezogen, die anderen vier nicht. Jeder redete auf jeden ein. Man schien sich nicht einig zu sein. Dann drehten sie sich plötzlich um sahen den Jeep. Die zwei mit den gezogenen Waffen legten an, die anderen vier zogen.

Und dann setzte sich Lucky in Phils Schoß auf und ließ eine von den großen goldenen Wellen ausströmen. Als die Welle auf die Wächter traf, änderten sich ihre Gesichtszüge. Mite offenen Mündern sahen sie zu, wie der Jeep an ihnen vorbeiraste.

Ein Stück weiter sahen sie plötzlich vor sich kaltes, graues Licht, von dem sich an die zwanzig schwerbewaffnete Männer wie Schattenrisse abhoben. Sie schlichen an einer Wand entlang und hatten außer den Waffen noch Netze und Sprühdosen dabei, deren Inhalt Menschen innerhalb von Bruchteilen von Sekunden in unbewegliche Plastikpuppen verwandeln konnte.

Sie wollten angreifen, aber auch sie wurden von der goldenen Welle erfaßt und ließen Mitzie, Phil und die grüne Katze unbelästigt passieren.

Als sie draußen in der kühlen, grauen Morgendämmerung waren, strich Phil der grünen Katze über das seidige Fell.

„Mein kleiner Friedensbringer“, sagte er leise. „Du hast sogar die Männer vom BARF milde gestimmt.“

(Zitiert aus: Fritz Leiber: Das grüne Millenium. München 1978, Heyne SF 3366; S. 107)

Doch bald entgleitet der eigensinnige Lucky Phil wieder. Auf seiner Spur glaubt er einmal bereits, seinen pelzigen Freund wiedergefunden zu haben, doch nein, es war nur eine grün gefärbte Katze, die von Konkurrenten als falsche Spur ausgesetzt worden ist und den armen Phil und andere nach ihm Heischende kräftig zerkratzt. Schließlich klärt sich das Durcheinander. Lucky ist außerirdischer Herkunft und stammt von einem Planeten der Wega, wo er und seine Artgenssen in Symbiose mit der satyrhaften herrschenden Spezies lebt. Die Faune haben eine Expedition zur Erde geschickt, um den Menschen endlich den Frieden zu bringen. Das Ansinnen ist erfolgreich, denn der amerikanische Präsident und seine engsten Berater sind bereits von der Ausstrahlung Luckys überzeugt worden. Auch bei den Russen war die Invasion erfolgreich. Und Lucky hat vor kurzer Zeit fünf entzückende Kätzchen geboren, welche den Frieden bei weiteren Völkern auf der Erde weiterverbreiten werden. Das grüne Millenium kann beginnen...

Das grüne Millenium ist zweifellos ein recht amüsant zu lesender Roman, bei dem es kunterbunt durcheinander geht. Er wirkt viel moderner als andere Werke aus dieser Zeit. Der Roman erschien immerhin erstmals 1953, allerdings nicht in einem der bekannten SF-Magazine oder einem renommierten Buchverlag, sondern in der eher unbekannten Abelard Press. Bemerkenswert ist die Freizügigkeit, die das Werk ausstrahlt. Die Damen zeigen sich bevorzugt mit busenfreien Kleidern, und auch sonst wird das Thema Sex recht unbefangen angegangen. Inwieweit der Roman unter Alkoholeinfluss geschrieben wurde, kann von mir nicht wirklich beurteilt werden, erscheint aber wahrscheinlich. Einige Szenen liefern deutliche Indizien in dieser Richtung.

Den Roman als Klassiker zu bezeichnen, wäre definitiv zu viel der Ehre. Viel eher hätte Wanderer im Universum dieses Etikett verdient. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass etwa um 1980 herum der Heyne-Verlag bei Titellisten am Ende von Büchern aus der SF-und Fantasy-Reihe auch für „Neuauflagen alter Titel der Heyne-SF-Reihe, die inzwischen zu Klassikern der Science Fiction wurden“ Werbung machte. Darunter waren der erwähnte Wanderer, aber auch weitere SF-Schwergewichte wie Hal Clements Unternehmen Schwerkraft, Frank Herberts Der Wüstenplanet oder A. E. van Vogts Die Expedition der Space Beagle. Alle diese Neuauflagen wurden aber in der normalen SF-Reihe herausgegeben, zwar mit anderem Titelbild als in der Erstauflage, aber ohne ohne besonderen Hinweis als Klassiker. In der eigentlichen Klassikerreihe kamen nun aber mehrere eher belanglose Werke wie das heute vorgestellte. Es scheint, dass nunmehr eine Phase in der Heyne-SF erreicht wurde, in der die eigentliche Klassikerreihe zu einem Nebenschauplatz wurde und das Augenmerk bereits in Richtung der Heyne Bibliothek der Science Fiction Literatur ging, welche dann 1981 gestartet wurde.


Titelliste von Fritz Leiber

Anmerkung:
Es werden die Ausgabe in den Heyne Science Fiction Classics sowie die Erstausgabe des Werks angeführt.


1978

3611 Das grüne Millenium
Originalausgabe 1953 als The Green Millenium


Zur Titelliste der Heyne Science Fiction Classics

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Tags: Science Fiction and Fantasy

Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2020-10-22 07:00
Kenntnisreich wie immer - sehr schön.

Ganz stimmt das aber mit der Serien-Abwesenheit in Leibers SF-Schaffen nicht:

The Big Time ist der längste Text einer Zeitkrieg-Serie, deren restliche (?) Kurzgeschichten in der Sammlung Changewar (1978) gesammelt erschienen.

Und die Romane Destiny Times Three und Gather Darkness gehören zu einem gemeinsamen Multiversum, das im ersteren Text skizziert wird. Ob noch weitere Texte dazu gehören, weiß ich nicht.
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#2 Henry Stardreamer 2020-10-22 07:37
zitiere Heiko Langhans:
Kenntnisreich wie immer - sehr schön.

Ganz stimmt das aber mit der Serien-Abwesenheit in Leibers SF-Schaffen nicht:

The Big Time ist der längste Text einer Zeitkrieg-Serie, deren restliche (?) Kurzgeschichten in der Sammlung Changewar (1978) gesammelt erschienen.

Und die Romane Destiny Times Three und Gather Darkness gehören zu einem gemeinsamen Multiversum, das im ersteren Text skizziert wird. Ob noch weitere Texte dazu gehören, weiß ich nicht.


Danke für deine wie immer kompetenten Hinweise. The Big Time habe ich nicht als Serie wahrgenommen, weil die meisten der Kurzgeschichten zu einem Episodenroman zusammengefügt wurden.
Und bei den anderen beiden Romanen ist mir das beim Lesen (vor Jahrzehnten) nicht aufgefallen. Für den obenstehenden Artikel habe ich sie auch nicht in die Hand genommen. Da muss ich nochmals reinschauen, aber erst, wenn ich mit der vorliegenden Artikelserie durch bin.
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#3 Heiko Langhans 2020-10-22 09:51
Da ist jetzt was durcheinander. The Big Time war ein kurzer Roman, der als Fortsetzung in Galaxy erschienen ist. Dann gab es eine Sammlung, Change War (1978) mit 10 Stories, eine gleichnamige von 1983 mit 7 (der 10) Stories und schließlich Snakes and Spiders: The Definitive [hmm ...] Change War Collection (2012), in der The Big Time und die Texte aus der 1983er Sammlung zusammengefasst sind. Als "Episodenroman" würde ich jetzt keine der Sammlungen bezeichnen ...
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#4 Henry Stardreamer 2020-10-22 18:35
zitiere Heiko Langhans:
Da ist jetzt was durcheinander. The Big Time war ein kurzer Roman, der als Fortsetzung in Galaxy erschienen ist. Dann gab es eine Sammlung, Change War (1978) mit 10 Stories, eine gleichnamige von 1983 mit 7 (der 10) Stories und schließlich Snakes and Spiders: The Definitive [hmm ...] Change War Collection (2012), in der The Big Time und die Texte aus der 1983er Sammlung zusammengefasst sind. Als "Episodenroman" würde ich jetzt keine der Sammlungen bezeichnen ...


Wie du deutlich erkannt hast, hat mir da meine Erinnerung einen Streich gespielt. Bei den in meinen Artikeln im Detail vorgestellten Büchern recherchiere ich natürlich bzw. lese sie nochmals. Bei Kommentaren wage ich gelegentlich einen Hüftschuss, der auch mal danebengeht. Ich habe den Roman in der Bastei-Ausgabe 1982 erworben und seither nicht mehr gelesen, das zur Erklärung des Fehlers.

Die Passage mit den Serien habe ich etwas umgeschrieben.
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