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... Heinz J. Galle über seine erste Begegnung mit dem Medium des Heftromans und mehr

Heinz J. Galle ... Heinz J. Galle ...
... über seine erste Begegnung mit dem Medium des Heftromans,  seines Mission in Sachen Volksliteratur sowie seine Bücher und weiteren Projekte

Während meiner Recherchen in Sachen  „Kommissar X“ kam ich auch mit Herrn Heinz J. Galle in Kontakt. Es entstand in den letzten Wochen und Monaten ein freundlicher Kontakt und reger Email-Verkehr, in denen er mir  u. a. auch einige Fragen zu dem Autor Paul Alfred Müller beantworten konnte.

So keimte in mir die Idee auf mit Herrn Galle, einem der Kenner der Groschenhefte und der Volksliteratur, ein Interview zu führen.

Zauberspiegel:
Herr Galle, können Sie den Lesern des Zauberspiegels kurz etwas über Ihre Person erzählen.
Heinz J. Galle:
In Berlin 1936 geboren, 1944 nach monatenlangen Bombenangriffen, nach Spremberg Niederlausitz verfrachtet worden, 1945 Einmarsch der Russen, wir am anderen Ende der Stadt mit dem Zug  entkommen. In Niedersachen gelandet, herrliche Kindheit auf dem Dorfe mit allen Möglichkeiten in Wald und Feld  Natur zu erleben. Später nach Leverkusen verschlagen worden, dort bei der  Firma Agfa Leiter des Außendienstes. Nach Pensionierung rege Tätigkeit als  Missionar in Sachen Popularisierung der Volksliteratur.


Zauberspiegel: Sie kamen schon sehr früh, meines Wissens als Kind, mit dem Heftroman in Berührung? Wie muss man sich diese erste Begegnung Ende der 1940er Jahre vorstellen?
Heinz J. Galle:
1945 in einem Dorf an der Zonengrenze ansässig, zwei Dörfer entfernt, Fußmarsch 6 km, gab es eine Zeitungsbude (Bretterbude im wahrsten Sinne) Sechs  Kilometer hin, 50 Pfennige krampfhaft in der Hosentasche festgehalten, ein  Heft erstanden, sechs Kilometer zurück.

Zauberspiegel: Können Sie sich noch an Ihren allerersten Heftroman erinnern? Aus welcher Serie stammt er?
Heinz J. Galle:
Am besagten Kiosk hingen mit Wäscheklammern an einer Leine - SUN KOH-der  Erbe von Atlantis, FRANK KENNEY - Kriminalabenteuer von heute und morgen, ROBERT PERKINS und seine 1000 Abenteuer, ROLF TORRING`S ABENTEUER. Ich mußte  mich entscheiden, entschied mich für SUN KOH.

Zauberspiegel:
Vermutlich waren die Hefte damals noch aus altem Papier hergestellt und  noch nicht so perfekt gestaltet und gedruckt, wie sie das in den späteren Jahrzehnten waren.
Aber es muss doch für ein Kind trotzdem sehr faszinierend gewesen sein, neben den wenigen Zeitungen, die es damals erst gab, solche ,Schätze' zu entdecken und in eine Welt der Abenteuer einzutauchen?

Heinz J. Galle:
In dem Dorfe gab es zwischen 1944-1949 wenig Möglichkeit etwas zum Lesen zu bekommen, die bunten Hefte eröffneten uns eine Welt der Phantasie. Unter den Freunden wurde rege getauscht, SUN KOH fand als Aufsatzthema  auch den Weg in die Schulwelt, erschreckte den Lehrer mit einem Aufsatz  über die Mayas der sich über das komplette Heft ersteckte.

Zauberspiegel:  Wie teuer waren damals die Hefte?
Heinz J. Galle:
Die ersten Serien wurden teilweise für  30 Pf. vertrieben, aber bald  bürgerte sich der Standardpreis von 50 Pf. ein.

Zauberspiegel: Wie haben Sie damals Ihren Lesehunger als Kind finanziert?
Heinz J. Galle:
Geld war knapp im Hause, ich trug Zeitungen aus, arbeitete auf dem Feld, Kartoffeln hinter der Maschine aufsammeln, Zuckerrüben roden, Kartoffelkäfer sammeln- es gab keine Spritzmittel, jeder Bub bekam ein paar Reihen  Kartoffelstauden  zugeteilt, man ging die Reihen entlang und sammelte die Raupen und Käfer in einen Beutel.

Zauberspiegel:  Was waren damals Ihre Lieblingsserien?
Heinz J. Galle:
Aus Geldmangel blieb es bei einer Lieblingsserie - SUN KOH, die Verbindung  zu den Mayas führte später zu einem, noch heute anhaltenden Interesse an der Archäologie.

Zauberspiegel: Ich nehme einmal an, dass als Sie erwachsen wurden und in die Arbeitswelt eintauchten, das Interesse an den Heftromanen weitgehend abnahm oder sogar gänzlich erlosch. Wie wurde diese alte Leidenschaft wieder entflammt?
Heinz J. Galle:
Wie so oft, vergaß man zu Beginn des Arbeitslebens derartige Lektüre.  Jahrzehnte später fand ich auf einem Altmaterialstapel einen Stoß SUN KOH. Erstaunlicherweise gefiel mir die erzählerische Struktur den Herrn Müller  alias Freder van Holk immer noch, was bei der derartigen Abgleichen nicht  immer der Fall ist.

Zauberspiegel: Lesen Sie heute auch noch ab und zu das eine oder andere Groschenheft? Welche Serien bevorzugen Sie heute. Die alten oder die neueren Serien?
Heinz J. Galle:
Neue Serien lese ich nicht, höchstens einmal quer um einen Überblick zu  haben. Zu den alten Serien die ich heute noch gern lese gehört JOHN KLING,  FRANK KENNEY, HARALD HARST u. e. weitere. Viele der alten Serien kann man  heute nicht mehr lesen, sie sind einfach überholt.

Zauberspiegel:  Aus dieser Leidenschaft entstand das dreibändige Sachbuch "Volksbücher und Heftromane" das als in einer Neuauflage im Dieter von Reeken Verlag erschienen ist? Wie kam es zur Entstehung dieses umfangreichen Werkes?
Heinz J. Galle:
In Braunschweig gab Herr Ostwald Anfang der achtziger Jahre eine Buchreihe TEXTE ZUR HEFTROMANGESCHICHTE heraus, dort erschienen Würdigungen von Reihen  wie JOHN KLING, ROLF TORRING oder TOM SHARK, für dieses Periodikum verfasste  ich eine SUN KOH-BIO-BIBLIOGRAPHIE. Dies war der Beginn der intensiven  Beschäftigung mit dieser Literaturform.

Zauberspiegel: Weitere Werke wie "Zwischen Tecumseh und Doktor Fu Man Chu", "Wie die Science Fiction Deutschland eroberte" oder "Erlebte Vergangenheit und gestaltete Zukunft" kamen hinzu. 2003 erschien die Biographie über den SF-Autor PAUL ALFRED MÜLLER im Verlag SSI Media . Warum gerade eine Biographie über den Autor Müller? War ein Buch über einen der Väter der deutschen SF endlich reif?
Heinz J. Galle:
Da Herr Müller durch seine Sun Koh Serie Bei mir das Interesse an diesem Metier weckte, bot sich ein Dank in dieser Form der Würdigung an.

Zauberspiegel: Wie kamen Sie an al die Fülle an Informationen über Paul Alfred Müller?
Heinz J. Galle:
Bei der Vorarbeit zur Braunschweiger SUN KOH- Arbeit bekam ich Kontakt mit  der Witwe des Autors, es ergab sich eine lange Freundschaft, die schließlich dazu führte dass Sie mir die Rechte an den Werken Ihres Mannes übertrug.

Zauberspiegel: Seit 1995 beschäftigen Sie sich auch kritisch mit dem Genre der  Unterhaltungsliteratur. Was darf man darunter verstehen? Ist aus dem einstigen Sammler und der Leidenschaft ein Kritiker geworden?
Heinz J. Galle:
Nichts ist leichter als Kritik zu üben, am seichten Vorabendprogramm des Fernsehens, an den Actionfilmen im Kino etc etc. Sich über Heftromane zu echauffieren lohnt sich nicht.
Es ist interessant sich mit dem Genre zu beschäftigen, zu sehen wie die Zeitströmungen sich in den Serien  niederschlugen, wie sich der Geschmack veränderte, wie sich die Einstellung  der Universitäten gegenüber diesem Phänomen änderte usw.usw.

Zauberspiegel: Neben Veröffentlichungen in "Solaris", im "Playboy", im "Perry Rhodan Magazin", im "Sammler Journal" oder in "Reclams Science Fiction Führer" absolvieren sie auch Radio- und Fernsehauftritte und treten auf Symposien etc. auf. Alle diese verschiedenen Tätigkeiten im Zeichen des Heftromans oder Groschenromans, wie er auch heute genannt wird, um ihn salonfähiger zu machen?
Heinz J. Galle:
Die Zeit ist über dieses Thema hinweggegangen, salonfähig oder nicht, es interessiert wohl kaum noch jemand. Meine diesbezügliche Tätigkeit erfüllt  mich mit Freude und Genugtuung, sie hat mir viele gleichgesinnte Freunde verschafft. Und natürlich ist auch ein Schuß missionarischer Eifer dabei nicht zu verleugnen.

Zauberspiegel: Ihr Engagement für den Heftroman trifft wahrscheinlich auch manchmal auf  Unverständnis. Besonders auch bei jungen Autoren oder  jungen Lesern.
Was ist der Grund dafür? Liegt es allein daran, dass diese jungen Leute in einer anderen Zeit aufgewachsen sind (Computer, Internet etc.) und dadurch diese Faszination nicht mehr nachvollziehen können? Oder hat es auch noch andere Gründe?

Heinz J. Galle:
Neue Möglichkeiten der Zerstreuung, neue Möglichkeiten die die elektronische Welt uns verschafft, läßt die  Lektüre generell bei jüngeren Menschen  dahinschwinden, die zur Verfügung stehende Zeit wird heute mit anderen Unterhaltungsmedien ausgenutzt. Generell ist Lesen UNCOOL geworden.

Zauberspiegel: Ich nehme mal, dass es heute auch immer noch Institutionen etc. gibt, die dem Heftroman kritisch gegenüberstehen oder gänzlich ablehnen. Wie kommt es dazu? Liegt es vielleicht auch an der Hetzkampagne in den 1950er Jahren gegen die so genannte Schundliteratur?
Heinz J. Galle:
Das Kainsmal der Schundliteratur wird diese Heftliteratur nie loswerden,  noch heute schreiben Journalisten - der Film hatte Groschenheftniveau. Übrigens wurde schon ab 1914 gegen die Heftserien offiziell zu Felde  gezogen.

Zauberspiegel: Zwischenzeitlich befassen sich aber (soll man sagen glücklicherweise) auch Leute und Institutionen mit dem Heftroman, wie z. B. der Kölner  Club der Bibliophilen der Universität, die vermutlich vorher eher ablehnend dazu standen. Haben sich die Vorurteile gegenüber dem Groschenheft nach all den Jahrzehnten langsam in Luft aufgelöst oder sind die Vorurteile immer noch in den Hinterköpfen der Menschen vorhanden?
Heinz J. Galle:
Erstaunlicherweise sind es inzwischen die Universitäten die das Banner der  Groschenhefte hoch halten, die sich mit dem Genre beschäftigen, Publikationen  veröffentlichen, Ausstellungen veranstalten etc. Das läßt hoffen.

Zauberspiegel:  Wie erklären Sie sich, dass "Jerry Cotton" und "Perry Rhodan" nach wie vor ungebremst als Heftroman-Serien laufen und immer noch eine treue Anhängerschaft haben, obwohl obwohl die Auflagen lange nicht mehr so hoch sind wie früher und auch die Leserschaft abgenommen hat?
Heinz J. Galle:
JERRY COTTON und PERRY RHODAN sind wahre Phänomene, ich kann mir eigentlich  nicht vorstellen, das jemand als 14jähriger angefangen hat JERRY COTTON zu  lesen und heute als 50zigjähriger immer noch dem Protagonisten die Treue hält.
BEI PERRY RHODAN kann ich mir nicht vorstellen, das Seiteneinsteiger noch  heute anfangen hinein zu lesen, sie kennen ja dann den ganzen Rhodan-Kosmos  nicht der im Laufe der vielen Jahre aufgebaut wurde. Ich habe noch die Nummer  1. die ich mir damals gekauft hatte und bin dann nach ca.10-12 Ausgaben  ausgestiegen.

Zauberspiegel: Sehen Sie persönlich noch eine Zukunft für den Heftroman oder ist seine Zeit gekommen, um zu Grabe getragen zu werden? Oder gibt es eine Möglichkeit - in welcher Form auch immer - ihn wieder zu beleben?
Heinz J. Galle:
Die Gemeinde im Internet hält den Heftroman am Leben, die Kleinverleger mit  ihren Produkten unterstützen die Bewegung. Erstaunlicherweise hat auf dem  Sektor der sogenannten Frauenromane ein BOOM begonnen. Die großen 5 (Landser,Cotton,Sinclair,Lassiter,Rhodan) werden ihre  Lesergemeinde wohl noch etliche Jahre halten. So ganz ist der Groschenroman noch nicht tot.

Zauberspiegel: Was sind Ihre derzeitigen Pläne. Sind u. a. noch weitere Sachbücher für  die Zukunft geplant?
Heinz J. Galle:
Herr Paul Alfred Müller beschäftigt mich weiter, werde demnächst ein Buch  aus seiner Feder herausgeben (DIE SEIFENBLASEN DES HERN VANDENBERG - Dieter von Reeken Vlg.) Arbeite zur Zeit mit Werner Knüppel und Heiner Jahncke am neuen  Romanheft-Preiskatalog.

Zauberspiegel: Herr Galle, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

Kommentare  

#1 Zorro01 2011-01-05 20:14
Eine Frage fehl doch noch: Wäre Herr Galle nicht mal bereit auch ab und an für den Zauberspiegel zu schreiben. Das würde sicherlich seine Mission in Sachen Volksliteratur abrunden. :roll:
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