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Die Pulp Magazines – Amerika im Bann der Kurzgeschichte - 1. Anfänge und Aufstieg der Pulps

PulpsDie Pulp Magazines
Amerika im Bann der Kurzgeschichte (Teil 1)

Wenn man in Deutschland bekennt, dass man »Pulp fiction« liebt, wird man sofort als Tarantino-Fan betrachtet. Dabei ist sein berühmter Filmtitel einfach eine Hommage an eine Literaturform, die nahezu ein halbes Jahrhundert die USA beherrschte und hier fast unbekannt ist. Von 1896 bis 1955 gab es sie allerorten, die grellbunten Hefte. Manche deutsche Leser glauben, es handle sich dabei um eine Art amerikanische Variante des Groschenhefts.


Doch die Ähnlichkeit ist gering.

1. Anfänge und Aufstieg der Pulps
Deutschland ist ein Land, das in Sachen Unterhaltungsliteratur einen Sonderweg ging.

Der Heftroman war nirgendwo so lange populär wie hier. Zwar kennen auch andere Länder den billigen Taschen-Liebesroman a la Cora, etwa Kanada, doch die spezielle Darbietung von Romanen für Männer in einem doppelspaltigen Satz in Heftform ist wohl in keinem anderen Land der Welt so  erfolgreich (gewesen) wie in Deuschland. 

Als man in Deutschland um 1905 auf die Idee kam, das Groschenheft zu etablieren, speiste sich die Erfindung aus zwei Quellen. Zum einen schaute man sich die Idee von den amerikanischen Krimi- und Western-Serienhelden (Nick Carter, Buffalo Bill u.a.) der US-Dime-Novels ab.

Andererseits hatte 1905 der Heftroman in Deutschland aber schon eine unvergleichlich längere Tradition als in den USA – es gab ihn seit der 1860er Jahre in Form von Lieferungsheften. In denen wurden längere Romane fortgesetzt. Neu und amerikanisch war nur, dass nun die Hefte einzeln für sich gelesen werden konnten. Jede Geschichte, so die permanente Werbung auf den Heften der ersten Jahre, ist in sich abgeschlossen!

Dagegen hatte der klassische One-Story-Heftroman (Dime Novel) in Amerika nur eine kurze Blüte. Er lag um 1905 schon in den letzten Zügen, da dort eine neue Form der Heft-Unterhaltung den Siegeszug antrat: Das Pulp-Magazin.

Der Name bezieht sich auf die minderwertige Holzabfall-Masse, aus der das Papier hergestellt wurde (wood pulp = Holzschliff). Pulp-Hefte besaßen zwar wunderbar reißerisch-bunte (und in den ersten Jahren auch elegant-mondäne) Umschläge, an der Papier-Qualität wurde aber gespart. Typisch für die Pulp-Seiten ist ein Stich ins Eigelbe, so als beständen sie aus plattgewalztem Zitronenkuchen-Teig. Das Gelb rührt vom Lignin her, eine Baum-Zellsubstanz, die bei hochwertigem Papier ausgeschieden wird.

Dieser Qualitäts-Mangel des Papiers ging einher mit einer schlechten Bezahlung der Autoren, so dass die Hefte spottbillig abgegeben werden konnten.

Pulps, wie man sie knapp nennt, entwickelten sich zusammen mit ihren edleren Cousins, den Slicks, aus dem immer größeren Bedürfnis der Amerikaner nach spannender kurzer Unterhaltungs-Literatur heraus.  Der Unterhaltungsteil der Zeitungen und Zeitschriften reichte oft nicht mehr aus, um den Lesehunger der Bevölkerung zu stillen. Deshalb sonderten die Periodica bald ihren Fiction-Anteil in Sonderbeilagen aus, die sich wiederum zu eigenständigen Hochglanzmagazinen entwickelten: den Slicks. Zu den bekanntesten Slicks gehörte etwa die Saturday Evening Post.

Auch der Zeitungskonzern Frank Munsey's gründete 1882 ein solches Blatt: „The Golden Argosy“. 

1896 stellte die Firma ihren Betrieb um – schlechteres Papier, billige Autoren, niedrige Preise. Die schundigen Argosy-Ausgaben von 1896 gelten als Geburtsstunde der Pulps – obwohl das typische Erscheinungsbild eines Pulp-Heftes von Munsey in „The Argosy“ erst 1899 eingeführt wurde (Das „golden“ im Titel war verschwunden, es hätte wohl allzu zynisch gewirkt angesichts der billigen gelben Seiten). Mit dieser Umstellung schuf Munsey einen Prototyp, der für ein halbes Jahrhundert von allen anderen Verlagen in zehn- vielleicht hunderttausenden verschiedenen Ausgaben in nur geringen Abweichungen wiederholt wurde.

Das typische Pulp-Blatt entspricht in seiner Größe etwa unserem Heftroman  - man stelle sich um einen deutschen Heftroman einen Rahmen von ca. einen halben Zentimeter vor, dann hat man eine gute Vorstellung. Allerdings war ein Pulp viel umfangreicher. Die Magazine waren nie dünner als 100 Seiten, die Durchschnittsdicke betrug 130 Seiten, es gab aber, vor allem bei in Zwei- oder Drei-Monats-Abständen erscheinenden Ausgaben, auch Hefte mit einer Stärke von 230 Seiten.

Die Hefte enthielten in der Regel zwei bis drei längere und vier bis sieben kürzere Geschichten.

Es gab eine Sonderform, die eher untypischen Novel-Pulps, aber dazu später (in Teil 2). Es gab auch Fortsetzungen: Doch dabei handelte es sich selten um längere Werke. Tatsächlich liefen in den Pulps bis ca. 1925 gern vier oder fünf kleine Romane nebenher, allerdings nie länger als  über fünf, maximal sechs Fortsetzungen.

Übrigens waren Pulps durchaus nicht nur reine Lesehefte. Sie waren zwar nicht so üppig illustriert wie Slicks, aber traditionell enthielt jede Geschichte ein schwarzweißes Titelbild, sogenannte „Interior Artwork“. Viele dieser Titelbilder sind heute noch echte Hingucker, einige echte Kunstwerke, wie die vielen Art-Deco-Zeichnungen in "Fantastic Adventures" und - meine persönlichen Favoriten - die zahllosen Innenillustrationen der frühen SF-Hefte mit ihren psychodelischen Maschinen-und Stadtskizzen a la Metropolis.

Was waren das für Geschichten in den frühen Pulps zwischen 1896 und 1925?

Das Konzept war eine bunte Mischung – es sollte sich von allem etwas finden – von der Lovestory über Western, Krimis bis zur phantastischen Erzählung. Dennoch begann der Anteil der abenteuerlichen Geschichte mit phantastischem Einschlag oder Gruselgeschichten mit übernatürlichem Touch schnell zuzunehmen. Viele All-Story-Pulps enthielten im frühen 20. Jahrhundert schon bald mindestens eine „Different Story“, so nannte man das damals, wenn es in Geschichten nicht mit rechten Dingen zuging.

Tatsächlich war der Anteil an ungewöhnlichen Fantasy- SF- und Horror-Stories in den vielen Munsey-Pulps so gigantisch, das der Konzern 1939 die Redakteurin Mary Gnaedinger beauftragte,  auf Schatzsuche zu gehen und in alten Ausgaben nach ungewöhnlichen Geschichten zu kramen.

Das dafür geschaffene Reprint-Magazin „Famous Fantastic Mysteries“ sollte sich schnell zu einem absoluten Erfolgsschlager entwickeln. Alte Stories von Ray Cummings oder Abraham Merritt wurden von einer neuen Generation von Lesern verschlungen.

Spätestens hier, beim spektakulären Erfolg eines reinen Reprint-Magazins – dem vielleicht erfolgreichsten Nostalgie-Magazin aller Zeiten – zeigte sich, dass die Politik der Pulp-Erfinder alles andre als schäbig war, trotz des schlechten Papiers.

Die neuen Magazine waren nämlich nicht anziehend genug für die arrivierten und routinierten Elegants mittleren Alters, die für die edlen Slicks schrieben. Auf den Pulp-Markt strömten dafür Legionen von talentierten blutjungen Autoren mit schrillen Texten, die man bei den Hochglanz-Mags nur mit spitzen Fingern anfasste.

Tatsächlich ist es ein hervorstechendes Markmal der Pulps, dass sie von jungen Autoren dominiert wurden. Es gab skurrile Ausnahmen wie den Psychater David. H. Keller, der erst mit 47 Jahren begann, Horrorstories zu schreiben. Doch viele Schritsteller begannen als Teenager (Bloch ist ein berühmtes Beispiel) und fühlten sich in den 1930er Jahren schon als alte Hasen mit einigen Regalmetern Lebenswerk. So lehnte H.P. Lovecraft das Angebot, Chefredakteur von Weird Tales zu werden, mit der Begründung ab, der Umzug nach Chicago würde ihn als "betagten Büchersammler" einfach überfordern. Lovecraft war Mitte Dreißig.

Bei den Pulps wurde selten etwas mit spitzen Fingern angefaßt. Im Gegenteil - man griff fest zu –auch thematisch. Hier wurde Tacheles geredet, die Handlungen waren temporeich, oft auch brutal und zuweilen sehr durchgeknallt. Nur wenige Jahre später sollte sich zeigen, dass die sich rasend schnell entwickelnden Phantastik-Pulps sogar eine regelrechte Brutstätte für geniale junge Autoren werden sollten – die Reihe ist lang und eindrucksvoll. Robert Bloch, Raymond Chandler, Isaac Asimov, Ray Bradbury, H.P. Lovecraft, Robert E. Howard u.v.a begannen bei Pulps oder bleiben sogar lebenslang bei ihnen.

Kommentare  

#1 AARN MUNRO 2016-02-18 11:48
...ein schöner Start...dieser Artikelreihe. Wirst Du nur die Pulps beschreiben...oder auch auf die Autoren näher eingehen?
Sicher folgen im zweiten (und dritten oder mehr?) Teil dann auch die "Klassischen" Pulps der Nachkriegszeit unter z. B. Campbell wie "Astounding" usw....Auch "Weird Tales" etc. nicht zu vergessen...ich liebe diese Pulps immer noch...auch redaktionell betreute Leserbriefseiten gab es (später) in einigen Heften. Wird dazu auch etwas gesagt? Mit dem Titel "Pulp Fiction" als Film für die Allgemeinheit statt "billiges Heft" ist ein sehr schöner Begriffsbedeutungswandel verbunden (Wie "Terminator" nicht als Tag-Nachtr-Gleiche, sondern als Robocop...oder Jupiter als Planet, nicht als Gott).
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#2 Matzekaether 2016-02-18 12:54
Es ist ein erstmal grober Überblick, entstanden aus meiner Unzufriedenheit heraus, dass es so wenig dazu auf deutsch gibt. Es sind erstmal fünf Teile mit allgemeinen Infos (natürlich werden Astounding & Weird Tales erwähnt!) Zu Pulp-Autoren gab es ja schon einiges hier im Zauberspiegel...Ich werde aber einige Autoren in der Phantastische-Literatur-Kolumne besprechen. Der erste wird David. H. Keller mit seinen Horror-Geschichten sein. Evtl. mache ich auch mal was zu einzelnen Magazinen.
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#3 Toni 2016-02-18 15:04
Klasser erster Artikel. Du scheinst Spezialist für die Anfänge und Wurzeln des Heftromans zu sein - der Luftpirat war übrigens auch wieder toll zu lesen. Also, bin gespannt auf den Rest.
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#4 Andreas Decker 2016-02-18 19:09
Klingt gut. Bin gespannt. Bei dem Thema ist eher das Problem, es einzugrenzen. Allein solche Typen wie Dent (Doc Savage) und Gibson (The Shadow) sind einen Artikel wert.
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