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Eine französische Agentenserie in Deutschland und ihre Bearbeitung - Malko

MalkoEine französische Agentenserie in Deutschland
und ihre Bearbeitung

»Malko«

Als der Cora Verlag 1977 die Agentenserie "Malko" von Gérard de Villiers als Taschenbuch auf den Kioskmarkt brachte, lief sie in Frankreich bereits seit 1965 äußerst erfolgreich.

Unter dem Serientitel SAS erschien viermal im Jahr ein neuer Roman mit den Abenteuern des österreichischen Agenten Malko Linge.

Ein verarmter Adliger, der für ein fürstliches Honorar im Auftrag der CIA durch die Welt jettet und an den jeweils aktuellen Brennpunkten gegen Kommunisten und Terroristen kämpft. Das SAS steht für "Son Altesse Sérénissime", Seine Durchlaucht, die offizielle Anrede für Malko Linge in Adelskreisen. Der Agentenroman war in Frankreich äußerst populär. Allein in der Reihe "Espionnage" des auf Genre-Literatur spezialisierten Verlags Fleuve Noir erschienen von 1950 bis 1987 insgesamt 1905 Agentenromane (Neuauflagen waren nummernmäßig eingereiht) mit Erstauflagen bis zu 150000 Stück pro Band. Es gab diverse langlebige Serienhelden. Auf den deutschen Markt schafften sie es aber nur vereinzelt.

Gérard de VilliersGérard de Villiers (1929-2013) war Auslandskorrespondent, bevor er Autor wurde. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen stellte er nach einer Anlaufphase das aktuelle Zeitgeschehen in den Mittelpunkt der Handlung, entwickelte Geschichten aus realen Geschehnissen und scheute sich nicht, Ereignisse zu fiktionalisieren und alternative Szenarien zu entwickeln. Er nutzte seine Kontakte ins Geheimdienstmilieu und bereiste die Schauplätze seiner Romane. Dabei verzichtete er aber auf den kritischen Blick auf die oft dubiose Rolle der Geheimdienste, wie man ihn von Autoren wie le Carré oder Deighton kannte, die die Agentenarbeit alles andere als verherrlichten. Literatur hat ihn nach eigener Auskunft nicht interessiert. Aber er verzichtete auch - abgesehen von größtenteils realistisch gehaltener Action - auf Pulpelemente, wie man sie von James Bond oder Nick Carter kannte; Superverbrecher mit Unterwasserbasen suchte man hier vergeblich. In seinen Romanen ging es um den Kalten Krieg und später dann um den Kampf gegen den Terror, wo der Zweck die Mittel heiligt. Politische Reflexionen, Kritik und Selbstzweifel des Helden ersetzte er durch Gewalt und Sex. Wo bei den angloamerikanischen Agenten-Serienhelden Bettszenen (oder Folterszenen) aufhörten, ging es bei de Villiers erst richtig los.

Gérard de VilliersAber wer seine Romane als schlicht gestrickte konservative Agentenromane gemischt mit abfälligen Beschreibungen von Land und Leuten und primitiver Schwarz-Weiß-Malerei abtut, macht es sich wie so oft zu leicht. Denn die Handlung der Malko-Romane ist in vielerlei Hinsicht schizophren: Zwar ist der Held unbeirrt von der Richtigkeit seines Tuns im Auftrag Amerikas überzeugt und stellt es nie in Frage, andererseits scheitert er öfter, als er gewinnt. Sympathische Charaktere sucht man vergeblich, und zwar auf beiden Seiten. Sie bleiben eindimensional und nur von ihren Begierden motiviert. Aber auch wenn der Status quo zementiert wird, hat er doch nichts Glamouröses und bleibt letztlich abstoßend. Obwohl Malko vorgeblich auf der Seite der "Guten" kämpft, kommen die Amerikaner und ihre Borniertheit wie auch ihr Tunnelblick dabei genauso schlecht weg wie der Rest der Welt. Im Grunde zeichnen die Romane das erschreckende Bild einer Welt im permanenten Kriegszustand vor allem aber nicht nur in der sogenannten Dritten Welt, in der die Gewalt stets über dem Recht steht. Das ist alles von beispiellosem aber realistischem Zynismus.

Als Autor wurde de Villiers zeitlebens als rechtslastig, rassistisch und sexistisch kritisiert. Aber das störte ihn nicht, mit Auflagen von bis zu 200000 pro Band verdiente er viel Geld, das er mit beiden Händen ausgab. Allen Berichten zufolge gehörte er zu der Art Schriftsteller, die sich nicht nur gern als überlebensgroße Figur präsentieren, sondern auch dementsprechend leben. Seine Reisen, seine Frauen und der Luxus verschlangen alles. Anfang der 80er entging er wegen Steuerschulden von 4 Millionen Franc nur haarscharf dem Gefängnis. Verhaftet hatte man ihn schon, ein Scheck seines Verlegers löste ihn aus. 2006 wiederholte sich das Spiel, da musste er seine Luxuswohnung in der Avenue Foch in Paris für 3,3 Millionen Euros verkaufen, um das Finanzamt und andere Schuldner zu bezahlen. Trotzdem arbeitete er unverdrossen weiter, sein letzter Roman erschien kurz vor seinem Tod mit 83 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. In seinem Testament verfügte er, dass niemand seine Figur SAS, "Son Altesse Sérénissime", Seine Durchlaucht Malko Linge, fortführen darf. Außer den Buchrechten, um die sich seine Tochter und seine vierte Frau, von der er schon lange getrennt war, die aber den Verlag leitete, vor Gericht stritten, hinterließ er Schulden.

Gérard de Villiers"Malko" lief 48 Jahre und brachte es auf 200 Titel, zwei schlechte B-Movie Verfilmungen und ein paar Comicadaptionen. Dazu kamen ein Spin-Off über die erotischen Abenteuer der Verlobten des Helden unter dem Titel "Le fantasmes de la Comtesse Alexandra" sowie zahlreiche Genrereihen, bei denen der Name des Autors als Herausgeber fungierte. De Villiers hatte offensichtlich sein Publikum. Auch in Deutschland, wo die Serie immerhin 24 Jahre lief. Den Autor wird es gefreut haben, und vermutlich hat ihn die Tatsache, dass seine Leser im Nachbarland lange Zeit nur eine oft plump entschärfte und manchmal auch verfälschte Version bekamen, eher amüsiert als geärgert. Solange die Kasse stimmte.

Als Cora in Deutschland mit der Veröffentlichung begann, war die Figur Malko keineswegs unbekannt. Sieben Jahre zuvor hatte der Ullstein-Verlag vier Bände in seiner gelben Krimireihe veröffentlicht, die aber keinen besonderen Eindruck hinterlassen hatten. Der Buchhandel war jedoch ein anderer Markt als das Kiosk, auf das Cora nun im monatlichen und später vierteljährlichen Erscheinungsrhythmus setzte. Immerhin lagen beim Start 35 Romane in der Schublade, die man übersetzen konnte, ohne auf den aktuellen Nachschub für die reibungslose Fortsetzung angewiesen zu sein.

Der Verlag ging das Projekt mit Kalkül an. Das Ursprungsland wurde in den Hintergrund verbannt, denn abgesehen von Simenon verkauften sich Krimis aus Frankreich nicht. Spionageromane waren in Deutschland die unangefochtene Domäne der Amerikaner und Engländer, und wenn der Leser nicht das Kleingedruckte im Impressum las, kam er trotz des (stets klein gehaltenen) Autorennamens auf dem Cover nicht unbedingt auf den Gedanken, dass es sich hier um ein französisches Produkt handelte. Da könnte man fast schon von Tradition sprechen. Als Moewig Jahre zuvor ein paar Bände der Agentenserie OSS 117 von Jean Bruce im Taschenbuch veröffentlichte, gab es auch keinen Hinweis auf das Ursprungsland Frankreich.

In der Aufmachung folgte man dem einprägsamen französischen Original, auf dem Cover beliebige Modelfotos, attraktive Frauen mit Waffen vor einem neutralen Hintergrund. Man übernahm die französischen Originalbilder, stellte aber auch selbst welche her. Obwohl in Frankreich bei der Titelbildgestaltung von Genreliteratur Akt und Krimi untrennbar miteinander verbunden waren - zuerst von Künstlern wie Michel Gourdon, später dann als Fotocover -, hielt "Malko" sich im deutlichen Gegensatz zum Inhalt der Romane in dieser Hinsicht immer zurück. Die Damen blieben sexy, aber bekleidet. (Im Gegensatz zur späteren holländischen Ausgabe, die auf blanke Busen setzte, dafür aber auf den Waffenfetischismus verzichtete.)

Gérard de VilliersIn der Reihenfolge entschied man sich vermutlich klugerweise, die Serie nicht chronologisch zu veröffentlichen. Gerade die ersten Nummern waren beim deutschen Start schon mehr als zehn Jahre alt, was man ihnen anmerkte. Also setzte man nach der Startphase die älteren Bände in beliebiger Reihenfolge zwischen die aktuellen Ausgaben. Die Nummer 1 "Attentat auf Kissinger" (Malko 34, "Kill Henry Kissinger!", Frankreich 1974) war klug gewählt, um Interesse zu erwecken. Man profitierte davon, dass der damalige amerikanische Außenminister ein ständiger Gast in den Schlagzeilen war. Die ersten vier Bände waren alle recht zeitnah am Original. Die Schauplätze waren Kuweit, das damalige Rhodesien, Irland und Griechenland, alles Länder, deren Probleme mit Gewalt und Bürgerkrieg dem Leser zumindest durch die Tagesschau bekannt waren.
 
Gérard de VilliersProbleme gab es für den Verlag von Anfang an. Als Kiosktaschenbuch geriet die Serie schnell in die turbulente Diskussion um den Jugendschutz, der zu der Zeit Genre-Literatur vom Kiosk im Visier hatte. Es folgte eine inhaltliche Bereinigung. Allerdings war es eine oftmals übertriebene und handwerklich schlecht gemachte Selbstzensur, wie man noch sehen wird, die erst in den 90ern gelockert wurde.

Ein Blick ins Original zeigt allerdings, dass der Redaktion des Cora-Verlags von Anfang an bewusst gewesen sein muss, dass "Malko" nicht besonders kompatibel mit den Befindlichkeiten des deutschen Marktes war. Bereits in den ersten Romanen kürzte man aus eigenem Antrieb viele Szenen mit Sex, Folter und Gewalt und verkaufte dem deutschen Leser eine entschärfte Fassung. Nach den Problemen mit der Behörde ging man einen Schritt weiter und strich jahrelang gleich alles raus, was in die Richtung Sex und detaillierte Gewalt ging. Das führte zu oft bizarren Szenen, bei denen der Leser bestenfalls erahnen konnte, was dort eigentlich auf der Seite geschah. Den Autor ließ das erst recht wie einen schlechten Hackwriter aussehen. Gekümmert hat es keinen.

Gérard de VilliersIn jedem Roman gibt es entsprechende Szenen, aber zwei sehr bezeichnende Beispiele für die Praxis sind das Ende von Malko 33 "Letzte Abrechnung auf Hawaii" von 1980 - Malko 56 "Opération Matador" von 1979 - und die Anfangsszene von Malko 39 "Waffen für Nicaragua" von 1980 - Malko 53 "Croisade à Managua" von 1979.

"Opération Matador" greift wie so oft eine wahre Geschichte auf. 1974 konnte die CIA mit dem Bergungsschiff "Glomar Explorer" Teile eines gesunkenen russischen Atom-U-Bootes in der Nähe von Hawaii bergen. Im Roman stehlen Gangster Informationen der streng geheimen Operation aus dem Tresor eines CIA-Agenten, die dieser aus Bequemlichkeit mit nach Hause genommen hat, und wollen Geld vom Geheimdienst erpressen. Im Laufe seiner Ermittlungen stößt Malko auf Mandy Brown, die Geliebte des Mafiabosses Siegel, die er umdrehen kann. Am Ende stiehlt Malko die Unterlagen zurück und sorgt dafür, dass sich die Gangster gegenseitig umbringen. Mandy Brown stiehlt ihnen das Lösegeld. Die Figur tritt später noch in weiteren Romanen auf, wenn Malko eine Frau für hochkarätige Sexfallen braucht.

Gérard de VilliersSchon die Anfangsszene ist stark gekürzt. Vier mexikanische Gangster dringen in das Haus des CIA-Agenten und dessen Frau in L.A. ein und zwingen den Agenten, den Tresorschlüssel rauszurücken, bevor sie die beiden erschießen. Im französischen Original machen sich die Gangster den Agenten gefügig, indem sie nacheinander seine Frau vor seinen Augen vergewaltigen. In der deutschen Fassung fallen diese Stellen weg oder werden nur nebulös angedeutet. Was später auffällt, wenn bei der CIA die Autopsie zitiert wird, in dem von der Massenvergewaltigung die Rede ist.

Hier nun typisch entschärfte Gewaltszenen aus den letzten Kapiteln. Die Situation: Unser Held trifft den Gegner scheinbar unbewaffnet auf einem Golfplatz, nachdem er dessen Pläne vereitelt und die Konkurrenz auf ihn gehetzt hat. Der Mafiaboss Siegel verlangt von seinem Gorilla die Pistole, um Malko eigenhändig zu erschießen.

Malko 33, Cora, 1980:

Der Killer hatte bereits die Hand am Kolben, da war ein dumpfer Knall zu vernehmen. Der Mann stürzte verletzt zu Boden, seine Waffe explodierte.
    Ungläubig starrte Russian Louis Siegel Malko an, der erklärte mit ganz ruhiger Stimme:
    "Wie Sie sich hätten denken können, stehe ich nicht ganz unbewacht hier. Das war eben eine Arbeit unsere Spezialabteilung."

Warum die Waffe des Killers explodieren sollte, nachdem er anscheinend von einem Scharfschützen niedergeschossen wurde, erschließt sich dem Leser nicht wirklich. Das Original ist da etwas deutlicher und härter.

Malko 56, Plon, 1979:

Der Gorilla hatte schon die Hand am Gürtel. Malko schwang den Golfschläger. Der Ball flog horizontal durch die Luft und traf den Mann an der Brust. Eine ohrenbetäubende Explosion ertönte. Der Killer schien sich in eine rote Wolke in einem zerfetzten Hawaiihemd zu verwandeln. Was von ihm noch übrig war, verteilte sich in einer Blutpfütze auf dem Rasen. Der Revolver hatte sich bei der Explosion aufgelöst. Russian Louis Siegel starrte wie betäubt auf seinen Handlanger. Die eingetretene Stille hielt an.
    "Wie Sie gesehen haben, war das kein echter Golfball", erklärte Malko freundlich. "Das Geschoss eines M-79-Granatwerfers, von unserer Spezialabteilung kunstvoll getarnt."  

Es folgt die Gangsterexekution ein paar Seiten später.

Malko 33, Cora, 1980:

Es gab eine kurze heftige Diskussion zwischen den beiden Männern und Siegel. Trotz der Entfernung konnte Malko die Unschuldsbeteuerungen Siegels hören. Doch die Käufer schenkten ihm keinen Glauben. Es gehörte einfach nicht zu den Gepflogenheiten der Rauschgiftbehörde, ausgehobene Depots in Sprengstoff-Fallen zu verwandeln.
    Einer der Männer zog einen Revolver aus der Tasche und richtete ihn auf Siegel. Der lief davon, doch die beiden Syndikatsleute schossen hinter ihm her, bis er stolperte und ins Gras sank.
    Die Limousine holperte über das Grün, und die beiden Männer stiegen wieder ein. Sobald der Wagen die Straße erreicht hatte, schoss er in Richtung Lahaina davon.
    Bis Malko an seinem Fahrzeug angelangt war, war die schwarze Limousine schon längst außer Sicht. Chris Jones sagte:
    "War aber nicht nett von denen, Mord auf einem so erstklassigen Golfplatz."
    "So endet der Traum vom großen Geld nicht selten", meinte Malko. "Siegels Käufer waren so hart wie er selber. Doch dies nützt ihnen nichts. Im Ort wird sie die Polizei schnappen."

Der Gangster, der die CIA erpresste, wird von seinesgleichen ermordet. Der Fluch der bösen Tat. Und natürlich wartet schon 5-0 an der Straße, um die Mörder ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Dafür haben unsere aufrechten Agenten für gesorgt. Oder auch nicht. Im Original liest sich das alles etwas anders.

Malko 56, Plon, 1979:

Zwischen Siegel und den beiden Männern, die aus dem Wagen gestiegen waren, kam es zu einer kurzen, heftigen Diskussion. Trotz der Entfernung konnte Marco sehen, wie der Gangster alles heftig abstritt. Kein Wunder, dass ihm seine Käufer nicht glaubten. Es gehörte nicht zu den Gewohnheiten der DEA, Lagerhäuser in Sprengfallen zu verwandeln.
    Einer der beiden Männer zog eine Waffe und richtete sie auf Siegel. Der drehte sich um, ergriff die Flucht und versuchte den Projektilen zu entkommen. In aller Ruhe leerten die beiden Männer ihre Magazine. Siegel stolperte und stürzte ins Gras. Einer der beiden Killer trat an ihn heran und schoss ihm eiskalt in den Hinterkopf. Der Wagen fuhr auf die Leiche zu, die beiden Männer stiegen ein.
    Der Motor der Limousine heulte auf, die beiden linken Reifen zermalmten Siegels Körper. Dann holperte der Wagen weiter über das Grün, erreichte die Straße und schoss in Richtung Lahaina davon.
    Bis Malko seinen Wagen erreicht hatte, war die Limousine schon lange verschwunden. Chris Jones grinste bösartig. "Das war aber gar nicht nett, einen so schönen Golfplatz zu verschandeln", sagte er.
    "Das war das Ende eines schönen Traums", antwortete Marco. "Ich glaube, Siegels Käufer haben deine kleine Falle nicht zu schätzen gewusst."
    "Das war gute Arbeit", sagte Chris Jones stolz. "Wie bei Ihrem Golfball. Die erste Berührung mit dem Schläger hat ihn geschärft. Und dann explodierte er beim Schlag."

Die Bearbeitung gibt dem Geschehen einen völlig anderen Sinn. Abgesehen von der detaillierteren Schilderung wird die durch die Streichung der Szene überflüssig gewordene Erklärung des explodierenden Golfballs durch ein paar moralisierende Worte im Sinne von "Verbrechen lohnt nicht, lieber Leser!" ersetzt. Etwas in der Art hätte de Villiers nie geschrieben.

Bei den letzten beiden Seiten des Romans geht es um Sex, wenn auch mit einer eher schrägen Note, wie sie für den Autor durchaus typisch ist. Oder vielmehr ging es um Sex, denn der findet in der deutschen Fassung nicht mehr statt.

Malko 33, Cora, 1980:

Mandy kam zurück ins Zimmer. Sie trug ein schwarzes Kleid, das hauptsächlich aus lose hängenden Stoffbahnen zu bestehen schien, hatte sich zurecht gemacht wie für einen Staatsempfang und war schöner denn je. Sie warf sich in Malkos Arme und küsste ihn stürmisch.
    "Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen", erklärte sie ihm.
    "Aber morgen fliegen Sie ab."
    Sie ließ den Kopf hängen.
    "Ja, zuerst nach New York und dann weiter auf die französischen Antillen. Das Hotel soll allererste Klasse sein. Wollen Sie nicht mitkommen?"
    "Danke für die Einladung, aber ich habe keine Zeit."
    Mandy stellte den Fernsehapparat ein und streckte sich auf dem Bett aus. Malko bewahrte deutlich Abstand. Schließlich hat Mandy eine Rechenmaschine im Kopf, und was sollte er mit einer Rechenmaschine in den Armen …
    "Was ist eigentlich aus dem Geld geworden, das die Syndikatsleute als Anzahlung mitgebracht haben? Haben Sie es genommen?", erkundigte er sich bei Mandy.
    Sie wurde vor Schreck ganz blass. Ihre Züge verhärteten sich, der Blick irrte zu dem Aktenkoffer, der auf dem Tisch lag.
    Malko musste lächeln.
    "Sie brauchen keine Angst zu haben, ich weiß es ohnehin."
    Sie schluckte und fragte:
    "Wie viel wollen Sie? Die Hälfte?"
    Malko schüttelte den Kopf.
    "Nein."
    "Wieso nein? Wollen Sie etwa alles?" Mandy war verzweifelt.
    "Ich will keinen Cent von dem Geld. Sie können damit machen, was Sie wollen", beruhigte Malko sie.
    Mandy brauchte mehr als eine Minute, bis sie begriffen hatte, was Malko eben gesagt hatte.
    "Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?", fragte sie zweifelnd.
    "Aber ja. Sehen würde ich es trotzdem gern einmal", gab Malko zurück.
    Mandy hüpfte auf die Füße, ergriff den Koffer, öffnete ihn und dann schwiegen beide. Aber nicht lange. Mandy nahm ein Bündel Scheine heraus und warf sie lachend aufs Bett. Als hätte sie ein neues Spielzeug bekommen. Immer mehr Bündel zerrte sie aus dem Koffer, riss die Banderolen auf und verstreute die Scheine über das gesamte Bett. Sie lachte und konnte gar nicht mehr aufhören.
    Dann sprang sie mit beiden Beinen zugleich hoch und warf sich auf die Decke aus gedrucktem Papier, als sei es der kostbarste aller Pelze.
    "Malko! Malko!", schrie sie plötzlich.
    Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Mandy erhob sich, kam zu ihm und sagte leise:
    "Ich glaube, ich habe mich verliebt. Zum ersten Mal …"
    "Sie sollten das Köfferchen mit diesem Lebenselixier immer bei sich tragen, dann war es bestimmt nicht das letzte Mal", empfahl ihr Malko.
    Drei Millionen Dollar hatten noch nie auf seiner Bettdecke gelegen. Er half ihr, das Geld einzusammeln.

Eine Szene, wie sie in jedem beliebigen Gangsterfilm der 70er hätte vorkommen können und auch kam. Die Verbindung von angedeutetem Sex und Geld, das geil macht. Irgendwie. Im Original von 1979 spielt sich die Szene etwas anders ab.

Malko 56, Plon, 1979:

Mandy kam zurück ins Zimmer. Ihr schwarzes Kleid schien nur aus lose hängenden Stoffbahnen zu bestehen, und das aufwändige Makeup ließ sie wie eine Königin auf einem Staatsempfang aussehen. Es machte sie außerordentlich begehrenswert. Unvermittelt warf sie sich Malko in die Arme und küsste ihn stürmisch.
    "Ich war noch nie so glücklich", sagte sie.
    "Du reist morgen ab?", fragte er.
    Sie senkte den Kopf.
    "Ja. Zuerst nach New York, dann auf die französischen Antillen ins Le Meridién. Das Hotel soll wunderschön sein. Willst du mitkommen?"
    Malko schüttelte den Kopf. "Nein danke. Ich kann nicht."
    Mandy schaltete den Fernseher ein und streckte sich auf dem Bett aus, entblößte dabei die schönen Oberschenkel. Malko sollte seine Belohnung erhalten. Aber er hatte es nicht besonders eilig damit. Mandy war die personifizierte Berechnung. Und es bereitete ihm kein Vergnügen, mit einer so berechnenden Frau zu schlafen.
    "Was ist aus dem Geld vom Syndikat geworden?", fragte er. "Hast du es dir genommen?"
    Mandy richtete sich auf. Unwillkürlich wurde ihre Miene abweisend. Malkos Blick glitt zu dem schwarzen Aktenkoffer auf dem Tisch. Er lächelte und legte eine Hand auf den nackten Oberschenkel.
    "Keine Angst. Ich habe es mir schon gedacht."
    Sie schluckte sichtlich. "Willst du die Hälfte?"
    Er schüttelte den Kopf.
    "Nein."
    "Willst du etwa alles?", fragte sie plötzlich nervös.
    "Ich will gar nichts davon. Mach mit dem Geld, was du willst."
    Mandy brauchte eine Minute, um zu begreifen, was er da gesagt hatte.
    "Ist das dein Ernst?", fragte sie furchtsam.
    "Ja, natürlich. Aber einmal sehen würde ich es trotzdem gern."
    Mandy sprang vom Bett, nahm den Aktenkoffer und öffnete ihn. Geldbündel kamen zum Vorschein. Ein paar Sekunden lang schwiegen beide, dann nahm Mandy ein paar Banknoten und warf sie mit einem kindlichen Lachen aufs Bett. Malko tat es ihr nach. Entfesselt griff Mandy nun mit beiden Händen zu und schleuderte Geld aufs Bett. Ein manisches Funkeln lag in ihren Augen. Sie lachte und konnte gar nicht mehr aufhören.
Dann warf sie sich auf die Banknoten und wälzte sich wie auf einem kostbaren Pelz darauf herum.
    Sie hielt noch immer Geldbündel in beiden Händen, als sich Malko neben sie legte und küsste. Ohne sie loszulassen erwiderte sie den Kuss und umarmte ihn. Sie wälzten sich auf dem Geld herum; Scheine blieben an ihrem Kleid kleben. Sie umarmten sich lange. Malkos Verlangen nach ihr stieg. Er liebkoste sie, und schließlich streckte sich Mandy auf dem Dollarbett aus, damit er mit einem Stoß eindringen konnte. Mit einem entzückten Seufzen schlossen sich ihre Arme um seinen Rücken.
    "Malko! Oh, Malko!"
    Eine unwiderstehliche Woge stieg in seinen Lenden auf, als würde sich das Bett bewegen. Mandy vergaß ihn zu küssen, drückte ihn mit aller Kraft an sich. Ein wilder Krampf schüttelte ihren ganzen Körper. Sie gab ein ersticktes Stöhnen von sich, drehte wild den Kopf hin und her, ihre Hüften bebten noch immer heftig. Plötzlich stieß sie einen wilden, unartikulierten Schrei aus, das Gesicht verzerrte sich, als hätte sie Schmerzen. Malko konnte diesem Tornado nicht widerstehen und verströmte sich im selben Augenblick.
    Schweißgebadet kam Mandy wieder zur Ruhe. Einen langen Augenblick blieb sie mit geschlossenen Augen dort liegen, ohne Malko loszulassen. Dann murmelte sie:
    "Mein Gott, ich glaube, ich bin gekommen. Zum ersten Mal im Leben."
    Malko antwortete nicht. Ein tolles erstes Mal. Mandy stand auf und ging zum Bad; noch immer klebten Hundert-Dollar-Scheine an ihrer verschwitzten Haut. Mit einem Funkeln in den Augen drehte sie sich um.
    "Sieh nur, was du mit mir gemacht hast! Du bist der erste Mann, der mich …"
    Malko fühlte sich zu gut, um das mit einer Erwiderung zu würdigen. Er sah Mandy an und war glücklich, ihre erste richtige Erfüllung miterlebt zu haben.
    "Du solltest dieses Lebenselixier immer dabei haben", meinte er dann. "Dann passiert so etwas bestimmt wieder."
    Drei Millionen Dollar: der bestimmt teuerste Orgasmus der Welt.

Die Darstellung, dass die weibliche Figur den ersten echten Höhepunkt des Lebens nur erreicht, weil sie es auf drei Millionen Dollar treibt, ging der Redaktion dann offensichtlich zu weit. Also wurde auch hier die ganze Szene umgeschrieben. Ganz egal, dass Mandys Reaktionen in dieser Fassung bestenfalls sinnfrei sind. Pikanterweise wird in einem der nächsten Auftritte von Mandy ein paar Jahre später genau diese Szene wieder erwähnt – mit dem tatsächlichen Sachverhalt. Hier wird alles krampfhaft jugendfrei gemacht. So albern die Szene mit dem explodierenden Golfball auch sein mag, lässt sie den Helden doch in einem ganz anderen Licht erscheinen. Der Original-Malko ist nach Bedarf völlig skrupellos und nicht daran interessiert, Gangster der Polizei auszuliefern.

Die Praxis, durch Streichungen Szenen ihres Sinnes zu berauben, zeigt sich auch im Beginn von Malko 53 " Croisade à Managua" von 1979. Der Roman spielt in Nicaragua und dreht sich um den Bürgerkrieg der Sandinisten gegen den durch einen Putsch an die Macht gekommenen Präsidenten Somoza. Die deutsche Fassung beginnt so:

Malko 39, Cora, 1980

Colonel Otero Nuncio klammerte sich mit den Händen an den Rand des Liegestuhls, der seine drei Zentner nur mühsam verkraftete. Seine Atemfrequenz wurde beängstigend heftig, und Mercedes Puntas kam zu dem Schluss, dass er womöglich am Rande eines Herzinfarkts stand. Sie hob den dunklen Kopf und musterte ihn. In letzter Zeit fürchtete sie seine Besuche ebenso sehr wie die Vorstellung, dass er nicht mehr käme.
    Der Chef der Guardia Nacional von Nicaragua lag ausgestreckt wie ein gestrandeter Walfisch vor ihr, mit geschlossenen Augen. Die gelbe Badehose ließ die olivgrüne Haut seines monströsen Leibes grau erscheinen. Ein Speichelfaden hing ihm aus dem Mundwinkel, seine Lider zuckten, und er murmelte Unverständliches.
    Mercedes Puntas kniete unmittelbar auf dem weißen Marmor, der das bohnenförmig angelegte Schwimmbecken umsäumte. Ihr gebräunter, muskulöser Körper war mit Sonnenschutzölen eingerieben. Sie trug einen schwarzen Bikini und fand sich selbst bewundernswert. Über ihren Rücken rann der Schweiß in Strömen.
    Obgleich ihre Villa auf einem dreihundert Meter hohen Berg lag, war die Hitze feucht und stickig. Sie warf einen Blick auf ihre etwas altersschwache Diamant-Rolex. Was sollte sie tun? Das Schäferstündchen in der prallen Sonne beenden? Sie schob ihre linke Hand vor, um den Herzschlag ihres Liebhabers zu prüfen.
    Colonel Otero Nuncio stieß ein entzücktes Grunzen aus, und im selben Augenblick ertönte an der Einfahrt lautes, gebieterisches Autohupen.
    Damit hatten sie nicht gerechnet.
    Mercedes Puntas sprang schlagartig auf. Während der Siesta mit dem Colonel durfte sie niemand stören. Otero Nuncio tauchte mit einem halbgeöffneten Auge schwerfällig aus einer erregenden Scheinwelt wieder in die Wirklichkeit empor. Heiser brachte er heraus:
    "Verdammt! Wer ist …"
    Einer der Guardia-Soldaten, der an der Einfahrt gerade Wache stand, erschien an der Ecke des Hauses und betrat den Rasen. Mercedes Puntas zog eine hauchdünne Jacke über und warf ihrem Liebhaber ein Badetuch zu.
    Der Soldat mit Stahlhelm kam schüchtern näher. Er steckte in einer grünlichen, kugelsicheren Weste, was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Polarforscher verlieh.

Wenn der Leser zwischen den Zeilen liest und etwas Fantasie walten lässt, ahnt er vielleicht, was da passiert. Oder auch nicht. Das Original ist da allerdings nicht nur eindeutig, sondern bietet dabei auch eine weitaus eindringlichere Charakterisierung.

Malko 53, Plon 1980:

Colonel Otero Nuncio atmete schneller; er klammerte sich am Rand des Liegestuhls fest, der seine drei Zentner mit der olivgrünen Haut nur mühsam verkraftete. Seine schwabbelige Masse zitterte und ließ den Rattan ächzen. Mercedes Puntas kam zu dem Schluss, dass er entweder kurz vor dem Orgasmus oder einem Herzinfarkt stand. Sie hatte die Angst, dass seine Arterien eines Tages dem Vergnügen nicht länger standhalten würden, das sie ihm bei jedem seiner Besuche mit Geduld, ausgeklügelter Technik und einem bewundernswürdigen Mangel an Ekel bereitete.
    Der Chef der Guardia Nacional von Nicaragua lag ausgestreckt wie ein gestrandeter Walfisch vor ihr, die gelbe Badehose auf die behaarten Oberschenkel heruntergezogen. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich auf die Lust, die endlich in ihm aufstieg. Aber die monströse Form seines Körpers blockierte die Sicht auf das Spektakel des braunen Kopfes, der sich unterhalb seines Bauches im Rhythmus und mit der Beharrlichkeit einer Pumpe hob und senkte. Puntas kniete auf dem weißen Marmor, der den nierenförmigen Swimming Pool umgab. Ihr gebräunter, muskulöser Körper war mit Sonnenöl eingerieben; ein kleines schwarzes Höschen bedeckte ihre runden Pobacken nur unvollständig. Sie war sehenswert. Ihre Brüste schaukelten bei jeder Auf- und Abbewegung ihres Mundes, sie hatte einen Krampf im Kiefer und der Schweiß lief in Strömen über ihren Rücken.
    Obwohl ihre Villa auf einem dreihundert Meter hohen Berg lag, war die Hitze feucht und stickig. Sie warf einen Blick auf ihre etwas altersschwache Rolex mit Diamanten: siebenundzwanzig Minuten harte Arbeit in der Sonne. Sie würde noch den Weltrekord brechen. Aber sie entschied sich, die halbe Stunde-Grenze nicht zu überschreiten und schob die linke Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger energisch unter den gewaltigen weißen Oberschenkel, um den finalen Stoß auszuführen, der die Lust der Bestie auslösen würde. Sie spornte ihren müden Kiefer zu einer letzten Anstrengung an. Da war genau berechnete Koordination erforderlich, die ein paar Sekunden benötigte.
    Angesichts dieses von ihm geschätzten Angriffs stieß Colonel Nuncio ein entzücktes Grunzen aus.
    In dem Augenblick, in dem der Zeigefinger sein Ziel fand, ertönte an der Einfahrt lautes, gebieterisches Autohupen und zerriss abrupt den Zauber.
    Sofort streckte Mercedes den schmerzenden Rücken. Bei einem Schäferstündchen mit dem Colonel durfte niemand stören. Nuncio öffnete mühsam ein Auge, als er aus der erregenden Fantasiewelt emporkam. Mit vor Frustration heiserer Stimme brüllte er:
    "Madre de Dios!"
    Einer der Guardia-Soldaten, der an der Einfahrt gerade Wache stand, erschien an der Ecke des Hauses und betrat den Rasen. Mercedes Puntas zog sich hastig den BH über und bedeckte die Blöße ihres Liebhabers mit der gelben Badehose. Bei der Vorstellung, wieder bei Null anfangen zu müssen, bekam sie Pickel.
    Der Soldat näherte sich schüchtern. Mit seinem Helm und der grünen kugelsicheren Schutzweste sah er beinahe wie ein Arktisforscher aus.

Ein schönes Beispiel für den bösen und zynischen Humor des Autors, der öfters in den Romanen aufblitzt, in der deutschen Fassung aber größtenteils nur zu erahnen ist. An der zitierten Stelle findet das gleich gar nicht statt. Tatsächlich wird die Motivation der Figuren schlicht umgedreht. Statt ihren ungeliebten Liebhaber "vor dem Weltrekord" beim Blow-Job endlich mit zusätzlicher Stimulation zu befriedigen und den "Krampf im Kiefer" loszuwerden – eine völlig unerotische Szene, die den abstoßenden und berechnenden Charakter der Beteiligten, die sich im Folgenden als sadistische Folterknechte und Mörder des Regimes entpuppen, plastisch illustriert -, sorgt sich Mercedes in der bearbeiteten Fassung um den Mann, indem sie "seinen Herzschlag prüfen will". Warum gerade diese Berührung den Colonel so entzückt, bleibt eine der vielen Ungereimtheiten des Romans, der noch viele folgen. Unnötig zu erwähnen, dass die vielen Folterszenen mit ihrer zugegeben unglaublichen Brutalität, die aber im Kontext zweifellos die Realität des grausamen Konflikts wiedergibt, ebenfalls stark bearbeitet sind.

Gérard de VilliersEinige Romane blieben auch gleich unübersetzt, deren Handlung offenbar den deutschen Lesern gar nicht zuzumuten war. Sinnigerweise ist bei zwei Romanen Deutschland Schauplatz oder Thema. Den Beginn machte die Nr.29 aus dem Jahre 1973. "Berlin:Checkpoint-charlie" handelt von dem Versuch, einen Wissenschaftler über den Eisernen Vorhang nach West-Berlin zu schaffen. Das fraglos überzogene und in diesem Fall völlig unglaubwürdige Ende dürfte noch das geringste Hindernis gewesen sein. De Villiers' Porträt beider Berlin-Hälften und seiner Menschen ist wenig schmeichelhaft, ob es nun um Studenten, dekadente Reiche, die Türkengemeinde oder die DDR-Grenzsoldaten mit ihrem unverblümten Rassismus geht. Aber das ist alles eher überspitzt als falsch und liest sich auch fast fünfzig Jahre nach Erscheinen traurig aktuell.

Auch die Nr. 39 "L'ordre règne à Santiago" von 1975 fand keinen Gefallen. Obwohl die Sympathien des Autors dem rechts-konservativen Spektrum galten, scheute er sich dennoch nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Der Roman spielt in General Pinochets Chile. Malko soll den Anführer einer linken Rebellengruppe aus dem Land schleusen und gerät mit dem chilenischen Geheimdienst DINA aneinander. Die düstere Geschichte enthält zahlreiche Folterszenen und Gewalttätigkeiten, die der deutsche Verlag wohl scheute, ganz abgesehen von dem negativen Chile-Porträt mit seiner brutalen Diktatur.

Nr. 51 "Le Gardien d'Israël" von 1978 spielt, wie der Titel schon verrät, in Israel. Wieso dieser Roman nicht ins Bild passte, ist ohne die genaue Kenntnis des Inhalts nicht zu sagen. Eigentlich ein typischer Malko-Plot. Der Agent wird nach Israel geschickt, um zu überprüfen, ob ein General der israelischen Armee tatsächlich für den KGB arbeitet. Wie so oft geraten Frauen, die Malko helfen, zwischen die Fronten und nehmen ein übles Ende. Aber man kann davon ausgehen, dass sowohl Israelis wie auch Palästinenser nicht besonders gut im Roman wegkommen.

Bei dem letzten nicht übersetzten Roman liegt die Sache schon klarer zutage. Nr. 129 "La Manipulation Yggdrasil" von 1998 gehört zu den vielen Romanen, in denen ein reales Ereignis fiktionalisiert wird. In diesem Fall ist es der ungeklärte Mord an dem schwedischen Ministerpräsidenten Olaf Palme 1986. Im Roman tauchen Jahre später Beweise auf, wonach das Attentat auf Kosten der CIA geht. Malko wird losgeschickt, die Sache in Belgien, Schweden und Deutschland zu untersuchen. Am Ende stellen sich KGB und STASI als die wahren Hintermänner des Attentats heraus, und DDR-Spion Markus Wolf hat einen Auftritt. Offenbar war das alles der Redaktion zu viel der Realität.

In den letzten zehn Jahren des Erscheinens wurden die Bearbeitungen mehr oder weniger gelockert. Die obligatorischen Sex-Szenen kamen im Text nun vor, wurden aber zumindest eingedampft. Die Gewalt wurde allerdings weiterhin häufig entschärft. 2001 konnte sich die Serie offensichtlich nicht länger am Markt halten. Die Nummer 138, die französische 142, war der letzte Roman. Die Leserschaft von Agentenromanen war wohl nach dem zwischenzeitlichen Ende des Kalten Krieges und vor dem sogenannten Krieg gegen den Terror zu sehr geschrumpft, dabei hatte sich die Serie inhaltlich nicht verändert. In der letzten deutschen Ausgabe ging es um die Hintergründe des Papst-Attentates von 1981. Noch immer standen reale Geschehnisse und Geheimdienstkomplotte im Mittelpunkt. Leute wie Osama bin Laden waren schon 1997 in den Malko-Romanen als Drahtzieher des Terrors aufgetaucht.

Auch wenn die meisten Auslandsausgaben alle mit der Zeit eingestellt wurden, schrieb Gérard de Villiers in Frankreich trotz Krankheit und Alter unbeirrt und erfolgreich weiter. Er flog auch noch mit Rollator in den Nahen Osten und veröffentlichte Insiderwissen aus der Welt der Geheimdienste. 2013 erschien Band 200, der letzte Roman des Autors. "La Vengeance du Kremlin" erzählt die Geschichte eines russischen Oligarchen in London, der auf mysteriöse Weise stirbt. Ein Racheakt Putins? Wie man sieht, blieben die 58 Romane, die in Deutschland nicht mehr veröffentlicht wurden, ihrem Konzept treu. Das Zeitgeschehen bot dem Autor genug schrecklichen Stoff, dass ihm die Themen niemals ausgingen.

Wie man den Inhalt auch bewerten mag, die deutsche Ausgabe ist über lange Zeiträume so stark bearbeitet, dass es einmal mehr eine verfälschte Edition ist. Jenseits aller Geschmacksfragen ließ sie den Autor deutlich schlechter aussehen, als er in Wirklichkeit war. Aus Gründen des Jugendschutzes und Befindlichkeiten wurde jede Nuance glattgebügelt, die Gewalt verharmlost, Sexszenen gekürzt, bis zur Unkenntlichkeit beschönigt oder gleich ganz gestrichen. Zumindest die Handlungen des Helden wurden gelegentlich genau umgedreht, das durchaus vorhandene Flair des französischen Originals zunichte gemacht.

Es besteht aber auch nicht der geringste Zweifel, dass die Serie in Deutschland keine 20 Ausgaben erreicht hätte, wären diese Bearbeitungen nicht zumindest in den ersten Jahren erfolgt.

Quellen:

  • L'Express, 2017: Gérard de Villiers: SAS, un héritage très disputé

  • Malko 53, 1979,"Croisade à Managua", Kapitel 1
  • Malko 56, 1979," Opération Matador", Kapitel 19+20

Kommentare  

#1 Peter Schreiber 2020-05-21 10:42
Sehr geehrter Herr Decker,

ganz herzlichen Dank für diesen sehr differenzierenden auf die Malko-Reihe und ihren Autor und die interessanten Informationen zu den Veröffentlichungen in Deutschland.

Folgende Ergänzungen von meiner Seite:

1. In der Tat ist "La manipulation Yggdrasil" in der deutschen Cora-Reihe nie erschienen. Interessanterweise findet sich aber in Malko Nr. 124 ("Chaos in Kinshasa") auf S. 191 bereits eine Ankündigung für diesen Band als Malko Nr. 125 mit Titel ("Tatort Sveavagen") und konkreter Inhaltsbeschreibung. Insofern stellt sich wirklich die Frage, aus welchem Grund das Buch letztlich doch nicht erschien. Schade, dass es für derartige Bücher keine ARC's gibt - für einen Sammler wäre ein solches Exemplar von "Tatort Sveavagen" ein Fest.

2. Das Spin-off "Les fantasmes de la comtesse Alexandra", das es immerhin auf 25 (oder so) Bände gebracht hat, verdient - obwohl nie in deutscher Übersetzung erschienen - eigentlich einen einen eigenen Beitrag. Die Bücher sind zum größten Teil unfassbar schlecht, jedenfalls der erste Band ("Le Château"), der die spätere Verlobte Malkos, Gräfin Alexandra, als Kind und Teenager betrachtet, dürfte sich nach deutschen Maßstäben hart an der KiPo-Grenze bewegen, und das eigentliche Potential der Idee ("Erotische Abenteuer der Malko-Verlobten - evtl. sogar mit einer eigenen Biographie als Agentin") wird nicht ansatzweise ausgeschöpft.

Die in Belgien und Frankreich lebende Slowakin Andrea Mrena hat die letzten sechs (und die besten) Bände der Serie geschrieben und in ihrem Buch "Auteur de romans érotiques" über die Zusammenarbeit mit Gerard de Villiers und die Entstehung dieser sechs Alexandra-Bände geschrieben - hochinteressant für jeden, der sich für das Verlagsgeschäft und die Praktiken im französischen Pulp-Milieu interessiert.

3. Abschließend bleibt nur noch Ihre Einschätzung zu bestätigen, dass de Villiers - und das unterscheidet ihn von den meisten anderen Autoren in diesem Bereich - in erster Linie Journalist und ein gnadenlos genauer Beobachter war. Wie kein anderer konnte er den Geist und die Stimmung einer Stadt in einer bestimmten Zeit einfangen: Wie lebt, isst, fährt, arbeitet, überlebt man als Agent in Kabul in der Zeit des beginnenden US-Truppenabzugs ("Chaos in Kabul", Vintage Books Black Lizard), wie in den osteuropäischen Hauptstädten in der Hochzeit des Kalten Krieges ("Agentenfalle Budapest", Nr. 73; "Flucht aus Bulgarien", Nr. 65), wie im Chaos der von Bürgerkrieg und Kooruption geprägten afrikanischen Metropolen ("Chaos in Kinshasa", Nr. 124; "Blutbad in Ruanda, Nr. 136).

Ja, die Bücher sind mitunter rassistisch, sexistisch, unerträglich zynisch, aber grandiose Porträts der Orte, in denen sie spielen.

Beste Grüße, Peter Schreiber
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#2 Andreas Decker 2020-05-22 13:15
Vielen Dank, lieber Herr Schreiber. Auch für die interessanten Informationen. Dass mit der ausgewechselten 125 ist witzig. Schade, dass man den wahren Grund für die Rücknahme des vermutlich bereits übersetzten Titels nie erfahren wird. Ein Blick in die Folgebände zeigt, dass Cora danach sehr vorsichtig wurde. Es gab keine Inhaltsbeschreibungen mehr für den Rest der Laufzeit. :-)

Dass die Alexandra-Romane teilweise an der Grenze des Erlaubten sind oder sie auch überschritten haben, glaube ich sofort. Ein Blick in die in Deutschland (nach meinem Kenntnisstand noch immer) indizierten übersetzten Erotikromane aus Frankreich aus der Zeit zeigt, dass diese Thematik häufig gestreift wurde.

Ein Artikel über diese eher bizarre Auskopplung wäre bestimmt interessant, zumal die Figur Alexandra selbst für Malko-Verhältnisse nie über ein sehr unterentwickeltes Klischee hinauskam und man sich fragt, wie man damit so viele Romane füllen kann, selbst wenn es um Erotik geht.

Andrea Mrenas Buch ist bestimmt sehr interessant. Es ist schade, dass so wenige französische Bücher den Weg nach Deutschland finden.
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