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... Dieter von Reeken über Heftromane und SF, seinen Verlag, Kurd Laßwitz, Paul Alfred Müller ...

Dieter von Reeken ... Dieter von Reeken ...
... über Heftromane und SF, seinen Verlag, Kurd Laßwitz, Paul Alfred Müller sowie über seine  weiteren Projekte ...

Dieter von Reeken über sich:
»Geboren wurde ich 1948, bin also jetzt (Dezember 2010) 62 Jahre alt. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften war ich bis 2004 als juristischer Dezernent in der niedersächsischen Landesverwaltung tätig, zuletzt als Leiter des Dezernats „Soziales, Flüchtlinge, Frauenförderung“ bei der Bezirksregierung in Lüneburg.
Als Folge der Gebiets- und Verwaltungsreform in Niedersachsen – die Bezirksregierungen wurden mit Ablauf des Jahres 2004 „abgeschafft“ – bin ich in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden.
Meine Frau und ich haben zwei Kinder, die aber schon erwachsen und aus dem Haus sind.«


Über seinen Verlag haben wir mit ihm gesprochen...

Zauberspiegel:
Wann kamen Sie zum ersten Mal mit der Science Fiction und dem Medium des Heftromans in Berührung? Können Sie sich noch an Ihren allerersten Heftroman erinnern? Aus welcher Serie stammt er?
Dieter von Reeken:
Als Kind und Jugendlicher las ich „das Übliche“ von „Robinson“ über „Lederstrumpf“ und „Pete“, seltsamerweise aber nichts von Karl May. (Das habe ich dann als Erwachsener nachgeholt, wobei ich sein Leben und Berichte darüber oft interessanter finde als seine Erzählungen.)
Mein großer Bruder hatte oft „Fliegergeschichten“ und dergleichen Hefte mitgebracht, die mich aber nicht sehr interessierten. Einmal war ein „Zukunftsroman“ dabei: „Verweht im Weltenraum“ von K. H. Scheer, ein „Terra“-Heft.
Das war mein erster SF-Heftroman, der mich damals (da war ich wohl 12 oder 13 Jahre alt) überwältigte. Unmittelbar darauf kam ich an „220 Tage im Weltraumschiff“ von G. Martynow („Terra-Sonderband“ 2). Es folgten weitere Hefte wie „Jim Parker“ und „Utopia-Großbände“ von einem gewissen „Henry Walter“, die mich aber eher enttäuschten. Nach und nach nahm ich wahr, dass es auch „richtige“ Bücher und Taschenbücher mit „Zukunftsromanen“ gab.


Zauberspiegel: Was sind oder waren Ihre Lieblingsautoren im Bereich der SF? Lesen Sie die Werke dieser Autoren auch heute noch? Ist die alte Faszination an diesen Werken geblieben oder haben sich die Lesegewohnheiten mit den Jahren doch etwas verändert?
Dieter von Reeken:
Erst spät war mir aufgegangen, dass „Clark Darlton“ und „W. W. Shols“ keine Amerikaner oder Engländer waren („gute“ SF musste ja aus Amerika kommen …), sondern brave deutsche Autoren mit Pseudonym. Gerade Clark Darlton und K. H. Scheer sprachen mich damals besonders an, weshalb ich auch die ersten hundert Hefte der 1961 (da war ich gerade 13–15 Jahre alt) begonnen Perry-Rhodan-Serie las.
Es ist eine gewisse Nostalgie dabei, eine Art verklärte Erinnerung an eine „Jugendliebe“, aber damals habe ich diese Romane gern gelesen. Später sprachen und sprechen mich Autoren wie Clifford D. Simak, Fredric Brown, C. M. Kornbluth, Theodore Sturgeon und Stanislaw Lem mehr an.

Zauberspiegel: Sie waren – meines Wissens – auch Mitglied im SFCD? Lernten Sie darüber auch einige ‚Berühmtheiten‘ der deutsch-sprachigen Science Fiction kennen?
Dieter von Reeken:
Während meiner SFCD-Zeit hatte ich fast ausschließlich briefliche Kontakte: Internet gab es noch nicht, Reisen zu Cons konnte ich mir nicht leisten. Einige spätere „Größen“ habe ich aber einmal in Berlin in Gerhard Rumps berühmtem SFCB-Clubkeller getroffen.

Zauberspiegel: Wie und warum kam es zur Gründung Ihres Verlages?'
Dieter von Reeken:
In meiner Jugendzeit war mir aufgefallen, dass es offenbar viele alte „Zukunftsromane“ gab, die aber im Buchhandel und auch in der Stadtbibliothek nicht erreichbar waren. Ich hatte damals die Vorstellung, der SFCD könne sich um Neuausgabe solcher Klassiker verdient machen, nachdem ein engagierter privater Herausgeber (Jakob Bleymehl) mit seinen Kleinstauflagen, als Typoskripte im Spiritus-Umdruckverfahren hergestellt, diesen Plan aufgeben musste. in den folgenden Jahrzehnten gab es zwar einen SF-Boom, der auch einige „Klassiker“ wieder ans Licht brachte, aber es gab und gibt noch immer „Schätze“ zu heben und Lücken zu schließen.
Als ich nun ab 2005 über erheblich mehr freie Zeit verfügte als bis dahin, entschloss ich mich, in diesem Sinne aktiv zu werden. Nach einem Anfang bei „Books on Demand“ arbeite ich seit 2006 selbstständig. Es erschienen Bücher von Camille Flammarion („Urania“, „Lumen“, „Das Ende der Welt“), Oskar Hoffmann („Mac Milfords Reisen im Universum“ u. a.), Wilhelm Bastiné („Die widergefundene Zeitmaschine“) usw.

Zauberspiegel: Neben Nachdrucken vergessener Perlen der deutschsprachigen Science Fiction erscheinen u. a. auch Sekundärwerke und Sachbücher wie „DIE ZUKUNFT IN DER TASCHE“ von Rainer Eisfeld oder das dreibändige Standard-Werk „VOLKSBÜCHER UND HEFTROMANE“ von Heinz J. Galle in Ihrem Verlag. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Werke für Ihr Verlagsprogramm aus? Spielen bei der Planung des Verlagsprogrammes auch eigene Vorlieben zu bestimmten Autoren und Richtungen der Science Fiction eine Rolle?
Dieter von Reeken:
Da ich mein „eigener Herr“ bin, nehme ich mir die Freiheit, mein kleines Programm ganz an meinen Neigungen auszurichten. Gerade die „Volksbücher und Heftromane“ von Heinz J. Galle und „Die Zukunft in der Tasche“ von Rainer Eisfeld, der die Entstehung und Entwicklung des deutschen SF-Fandoms hautnah miterlebt und mitgestaltet hat, halte ich für Glücksgriffe, für Bücher, die ich selbst immer wieder gern zur Hand nehme.

Zauberspiegel:
Wie muss man sich das überhaupt vorstellen? Korrespondieren Sie mit Erben oder Nachfahren, durchstöbern Sie Antiquariate oder auch Ihre eigene umfangreiche Sammlung, um bestimmte Werke in Ihrem Verlag veröffentlichen zu können?
Dieter von Reeken:
Es ist oft „Detektivarbeit“ erforderlich, um an bestimmte Texte und, soweit erforderlich, an die urheberrechtliche Erlaubnis zum Nachdruck zu kommen. Das Urheberrecht erlischt erst 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Soweit das Urheberrecht noch besteht, musste ich den oder die Rechteinhaber ausfindig machen und die Erlaubnis einholen. Das ist mir bisher immer geglückt, nachdem ich mich durch Archive, Nachlassgerichte und Standesämter durchgefragt hatte, „natürlich“ immer gegen Gebühren und Auslagenersatz. Das war und ist mühselig, aber Sie werden verstehen, dass ich lieber auf eine Neuausgabe verzichte als ein Urheberrechtsverstoß zu begehen.

Zauberspiegel: In Ihrem Verlag erscheint auch die interessante Kollektion zum Autor Kurd Laßwitz, dem Begründer der deutschsprachigen Science Fiction, die insgesamt aus 20 Bänden besteht. War es schwierig an das Material für die Kollektion herangekommen?
Dieter von Reeken:
Bei Kurd Laßwitz (1848–1910) besteht kein Urheberrechtsschutz mehr; es war aber abenteuerlich, an bestimmte Texte zu kommen. So sind die ersten Veröffentlichungen von Kurd Laßwitz (zwei Humoresken aus den Jahren 1868/69) in Deutschland nicht mehr auffindbar; ich konnte die Texte nach zweijährigen Nachforschungen in den USA ausfindig machen und in Kopie erhalten. Außer in (relativ leicht auszumachenden) Büchern hat Laßwitz aber in sehr vielen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Das alles zusammenzusuchen war zeit- und gelbraubend; dafür gibt es jetzt seine Schriften wie „geschälte Nüsse“ in mehreren Bänden zusammengestellt.

Zauberspiegel: Sind damit alle Werke des Begründers der deutschsprachigen Science Fiction erschienen oder wird die Kollektion in Zukunft noch durch weitere Kurd-Laßwitz-Bände ergänzt?
Dieter von Reeken:
Nachdem soeben die Bibliografie seiner Werke (von Rudi Schweikert) erschienen ist, sollen in 2011 noch 1–2 Bände über Leben und Werk erscheinen. Im Februar wird die „Kollektion Lasswitz“ mit dem 2. Band der „Geschichte der Atomistik“ abgeschlossen. Nicht nochmals nachgedruckt werden die Aufsätze, die sozusagen als „Vorabdrucke“ der „Geschichte der Atomistik“ in Zeitschriften erschienen sind; ansonsten liegt das Werk, erschienen aus Anlass des 100. Todestages am 17.10.2010, komplett vor.

Zauberspiegel: Kürzlich erschien mit "Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff" ein Buch, in dem sechs Romane der einstigen Heftserie aus dem Jahre 1908 veröffentlicht wurden. Frau Ehrig gibt seit einigen Jahren über Ihre Seite Villa Galactica   die komplette Serie als Nachdruck heraus. Wäre hier eine eventuelle Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Frau Ehrig, um den „Luftpirat“ nach und nach in Buchform herauszubringen, nicht sinnvoller?
Dieter von Reeken:
Bei „meinem Luftpiraten“ handelt es sich um einen Auswahlband mit 6 Heften, der schon 2005 im Neusatz erschienen war und nun nochmals nachgedruckt worden ist. Frau Ehrig bringt ja die vollständige Heftserie im Faksimile heraus, was Sammler eher anspricht als ein Neusatz. Damit dürfte „der Markt gesättigt“ sein. Wir kommen uns hier nicht ins Gehege - ich bin selbst „Abonaut“ bei Frau Ehrig.

Zauberspiegel: Wie ist die Resonanz von Lesern und Sammlern auf Ihr Verlagsprogramm? Oder wissen diese überhaupt nicht, dass solche längst vergriffenen Werke der deutschsprachigen Science Fiction in Ihrem Verlag erscheinen und angeboten werden?
Dieter von Reeken:
Außer einem mehr oder weniger festen Interessentenstamm gehören öffentliche Bibliotheken zu meinen „Kunden“. In „SF-Kreisen“ interessiert sich nur ein kleiner Kreis für mein Programm. Die vielleicht weiteren 300–500 Interessenten im deutschsprachigen Raum kennen mich und mein Programm nicht; sie entdecken mich eher zufällig bei „Amazon“. Nicht ohne Grund hat der Heyne-Verlag vor einigen Jahren die mit so großen Hoffnungen begonnene Hans-Dominik-Jubiläums-Edition nach 5 Bänden „einschlafen“ lassen. Da bin ich mal gespannt, ob eine Erwähnung im „Zauberspiegel“ zu einer Resonanz führt …

Zauberspiegel: In Planung ist für 2011 der Roman „DIE SEIFENBLASEN DES HERRN VANDENBERG“ von Paul Alfred Müller. Können Sie uns kurz etwas zu dieser geplanten Veröffentlichung erzählen?
Dieter von Reeken:
Paul Alfred Müller, oft auf den „Sun-Koh“-Verfasser „Lok Myler“ oder (später) Freder van Holk reduziert, hat ein umfangreiches Werk hinterlassen. Manches davon war wohl „Lohnschreiberei“ und ist zu Recht in Vergessenheit geraten – als engagierter Anhänger der „Hohlwelttheorie“, auch in seinen Romanen thematisiert, hat es Müller in dieser Hinsicht sich und seinen Lesern nicht leicht gemacht –, aber es gibt auch viele „Perlen“ wie etwa „Der Krieg, den keiner wollte“, „Kosmotron“, „Blaue Kugel“ (die Arkoniden lassen grüßen …) und eben „Die Seifenblasen des Herrn Vandenberg“.
In vier in eine Rahmenhandlung eingebetteten Edisoden lässt Müller ein Feuerwerk an Ideen abrollen, durchwirkt mit geistvollen Anmerkungen und einer guten Portion Schalk. So wie Kurd Laßwitz mit seinen „Bildern aus der Zukunft“ (1878, vorabgedruckt in zwei Teilen 1871 und 1877) ein satirisches Konzentrat an Ideen entworfen hatte positionierte Müller seine „Seifenblasen“. Es ist wohl kein Zufall, dass Laßwitz’ 1890 erschienene Erzählungssammlung den Titel – „Seifenblasen“ trug! Auf meiner Homepage gibt es Anmerkungen von Heinz J. Galle zum Inhalt des nur 1939 erschienenen Buches, u. a. den Klappentext des Verlages.

Zauberspiegel: Wie sieht die weitere Planung für die Zukunft aus? Welche weiteren Werke werden in naher Zukunft in Ihrem Verlag veröffentlicht?
Dieter von Reeken:
Ich möchte die „Kollektion Lasswitz“ lieferbar halten, was bei 20 Bänden schon eine Aufgabe für sich ist. Dann sollen noch zwei Bücher zu Laßwitz’ Leben und Werk erscheinen, eines (mit zahlreichen seltenen Fotos und einem unveröffentlichten Tagebuch 1876–1883) von Rudi Schweikert, das andere wahrscheinlich von einer französischen Wissenschaftlerin. Wenn „Die Seifenblasen des Herrn Vandenberg“ genügend Interesse hervorrufen, möchten Herr Galle und ich noch einige weitere Werke von P. A. Müller herausgeben, z. B. „Blaue Kugel“. Wer sich dafür interessiert sollte hin und wieder meine Homepage   besuchen.

Zauberspiegel: Herr von Reeken, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

Kommentare  

#1 Zorro01 2011-01-05 20:11
Ich selbst habe die Bücher von Herrn Galle erworben und wünsche an der Stelle Dieter van Reeken weitere Glücksgriffe sowohl bei den Sekundärwerken und Sachbüchern, aber auch bei den Nachrudrucken vergessener Werke.
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#2 Jochen Baumberge 2019-07-06 23:23
Es ist wirklich sehr schade, dass Dieter von Reeken seine verlegerische Tätigkeit aufgeben will. Das hat er zumindest in diesem Jahr seinen Kunden mitgeteilt. Vielleicht findet sich ja noch ein ambitionierter Nachfolger, der das Verlagsgeschäft fortführt...
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#3 Thomas Mühlbauer 2019-07-06 23:55
Soweit ich das verstanden bzw. gelesen habe, geht es um die Kosten, die ab nächstem Jahr für Büchersendungen entstehen sollen (wenn die jetzige Kulanz zum Jahresende ausläuft).

Aus seiner Website:

"DvR-Buchreihe

Wichtiger Hinweis:
Nach Abschaffung der internationalen Büchersendungen seit 1. Januar 2019 und den drastischen Portoerhöhungen der Deutschen Post unter gleichzeitiger Verschlechterung der Leistung (statt 15 cm dürfen Büchersendungen nun höchstens 5 cm dick sein)zum 1. Juli sehe ich mich gezwungen, ab 1. Juli Versandkosten (Porto und Verpackung) zu berechnen, und zwar pauschal 2,00 € für Sendungen innerhalb Deutschlands, innerhalb der EU 5,00 €, für die übrigen Länder(auch die Schweiz!) 9,00 €, jeweils versandkostenfrei ab 30,00 Euro Lieferwert. Buchhandlungen im Ausland werden nicht mehr beliefert. Wenn dies zu verminderten Bestellungen führt, werde ich meine Verlagstätigkeit nach Veröffentlichung der in Arbeit befindlichen Bücher von Fritz Heidorn und Jörg Weigand beenden."
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#4 Thomas Mühlbauer 2019-07-07 23:13
Eigentlich trifft es alle, die mit Büchern zu tun haben. Und sollte wer auch immer nicht regulierend eingreifen, kann es schnell passieren, dass ein Buchkauf sich nicht mehr lohnt, weil das Porto den Kaufpreis überrundet hat. Vorbei ist es dann auch mit den Schnäppchen bei Ebay oder booklooker. Mal ehrlich: Was kann da noch großartig an Waren/Büchern verschickt werden, wenn die Sendung (mit Umverpackung) nur noch 5 cm hoch sein darf. Bis zum Jahresende gibt es zwar noch die 15 cm-Kulanz, aber was dann?
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#5 mammut 2019-07-10 12:15
Es besteht noch eine Chance das der Verlag seine Pforten zumindest teilweise offen lässt:sebesta-seklit.net/2019/07/10/dieter-von-reeken-light/
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