Meine Berlinale 2026 - Western, Horror und Metal-Pioniere
Meine Berlinale 2026
Western, Horror und Metal-Pioniere
Seit rund einem Vierteljahrhundert besuche ich Jahr für Jahr das einzige deutsche A-Festival, das darüber hinaus das größte Publikumsfilmfestival der Welt ist. Vier Festivalleitungen habe ich bislang in dieser Zeit erlebt, und die Zahl der politisch relevanten und thematisch vielfältig aufgestellten Werke ist in all den Jahren stets groß gewesen. Unter Dieter Kosslick war vermutlich die Zahl der großen Hollywoodstars auf dem Roten Teppich am größten, doch seit Tricia Tuttle mit der Berlinale 2025 die Festivalleitung übernommen hat, ist die Anzahl der auch genretechnisch interessanten und filmisch innovativen Filme in den unterschiedlichen Sektionen wieder deutlich angestiegen. Nicht immer hat man diese auch im offiziellen Wettbewerbsprogramm um die Bären gefunden, aber auch dort konnte ich einige lohnenswerte Entdeckungen machen.
Einer meiner Favoriten hier war Markus Schleinzers eindringliches Zeitgemälde „Rose“, das Hauptdarstellerin Sandra Hüller am Ende zum zweiten Mal (nach „Requiem“ im Jahr 2006) den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin einbrachte. Völlig zurecht, denn Hüller stellt in dem in Schwarz-Weiß gedrehten und im 17. Jahrhundert spielenden Film einmal mehr unter Beweis, dass sie zu den besten SchauspielerInnen Deutschlands gehört. Aus der Not heraus schlüpft sie hier in Männerkleider, um das Erbe eines Bauernhofes anzutreten, dessen wahrer Besitzer im Krieg gefallen ist. Schwierig wird die Lage, als ihr eine Ehe quasi aufgezwungen wird und sie die Scharade bis ins Ehebett aufrechterhalten muss. Eine spannende Parabel über soziale Ungerechtigkeiten, deren Themen bis heute nichts von ihrer Dringlichkeit und Wichtigkeit eingebüßt haben. Ab 30. April ist „Rose“ auch bundesweit in den Kinos zu sehen.
Es ist kein Geheimnis mehr, dass sich die interessantesten Filme des Festivals oftmals in den Nebensektionen finden. Eine davon nennt sich „Perspectives“ und ist für Debütfilme vorgesehen. Einer von ihnen war in diesem Jahr von der New Yorkerin Dara Van Dusen und trägt den Titel „A Prayer for the Dying“. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Stewart O’Nan, spielt dieser Western im Städtchen Friendship im Wisconsin des Jahres 1870. Die Menschen sind teilweise noch traumatisiert vom amerikanischen Bürgerkrieg, als sich unter den Einwohnern eine tödliche Epidemie auszubreiten beginnt. Der Arzt (John C. Reilly) erkennt schnell, dass es sich dabei um Diphterie handelt, für die es noch kein Heilmittel gibt. Gemeinsam mit dem Bürgermeister Jacob (Johnny Flynn) beschließt er, Friendship unter Quarantäne zu stellen, damit sich die Krankheit nicht in die Nachbargemeinschaften ausbreitet. Aber religiöse Befindlichkeiten und die Sturheit der Menschen, drohen den gut gemeinten Plan zu torpedieren. Abgesehen davon, dass „A Prayer for the Dying“ am Ende in eine allzu esoterisch-mystische Richtung abdriftet, ist Van Dusen hier ein unheilschwangerer Neo-Western geglückt, der hochkarätig besetzt ist und auch mit einer wirkungsvollen, minimalistischen Musikuntermalung gestützt wird. Ein ungewöhnlicher und durchaus empfehlenswerter Erstlingsfilm.
Für Liebhaber origineller Body-Horror-Geschichten kann ich Natalie Erika James‘ „Saccharine“ empfehlen, der in der Reihe „Berlinale Special Midnight“ gezeigt wurde. Der dritte Langfilm der japanisch-australischen Filmemacherin stellt mit Hana (Midori Francis) eine junge Frau in den Mittelpunkt, die einige Pfunde zu viel auf die Waage bringt und abnehmen möchte. Fitnesstraining allein bringt nicht den gewünschten Effekt, und so lässt sie sich auf die Empfehlung einer Freundin ein. Als sie deren sensationelles Abnehmpulver chemisch analysiert, kommt die Medizinstudentin zu dem Schluss, dass es sich dabei um nichts Anderes als menschliche Asche handeln kann. Da sie in ihrem Sezierseminar an der Quelle sitzt, stellt sie sich ihr eigenes Pulver aus der Leiche einer übergewichtigen Frau her. Doch der Geist der Verstorbenen sucht sie daraufhin heim und zwingt Hana dazu, immer mehr Kalorien zu sich zu nehmen. Obwohl sie dabei dennoch abnimmt, geht es der jungen Frau immer schlechter. Trotz einiger inhaltlicher Parallelen zum 2024er Hit „The Substance“ hat James hier für ein aufgeschlossenes Genrepublikum einen sehr gelungenen Gruselfilm geschaffen, der ohne Durchhänger zu unterhalten versteht und ganz nebenbei eine selbstbewusste queere Frau in den Mittelpunkt stellt.
In der gleichen Reihe lief bei der Berlinale auch die sehenswerte Dokumentation „The Ballad of Judas Priest“, in der sich Sam Dunn und der „Rage Against the Machine“-Gitarrist Tom Morello mit der wechselvollen Geschichte der legendären britischen Heavy-Metal-Band beschäftigen. Die Jungs um Frontmann Rob Halford haben maßgeblich dazu beigetragen, den Musikstil „Heavy Metal“ überhaupt erst zu definieren. Nach sensationellen Erfolgen in den 1970er und 80er Jahren kam es 1990 zu einem absurden Prozess gegen die Band, weil sie in ihren Songtexten zwei US-amerikanische Jugendliche zum Selbstmord angestiftet haben sollten. Gestärkt ging Judas Priest aus den haltlosen Anschuldigungen hervor, doch Halford bekam zunehmend psychische Probleme, da er seine Homosexualität stets unterdrückt hatte. 1998 wagte er ein Coming Out, das in der Metal-Szene überraschend gelassen aufgenommen wurde und der Band viele weitere neue Fans einbrachte. Der umfassende Dokumentarfilm mit jeder Menge sehr persönlicher Interviews und spannender Archivaufnahmen ist nicht nur Fans von Judas Priest zu empfehlen, da er das sympathische und ehrliche Bild einer wegweisenden Musikgruppe entwirft.
Zuletzt sei noch auf eine sechsteilige Fernsehserie hingewiesen, die ab Sommer in der ARD zu sehen sein wird: „House of Yang“. Seit einigen Jahren werden auch innovative Fernsehformate auf der Berlinale vorgestellt, so nun die ersten drei der insgesamt sechs halbstündigen Folgen der Serie von Stefanie Ren. Die Deutsch-Taiwanerin, die mit den Büchern von Stephen King im Schwarzwald aufgewachsen ist, hat in ihrem Herzensprojekt all diese Einflüsse in eine spannende Mysteryserie einfließen lassen. Jessie (Elisa Hofmann) hat ein Haus im Schwarzwald geerbt, in dem in den Jahren 1949 und 1999 zwei Menschen spurlos verschwunden und nie wieder aufgetaucht sind. Eine davon war Jessies Schwester, die nun auch sich und ihre Tochter Mila (Purnima Grätz) in tödlicher Gefahr wähnt. Was hat sich damals in der deutsch-chinesischen Familie wirklich abgespielt? Sind die nachfolgenden Generationen dazu verdammt, die Fehler ihrer Eltern zu wiederholen oder können sie den Schatten der Vergangenheit entkommen? Eine vortrefflich gemachte, sehr spannende Mysteryserie, die an „Dark“ oder „Stranger Things“ gemahnt und deren kompletter Ausstrahlung ich nun bereits entgegenfiebere.
© Gerald Kerkletz, Łukasz Bąk, Narelle Portanier, Paul Natkin via Cache Agency, Wood Water Films, Frank Brenner




Kommentare
Starke Tipps.
Sandra Hüller ist ohnehin DIE Person, die den deutschsprachigen und europäischen Film wieder interessant gemacht hat. Nicht das sie diese Filme inszeniert hätte, aber ihr Mitwirken ist doch ein Garant für eindrucksvolles Kino.
Schon jetzt fiebere ich auf "Rose" hin.