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Heftromane und Schriftsprache - Über sprachliche Veränderungen im Lauf der Zeit

HeftautorenHeftromane und Schriftsprache
Über sprachliche Veränderungen im Lauf der Zeit

Vergleicht man die Stile und grundsätzlichen Formulierungen in den Heftromanen verschiedener Genres (hier: SF, Horror und Abenteuer) über die Epochen hinweg, so hat sich doch Einiges in punkto Schreibstil getan. In den meisten geprüften Heften der 80er Jahre, die ich mir als Test vornahm, stimmte der Satzbau oft nicht, Wörter fehlten (was man auch fehlender, evtl. verlagsabhängiger Lektorierung zuweisen kann). Die Sprache war mitunter salopp, also gesprochene Umgangssprache verschriftlicht, nicht Hochsprache.


Was ganz besonders auffällt: viele Autoren beherrschten den Umgang mit dem Plusquamperfekt nicht, wenn sie mehrere Zeitebenen im gleichen Satz formulierten, etwa dreifach gestaffelt. Dadurch, dass sich im Lauf der Zeit  möglicherweise die Herkunft vieler Autoren  in der sozialen Schicht verschoben hat, sprich: die Heftromane zunehmend von Akademikern (insbesondere Germanisten/Anglisten) geschrieben werden/wurden, ist der Satzbau oft verbessert gegenüber früher, seitdem auch die akademische Welt die Trivialliteratur als normativ Faktisches erkannt hat. An Millionen von Heftchen mit Tausenden von Auflage-Exemplaren kann eben auch der Akademiker nicht achtlos vorbeigehen.

Dadurch werden die Sätze allerdings auch länger, die Texte langatmiger zu lesen, mitunter allerdings auch tiefgründiger, weil mehr vom „inner space“ der handelnden Personen vermittelt wird, etwas psychologischer geschrieben. Einigen Serien tut so etwas gut, für andere ist es eher die Handlung konterkarierend, da hier kürzere, einfachere Sätze oft besser zum Genre passen, etwa bei Horror, allerdings möchte ich auch hier die Innenperspektive nicht missen. Positiv fällt auf, dass bereits in den früheren Heften oft die Handlungsebene gewechselt wird durch Perspektivwechsel, indem verschiedene Personen im Heft  als Identifizierungsfigur für den Leser agieren, und zwar nicht nur zwei.

 Auch vier bis fünf Handlungsträger werden von der personalen Sichtweise aus beschrieben...mitunter sogar dieselbe Szene sehend, was den Stil erfrischend macht. In einigen Serien tritt zwar zunehmend „Kopfgeschwafel“ auf, d.h. der Schwerpunkt wird auf die psychologische Innenperspektive des Handlungsträgers gelegt,aber andere bieten dafür einen herrlichen, außenorientierten, behaviouristischen Stil an, der sich schnell lesen lässt. (Und: ich möchte keinen neuen Shitstorm entfachen, aber nach wie vor sehe ich keine logische Begründung, wie ich in der Literatur in  jemandes Kopf sehen kann...denn das kann ich auch nicht in der Wirklichkeit...wer das aber lesen möchte, dem sei es unbenommen).

Im Lauf der Zeit, etwa von zwanzig bis dreißig Jahren, in denen ich jetzt den Stil von Heftromanautoren überprüft habe (d.h. Durch Lesen  „getestet“), hat also ein erfreulicher Wandel zu einem besseren Stil stattgefunden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass der Mensch, auch Autoren, hinzulernen und mit der Zeit ihre Schreibart verbessern. Ein 40jähriger Mensch etwa, schreibt natürlich anders als derselbe Mensch mit 20.

Erstaunlich ist hingegen, dass einige Autoren, von denen man weiß, dass sie studierte Germanisten sind, und die auch heute noch schreiben oder schreibend organisieren,in den Anfängen ihrer Heftromankarriere einen erstaunlich schlechten Stil an den Tag legten...Namen werden natürlich nicht genannt...aber vielleicht waren sie damals noch im Studium und verdienten sich auf diese Weise etwas hinzu...vielleicht genügte dem Verlag die Schreibe so...vielleicht war die Art zu schreiben zielgruppenabhängig, also leserbezogen...es gibt viele Möglichkeiten der Vermutung. Fazit ist jedenfalls: der Heftroman von heute ist wirklich stilistisch besser als der von damals...natürlich lässt sich diese Aussage nicht verallgemeinern, da nicht alle Genres getestet wurden.

Es gibt Sparten, die ich einfach nicht lese (etwa Bergdoktor oder Liebesromane). Diese haben ihre eigene Untersuchung verdient, die sicher auch jemand vornimmt oder bereits vorgenommen hat. Die für mich wichtigsten Genres hingegen haben ihre Qualität nicht nur behalten sondern sogar verbessert (von Ausnahmen abgesehen, die es überall gibt).

© H. Döring 2016

Kommentare  

#1 Torshavn 2016-01-17 16:23
Eine gute Idee, die Entwicklung der Sprache im Heftroman der letzten Jahre zu untersuchen.
Aber der Artikel klingt lediglich wie ein Auftakt zu mehr.
Du stellst Thesen auf. Aber die Beispiele bleibst du schuldig.
Kommt da noch mehr? Wird das eine Artikelserie?
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#2 Advok 2016-01-17 21:06
Die Auflagenentwicklungen im Heftroman widersprechen Deiner These, dass die Akademiker das Heft für sich entdecken. Ich vermute, die Autorenhonorare haben sich kontinuierlich nach unten entwickelt, so dass das Heftgenre für diese Personengruppe sicherlich nicht interessanter geworden sein dürfte.
Der besser Stil lässt sich wohl einfach durch den PC und Textverarbeitungsprogramme erklären. Bis in die achtziger mussten die Autoren mit Durchschlagpapier arbeiten, was Korrekturen natürlich nur in einem sehr kleinen Rahmen zuließ.

Der Zeitraum, den Du nennst, passt 1 zu 1 eben zu dieser technischen Erneuerung. ;-)
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#3 AARN MUNRO 2016-01-18 12:59
@Torshavn: Die Entwicklungen in den einzelnen Genres sollen noch getrennt untersucht und dann auch mit (sprachlichen) Beispielen belegt werden...es gibt also zumindest im SF- und Horrorbereich noch zwei Folgeartikel...bei Abenteuerheften ist das nicht so leicht, da mir kaum aktuelle Beispiele vorliegen...in den beiden anderen, von mir bevorzugten Genres liegt hingegen sowohl genug "historisches" als auch aktuelles Schreibmaterial/Lesefutter für einen passenden Vergleich durch die Zeiten hinweg vor.
@Advok: Deine Argumente sind natürlich nicht von der Hand zu weisen, was die Korrekturen betrifft...aber der früher doch oft schlampige Sprachstil hat sich wirklich gewandelt...über Autorenhonorare liegen mir leider keine Infos vor, da ich keine HR schreibe...ich meinte auch nicht, dass die Akademiker "so etwas" zunehmend lesen, sondern die Schreibgruppe sich wirklich im Lauf der Zeit verändert hat. Über die Auflagenentwicklung kann man natürlich kaum diskutieren, Zahlen sind Zahlen...das wäre doch mal wieder einen Artikel wert: "Die Auflagenhöhen der HR im Wandel der Zeit und ihre gesellschaftlichen Ursachen...". Möchtest Du den nicht mal für den ZSP hier schreiben...oder soll ich...? Aber ich nehme an, das ist schon genug untersucht worden, oder? Ist hier noch eine Lücke oder schon alles gesagt?
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#4 Advok 2016-01-18 22:01
Aarn, den (oft) schlampigen Schreibstil will ich nicht absprechen. Aber er resultiert halt aus der Vorgehensweise. Damals hat jeder Satz sitzen müssen ... Neu schreiben war ineffizient, und einige Heftromanautoren haben auch unabhängig voneinander gesagt, dass ein Neuabtippen meist zum Neuschreiben wurde.

Der PC hats relativ einfach gemacht. Fehler können jederzeit korrigiert, Ergänzungen jederzeit eingefügt und ganze Passagen jederzeit verschoben werden. War vorher nicht möglich (oder zumindest sehr umständlich). Deswegen wohl auch die viel längeren Sätze bei heutigen Romanen.

Wenn Du meinen 2. Satz im 1. Posting liest, weißt Du, dass ich mich durchaus auf die 'Schreibgruppe' bezogen habe.

Die Auflagenhöhe ist natürlich nur Spekulation. Aber viele derzeitige Serie sind wahrscheinlich nur deswegen noch auf dem Markt, da sehr genau kalkuliert werden kann, was in den siebzigern oder achtzigern auch unmöglich gewesen wäre.

Wenn Du tatsächlich die Auflagenhöhe im Wandel der Zeit betrachten willst, darfst Du die ganzen Verlage nicht vergessen, die es (als Heftproduzenten) nicht mehr gibt. Zauberkreis. Erber. Marken. Pabel ... Selbst wenn sie aufgekauft wurden - die Reihen wurden kontinuierlich weniger ...
Wenn man dann noch bedenkt, dass es genau die Verlage nicht mehr gibt, die auf die größten Auflagen angewiesen waren, weil sie die Heftromane über den Zeitschriftenvertrieb ausgeliefert haben, ahnt man, wie stark der wöchentliche Druckausstoß zurückgegangen sein muss.
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#5 Andreas Decker 2016-01-19 11:06
Zitat:
Einigen Serien tut so etwas gut, für andere ist es eher die Handlung konterkarierend, da hier kürzere, einfachere Sätze oft besser zum Genre passen, etwa bei Horror,
Eine interessante These. Aber der Stil mit bewusst kurzen Sätzen findet man außerhalb des Heftromans meistens nur in Krimikurzgeschichten, wo die Handlung auf den Punkt gebracht werden soll. Bei Horror bewirkt dieser Stil eher das Gegenteil.

Zitat:
Auch vier bis fünf Handlungsträger werden von der personalen Sichtweise aus beschrieben...mitunter sogar dieselbe Szene sehend, was den Stil erfrischend macht
Erfrischend? Ernsthaft? Perspektivespringen im selben Kapitel ist m.E. das genaue Gegenteil von gutem Erzählstil. Selbst bei Rhodan wird konsequent darauf geachtet, dass die Erzählperspektive genau eingehalten wird. Natürlich bedeutet das für den Autor mehr Arbeit und erfordert größere Disziplin.
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#6 AARN MUNRO 2016-01-19 13:30
@ Andreas Decker: Aus Erfahrung habe ich festgestellt, dass zu lange Sätze in Horrorszenarien dann ermüdend sind, wenn sie die Handlung beschreiben sollen, die gerade auf den Punkt kommt. Zur Beschreibung äußerer Ambiente, etwa Orte, an denen die H-Szene spielt, der Protagonist mit dem Übel konfrontiert wird, stimme ich Dir zu. Aber etwa Kleistsche Bandwurmsätze mit drei eingeschobenen Nebensätzen im Horror-Höhepunkt der beschriebenen Szene halte ich nicht für förderlich im Stil, der die Handlung beschreiben soll. Hier sind kürzere sätze doch eher angemessen. Aber: wohl der Autor, der seinen Stil im Band zu variieren wusste...die guten taten sas nämlich...(auch hier sollen demnächst einige Beispiele dazu folgen...)
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#7 AARN MUNRO 2016-01-19 13:33
Andreas Decker:Lineares Erzählen von einem Protagonisten aus halte ich für einfacher im Stil und in der Durchführung als Perspektivspringen, denn hier benötigt man den viel beschworenen Kamerablick, sich die Szene von der anderen Seite aus vorzustellen. Das halte ich für komplizierter als lineare Einpersonen-Erzählperspektive, die übrigens auch bei Rhodan mitunter unterlaufen wird...
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#8 Andreas Decker 2016-01-20 10:24
zitiere AARN MUNRO:
Andreas Decker:Lineares Erzählen von einem Protagonisten aus halte ich für einfacher im Stil und in der Durchführung als Perspektivspringen, denn hier benötigt man den viel beschworenen Kamerablick, sich die Szene von der anderen Seite aus vorzustellen. Das halte ich für komplizierter als lineare Einpersonen-Erzählperspektive, die übrigens auch bei Rhodan mitunter unterlaufen wird...


Aus Erfahrung kann ich dir sagen, dass das nicht stimmt. Perspektivspringen ist einfacher. Bei streng eingehaltener Perspektive muss sich der Autor bei jedem Satz überlegen, was der Perspektivträger weiß, was er nicht wissen kann. Er muss die Reaktionen des Gegenübers so darstellen, dass der Leser sich seinen Reim darauf machen kann.

Beim Springen ist das alles nicht nötig. Da haut man dem Leser alles um die Ohren.

"Der Kommissar musterte Lola. Ihr Parfüm war aufdringlich. Unbewusst rümpfte er die Nase und fragte sich, was sie wusste.
Lola sah den Kommissar kalt an. Sie konnte ihn nicht ausstehen, ein widerlicher kleiner Schnüffler. Sie musste sich zusammenreißen, denn sie wollte ihren Geliebten nicht mit einer unbedachten Bemerkung verraten."

Völlig beliebig und einfach gestrickt.

Es stimmt, dass bei Rhodan die Fehlerqoute steigt. Wen wundert's bei der zunehmend irrationalen Handlung?
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